Inhaltsverzeichnis
1. Zukünftige Welten 2
2. Ridley Scotts Blade Runner 2
3. Die Handlung 3
4. Die Gesellschaft in Blade Runner 4
4.1 Bevölkerte Leere 4
4.2 Die staatliche Kontrolle 5
4.3 Industrie und Macht 6
4.4 Off World Colonies und Rassismus 7
4.5 Künstliche Sklaven 10
5. Die Hauptfiguren 12
5.1 Roy Batty - Schöpfung, Bestie und Erlöser 12
5.2 Rick Deckard - Jäger, Sünder und Geliebter 14
5.3 Deckard ein Replikant? 15
6. Auf des Messers Schneide 16
7. Literatur und Quellenverzeichnis 18
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1. Zukünftige Welten
Schon zum Ende des 19. Jahrhunderts, ‚als die Bilder das Laufen lernten’, war bereits das Interesse vorhanden, Wunderbares und Fantastisches durch das neue Medium Film ausdrü‐ cken zu können. 1 Fritz Langs Metropolis (1927) oder Just Imagine (1930) von David Butler gelten dabei als frühe Meilensteile des Genres. Während der zunehmenden Expansion von Hollywood waren es vor allem Science Fiction Filme wie The Time Machine (George Pal, 1960), die durch ihre revolutionären Effekte und Kostüme neue Welten erschufen und Kriti‐ ken an der realen Welt transportierten. Erst zu Beginn der 1970er erlebte das Genre eine Wiederbelebung, durch die das Fantastische auch wieder finanziell interessant wurde. Große Space Operas wie 2001: A Space Odysee (Stanley Kubrick, 1968) oder Star Wars (George Lucas, 1977) ebneten den Weg für neue Wege jener Filmgattung. (vgl. Moncao, 2004: 285f) 2 1982 kam ein Science Fiction Film in die weltweiten Kinos, der die Zuschauer jedoch erneut zu überraschen vermochte.
„What we see in Blade Runner is nothing like what we have seen, or come to expect, in other science fiction films. We are used to the space opera of Star Wars and its sequels, to the fairy tale elements of E.T., even to the teenage comedy routines of more recent films like Back to the Future. All good films of their kind, but none of them create such a sustained alternate reality.” (Pierce, 1991: 201)
2. Ridley Scotts Blade Runner
1982 kam Ridley Scotts Adaption des Romans Do Androids Dream Of Electrip Sheep von Phil‐ lip K. Dick unter dem Titel Blade Runner weltweit in die Kinos. Das atmosphärische und viel‐ schichtige Werk, als eine Mischung aus Science Fiction, Film Noir und Horrorfilm inszeniert, erschien jedoch nicht in der von Scott gewollten Fassung (vgl. Boozer Jr., 1991: 212). Nach Testvorführungen und Sichtungen durch die Produzenten wurden einige Änderungen gegen den Willen des Regisseurs durchgesetzt. Eine voice‐over Narration und das aufgesetzt wir‐ kende Happy End wurden hinzugefügt, da man überzeugt war, so den Geschmack der brei‐ ten Masse besser treffen zu können und die Verständlichkeit der komplexen Welt zu erhö‐
1 Auffällig ist z.B. die Tatasche, dass schon die frühen Filme von Méliès oft Wörter wie ‚Traum’ oder ‚Wunder’ im Titel tragen. (vgl. Monaco, 2004: 286)
2 Auch wenn Star Wars und 2001 eindeutig verschiedene Rezipienten Klientel bedienen und nicht vergleichbar sind, so haben sie doch für das Genre, beide auf ihre Weise, einen großen Dienst getan.
