1. Einleitung
Im Jahr 1847 trafen sich die führenden Köpfe der Kommunistischen Bewegung, um ihre Weltanschauungen und Ziele zu formulieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das dabei entstandene, dreißig Seiten lange Manifest der Kommunistischen Partei drückte den Standpunkt geknechteter Arbeiter aller Nationen aus und diente als Leitfaden für eine sich global ausbreitenden Revolution. Es wurde ins Französische, Englische, Dänische und Russische übersetzt. Nach etlichen Niederlagen und Rückschlägen der Arbeiteraufstände und mit der 1864 neu erwachten Internationalen Arbeiterassoziation verlor das Manifest jedoch an Aktualität und drohte gänzlich ins Vergessen zu geraten.
Der vorliegende Essay soll eine Zusammenschau der Inhalte und Ziele der Kommunistischen Partei bieten und diese im Anhang kritisch reflektieren.
2. Inhaltszusammenfassung
I.) Bourgeois und Proletarier
Seit der Auflösung des „uralten Gemeinbesitzes an Grund und Boden“ steht jede Epoche der Menschheitsgeschichte unter den Machtkämpfen ihrer jeweiligen Klassen. Es heischten Patrizier und Plebejer, Sklaven und Freie, Leibeigene und Barone oder Bürger und Adelige um die eigene Vormachtstellung in der Gesellschaft. Die Teilung der Gesellschaft und die so entstehenden höheren und minderen Menschenklassen werden einzig und allein von den ökonomischen Produktionsverhältnissen bestimmt. Seit jeher versuchten Unterdrückte sich aus den Fesseln der Unterdrückenden zu befreien. Erlangten diese unterdrückten Klassen ihre Befreiung, so war die Folge keine Befreiung aller Menschen, sondern eine bloße Neuordnung der Macht mit ihr an der Führungsspitze. Diesen Entwicklungslauf der Geschichte durchlief auch die Bourgeoisie-Klasse. Aus der Leibeigenschaft zum Pfahlbürgerin, zur Städtebürgerin mit eigenen Gesetzen und Waffen; vom unterworfenen, steuerpflichtigen dritten Stand zur reichen Welthandelbetreiberin und nun zur Großindustriellen, erkämpfte sich die Bourgeoisie ihre jetzige Herrschaft und Staatsgewalt. Sie schaffte es, die jahrhundertealten, feudalen Strukturen zu sprengen, indem sie neue Produktivkräfte anhand neuer Technologien schuf, mit ihnen neue, materielle Bedürfnisse weckte, ferne Kontinente und Nationen eroberte, fremde Kulturen assimilierte, diese in ihr Handelssystem einsaugte und so den bestehenden Weltmarkt erzeugte. Das alte Feudalsystem, seine Produktions- und Handelsverhältnisse und die daraus folgenden Hierarchien konnten diesen enormen Handelskapazitäten nicht mehr standhalten und mussten der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft freien Lauf lassen.
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Politisches Resultat der neuen Produktionsverhältnisse war die vollendete Zentralisierung der Staatsgewalt. Die Bourgeoisie war in den vergangen hundert Jahren mächtig geworden und konzentrierte das Eigentum in ihren wenigen Händen. Sie lockte die Landbevölkerung in die Städte um in ihren Fabriken zu arbeiten und schuf Großstädte noch nie da gewesenen Ausmaßes. Kleinindustrielle, Kleinhändler und Zunfthandwerker gingen zwischen den modernen, billigen Massenwaren unter, konnten der Konkurrenz nicht mehr standhalten, ihr Handwerk verlor an Wert und sie strömten massenweise als Fabrikarbeiter unter das Joch der Bourgeoisie. Der zentralistische Staat unter der Herrschaft der Großindustrie war zum Instrument der Verwaltung und Aufrechterhaltung der Produktionsverhältnisse geworden. Im Gegensatz zur Provinzialität der feudalen Herrschaft galt nun ein Gesetz für eine Nation, welche das Interesse einer Klasse vertrat.
