Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Luhmanns Systemtheorie 4
2.1 Eine Welt aus Systemen 4
2.2 Soziale Systeme 8
2.3 Die Massenmedien - Ein System? 9
3. Kritische Betrachtung 13
4. Fazit und Ausblick 19
5. Literatur 20
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1. Einleitung
„Niklas Luhmann, der Beobachter der Gesellschaft im Ausguck der Wissenschaft“ (Boehm u. Strauch 1989 1 ), gilt als der „produktivste und originellste unter den theoretischen Soziologen in der Bundesrepublik.“ (dpa 1988 nach Horster 2005, S. 193). Bekanntheit erlangte der studierte Rechtswissenschaftler vor allem durch seine Weiterentwicklung der Systemtheorie und der damit verbundenen wissenschaftlichen Debatte. Kaum eine andere Theorie erhebt den größtmöglichen Anspruch, die gesamte Gesellschaft inklusive sich selbst beschreiben zu wollen. In 29 Jahren entwickelte Luhmann eine komplexe Systemtheorie, die um einiges abstrakter und komplexer daherkommt als alle älteren Ansätze.
Geprägt von chaotischen Nachkriegserfahrungen und britischer Kriegsgefangenschaft, fand der gebürtige Lüneburger fortan Befriedigung in der Herstellung von Ordnung und strebte zunächst eine Karriere in der Verwaltung an, bevor er sich der Wissenschaft widmete. Der Ordnungssinn Luhmanns spiegelt sich in seinem Zettelkasten-System, das die Grundlage seiner immensen Produktivität birgt, wider (vgl. Berghaus 2004, S. 14). So beachtlich Luhmanns Leistung auch ist, seine Sys-temtheorie wurde Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen und spaltet bis heute die soziologische Welt. Jürgen Habermas, mit dem Luhmann 1971 Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie veröffentlichte, gilt als einer der größten Kritiker. Obgleich sich beide Sozialwissenschaftler auf die gleichen Ursprünge beziehen, entwickelten sie sehr verschiedene Ansätze und scheuten die gegenseitige Kritik nicht.
Die folgende Arbeit soll Niklas Luhmanns Systemtheorie näher beleuchten, zentrale Begriffe klären und zueinander in Beziehung setzen. Des Weiteren wird der Schwerpunkt auf den Massenmedien als System liegen. Der zweite Teil wird sich kritisch mit der Theorie auseinander setzen und die Einordnung der Massenmedien aus verschiedenen Perspektiven untersuchen, bevor Fazit und Ausblick die Niederschrift abrunden. Aufgrund der relativen Kürze dieser Arbeit, muss eine umfassen-
1 Zitiertnach der Fernseh-Dokumentation „Beobachter im Krähennest“ des Westdeutschen Rundfunks aus dem Jahr 1989.
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de Abhandlung der Luhmann’schen Theorie außen vor bleiben. Beziehungen zwischen den Systemen sollen deswegen weitgehend ausgeblendet werden.
2. Luhmanns Systemtheorie
2.1 Eine Welt aus Systemen
Im Mittelpunkt der Systemtheorie steht nach Matthias Kohring von der Westfälischen Wilhelm-Universität Münster die Vernetzung von Einzelphänomenen „zu einer als System bezeichneten Ganzheit.“ (Kohring 2004, S. 186). Kohring schreibt weiterhin, ein System werde durch die wechselseitigen Relationen seiner Elemente bestimmt und Stefan Weber ergänzt, dass System sei in jedem Falle mehr als bloß die Summe seiner Teile (vgl. Kohring 2004, S. 186; Weber 2003, S. 203). In der Systemtheorie geht es also um die „Organisationsform der komplexen Wechselbeziehung zwischen einzelnen Elementen“ (Kneer u. Nassehi 2000, S. 21). Die allgemeine Brisanz der Systemtheorie spiegelt sich in der Sekundärliteratur sehr unterschiedlich wider. Spricht Margot Berghaus von einer Theorie, die „heute in der Wissenschaft bereits etabliert“ (Berghaus 2004, S. 24) sei, heißt es bei Dieckmann, dass speziell „Luhmanns theoretischer Entwurf […] ein geteiltes Echo fand und nach wie vor findet.“ (Dieckmann 2004, S. 9). Hingegen bescheinigt Helmut Willke, die Systemtheorie habe sich „zum expansivsten Paradigma in den Sozialwissenschaften entwickelt“ (Willke 2006, S. 12). Der Soziologe Hartmut Esser spricht in diesem Zusammenhang unter anderem von der Selbst-Erfindung nötig scheinender Konzepte und schreibt weiter, die Theorie habe sich zu einem Paradigma aufgebläht (vgl. Esser 2000, S. 300). Jürgen Habermas, Begründer der kritischen Theorie und einst Luhmanns Kollege an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, soll einmal über Luhmanns Theorie geäußert haben, sie sei falsch, habe aber Qualität (vgl. Rastelli 2008). Obgleich der Begriff Systemtheorie besonders im deutschsprachigen Raum stets mit Niklas Luhmann verknüpft wird, kann man keinesfalls von einer singulären Systemtheorie sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein ganzes Bündel an Theorien, die im Laufe der Jahre stets weiter ausgebaut und modernisiert wurden. Namen wie Talcott Parsons, Norbert Wiener oder George Spencer Brown stehen genau wie Luhmann in unmittelba-
