Raum gehen, indem man beherrschte Bewegungen ausführt. Ein Ruhezustand ist nur möglich durch ein Bewusstwerden des eigenen Körpers. Immer mehr liest man von Verhaltensauffälligkeiten, Hyperaktivität und sogar von psychosomatischen Störungen bei Kinder. Die Unruhe der Kinder ist ein Problem unserer Gesellschaft. Die Medien, wie Fernsehen, Computer bieten den Kindern eine Vielzahl und einen sehr schnellen Wechsel von Reizen. Sie bringen sehr oft Unruhe, Hektik und vor allem auch Lärm mit sich. Das führt dazu, dass Kinder heutzutage nicht mehr selbstverständlich mit Ruhe vertraut sind. Durch die hohen Ansprüche an Informationsverarbeitung sind die Kinder oft überfordert. Hinzu kommt, dass Medien oft als Ersatz für Spielpartner dienen, das gemeinsame, entspannte, selbstvergessene Spiel bleibt auf der Strecke. Da die Kinder als Konsumenten angesprochen werden, steigert sich die Unzufriedenheit und das Konsumdenken. Es entsteht ein stetiges Streben nach mehr. Die Kinder können keine Freude mehr finden an den kleinen Dingen im Leben, z. B. an der Natur. Dann leben die Kinder zuschauend statt erlebend, d. h. sie machen nur mittelbare Erfahrungen und erleben eine Wirklichkeit aus zweiter Hand. Dabei werden Körpererfahrungen und Kreativität eingeschränkt. Die Kinder können nicht mehr zu sich selbst, zu ihrem ruhenden Pool im Inneren finden. Stilleübungen sollen helfen, die Kreativität und Phantasie anzuregen und bieten Möglichkeiten, Ängste zu verarbeiten. Die Kinder sollen wieder lernen, auf ihre inneren Bilder zurückzugreifen. Was sind Stilleübungen?
Stilleübung ist ein Sammelbegriff für alle Spiele und Übungen, in denen Kinder Stille als Erfahrungsraum positiv erleben. Der Unterschied zwischen Laut und Leise, Bewegung und Ruhe wird verdeutlicht und hervorgehoben. Bei den Übungen wird in der Regel nicht gesprochen, dafür werden die Sinne bzw. bestimmte Körpererfahrungen angeregt. Stilleübungen sind u. a. Sinnesübungen, aber auch Massagen, Mandala malen und Phantasiereisen. Kurz: alles was Stille zum Erlebnis macht.
Das Wort „Schule“ weist in seinem Ursprung der griechischen und lateinischen Sprache auf eine Bedeutung hin, die in unserer Zeit verlorengegangen zu sein scheint: Muße, Beschaulichkeit, Besinnlichkeit und Ruhe sind Begriffe, die von diesem Verständnis her mit Schule in Verbindung zu bringen sind. Wir assoziieren heute weit eher Geschäftigkeit, Aktivität und Leistung. Momente der Ruhe und Entspannung werden als Gegengewicht zum zielgerichteten Lernen im Sinn eines Ausgleichs bewusst in den Unterricht hineingenommen. Die Erkenntnis eines natürlichen Rhythmus von Aktivität und Besinnung, als in langer Tradition bewährter und hilfreicher Wechsel der Lebensformen setzt sich bis in die tägliche Schularbeit durch. Regelmäßige Stilleübungen sind Ausdruck dieser Erkenntnis und der Suche nach Ruhepolen. Sie können auf längere Zeit hin dazu führen, dass Kinder diese Phasen als wohltuendes Gegengewicht erleben, als Ausgleich zur vorwiegend kognitiven Arbeit, zum Schulstress und Leistungsdruck. Produktiv-schöpferisches Denken kann dabei zur Sammlung, Ruhe und Ausgeglichenheit führen. Es geht nicht darum, von Kindern von Anfang an die totale Stille und Bewegungslosigkeit zu erwarten. „Stilleübungen müssen nicht schweigende Übungen sein, sondern beinhalten auch Übungen, die zum Stillwerden einladen. Dabei ist mit Stillwerden nicht äußeres Stillsein gemeint, sondern inneres Stillwerden. Das innere Stillwerden führt zur Begegnung mit sich selbst und zu ganz neuen Wahrnehmungs-und Erfahrungsmöglichkeiten. Die Fragen nach der eigenen Identität, nach Sinn und Zweck des Lebens und auch die Frage nach Gott, nach der Wirklichkeit Gottes im eigenen Leben erhalten Raum.
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Wozu dienen Stilleübungen?