Eine weitere Folge dieser hierarchischen und wirtschaftlichen Umkrempelung war der Verfall der feudalen, patriarchalischen, an Werte und Gott gebundenen Hierarchiebeziehungen zwischen Unterdrücker und Unterdrückten. Stattdessen schafft die Bourgeoisherrschaft nackte, unverzerrte Machtbeziehungen ohne Mystik, Religion und Glauben. Die Gesellschaft dieser Epoche ist das ungeschminkte Konstrukt von Industrie, Handel, Kapital und seiner Maximierung, Konsum, Produktion, Arbeit und Ausbeutung. Der Mensch dieser Gesellschaft hat nichts zu sehen und an nichts zu glauben als an diese Realitäten. Er sieht die Welt mit „nacktem Auge“.
Der bereits oben erwähnte Strom an Arbeitern bildete die neue, unterste soziale Klasse, das Proletariat. Das Proletariat bildet die Grundlage der industriellen Produktion und entwickelt sich unvermeidlich mit ihr fort. Der Proletarier ist eine Handelsware. Er ist das Zubehör der modernen Maschine und ein kleiner, ersetzbarer Teil im mechanischen Produktionsablauf einer Manufaktur. Er ist ersetzbar, da seine Arbeit mit den Maschinen keine Geschicklichkeit erfordert, wie es das zünftige Handwerk tat. Er kann ohne große Lohnsprünge durch Frauen und Kinder ersetzt werden. Die Arbeiterklasse bildet eine unspezialisierte, gesichtslose Masse an Homogenität. Sie ist ohne Eigentum, ihr Lebensinhalt und ihr Lebensunterhalt ist voll und ganz in den Händen der Fabrikbesitzer. Sie lebt nicht, wie der Bourgeois, unter den Gesetzen, der Moral und den Werten der bürgerlichen Nation; sie lebt einzig und allein im Namen des Kapitals. Das Proletariat kennt kein Vaterland und keine Nation, wie sie die Bourgeois kennen. Das Vaterland der Bürger ist nicht seines. Es sind nicht seine Gesetze, die darin walten. Es ist auch nicht sein Kapital, sein Eigentum, das darin erzeugt wird, es gehört allein
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dem Bourgeois. Der Proletarier lebt und schafft für das Kapital, denn das vermehrte Kapital schafft ihm wiederum Lohnarbeit und die Lohnarbeit ist seine einzige Lebensgrundlage. Der Lohn setzt sich aus jenen Mitteln zusammen, die notwendig sind, um das pure Überleben eines Arbeiters zu garantieren. Der Arbeiter hält keinen „Reinertrag“ und keinen Gewinn in seinen Händen.
Das erste Mal in der Geschichte der Klassenkämpfe standen sich zwei Klassen gegenüber, deren Existenzen so tief und unvermeintlich ineinander verstrickt sind. Entsteht eine Industrie, so entsteht das Proletariat. Die traditionellen Zünfte, das Kleinbürgertum, konkurrenzunfähige Kleinbetriebe und der im neuen Reichtum der Großindustriellen sein Ansehen büßende Adel verschwinden mit dem Emporsteigen der Bourgeoisie. Das Proletariat hingegen ist das ureigenste Kind, das Produkt der Großindustrie.
Seit seiner Geburt ist nun der Proletarier bestrebt, sich aus dem ihm auferlegten Elend zu befreien. Sinkende Löhne - unabdingbar für den konkurrenzfähigen Bourgeois - führen zu Massenverarmung. Der Bourgeois schafft es im ständigen Wettbewerb nicht, dem Proletarier seine bloße Existenz als Sklave zu gewährleisten. Der „Pauperismus“, die elendige Verarmung, mündet jedoch in tieferen Zusammenhalt der Proletarier, in Arbeiterassoziationen und politischen Aufständen. Das Ziel dieser neuen revolutionären Masse ist, ihren eigensten Schöpfer und Erhalter, die Bourgeoisie und ihre industrielle Kapitalwirtschaft, zu Grund und Boden zu schlagen. Nur so kann sich das Proletariat entfesseln. Der Kampf dieser Epoche ist der erste Kampf in der Geschichte der Klassenkämpfe, nach welchem die Plätze der Unterdrückenden und Unterdrückten nicht neu besetzt werden. Seine Folge ist die Befreiung aller Menschen von Unterdrückung und Knechtschaft.