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rer Verbindung zur systemischen Denkweise. Weber bezeichnet Luhmanns Theorie selbstrefenzieller, autopoietischer Sozialsysteme allerdings als „die am weitesten fortgeschrittene und begrifflich komplexeste Fassung der Systemtheorie“ (Weber 2003, S. 206) und zeigt damit deren Stellenwert auf. Vorreiter systemtheoretischen Denkens und ein wesentliches Vorbild Luhmanns war der US-amerikanische Soziologe Talcott Parsons. Die Betrachtungsweise mit der Luhmann an die Systemtheorie herantritt, differenziert sich allerdings von der seiner Vorgänger. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Parsons und Luhmann besteht darin, dass letzterer die Theorie des US-Amerikaners umkehrt. Ging Parsons von einer strukturell-funktionalen Systemtheorie aus und fragte nach der Funktion bestehender Strukturen, ändert Luhmann die Perspektive, indem er sich zu Gunsten einer funktional-strukturellen Sichtweise entscheidet. Luhmann nimmt somit nicht an, dass eine bestimmte Struktur vorausgesetzt sein muss, deren Funktion es anschließend zu erklären gilt (vgl. MedienWiki 2006). Sondern er fragt, wie die soziale Ordnung, „deren Entwicklung als hoch selektiv und damit als sehr unwahrscheinlich betrachtet wird“ (Kohring 2004, S. 187), überhaupt möglich wird. Gemein ist allen Systemtheoretikern freilich die Auffassung, dass die Welt aus Systemen besteht. Auch Luhmann geht es folglich um „eine Analyse realer Systeme in der wirklichen Welt.“ (Luhmann 2006, S. 30). Das System gilt als der wichtigste Begriff der Theorie und doch fällt eine schlüssige Definition einigermaßen schwer. Für Berghaus ist es gar „der abstrakteste Begriff in dieser Theorie.“ (Berghaus 2004, S. 39). Eine Rückbesinnung auf alltagssprachliche Vorstellungen bestimmter Begrifflichkeiten erweist sich bei Luhmanns Ausarbeitungen als durchaus unvorteilhaft. Sich, im Gegenteil dazu, von konventionalisierten Bedeutungszuschreibungen zu lösen und der Theorie in einem gewissen Maße unbeeinflusst zu begegnen, kann dem Verständnis dagegen förderlich sein, wie im Folgenden am Beispiel „System“ zu sehen. Denn Systeme bestehen bei Luhmann weder aus Menschen bzw. Bewusstseinssystemen (vgl. Kohring 2008, S. 188), sondern aus Operationen. „Nur ein System [könne] operieren, und nur Operationen [könnten] Systeme produzieren.“ (Luhmann 2008, S. 28), behauptet der Sozialforscher. Da es sich hierbei um eine zirkuläre Entwicklung handelt, stellt sich natürlich die Frage, wie sich neue Systeme etablieren können. Für Luhmann gilt: „Jede moderne Systemtheorie setzt
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an bei der Differenz von System und Umwelt.“ (Luhmann 1973 2 ). Es bleibt festzuhalten, dass zunächst Umwelt vorhanden sein muss „und dass dann der Differenzie-rungsvorgang des Unterscheidens dazu führt, dass neue Systeme entstehen.“ (Dieckmann 2004, S. 25). Die Abgrenzung des Systems erfolgt „anhand der spezifischen Art und Weise, wie ein System seine Elemente miteinander verknüpft“ (Kohring 2004, S. 186). Elemente, zu denen keine Verknüpfung erfolgt, sind folglich als Umwelt zu bezeichnen und diese wird insofern „durch die systemeigenen Operationen erzeugt“ (Berghaus 2004, S. 40). Luhmann ist zwar Konstruktivist, leugnet aber keinesfalls die Existenz von Welt. Jede nur mögliche Realität muss allerdings „über Unterscheidungen konstruiert werden und bleibt damit Konstruktion.“ (Luhmann 1990 nach Berghaus 2004, S. 27). Man kann sagen, die Welt ist wirklich vorhanden, aber de facto unerreichbar, denn wenn sich ein System von seiner Umwelt abgrenzt, ist diese Umwelt eine konstruierte. Folglich kann das System auch keinen direkten Zugriff auf seine Umwelt haben, denn wäre dieser vorhanden, dann wäre die vermeintliche Umwelt auch ein Teil des Systems. „Realität ist uns nur durch den Vorgang des Beobachtens und der Beschreibung gegeben.“ (Wehner 2000, S. 99), fasst Josef Wehner von der Universität Bielefeld zusammen. Beobachten ist in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit Unterscheidungen treffen, denn im Vorfeld muss bereits unterschieden werden, was in den Fokus rücken soll und was nicht. Unweigerlich entsteht bei jeder Beobachtung ein blinder Fleck, da der Beobachter sich und seine getroffene Unterscheidung nicht selbst beobachten kann. Lösen sollte man sich infolge der System-Umwelt-Differenz von statischen Vorstellungen und einer trennscharfen Begrenzung, denn diese „Differenz ist keine ontologische“ (Luhmann 2006, S. 244) und „gilt vielmehr nur systemrelativ“ (Luhmann 2006, S. 244). Die konstruktivistische Sichtweise Luhmanns begründet sich schon allein darin, dass Umwelt je nach System also etwas immer verschiedenes ist, denn das jeweilige System bildet seine Grenzen bereits durch das eigene Vorhandensein, durch Operationen, aus.
Grundlegend werden vier Haupttypen von Systemen unterschieden: Maschinen, biologische, psychische und soziale Systeme. In der Gesellschaft existieren aber
2 Das Zitat entstammt einem Fernseh-Interview mit dem Journalisten Ulrich Boehm aus dem Jahr 1989.
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Arbeit zitieren:
Nico Dietrich, 2010, Luhmanns Systemtheorie und Einordnung der Massenmedien, München, GRIN Verlag GmbH
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