Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Sozialer Einfluss und Konformität 3
3. Mehrheitseinfluss 4
3.1 Von Bohnen, Punkten und Linien 4
3.2 Anerkennung vs. Information 6
3.3 Die Abhängigkeit der Kleingruppe. 10
3.4 Compliance - für euch oder für mich? 11
4. Die Absicht zur unbewussten Manipulation 12
4.1 Die Tür im Gesicht oder 13
4.2 den Fuß in der Tür. 14
5. Minderheiten - die Mehrheiten der nächsten Generation? 15
6. Fazit 18
7. Literaturverzeichnis 20
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1. Einleitung
„Warum folgt man der Mehrheit? Etwa weil sie mehr Vernunft besitzt?“ (KNISCHEK, 2005, S. 214), fragte einst der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal in seinen Pensées und fand darauf eine Antwort, die klarer nicht hätte ausfallen können: „Neinweil sie stärker ist.“ (ebd.). Eine auf den ersten Blick durchaus plausible Aussage, die Pascal getroffen hat. Aber folgen wir immer der Mehrheit? Und sollten wir dies tun, dann wirklich um der Macht Willen? Welche Rolle spielt dabei die Minderheit? Sind wir überhaupt durch andere Individuen beeinflussbar, wo wir doch seit dem 17. Jahrhundert als aufgeklärt gelten und der Leitspruch „sapere aude“ 1 mehr denn je unsere heutige individualistische Gesellschaftsordnung prägt. Oder hatte Arthur Conan Doyle doch Recht, als er 1909 schrieb: „Die menschliche Natur ist schwach, der Einfluss der Umgebung stark.“ (DOYLE, 1909)?
Die folgende Arbeit befasst sich mit ausgewählten Studien zu verschiedenen Phänomenen des sozialen Einflusses. Es werden zunächst einige Grundbegriffe erläutert, bevor verschiedene Einflussvarianten näher vorgestellt werden. Im Rahmen des Majoritäteneinflusses werden unbewusste Einflüsse von absichtlich herbeigeführten differenziert. Letztendlich soll auch die Theorie des Minderheiteneinflusses als kontrastierende, aber auch komplementäre Ergänzung betrachtet werden. Der nachstehende Text kann in seiner Thematik keineswegs als vollständig angesehen werden; er soll lediglich einen Einblick in die Forschung zu besagtem Thema geben. Besonderen Wert wurde auf das Einbinden von Zitaten aus den entsprechenden Originalstudien - insofern frei zugänglich - gelegt.
2. Sozialer Einfluss und Konformität
Dem dadaistischen Titel 2 dieser Arbeit folgend, ergeben sich Widersprüche in unseren Urteilen, denn „[j]edes Gruppenmitglied ist ungeachtet seines Ranges eine potentielle Quelle oder ein potentieller Empfänger von Einfluß [sic].“ (MOSCOVICI, 1979, S. 82), schreibt Serge Moscovici, Direktor des Laboratoire Européen de Psychologie Sociale Paris in seinem Buch „Sozialer Wandel durch Minoritäten“. Sobald ein Individuum anderen Gruppenmitgliedern begegnet, entsteht also unweigerlich sozialer Einfluss. Eddy
1 Zitat des lateinischen Dichters Horaz; von Immanuel Kant mit „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ übersetzt; Leitspruch der Aufklärung.