Unser Alltag ist geprägt von ruheloser Hektik und ständigen Geräuschen. Zur Ruhe kommen: das lässt Kraft schöpfen und setzt Kreativität frei. Kinder brauchen beides nötig: 1. Kognitiv
Fähigkeit abzuschalten und zu entspannen beibehalten
Wahrnehmung wird gefördert durch Sinnesanregungen Konzentration wird gesteigert und geübt Ausdauer wird angeregt und gefördert Begriffsbildung und Förderung der Kommunikation abstraktes Vorstellungsvermögen wird gefördert Lernbereitschaft steigern Schul- und Lebensvorbereitung! 2. Sozial
Kontakt untereinander (gemeinsames Üben, Körperkontakt)
Selbstbewusstsein stärken durch Erfolgserlebnisse Gemeinschaftsgefühl entsteht Spielfähigkeit fördern Phantasie fördern, Kooperation Achtung und Wertschätzung untereinander
3. Emotional
Kreativität und Phantasie
Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen
Entscheidungsfreudigkeit durch erkennen der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten Freude an den kleinen Dingen im Leben Verarbeitung von erlebten durch Träumereien Gleichgewicht zwischen Bewegung und Ruhe Stress und Leistungsdruck verarbeiten durch Abschalten innerliche Stabilität
Aus sich selbst heraus zur Ruhe finden ohne Hilfsmittel wie Medien (Suchtprävention!) Ängste mindern und abbauen sich selbst Freiräume schaffen 4. Motorisch
Körperwahrnehmung und Körperbewusstsein
eigene Akzeptanz und Annahme besseres Vertrauen in eigenen motorische Leistungen Bewusstsein für Körpervorgänge, Unterschied Bewegung-Entspannung Verspannungen lösen und Haltung verbessern Atemtechnik üben Stabilisierung des Immunsystems"
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10 goldene Regeln - „Übungen als Teil einer ganzheitlichen Erziehung“ Damit Stilleübungen und Sinneserfahrungen gelingen, bedarf es einer sorgfältigen Vorbereitung und sicheren Anleitung.
- Die innere Haltung der Lehrperson
Neben den methodisch-didaktischen Überlegungen scheint die innere Haltung der Lehrperson bei Stilleübungen und Sinneserfahrungen wesentlich zu sein. Bei spirituellen Übungen handelt es sich um mehr als eine Methode, die beliebig eingesetzt werden kann und die der Abwechslung des Unterrichtsgeschehens dient. Die eigene Auseinandersetzung mit spirituellen Zugängen ist erforderlich. Um den Schülern vermitteln zu können, dass es sich um wohltuende und bereichernde Erfahrungen handelt, bedarf es der eigenen inneren Beteiligung: "Wer nicht aus eigener Erfahrung um den Wert der Stille-Erfahrung weiß, kann seine Schüler nicht auf den Weg dorthin mitnehmen."4 Ein eigenes Berührtsein von den Inhalten und Symbolen, die eingesetzt werden, macht das Angebot für die Kinder authentisch. Zum Zeitpunkt des Angebotes sollte man selbst über ein gewisses Maß an innerer Ruhe und Gelassenheit verfügen.
- Vorerfahrungen der Schüler berücksichtigen
Kinder im Grundschulalter haben bereits unterschiedliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Stille gemacht. Möglicherweise verbinden sie damit eher unangenehme Gefühle, insbesondere dann, wenn Stille in der Vergangenheit instrumentalisiert wurde, um ein erwünschtes Verhalten zu erreichen. Stille aushalten zu lernen und zur Ruhe zu kommen, muss in kleinen Schritten geübt werden. Schüler sollten für ihre Bemühungen gelobt werden.
- Die Atmosphäre in der Klasse
Spirituelle Erfahrungen können nur in einem Umfeld erlebt werden, in dem Kinder sich akzeptiert und als Person angenommen fühlen. Gefühlsäußerungen bleiben in einer akzeptierenden und warmen Atmosphäre frei von Bewertungen durch die Lehrperson oder durch Mitschüler. Die Freiwilligkeit der Teilnahme ist eine Grundvoraussetzung. In diesem Sinne verstehen sich die Übungen als Angebote, die eine offene, vertrauensvolle und gemeinschaftsbildende Atmosphäre in der Klasse fördern können. Jedoch eignet sich nicht jede Gruppenphase für den Einsatz der Übungen: In Klassen, in denen das Miteinander der Schüler wenig vertrauensvoll ist und gegenseitige Verletzungen zum Alltag gehören, sollte an der vorhandenen Problematik gearbeitet werden, bevor Stilleübungen und Sinneserfahrungen Bestandteil des Religionsunterrichtes werden.