Dies ist laut Marx und Engels der unvermeidliche Geschichtsverlauf ihrer Epoche. II.) Proletarier und Kommunismus
Die Kommunistische Partei hebt sich nicht als spezielle Gruppierung unter den Proletariern hervor. Ganz im Gegenteil; sie ist das theoretische Bindeglied zwischen allen kämpfenden Arbeiterscharen aller Nationen. Die internationale Revolution fasst vorerst Fuß auf nationalem Boden, im Laufe der Entwicklung breitet sie sich global aus. Die Kommunistische Partei kommt jenen zersplitterten Bewegungen geistig entgegen und zeigt ihren international geltenden, gemeinsamen Nenner auf.
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Weiters sind die kommunistischen Theorien laut Manifest keine Utopien, keine Vorstellungen und keine Weltverbesserungsvorschläge. Sie sind der Spiegel der existierenden Eigentums-und Verkehrsverhältnisse in der Gesellschaft.
Die Kommunistische Partei fordert die Auflösung des Privateigentums. Sie will keine allumfassende Aufhebung des Eigentums, sondern die Anerkennung der in der Gesellschaft erzeugten Produkte als Allgemeingut. Das Eigentum und ihre Produktion werden nicht abgeschafft sondern ihr Charakter wird verändert. Der allgemeine ist der natürliche Charakter des Kapitals und des Eigentums, da alle Teile der Gesellschaft in Anspruch genommen werden, um diese zu erzeugen.
Neben der Charakterumformung des Kapitals wollte die Kommunistische Partei den ausbeuterischen Absichten der gesellschaftlichen Produktion ein Ende bereiten. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse beruhten darauf, durch die Vermehrung von Kapitaldurch den „Reinertrag“ - neue (Lohn-)Arbeit zu schaffen und so das Kapital und den Profit immer weiter zu wälzen. Im Gegensatz dazu plädierte die Kommunistische Partei darauf, die Produktion nur so weit auszudehnen, dass ihren Arbeitern ein gutes Leben gesichert ist. Niemand sollte unter dem Arbeitszwang eines anderen stehen. Nicht die Produktion und Aneignung von Gütern an sich sondern die ausbeuterischen Verhältnisse waren dem Kommunisten ein Dorn im Auge.
Marx und Engels lebten mit den Vorwürfen des Raubes an persönlicher Freiheit, der Besitzverbietung selbstständig erarbeiteten Eigentums, der Untergrabung von Bildung durch Auflösung aller Klassen, der Zerstörung von Familien, der Beendigung der menschlichen Aktivität durch Aufhebung seines Privateigentums und der Zerschlagung von Vaterland und Nation.
Ja, der Kommunismus fordert in gewissem Maße die Aufgabe der persönlichen Freiheit. Er fordert sie unter genau der Bedingung, dass der Bourgeois unter Freiheit sein uneingeschränktes Produzieren und Handeln, seine Reichtumserweiterung und die rücksichtslose Eroberung des von ihm erzeugten Weltmarktes versteht. Wird der Bourgeois vernichtet, so liegt mit ihm dieser auferlegte Begriff von Freiheit und der Wille zur eigennützigen Entfaltung begraben.