2 Der Titel wurde aus Kurt Schwitters dadaistischen Gedicht „An Anna Blume“ (1919) entnommen.
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van Avermaet von der Katholieke Universiteit Leuven (Belgien) beschreibt sozialen Einfluss bezugnehmend auf Germaine de Montmollin als „[e]ine Veränderung der Urteile, Meinungen und Einstellungen einer Person infolge der Konfrontation mit den Auffassungen anderer Menschen.“ (DE MONTMOLLIN 1977, zitiert nach VAN AVERMAET, 2002, S. 452). Die Funktion sozialen Einflusses liegt nach Moscovici darin, „[…] soziale Kontrolle aufrechtzuerhalten und zu verstärken.“ (MOSCOVICI, 1979, S. 25). Natürlich verläuft diese Beeinflussung nicht ausschließlich absichtlich und bewusst. Meist handelt es sich nur um einen beiläufigen, unbewussten Einfluss, den eine Gruppe durch ihre alleinige Anwesenheit auf den Einzelnen ausübt. Wenn jedes Individuum von der Gruppe beeinflusst wird, dann übt auch das (beeinflusste) Individuum selbst im Verband mit anderen unmerklich Einfluss aus. Dennoch kann das Konzept des Einflusses durch die Anwesenheit anderer auch bewusst genutzt werden, um Menschen in ihren Entscheidungen zu beeinflussen. Unweigerlich denkt man an Begriffe wie „Propaganda“ oder „Gehirnwäsche“, die sofort mit absichtlicher, geplanter Manipulation assoziiert werden. Ziel dieses geplanten Vorgehens ist das Erzielen von Konformität zu einer bestimmten Gruppe. Durch die abgegebenen Stimuli soll sich der Empfänger in seinem Denken und Handeln der Gruppennorm fügen, sich konform verhalten. Konformität meint nach van Avermaet sozialen Einfluss, „[…] der sich aus der Konfrontation mit den Meinungen einer Mehrheit oder der Mehrheit der eigenen Gruppe ergibt.“ (VAN AVERMAET, 2002, S. 452), worin nicht zwangsläufig eine bestimmte Absicht bestehen muss. Im Zusammenhang mit sozialem Einfluss steht die intendierte oder beabsichtigte Konformität im Mittelpunkt. Willis und Levine definieren sie als Verhalten „[…] mit dem intendiert wird, normative Gruppenerwartungen zu erfüllen, und zwar so, wie diese Erwartungen vom Akteur wahrgenommen werden.“ (WILLIS & LEVINE, 1976, zitiert nach BIERHOFF, 2006, S. 413). Davon abzugrenzen ist die inzidentelle Konformität, „[…] die sich aufgrund der Einwirkung von zusätzlichen Faktoren ergibt.“ (ebd.). Spannen viele Menschen bei einem Regenschauer einen Regenschirm auf, so liegt die Ursache der Konformität weniger im sozialen Einfluss als viel mehr in der Tatsache sich vor dem Niederschlag schützen zu wollen.
3. Mehrheitseinfluss
3.1 Von Bohnen, Punkten und Linien…
Die ältesten Befunde zur Entstehung von Konformität durch sozialen Einfluss lieferte Arthur Jenness von der University of Nebraska im Jahr 1932. Er ließ die
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Versuchsteilnehmer „[…] the number of beans in a sealed bottle.“ (JENNESS, 1932, S. 280) schätzen. Zunächst sollten die Teilnehmer einzeln ihr Urteil abgeben und später als Gruppe zu einer einheitlichen Gruppenschätzung gelangen. Anschließend wurden sie erneut gebeten ein individuelles Urteil abzugeben und nahezu alle Befragten glichen ihr zweites Einzel-Urteil an das vorhergehende Gruppenergebnis an. (JENNESS, 1932). Ähnliche Befunde konnte der türkische Psychologe Muzaffer ùerif 3 1935 erzielen. Anhand des autokinetischen Effektes 4 untersuchte Sherif den sozialen Einfluss in einer für die Versuchspersonen vollkommen unbekannten Situation. In einem gänzlich abgedunkelten Raum sollte das Ausmaß der Bewegung eines in Wirklichkeit fixen Lichtpunktes geschätzt werden. Zunächst wurden die Teilnehmer einzeln der Lichtquelle ausgesetzt und mussten ihr Urteil mündlich abgeben. Am nächsten Tag wurden Gruppen aus zwei bis drei Personen gebildet, die nun erneut die Bewegung des Punktes schätzen sollten. Insgesamt wurden eine Einzelsitzung und drei Gruppenbefragungen durchgeführt, sodass das Experiment insgesamt vier Tage in Anspruch nahm. Während die Versuchspersonen in den Einzelsitzungen unterschiedliche, aber persönliche konsistente Ergebnisse erzielten, stellte sich in den darauf folgenden drei Gruppenphasen eine gewisse Gruppennorm ein. Die Hälfte der Versuchsteilnehmer durchlief das Experiment in entgegengesetzter Reihenfolge, das heißt die Gruppenphasen gingen der Einzelbefragung voraus. Im Nachhinein abgegebene einmalige Einzelschätzungen orientierten sich nun in hohem Maße an der vorher gebildeten Gruppennorm, obgleich die Einzelmeinungen weit auseinander lagen, wenn sie vor der Gruppenphase erhoben worden waren (SHERIF, 1935; Vgl. VAN AVERMAET, 2002, S. 453f) 5 . Freilich können diese Experimente noch nicht den Einfluss von Mehrheiten und das Entstehen von Konformismus erklären, sie stellen aber zunächst eine erste Anregung dar, um die Macht der Gruppe besser einschätzen zu können.