- Die Raumgestaltung
Die Umgebung, in der die Übungen angeboten werden, hat Einfluss auf die Bereitschaft, sich zu öffnen. Der Raum, in dem Stilleübungen stattfinden, sollte deshalb einen einladenden Charakter haben. Die Schüler sollten sich in dem Raum wohlfühlen und die Möglichkeit haben, Gestaltungswünsche einzubringen. Eine Strukturiertheit des Raumes und der darin befindlichen Gegenstände kann die Bereitschaft zur Sammlung und Konzentration fördern. Das gemeinsame, einander zugewandte Sitzen im Kreis erscheint hier die geeignete Kommunikationsform (kleinere Teppichstücke eignen sich, um auf dem Boden zu sitzen). Die Kreismitte enthält ein Gestaltungselement (Tuch, Kerze, Stein, Blume, Schale, Baumscheibe
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usf.). Zum einen, um das bedeutsame, feierliche Element zu betonen, zum anderen, um dem Auge einen Ruhepol anzubieten, bei dem es vorerst verweilen kann.
- Dem Bewegungsbedürfnis Raum geben
Was Menschen erleben, denken und fühlen, hat stets mit dem eigenen Körper zu tun. Kinder brauchen ausreichend Gelegenheit, den eigenen Körper sowohl in Ruhe als auch in Bewegung zu spüren. Stilleübungen und Übungen zur Sensibilisierung der Sinne können dazu verhelfen, die körperlichen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen, um diese angemessen befriedigen zu können. Bewegungsspiele und praktisch erlebbare Körperempfindungen sollten Bestandteil der Stilleübungen und der Sinneserfahrungen sein. Stille erfahren bedeutet jedoch nicht, bewegungslos oder gar starr zu sein.
- Den geeigneten Zeitpunkt wählen
Nicht jeder Zeitpunkt im Unterrichtsgeschehen ist geeignet, um Übungen anzubieten. Die Lehrperson wird ein Gespür dafür entwickeln, wann die Schüler bereit zur Sammlung und Konzentration sind. Der pädagogische Grundsatz, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, findet hier seine Anwendung. Praktisch gesprochen heißt das: wahrzunehmen, aus welcher Situation die Schüler kommen und in welcher Verfassung sie sind. Das Ende des Unterrichts eignet sich meist nicht zum Angebot der Übungen, weil es den Schülern schwer fällt, Geduld aufzubringen und zu verweilen. Der Beginn einer Unterrichtsstunde ist häufig die Phase, in der Schüler sich unbelasteter auf Übungen einlassen können. In jedem Fall scheint es sinnvoll, den Zeitpunkt der Durchführung markant von anderen Aktivitäten abzugrenzen. Rituale, die auf das hinweisen, was folgt, helfen Schülern, den eigenen Rhythmus zu finden. Sie können Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Die Dauer der Übungen hängt von den Erfahrungen der Schüler mit dem methodischen Angebot ab. Die Dauer der Übungen ist nicht entscheidend für die Intensität der Wahrnehmung, die von den Schülern gemacht werden.
- Die Auswahl der Übungen
Um Spiritualität erfahren zu können, bedarf es der inneren Sammlung und einer Offenheit für sinnliche Wahrnehmungen. Zugänge zur Spiritualität können beispielsweise mit Hilfe von Stilleübungen, Fantasiereisen, dem Legen, Betrachten und Malen von Mandalas, Übungen zur Sinnes- und Körperwahrnehmung und dem kreativen Ausdruck von Emotionen erschlossen werden. Den eigenen kreativen Ideen der Lehrperson sind hier keine Grenzen gesetzt. Spirituelle Bemühungen sind auf Bescheidenheit ausgerichtet und unterwerfen sich weder Trends noch Stimmungen.
- Vom Umgang mit Störungen
Hilfreich sind einige Regeln, die miteinander vereinbart werden und deren Einhaltung entscheidend für das Gelingen der Übungen ist. Solche Regeln können sein:
• die Teilnahme an den Übungen ist freiwillig;
• wer nicht mitmachen möchte oder eine Übung vorzeitig beendet, verhält sich ruhig und stört die anderen nicht;
• während der Übungen sollte nicht gesprochen werden;
• es wird niemand für das, was er/sie sagt oder tut, ausgelacht.
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Arbeit zitieren:
Stefanie Kinast, 2007, Stilleübungen und Sinneserfahrungen im Religionsunterricht der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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