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Ja, der Kommunist fordert, das private Eigentum zu verbieten. Doch warum nennt sein Kritiker dieses Eigentum selbstständig erarbeitet und verdient? Sind es nicht die Proletarier, die dem Bourgeois sein Kapital erarbeiten und dabei besitzlos ausgehen? Das einzige Eigentum des Arbeiters ist sein nacktes Überleben. Die private Freiheit und das Eigentum, welche der Kritiker des Kommunismus vertritt, basieren auf der Knechtschaft und der Besitzlosigkeit neun Zehntels der Gesellschaft. Das eigens erarbeitete Eigentum, um welches so gefürchtet wird, wurde bereits mit der alles Kleinbetriebliche, Zünftige und Bäuerliche verdrängenden Großindustrie abgeschafft.
Ja, das Proletariat bricht mit dem Vaterland und der Nation. Für den Proletarier gibt es diese Institution nicht, die Nation und ihre Gesetze sind jene der regierenden Bourgeoisklasse. Er bricht auch mit der Familie. Das private Familienidyll wie es der Bürger kennt, existiert im Leben des Proletariers nicht. Seine Frauen und Kinder sind, so wie er, eine Handelsware. Sie werden entweder als Arbeiter in den Fabriken oder in der offiziellen Prostitution eingesetzt. Auch die Institution Ehe findet in er kommunistischen Gemeinschaft keinen Platz. Der Bourgeois wirft dem Proletarier deshalb das Leben in einer Weibergemeinschaft und (sexuelle) Amoral vor. Im Manifest der Kommunistischen Partei wird jedoch gekontert, dass jene Weibergemeinschaft, die man vorwirft zu provozieren, bereits unter den Bourgeois existiere. Marx und Engels sprechen hier offizielle sowie inoffizielle Prostitution, Ehebruch und die Verführung verheirateter Frauen an. Alles, was der Kommunist an der gegebenen, bürgerlichen „Weibergemeinschaft“ ändern kann, ist ihr versteckter und heuchlerischer Charakter.
Endgültiges Ziel der Arbeiterrevolution ist es, die Bourgeoisie auszulöschen, die Staatsgewalt unter die alleinige Herrschaft des Proletariats zu konzentrieren, die gesamten Produktionsmittel in ihre Gewalt zu bringen und die Produktionskräfte zu vermehren. In schrittweisen Handlungsinstruktionen wird im Manifest vorgeschlagen, die Grundbesitzer zu enteignen, das Erbschaftsrecht abzuschaffen, das Eigentum von Emigranten und Rebellen einzuziehen, das Bankwesen und die Kreditvergabe im Staat zu monopolisieren und die Nationalfabriken und Produktionsmittel schnell zu vermehren und zu verbessern. Daraufhin soll gleicher Arbeitszwang für alle gelten, Ackerbau und Industrie fusioniert und so die Kluft zwischen Stadt und Land gefüllt werden. Kein Kind soll mehr in einer Fabrik schuften. Die Erziehung der Kinder liegt in der Hand der klassenlosen Gesellschaft und ist mit der
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materiellen Produktion verbunden. Nicht wie vorher soll das Kind das Produkt der Erziehung der herrschenden Klasse und ihrer Ideen sein.
Im Vorwort der vorliegenden Ausgabe betont Engels jedoch, dass die oben aufgelisteten wirtschaftspolitischen Instruktionen nicht auf alle Nationen dieser Welt übertragen und verallgemeinert werden können.
Im Kampf gegen die Bourgeoisie muss das Proletariat vorübergehend die politische Rolle des Herrschers übernehmen, um die Revolution vollziehen zu können. Eine politische Gewalt wird grundsätzlich abgelehnt, denn diese dient stets der Macht- und Gewaltausübung einer herrschenden Klasse über die unterdrückte.