Die wohl bekanntesten Studien zu sozialer Influenz und Konformität stammen vom USamerikanischen Psychologen Solomon E. Asch. Er untersuchte Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts gezielt den Einfluss von Konformität auf das Urteil eines Individuums. Im Vergleich zu Sherifs Studie, bei der es keine richtigen oder falschen Antworten geben konnte, legte Asch besonderen Wert darauf, die Antworten eindeutig
3 Im Folgenden wird die englische Schreibweise „Muzafer Sherif“ verwendet.
4 „Die Bewegungstäuschung bei einem stationären Lichtpunkt, den man in einer völlig abgedunkelten Umgebung betrachtet.“ (VAN AVERMAET, 2006, S. 453).
5 „When individuals face this new, unstable situation as members of a group for the first time, a range (a scale) and a norm (standard) within that range are established which are peculiar to the group, and afterwards when they face the same situation alone they stick to the range and norm established in the group. “ (SHERIF, 1935. S. 41).
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als richtig oder falsch in Erscheinung treten zu lassen. Das Ur-Experiment gestaltete sich folgendermaßen: Eine Person wurde zu einem angeblichen „[…] Experiment zur visuellen Diskrimination.“ (VAN AVERMAET, 2002, S. 455) bzw. einem Wahrnehmungs-Test 6 eingeladen. Sie sollte in Mitten einer Gruppe, die in Wirklichkeit aus Helfern des Versuchsleiters bestand, eine Referenzlinie mit drei anderen Linien unterschiedlicher Länge vergleichen und diejenige bestimmen, welche exakt mit der Referenzlinie übereinstimmt 7 . Die richtige Lösung war dabei so offensichtlich, dass in der Kontrollbedingung nahezu keine Fehler auftraten (Fehlerquote 0,7 %; Vgl. ERB & BOHNER, 2002, S. 48; VAN AVERMAET, 2002, S. 456). Nacheinander gaben nun alle Personen ihr Urteil mündlich ab. Insgesamt wurden zwölf verschiedene Vergleiche durchgeführt, bei denen die einzige „echte“ Versuchsperson jeweils als vorletzter von insgesamt sieben Teilnehmern ihre Antwort nennen musste. Zunächst gaben alle instruierten Personen der Versuchsgruppe in jedem Durchlauf das richtige Urteil ab. Dann aber begannen die Versuchshelfer, geschlossen falsche Antworten zu geben und die Aufmerksamkeit richtete sich auf die Reaktion der Versuchsperson. Obgleich die richtige Lösung offensichtlich war, passten sich die Befragten in 36,8 % aller Fälle der falschen, aber gruppenkonformen Meinung an. Nur ein Viertel der 123 von Asch eingeladenen Probanden machte keinen einzigen Fehler; im Vergleich zur Kontrollgruppe, in der 95 % der Teilnehmer fehlerfrei blieben, ein eher geringer Wert (ASCH 1987; Vgl. HEWSTONE & MARTIN, 2007, S. 380).
3.2 Anerkennung vs. Information
Die Versuche von Jenness, Sherif und Asch verdeutlichen eindrucksvoll den sozialen Einfluss, den andere auf unser eigenes Urteil ausüben. Dennoch handelt es sich hierbei um grundlegende Studien, die nur einen kleinen Teil dessen erfassen, was unsere Urteilsfähigkeit wirklich beeinflusst.
Vier Jahre nach Aschs ersten Linien-Experiment differenzierten Morton Deutsch und Harold B. Gerard in ihrer Studie „[…] Social Influences upon Individual Judgment“ (DEUTSCH & GERARD, 1955) zwei komplementäre Formen des sozialen Einflusses: Normative und informative 8 soziale Influenz. Die beiden Forscher definierten normativen
6 „The setting is that of a perceptual test. “ (ASCH, 1987, S. 451).
7 „The task is to select from among the three lines the one equal in length to the standard line […]“ (ASCH, 1987, S. 451f.).
8 Der englische Ausdruck „informational influence“ wird im Deutschen unterschiedlich wiedergegeben. In Abstimmung mit der 23. Auflage des Dudens wird im Folgenden der Ausdruck „informativer Einfluss“, wie er auch bei Aronson 2006 und van Avermaet 2002 zu finden ist, verwendet.
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Arbeit zitieren:
Nico Dietrich, 2009, "Blau ist die Farbe deines gelben Haares" - Wie wir glauben, was wir (nicht) sehen, München, GRIN Verlag GmbH
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