2
Inhaltsverzeichnis:
Seite
1. Vorwort 3
2. Theoretische Grundlagen 3
Dichte Beschreibung" 4
2.2 Analyse nach Clausewitz 5
3. Ein Vorfall, zwei Versionen 7
4. Offensive oder defensive Taktik? 11
5. Die Afghanen als äußerer Einflussfaktor auf den politischen Zweck 17
6. Der Kontext für die amerikanische Kritik 20
7. Schlussbetrachtung 23
8. Literaturverzeichnis 25
3
1. Vorwort
Eine Untersuchung stellt einen Fortschritt dar, wenn sie tiefer eindringt", Clifford Geertz 1
Über den militärischen Vorfall, bei dem am 4. September 2009 ein Bundeswehroberst im afghanischen Kunduz einen folgenschweren Befehl für einen gezielten Bombenabwurf auf zwei entführte Tanklaster gab, bei dem zahlreiche Menschen getötet wurden, ist von den Verantwortlichen und ihren Gegenspielern viel gesagt, und von den Medien noch um ein weiteres mehr berichtete worden. Ein Dschungel aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Aussparungen - kurz Stückwerk, mal mehr mal weniger vollständig, ist entstanden. Immer wieder wurden dabei Fragen nach dem korrektem oder regelkonformen Verhalten, ja selbst nach der Verhältnismäßigkeit gestellt, ohne dass die Autoren ihren Lesern verlässliche Instrumente und Maßstäbe für solche Urteile in die Hand zu geben gedachten. Als Beitrag für einen sachgemäßen wissenschaftlichen Diskurs setzt sich der Autor dieser Arbeit deshalb das Ziel, neben dem Ereignisverlauf des Vorfalls das eigentlich Problematische, das daraus für die verschiedenen involvierten Parteien entstand, mithilfe der Methode der von Clifford Geertz darzustellen. Eine all umfassende Chronik kann hier jedoch aufgrund der Kürze nicht erfolgen. 2 Deshalb sollen die Analyseschwerpunkte auf den Beweggründen Oberst Kleins, der Kommunikation des Vorfalls gegenüber der Öffentlichkeit, der amerikanische Kritik und den afghanischen Reaktionen und Erwartungen als konstituierende Rahmenbedingung, liegen. Um dabei nicht nur auf schwammige Begriffe oder bauen zu müssen, stützt sich der Autor in seiner Analyse auf die Ausführungen und Denkmethode des deutschen Theoretikers Carl von Clausewitz und dessen
. Da jedoch eine detaillierte Erläuterung von Geertz' Ansatz,
geschweige denn von Clausewitz' Grundbegrifflichkeiten den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, sollten die theoretischen Abhandlungen in den beiden folgen Kapitel lediglich als grobe Einführung verstanden werden. Bei weiterem Interesse sei auf bestehende Literatur verwiesen. 3
2. Theoretische Grundlagen
1 Geertz: Dichte Beschreibung, S. 36.
2 Eine minutiöse journalistische Darstellung mit Kenntnisstand bis zum 1.2.2010 erfolgte im "Spiegel" 05/2010.
3 Zum umfassenden Einstieg in Clausewitz' Begrifflichkeiten empfiehlt sich neben Beatrice Heusers Buch
"Clausewitz lesen! Eine Einführung" auch Rasmus Beckmanns Aufsatz "Clausewitz, Terrorismus und die
NATO-Antiterrorstrategie: Ein Modell strategischen Handels".
4
2.1 - eine ethnologische Methode als Grundlage für politikwissenschaftliche Arbeiten
Um Irritationen zu vermeiden: Clifford Geertz hat seine Ausführungen über die Dichte unter dem Gesichtspunkt seines originären Tätigkeitsfeldes, der Ethnografie, niedergeschrieben. Daran soll sich der Leser aber nicht weiter stören, da sich seine Erkenntnisse, wie wir sehen werden, vortrefflich auf den Bereich der politikwissenschaftlich Analyse übertragen lassen.
Die Untersuchung einer Kultur, zu der hier als Teilaspekt und Manifestation auch der Abwurf von Bomben zur Konfliktbeendigung zählen soll, ist für Geertz keine experimentelle Wissenschaft, die gut daran täte nach Gesetzen zu suchen, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen von und Erklärungen für gesellschaftliche Ausdrucksformen sucht. 4 Der Analyst muss sich zudem bewusst sein, dass alles, was wir als unsere Daten bezeichnen in Wirklichkeit unsere Auslegungen davon sind, wie andere Menschen ihr eigenes Tun und das
. 5
Der Ethnograph - und wie ich glaube, auch der Politikwissenschaftler - hat es laut Geertz am Anfang der Untersuchung oft Vielfalt komplexer, oft übereinandergelagerter oder ineinander ve die er zunächst einmal irgendwie
. 6 Der Prozess der Analyse ist für ihn also das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen, wobei man vorrangig damit zu beginnen hat, die unterschiedlichen Interpretationsrahmen einer Situationen zu unterscheiden, um dann zum Nachweis überzugehen, wie und warum ihr Nebeneinanderbestehen in der untersuchten Situation zu einem Problemfall führten. 7
Die Frage, die man sich also bei der Analyse Kunduz-Affäre stellen muss, ist: Was wird durch und mit den Handlungen der Involvierten, den anschließenden Kommentaren und Verurteilungen eigentlich gesagt? Hier sieht Geertz aber auch das größte Potenzial für Fehler:
Was [...] am meisten daran hindert zu verstehen, was die Leute tun, ist weniger die Unkenntnis darüber, wie Erkennen vor sich geht, [...] als ein Mangel an Vertrautheit mit der Vorstellungswelt, innerhalb derer 8