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hen (vgl. Bukatman, 1998: 36f). Trotzdem blieb der Erfolg an den Kinokassen aus und machte den Film zu einem finanziellen Desaster (ebd.: 34). 1992, zum zehnjährigen Jubiläum, kam der Film erneut in die Kinos, diesmal in der von Scott bevorzugten Fassung. „ [T]he banal narration was scrapped, in its entirety this time; the ambivalent original ending was re‐ stored; and the ‘unicorn reverie’ was inserted in one scene” (ebd.: 37). 3 Da diese Version in größerem Umfang die Intentionen und ursprünglichen Vorstellungen der Macher widerspie‐ gelt, soll eben jener ‚Director’s Cut’ in der folgenden Analyse der ‚Theatrical Version’ vorge‐ zogen werden. 4
3. Die Handlung
Der Film spielt im Los Angeles des Jahres 2019. Die riesige Millionenstadt ist zu einem „kon‐ turlosen Slum offensichtlich vorwiegend asiatischer Prägung“ (Seeßlen/Jung, 2003b: 495) verkommen. 5 In diesem vom Dauerregen geplagten Umfeld wird der Protagonist Rick Deck‐ ard von seinem ehemaligen Arbeitgeber, Polizeichef Bryant, reaktiviert. Als Mitglied der Spe‐ zialeinheit der Blade Runner wird er wieder dafür sorgen, von Menschen kaum unterscheid‐ bare Androiden, so genannte Replikanten, die sich illegal auf der Erde aufhalten, aufzuspü‐ ren und ‚in den Ruhestand zu versetzen’. Vier der hoch entwickelten Replikanten‐Serie Ne‐ xus 6 verfolgt und erledigt Deckard im Laufe der Filmhandlung mehr oder weniger problem‐ los. Parallel dazu erzählt der Film in einem zweiten Handlungsstrang die Suche der gejagten Kunstmenschen nach einer Möglichkeit, ihre limitierte Lebensdauer zu verlängern. Die Robo‐ ter hinterlassen dabei eine ähnlich blutige Spur wie ihr Jäger Deckard, so dass zum Ende hin alles auf die finale Konfrontation des Blade Runners mit dem letzten überlebenden Replikan‐ ten hinausläuft. Bei diesem Zweikampf stirbt zwar auch der letzte und Anführer der flüchti‐ gen Androiden, jedoch nicht ohne vorher, von Mitleid erfüllt, Deckards Leben zu retten. Während seiner Untersuchungen und Spurensuche lernt der Polizist die attraktive Sekretärin des „Industriellen und ‚Vater’ der Replikanten, Tyrell“ (ebd.: 496) kennen und lieben. Die
3 Der Director’s Cut von Blade Runner war der erste von vielen weiteren Filmen, die überarbeitet, neu vertrie‐ ben wurden, und begründete somit einen neuen Trend in Hollywood.
4 Für die im Fließtext angeführten Verweise/Zitate aus dem Film wurde ein Sequenzprotokoll erstellt, welches nach dem Schema (Sequenzprotokoll, Nummer) zitiert wird und im Anhang der Arbeit zu finden ist.
5 Eine sehr prägnante und ausführlichere Zusammenfassung der Handlung und der zentralen Themen des Films bieten Seeßlen und Jung im zweiten Band ihres Werkes Science Fiction (Seeßlen/Jung, 2003: 495f)
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Tatsache, dass es sich bei ihr auch um eine Replikantin handelt, führt dazu, dass Deckard am Ende des Films mit ihr flieht.