Sobald die Umstrukturierungen vollbracht sind und die neue Gesellschaft eigenständig ihren Lauf nehmen kann, löst sich das Proletariat als herrschende Klasse im Zuge der funktionierenden klassenlosen Gesellschaft auf. Nun kann die Freiheit des Individuums und mit ihr die Freiheit der Gesellschaft walten. III.) Sozialistische und Kommunistische Literatur
Karl Marx und Friedrich Engels fassten die gesamte, rund um das Bourgeoisieaufstreben und das Arbeiterelend kreisende, Literatur in drei Spaten zusammen. Auf diese wird folgend näher eingegangen.
a) Der reaktionäre Sozialismus
- Der feudale Sozialismus
Wie der Begriff ahnen lässt, waren es die verdrängten englischen und französischen Adeligen, welche durch Schmähschriften und antibürgerliche Pamphlete versuchten, der Bourgeoisie den literarischen Kampf zu bereiten. In ihrer Verkommenheit und Aussichtslosigkeit suchten sie die Sympathie beim Proletariat, um es an ihren Kampfzug gegen ihren neuen Herrscher anzuschließen. Diese versagten sie sich jedoch selbstständig mit den Vorwürfen gegen die Bourgeoisie, durch ihr Aufstreben ein revolutionäres Proletariat erzeugt zu haben, welches die gesamte gesellschaftliche Ordnung sprengen würde. Sie prangerten ergo keine sozialen Missstände oder die Eigentumsverhältnisse, sondern das Hervorrufen der Revolution an. Den Feudalen schloss sich auch der Klerus mit seinen (ureigenen) Bestrebungen an. Die Forderungen nach Aufhebung der Ehe, des Privateigentums und des Staates waren den Christen im Macht- und Wertekampf keineswegs unbekannt.
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- Der kleinbürgerliche Sozialismus
Wie bei der Erläuterung der Entstehung des Proletariats oben angeführt, war auch den Kleinbürgern und Bauern ihr Untergang unausweichlich unter der Herrschaft der Bourgeoisie. Sie fristeten entweder ein statusloses Dasein oder sie wurden in die unterste Schicht der Proletarier hinabgeworfen. Der Sozialismus der Kleinbürger war vor allem in Frankreich gewachsen, wo die Hälfte der Bevölkerung aus Bauern bestand. Die Aufmerksamkeit der Theoretiker und Arbeiterparteien lag demnach bei ihnen. Die Ziele des kleinbürgerlichen Sozialismus waren logischerweise entweder die Erhaltung der alten Produktionsmittel, um das Überleben der Kleinbürger und Bauern zu gewährleisten, oder das Zwängen der modernen Produktionsmittel in alte Gesellschaftsstrukturen und Handelsverhältnisse. Diese Ziele waren reaktionär: Erstes würde den geschichtlichen Fortgang der bürgerlichen Epoche und somit die kommunistische Revolution verhindern und zweites war ein Widerspruch in sich, denn die Produktivkraft der neuen Produktionsmittel konnte von den alten Verkehrsverhältnissen unmöglich gehalten werden. So hatte es auch der Verlauf der Geschichte gezeigt; die emporsteigende Bourgeoisie, die neuen Produktionstechniken, die Massenwaren, das darin untergehende Kleinbürgertum, der Machtverlust der Aristokratie und die mit ihr vergehenden Herrschafts- und Produktionsverhältnisse.
- Der deutsche und der wahre Sozialismus
Beim deutschen und wahren Sozialismus handelte es um nichts weiter als um eine unbrauchbare und leerschwätzende Philosophie. Als in Deutschland der Kampf der Bourgeoisie gegen die Aristokratie laut wurde, war Frankreich bereits einen großen Schritt voraus und von kommunistischen und sozialistischen Schriften gegen die ausbeuterische Herrschaft des Bourgeois übersät. Die deutschen Philosophen zogen sich jene Schriften herbei und übersetzten sie ins Deutsche. Sie übersetzten nicht bloß deren Worte, sie übersetzten und verfälschten auch deren Sinn mit dem Pinselstrich ihrer eigenen Philosophie. Diese Philosophie galt dem Menschen an sich und seinem Wesen. So wurden beispielsweise die Interessen des Proletariats und der Kampf gegen die ausbeuterische Bourgeoisie zum Interesse des Menschen. Der praktischen Wert der französischen Theorien und ihr Bezug zur Realität wurden verschmäht und zerstört. Die Philosophie des wahren Sozialismus diente darüber hinaus der deutschen Aristokratie sowie dem Kleinbürgertum als Waffe gegen das aktuell revolutionäre Bürgertum.