4 Vgl. Geertz, S.9.
5 Vgl. ebd., S.14.
6 Ebd., S.15.
7 Vgl., ebd.
8 Ebd., S.19.
5
Im Geiste besteht hier eine Verbindung mit unserem zweiten Theoretiker: Die Zeichen, von denen Geertz spricht - man könnte sie auch Mittel nennen -, richtig zu deuten und anhand ihrer Aufschluss über die Ziele und Zwecke einer Handlung zu erhalten, ist auch der Kern von Clausewitz Denkweise. Der Unterschied zwischen beiden besteht lediglich darin, dass Gertz nicht vom Krieg spricht, sondern davon, den Bogen eines sozialen Diskurses nachzuzeichnen und ihn in einer nachvollziehbaren Form festzuhalten. 9
Um es abschließend zu konkretisieren: Eine gelungene dichte Beschreibung sollte daher drei wesentliche Merkmale besitzen: Sie muss deutend sein; das, was sie deutet, muss der Ablauf des sozialen Diskurses sein; und das eigentliche Deuten muss darin bestehen, das gesagte eines solchen Diskurses dem vergänglichen Augenblick zu entreißen. Zusammengefasst heißt dies, dass die nachfolgende deskriptive Aufarbeitung ihrer Natur nach mikroskopisch sein muss, da bereits geringfügige Veränderungen in der Wahrnehmung oder Schilderung von Tatsachen, wie wir am konkreten Fall des Kunduz-Bombardements sehen werden, ungeahnte Folgen haben können. 10
2.2 Analyse nach Clausewitz
Clausewitz verwendet in seinem Theoriekonstrukt einen hohen Abstraktionsgrad, was die Anwendung seiner Analysemethode auch auf das Kunduz-Bombardement möglich macht. Sie sei hier kurz skizziert:
Die Grundaussage von Clausewitz ist, dass Kriege wandelbar sind und dass strategische Prinzipien und strategische Mittel in unterschiedlichen Umwelten, also Rahmenbedingungen, unterschiedliche Wirkungen entfalten. 11 Er definiert den eigentlichen Zweck des Krieges, ganz allgemein darin, dem Gegner seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Um diesen Zweck ganz allgemein und in allen denkbaren Fällen zu erreichen, bleibt nur ein Kriegsziel: die Wehrlosigkeit des Gegners. Ist er zu keinem Widerstand mehr fähig, wird er jede Forderung erfüllen. 12 Das Mittel im Krieg ist die 13 . Nach Rasmus Beckmann lässt sich dieser Krieg bei Clausewitz sinnvoll in zwei Kriegsmodelle einteilen: zum einen in den in den um realistischere 14
9 Vgl. Geertz, S.28.
10 Vgl. ebd., S.34.
11 Vgl. Beckmann, S.8.
12 Vgl. Clausewitz, 47f.
13 Clausewitz, S.28.
14 Vgl. Beckmann, S.3.
6
In Modell I gibt es nur zwei Kriegsparteien, die als einheitliche Akteure (sogenannte black boxes) modelliert werden, kein vorher und kein nachher des Krieges und auch keinen Raum, auf dem er sich ausdehnen könnte. Die gesamte Handlung ist darüber hinaus auf einen kurzen Zeitraum zusammengedrängt, sodass immer derjenige einen Vorteil bekommt, der die Gewalt schonungsloser einsetz, als sein Gegenüber. 15 Hass und Unsicherheit über das Verhalten des Feindes tragen in entscheidender Weise zur Eskalation im Krieg bei. Da man nie weiß, welche Ziele sich der Gegner setzt und welche Mittel er anzuwenden bereit ist, muss aus diesem Grund ein jeder selbst seine Anstrengungen erhöhen. Maximale Gewalt, Ziele und Mittel haben in letzter Konsequenz einen Vernichtungskrieg zur Folge. 16 Da das Reagenzglasmodell aber nur in der Theorie existiert, führen die Faktoren Raum und Zeit sowie die interne Organisation der konkurrierenden Parteien dazu, dass der Krieg in der Praxis in mehrere einzelne Kampfhandlungen zerfällt. 17 Clausewitz unterscheidet den politischen Zweck und die militärischen Ziele des Krieges. Es entstehen Taktik und Strategie. 18 Erstere beschäftigt sich mit der Führung der einzelnen Gefechte, und Letztere mit der Koordination der einzelnen Kampfhandlungen zur Erreichung des endgültigen politischen Zwecks. 19 Dem taktischen Kommandeur obliegt es dabei, die vorgegebenen politischen Gefechtszwecke in konkrete taktische Ziele und Mittel umzuwandeln. 20 Kurz: Es herrscht eine hierarchische Beziehung, die am oberen Ende durch den außenpolitischen Zweck und am unteren durch die taktische Umsetzung desselben begrenzt wird. Wenn der politische Zweck nun aber zur zentralen, variablen Bestimmungsgröße für das Handeln der Kriegsparteien wird, dann können selbst Gewinne auf der militärischen Ebene durchaus Verluste auf der politischen Ebene nach sich ziehen oder umgekehrt.