4. Die Gesellschaft in Blade Runner
„In der Science Fiction geht es um die Zukunft der Menschheit. Jedenfalls um die Zukunft eines bestimmten Zivilisationsmodells.“ (Seeßlen/Jung, 2003a: 29). Auch Blade Runner zeigt dem Zuschauer in beeindruckender Detailverliebtheit die zukünftige Gesellschaft von Los Angeles im Jahre 2019. Kennzeichnend für jene Darstellung sind die vielseitigen Facetten der porträtierten Gesellschaft, deren genauere Analyse und Verständnis sich auf die im Film weit verteilten Hinweise bezieht. In Anlehnung an J.B. Kerman (1991) wird die dabei häufig impli‐ zierte Kritik an aktuellen oder vergangen realen Zuständen sozialer Interaktion ebenfalls auf‐ gezeigt und hinterfragt. „It is worth taking a closer look at several [...] very convincing de‐ tails, and considering how they imply the politics of the story’s society and construct a cri‐ tique of our own.” (ebd.: 16) 6
4.1 Bevölkerte Leere
Das L.A. der Zukunft zeichnet sich auf den ersten Blick als eine dicht besiedelte und hetero‐ gene Massengesellschaft aus. Vor allem eine der ersten Sequenzen des Films (vgl. Sequenz‐ protokoll: Nr. 5) bringt dies dem Zuschauer eindringlich nahe. Die Kamera fährt hier in einer erst diffusen, dann zielstrebigen Fahrt vorbei an flackernden Neonlichtern, durch das multi‐ nationale Gedränge der Straßen, als ob man selbst die Straßen überqueren würde. Zusam‐ men mit dem geschickt arrangierten Sounddesign, bestehend aus Versatzstücken diverser Sprachen und Musikauszügen, ergibt sich ein erster, direkter und unmittelbarer Eindruck des Stadtbildes. Demnach zu urteilen müsste die Stadt, trotz trostloser Stimmung, geradezu aus allen Nähten platzen. Auch im weiteren Verlauf des Films scheint sich dieser Eindruck zu ver‐ stärken. In der hektisch gefilmten Verfolgungsjagd in Sequenz Nr. 29 muss Deckard sich durch große Menschenansammlungen quälen, um nicht die Spur der verfolgten Replikantin Zhora zu verlieren.
6 Die Möglichkeit in Scotts Film eine linkspolitische Intention zu sehen, ist zwar vorhanden, jedoch ging es letzt‐ endlich wohl eher darum, eine logische Folgerung unserer heutigen Gesellschaft aufzuzeigen als ein marxis‐ tisch ambitioniertes Werk zu erschaffen (vgl. Kerman, 1991: 16‐18).
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Bei einer genaueren Betrachtung jedoch stellt man ein paradoxes Szenario fest. Obwohl die Straßen von Los Angeles von einem ‚multinationalen Potpourri’ stark bevölkert sind, schei‐ nen große Gebäude vollkommen leer zu stehen. Als Beispiel sei hier der Wohnort von J.F. Sebastian herangezogen. Vor allem in Sequenz Nr. 21 wird dies besonders deutlich. In langen und distanziert gefilmten Einstellungen, kombiniert mit einer spärlichen Beleuchtung, wird das Gebäude eindrucksvoll und glaubhaft als unbewohnt dargestellt. Dieser filmische Über‐ blick der Szenerie wird durch die eigenen Ausführungen von Sebastian unterstützt, nach de‐ nen er das riesige Bradburry Building vollkommen alleine bewohnt. 7 „Ja, ich wohne im Mo‐ ment hier ziemlich alleine. Keine Wohnungsnot hier! Reichlich Platz für alle!“ (Sequenzpro‐ tokoll: Nr.21).
Judith Kerman (1991) nennt diese paradoxe Situation einer überbevölkert erscheinenden und gleichzeitig leeren Stadt bezeichnend „crowded emptiness“ (ebd.: 17). Sie weist dabei auf eine Parallele zur europäischen Welle der Hausbesetzungen in den 70er Jahren hin. Auch hier standen große Gebäude leer, obwohl viele Obdachlose die Straßen bevölkerten. Die daraus resultierenden Besetzungen der für die Besitzer nicht mehr rentablen Gebäude, erin‐ nern an die Wohnsituation von J.F. Sebastian in Blade Runner. 8 Auch im Film hat man den Eindruck, dass das Gebäude im futuristischen Umfeld aufgeben und den Menschen überlas‐ sen wurden, die die trostlose Erde (noch) nicht verlassen haben (s.u.). Filmisch wird dieser Eindruck durch den Stil der Kulissen und Requisiten unterstützt. Bukatman (1998) beschreibt das verwendete Verfahren, indem einfach neue Teile auf alte verfallene Strukturen gebaut wurden, mit dem Begriff „retrofitting“ (ebd.: 20).
