Qualitative Datenanalyse
„Warten“
Marian Berginz
SS 2002
Inhalt
1)Warten? Was ist warten ?
2)Paris und seine fünf Merkmale
3)Becketts „Warten auf Godot“
4)Die Zeit im Laufe der Zeit
5)Warten im Tagesablauf des industrialisierten Menschen
6)Quellen
Abstract: Rainer Paris hat in seinem Aufsatz “Warten auf Amtsfluren” (2001/4, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie) fünf Merkmale von Warten aufgezeigt: Zentralität der Zeit, Zielgerichtetheit/ Ereignisorientierung, erzwungene Passivität, Isolation/ Selbstbezogenheit und Abhängigkeit/ Kontingenz. Das Thema meiner Semesterarbeit soll sein: Inwiefern stimmen diese Merkmale und wenn ja, wie äußern sie sich? Gibt es vielleicht noch ein sechstes Merkmal, auf das Paris nicht gestoßen ist?Dies habe ich vor durch die Analyse von den field notes, belletristischer (z.b.:Warten auf Godot) und wissenschaftlicher Literatur zu erreichen.
1)Warten? Was ist warten ?
Warten ist eine eigenartige Tätigkeit. Eigentlich ist es ja keine Tätigkeit im herkömmlichen Sinn, denn das aktuelle Geschehen steht ja nicht im Vordergrund, sondern das Zukünftige, das unser Ziel ist. Wir können in dieser Zeit nicht viel anderes machen, da wir meist unsere durch Warten bereits erreichte Position aufgeben würden, wenn wir uns mit anderen Dingen beschäftigten. So können wir uns kaum vom „Warten“ lösen. Die Zeit dehnt sich und aus Stunden werden Tage und aus Tagen Wochen. Dabei wissen wir meist ganz genau, wie lange wir warten. Und erst durch die Dauer des Wartens auf etwas ergibt sich dessen Wert. Genauso lange wie wir warten, stehen wir in absoluter Abhängigkeit von eben dem, der uns warten läßt. Und obwohl wir alle zur selben Zeit auf dasselbe warten, so tun wir das dennoch jeder für sich und jeder alleine.
Früher hatten die Menschen eine ganz eine andere Beziehung zur Zeit. Denn erst als man auf etwas wartete, nahm man Zeit als solche war. So ist „Warten“ eine recht späte Erfindung, die dem ersten Menschen vermutlich relativ unbekannt, war, da er die Geschehnisse in seiner Umgebung nicht einschätzen und berechnen konnte (vgl. Rammstedt 1975).
Nachdem Zeit in verschiedenen Lebensabschnitten verschieden wahrgenommen wird, ist auch das „Warten“ nicht immer gleich. Wenn ein Kind auf etwas ein Jahr wartet, ist ein Jahr eine kleine Ewigkeit. Als Erwachsener ein Jahr auf etwas zu warten, ist etwas ganz normales. Z.B. ist man als Architektur-Student fast genauso lange auf der Universität wie im Gymnasium. Doch wird dem Studenten die Zeit, verglichen mit einem Gymnasiasten, viel schneller vorbei gehen. In dem selben Maße wie es zeitliche Unterschiede im Warten zu bemerken sind, so gibt es auch kulturelle und räumliche. Menschen in einer süditalienischen Kleinstadt warten anders als solche in der Londoner City. Während ein Gast im Cafè auf der Piazza Stunden vor sich hin dösend, auf etwas wartend verbringen kann, wird sich hingegen das ein normaler Nordeuropäer aufgrund des Zeitdrucks nicht leisten können oder wollen.
Warten kann aber auch eine Erscheinungsform von Über- und Unterordnung sein. Ich kann meine Untergebenen auf mich warten lassen, um meine Überlegenheit auszudrücken, genauso wie ich auf meinen Chef warten muss, von dem ich etwas will. Durch „Warten“ kann aber auch Zuneigung und Abneigung ausgedrückt werden. Wenn ich einer Person wohlgesonnen bin, werde ich sie sicher nicht allzu lange warten lassen, wohingegen es logisch erscheint, dass ich eine Person warten lasse, der ich nicht sehr positiv gegenüberstehe.
Definition (gekürzt):
„war|ten
1. a) dem Eintreffen einer Person, einer Sache, eines Ereignisses entgegensehen, wobei einem oft die Zeit besonders langsam zu vergehen scheint:
geduldig, sehnsüchtig, vergeblich auf etw. w.; ich warte schon seit sechs Wochen auf Post von ihm, auf seine Rückkehr; es war nicht nett, sie so lange auf eine Antwort w. zu lassen; auf einen Studienplatz w.; er wartet nur auf eine Gelegenheit, sich zu rächen; … warteten alle darauf, dass ich endlich zu erzählen anfinge (Jens, Mann 134); Alle warteten gespannt, was ich wohl tun würde (Nossack, Begegnung 377); darauf habe ich schon lange gewartet (das habe ich vorausgesehen, geahnt); der Erfolg lässt noch auf sich w. (ist bislang nicht erreicht worden); die Katastrophe ließ nicht lange auf sich w. (es kam bald zur Katastrophe); auf Typen wie dich haben wir hier gerade gewartet! (salopp iron.; dich brauchen wir hier gar nicht); worauf wartest du noch? (warum handelst du nicht?); worauf warten wir noch? (lass[t] uns handeln!); sie warten nur noch auf ihren Tod (erwarten nichts mehr vom Leben);
[....]
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Marian Berginz, 2002, "Warten", Munich, GRIN Publishing GmbH
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