Die Zerlegung des Beobachtbaren, in Mittel, Ziele und Zwecke ermöglicht uns nun aber auch, folgt man Clausewitz, auf umgekehrte Weise eine Analyse von vergangenen Ereignissen: Über die konkret erfassbaren taktischen Mittel können Rückschlüsse auf die Ziele gemacht werden, die dann auf der nächsthöheren Strategieebene die strategischen Mittel bilden, usw. Das Ziel ist hierbei, Aussagen über die mutmaßlich verfolgten politischen Zwecke treffen zu können. Die Genauigkeit der Rückschlüsse erhöht sich durch die Analyse der inneren und
15 Vgl. Beckmann, S.10.
16 Vgl. ebd., S.11ff.
17 Vgl. Clausewitz, S.32ff.
18 Vgl. Clausewitz, S.92f.
19 Vgl. ebd., S.112f.
20 Vgl. ebd.
7
äußeren Rahmenbedingungen des Handelns der Akteure, da diese die Bandbreite der erwartbaren Ziele und Zwecke eingrenzen. 21
keinen anfangen, ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen will, das Erstere . 22 Ob die Erreichung eines Kriegsziels auch tatsächlich den gewünschten politischen Zustand nach sich zieht, hängt von den Rahmenbedingungen ab.
Dieser Umkehrung der Methode sind allerdings auch Grenzen gesetzt. Der Grund hierfür findet sich in plausibler Form im bereits erwähnten Aufsatz von Clifford Geertz, in dem er die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach unvollständig [bleiben muss]. Und mehr noch, je tiefer sie geht, . 23 Und so sollte man es auch mit der Analyse anhand der Trias Mittel-Ziel-Zweck nehmen. Während taktische Mittel und Ziele, vielleicht auch ihr Zweck meist noch klar identifizierbar sind, wird eine Schlussfolgerung auf die tatsächlichen Ziele und Zwecke auf den nächsthöher gelegenen Ebenen der Strategie und Außenpolitik alleine aufgrund von Handlungen und Aussagen zunehmend unsicher und spekulativ. Nach Geertz besteht die Hauptleistung einer Analyse deshalb darin, Vermutungen über Bedeutungen anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den besseren Vermutungen erklärende Schlüsse zu ziehen. 24 Dies soll der Maßstab für die folgende Untersuchung sein.
3. Ein Vorfall, zwei Versionen
Bereits wenige Stunden nach dem Bekanntwerden der Verwicklung der Bundeswehr in den Bombenabwurf nahe Kunduz am 4. September 2009, kursierten in den deutschen Medien die von Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey verbreitete Version, dass die Bundeswehr die Luftunterstützung angefordert hatte, um ein Selbstmordattentat mit den beiden entführten Tanklastern zu verhindern. 25 Aus Sicht der militärisch Verantwortlichen im Bundeswehrcamp Kunduz sei höchste Gefahr im Verzug gewesen, daher habe man so reagieren müssen. Der Bombenabwurf auf die Tanklaster und die Menschen kam in den ersten Darstellungen also der Status einer Notwehrhandlung zu. Der Schutz von Zivilisten hätte bei Bundeswehr Operationen immer oberste Priorität Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand
21 Vgl. Beckmann, S.28.
22 Clausewitz, S.651.
23 Geertz, S.41.
24 Vgl. ebd., S.30.
25 Vgl. dpa/ddp/Reuters/AP: Bundeswehr wollte mit Luftangriff Selbstmordattentat verhindern. (URL)
Arbeit zitieren:
Martin Boldt, 2010, Die Akte Kunduz, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik: Die Akte Kunduz ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Politik - Internationale Politik - Thema: Deutsche Außenpolitik: neuer Titel erschienen: Die Akte Kunduz
Martin Boldt hat einen neuen Text hochgeladen
W Hofstee
W Hofstee
Interpreting Clifford Geertz: Cultural Investigation in the Social Sci...
Jeffrey C. Alexander, Philip Smith, Matthew Norton
Interpreting Clifford Geertz: Cultural Investigation in the Social Sci...
Jeffrey C. Alexander, Philip Smith, Matthew Norton
0 Kommentare