4.2 Die staatliche Kontrolle
Auf den existierenden Staat und seine Rolle in der Gesellschaft von Blade Runner liefert der Film nur wenige verteilte Hinweise, die zu einem klaren Bild zusammengesetzt werden müs‐ sen. Obwohl die dargestellte staatliche Kontrolle keine orwellschen Ausmaße annimmt, so ist sie doch zu erwähnen, da sich in diesem Kontext einige interessanten Folgen ableiten
7 Abgesehen von Sebastians künstlich hergestellten Spielzeugen, die ihm zwar in seiner einsamen Lage Gesell‐ schaft leisten, aber nicht wirklichen Sinne als lebendige Bewohner des Hauses zählen. (vgl. Sequenzprotokoll: Nr. 21)
8 Nicht zu vergessen, sei aber auch die Tatsache, dass das leer stehende und marode Gebäude ein hervorra‐ gendes Setting darstellt, welches vor allem im finalen Zweikampf zwischen Deckard und Batty ausgereizt wird (Sequenzprotokoll, Nr. 44 - 49)
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lassen. Der Staat tritt in L.A. vorwiegend durch „police, police vehicles and computers everywhere“ (Kerman, 1991: 18) in Erscheinung. Obwohl dies, oberflächlich betrachtet, die auffälligsten Vertreter staatlicher Macht sind, sollte man die auf den ersten Blick weniger offensichtlichen Repräsentanten nicht außer Acht lassen.
Die unablässig und willkürlich umherschwenkenden Suchscheinwerfer, die selbst dunkelste Ecken beleuchten und eine unsichtbare Macht repräsentieren, nehmen auch vor privatem Raum keine Rücksicht und verbreiten eine paranoide Gefängnisatmosphäre verbreiten. Selbst nahezu unbewohnte Häuser (s.o.) werden ohne Unterlass ‚durchleuchtet’. Zudem ist der großzügige Einsatz dieser Scheinwerfer, meist als Gegenlicht zur Kameraachse, eines der einprägsamsten visuellen Merkmale des Films und definiert somit auch eine ästhetische Komponente des Films (vgl. Bukatman, 1997: 29).
Somit verdeutlicht der Film durch seine allgegenwärtigen Kontrollinstanzen das Bild eines ziellos, aber konstant überwachenden Staates, der ständige Bedrohung von innen befürch‐ tet. Um dieser Bedrohung entgegen zu wirken, bedarf es eines durchgreifenden Staatsorgans mit weitreichenden Befugnissen.
Als auffälligstes Beispiel jener mächtigen Staatsexekutive ist hier die namensgebende Spezi‐ aleinheit der Polizei, die Blade Runner selbst, zu erwähnen. Denn nur ihnen ist es aufgrund eines undurchsichtigen subjektiven Tests, dem so genannten ‚Voight‐Kampff‐Test’, möglich, Menschen von Nicht‐Menschen, also Weiterleben von Exekution zu unterscheiden. „[T]he police powers of this society allow anyone to be defined [...] as non‐human, a target to be ‘retired’, that is, shot on sight.” (Kerman, 1991: 19) Die Staatsexekutive verkörpert so‐ mit Polizist, Richter und Henker in einem, deren möglicherweise falschen Entscheidungen auch die Replikantin Rachael in Frage stellt.
RACHAEL: Aber in ihrer Position könnte das passieren! (Sequenzprotokoll, Nr. 10)
4.3 Industrie und Macht
In Bezug auf die gerade besprochene Rolle der staatlichen Kontrolle, gibt es eine bemer‐ kenswerte Überschneidung zwischen staatlicher Kontrolle und den Interessen der Wirt‐ schaft; den zwei mächtigsten gesellschaftlichen Positionen im futuristischen Los Angeles.
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Arbeit zitieren:
Benedikt Wagner, 2004, Auf des Messers Schneide, München, GRIN Verlag GmbH
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