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b) Der konservative Bourgeois-Sozialismus
Was wie ein Paradoxon klingt, war das Streben eines Teiles der Bourgeoisklasse, die von ihr erzeugten sozialen Missstände zu bekämpfen, dem Proletariat ihren revolutionären Charakter zu berauben und so die bürgerliche Gesellschaft beizubehalten. Die Schlagworte lauteten also Freier Handel, Bourgeoisherrschaft, Lohnarbeit und Arbeiterklasse zum Wohl und im Interesse des Proletariers.
c) Der kritisch-utopische Sozialismus und Kommunismus
In diese Spate fielen all jene Theorien und Schriften, welche in der Anfangsphase der bürgerlichen Gesellschaft verfasst wurden. Der utopische Sozialismus suchte nach Lösungen; er schaffte theoretische Gesetze und Pläne, welche in ihrer Umsetzung die Bedingungen zur Befreiung der Proletarier erzeugen zu könnten. Dabei handelte es sich um Utopien, da die
Bourgeoisgesellschaft und das Proletariat noch keine festen Formen angenommen hatten 1 . Jene Theoretiker waren demnach reaktionär: Mit dem Verharren an ihren Gesellschaftsplänen hinderten sie den freien Lauf der proletarischen Revolution. Ihre Pläne suchten weiters Anhang bei der gebildeten, herrschenden Klasse und den friedlichen, alle Klassen in Einklang bringenden Weg. Positiv anzumerken war ihr Aufzeigen von Missständen in der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Forderungen nach Aufhebung des Stadt-Land-Gegensatzes, der Familie, des Privateigentums, der Lohnarbeit und des Staates als reinen Administrator der gesellschaftlichen Produktion. Zum kritisch-utopischen Sozialismus und Kommunismus zählten Systemtheoretiker wie St. Simons, Fourriers oder Owens. IV.) Stellung der Kommunisten zu den verschiedenen oppositionellen Parteien Der Kommunist schließt sich allen Parteien, die im Kampf gegen die Vorherrschaft des Bourgeois und somit gegen die bestehenden gesellschaftlichen Zustände stehen, an. Er scheut nicht davor zurück an Seite des Konservativen oder Reaktionären zu kämpfen, verfolgt dieser den gleichen unmittelbaren Zweck. Er verliert aber nie sein eigentliches Ziel aus den Augen: die gewaltsame Vernichtung aller bestehenden Klassengegensätze. Die abschließenden Worte des Manifestes lauten: „Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. [...] Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. PROLETARIER ALLER LÄNDER VEREINIGT EUCH!“ (Marx/Engels, 1969; S. 56)
1 Der Kommunismus Marx’ und Engels’ ist laut diesen keine Utopie, da er die realen Zustände in der vollendeten bürgerlichen Gesellschaft beschreibt.
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3. Kritik
Die größte Bedeutung kommt dem Manifest der Kommunistischen Partei wohl als zeitgeschichtliches Dokument zu. Marx und Engels bereiten eine anschauliche und in sich schlüssige Darstellung der sozioökonomischen Verhältnisse des auslaufenden 19. Jahrhunderts auf. Eine Vorstellung über die sozialen Verhältnisse und den politischen Zeitgeist werden dem heutigen Leser auf authentische Weise vermittelt. Das Manifest der Kommunistischen Partei lässt seinen Leser in die politisch-revolutionäre Stimmung der Epoche zurückversetzen. Für mich war es vor allem eine Bereicherung und Ergänzung des eigenen Geschichtsbildes vom Übergang der Adels- zur Handelsgesellschaft und den daraus entspringenden europaweiten Bewegungen, gesellschaftspolitischen Ideen und Philosophien. Besonders das dritte Kapitel, Sozialistische und kommunistische Literatur, ist von reichem geschichtlichem Inhalt.
Die Theorie der Klassenlosigkeit bildet seit beinahe zwei Jahrhunderten einen Brennpunkt im politischen Diskurs. In der politikgeschichtlichen Realität hat sie enttäuschende, entsetzliche (ich denke beispielsweise an den Agrarkommunismus der Roten Khmer) sowie abgeänderte, offene Formen (wie die der funktionierenden Sozialdemokratie) angenommen. Die Theorie Marx’ wurde jedoch nie auf der gleichen intellektuellen Ebene weiter ausgefeilt, weiterentwickelt oder den heutigen gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst. Unter den Arbeitern und den unteren Schichten der Gesellschaft finden kommunistische Theorien keinen Anklang mehr, eher im Gegenteil.
In der Erwartung, nach der Lektüre des Manifestes tiefere Einsichten in die, unter StudentInnen und Intellektuellen oft gepriesene, Theorie Marx’ und somit authentische Sympathie mit dieser aufbauen zu können, wurde ich enttäuscht. Der Endeffekt der bis aufs Detail ausgeführten kommunistischen Revolution ist das weiterbestehen einer hoch industrialisierten Gesellschaft; diese soll laut Marx sogar ausgeweitet werden und von der Stadt auf die Agrarproduktion am Land transportiert werden (Marx/Engels, 1969; S.42 f.). Der entscheidende Unterschied zwischen der nachrevolutionären und der alten Gesellschaft ist, dass gleicher Arbeitszwang für alle Menschen herrscht. Der Mensch bleibt also eine Industriemaschine, der ewig austauschbare Teil einer Manufaktur - was zuvor heftig angeprangert wurde. Die Entwürdigung des
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Arbeiters ist somit keineswegs aufgehoben, sie wird auf alle Menschen der produktiven Gesellschaft übertragen!
Weiters bleibt nach dem Ende der kommunistischen Revolution offen, in welche Gesellschaft uns diese führt. Der auf Seite 43 der vorliegenden Ausgabe beschriebene Übergang von der Revolution, zur provisorischen Herrschaft des Proletariats, zur klassenlosen Gesellschaft und die so ermöglichte „freien Entwicklung eines jeden“ und der „freie[n] Entwicklung aller“ (Marx/Engels 1969, S.43) wird oberflächlich und, nach meiner Auffassung, unschlüssig dargestellt.
Mit dem Hin der Proletarierdiktatur zur Freiheit aller Menschen entwickeln Marx und Engels, was sie selbst kommunistischen und sozialistischen Theoretikern wie St.Simons, Fourriers oder Owens vorwerfen und verschmähen: eine Utopie.
Das Endergebnis der Revolution ist für mich das einzig Unschlüssige (und wohl das einzig Undurchdachte) im kommunistischen Manifest. Ein Disputationsgegner könnte einwerfen, auch die heute funktionierende Demokratie habe nach der Französischen Revolution mehrere Anläufe gebraucht, um sich schlussendlich in ihrer heutigen Form zeigen zu können. Vielleicht braucht die klassenlose Gesellschaft mehrere Startschüsse um sich in ihrer sinngerechten Form (wie auch immer diese aussehen mag) entwickeln zu können. Dazu bräuchte sie aber auch neu engagierte Denker und weiterentwickelte, den heutigen sozioökonomischen Umständen gerecht werdende Theorien. Marx’ spitzfindige Geschichtsepochendarstellung, seine Wachsamkeit über soziale Entwicklungen und Missstände und seine Bedeutung als zeitgeschichtlicher Beobachter konnten meine Sympathie durchaus wecken, die Auswegs- und Aussichtslosigkeit der von ihm und Engels dargestellten kommunistischen Revolution konnte dies jedoch nicht.
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