Inhaltsverzeichnis
Gliederungspunkt Seite
1. Einleitung. 1
1.1. Problemdarstellung. 1
1.2. Ziel der Arbeit. 2
1.3. Fragestellungen. 2
1.4. Untersuchungsmethode. 3
1.5. Erläuterungen. 3
2. Institutionelle Grundlagen des Themenkomplexes. 5
2.1. Parameter Hörfunk - Rundfunkforschung und Jugend. 5
2.2. Parameter Jugend - Jugendforschung und Medien. 7
2.3. Medienpädagogik - Zwischen den Stühlen. 8
2.4. Zusammenfassung. 9
3. Jugend und Hörfunk - Der gegenwärtige Forschungsstand. 10
3.1. Ein Forschungsdesiderat? 10
3.1.1. Exkurs: Gewaltforschung in Bezug auf
Medien und Jugendliche. 11
3.1.2. Historische Einbettung der Forschungslage. 12
3.2. Dauerhafte Forschungsinstanzen. 14
3.2.1. Parameter Hörfunk. 14
3.2.2. Parameter Jugend. 15
3.2.3. Exkurs: Internetstudien. 17
3.3. Charakteristika jugendlichen Hörfunkverhaltens. 18
3.3.1. Aufmerksamkeit. 19
3.3.2. Empfundene Glaubwürdigkeit. 20
3.3.3. Information und Wortbeiträge. 21
3.3.4. Bindung. 23
3.4. Hörfunk in der Entwicklung Heranwachsender. 24
3.4.1. Hörfunk im Übergang zum Jugendalter. 25
3.4.2. Hörfunk in der Frühadoleszenz. 27
3.4.3. Hörfunk in der mittleren und späten Adoleszenz 27
Gliederungspunkt Seite
3.5. Jugendliche, Radio und Musik. 28
3.5.1. Die Bearbeitung jugendlichen Entwicklungsbedarfs. 29
3.5.2. Musik und Gefühl. 32
3.6. Fazit. 33
3.6.1. Teil I: Der Hörfunk als Jugendmedium. 33
3.6.2. Teil II: Der Forschungsstand zum Komplex
H örfunk und Jugendliche. 34
4. Jugend und Hörfunk - Entwicklungen und Trends. 37
4.1. Jugendliche Hörfunknutzung - Aktuelle Tendenzen im
geschichtlichen Vergleich. 37
4.2. Das Radio als Musikmedium und die neuen Konkurrenten. 39
4.2.1. Webradio. 40
4.2.2. Personalisierte Online-Musikangebote. 41
4.3. Fazit. 44
5. Zusammenfassung und Folgerung. 45
6. Literaturverzeichnis 47
1. Einleitung
1.1. Problemdarstellung
Das Radio kann als erstes elektronisches Massenmedium auf eine lange Tradition als Tagesbegleiter in deutschen Haushalten zurückblicken. In seiner Bedeutung für Jugendliche nahm es eine erstaunliche Entwicklung; so war der Hörfunk unmittelbar an der jugendkulturellen Verbreitung des Rock'n'Roll beteiligt oder trug mit speziellen Jugendsendungen in den späten 1960er Jahren zur adoleszenten Identitätsbildung bei. 1 Dennoch wurde dem Radio - spätestens seit Etablierung des audiovisuellen Rundfunkpendants - sowohl in wissenschaftlichen Publikationen als auch von außerakademischen Forschungsinstanzen nur in geringem Maße Beachtung geschenkt. Der Hörfunk, quasi-zyklisch totgesagt, ist auch heute nicht von der medialen Bildfläche verschwunden; für Heranwachsende bietet er - nicht erst seit der verstärkten Etablierung von Jugendprogrammen in den 1990er Jahren - vielfältige Möglichkeiten. In einer Zeit facettenreicher medialer Alternativen gewinnt allerdings die Frage nach seiner Konstitution wieder an Bedeutung. Im neuen Jahrtausend sehen sich die jungen Rezipienten mit einer immer größeren Angebotsvielfalt konfrontiert, die Anbieter einem härteren intermedialen Wettbewerb ausgesetzt. Wie diese Arbeit herausstellen wird, ist das Radio für Heranwachsende vor allem als Musikmedium von Bedeutung; in dieser Funktion hat es jedoch in den letzten Jahren zahlreiche Konkurrenten hinzugewonnen. In einer immer stärker konvergenten Medienwelt bieten multifunktionale Endgeräte neue Alternativen, Musik zu hören, doch auch die Angebote selbst dehnen sich aus und lassen junge Hörer aus einer Fülle von Möglichkeiten schöpfen. Computer, MP3-Player und Internet sind für Jugendliche zu wichtigen Abspieloptionen geworden 2 und auch das Radio macht vor dieser Entwicklung nicht Halt: mit dem Konvergenzmedium schlechthin, dem Internet, können und müssen dem Hörfunk neue Wege erschlossen werden. Doch gelingt es ihm, im Verhältnis zu neuen Musikmedien im jugendlichen Medienensemble zu bestehen? Welche Position nimmt das Radio in Zeiten eines sich kulminierend ausdifferenzierenden Marktes und zenitaler Zeitbudgets jugendlicher Medienrezeption ein?
1 Vgl. Münch 1998 S. 389.
2 Vgl. Schorb / Keilhauer / Würfel / Kießling 2008 S. 9.
1
1.2. Ziel der Arbeit
Das Ziel der Arbeit ist, den gegenwärtigen Untersuchungsstand zum Themenkomplex Jugend und Hörfunk zu erhellen und jüngste Ergebnisse und Entwicklungstendenzen aufzuzeigen. Die Analyse aktueller Forschungsresultate mündet in der Konzentration auf das Beziehungsgeflecht Jugend, Hörfunk und Musik und zielt auf die Frage, wie sich die Marktsituation des Hörfunks zuletzt gerierte. Am Ende der Arbeit soll explizit ermittelt werden, welche Stellung dem Radio im Kanon jugendlicher Musikmediennutzung zukommt und wie sich diese in ihren Grundeigenschaften verändert. Der pragmatische Anspruch liegt in der Aktualisierung des Bildes jugendlicher Hörfunknutzung begründet, weshalb auf eine historische forschungsgeschichtliche Darstellung verzichtet wird und nur ausgewählte, für den heutigen Umgang Heranwachsender mit dem Medium aussagekräftige Forschungsergebnisse Eingang in die Arbeit finden; sie soll Trends des jugendlichen Rezeptionsverhaltens und - hyperbolisch zugespitzt - Perspektiven zur Konsolidierung respektive Steigerung seiner jugendkulturellen Bedeutung aufzeigen.
1.3. Fragestellungen
Die forschungsleitenden Fragestellungen richten sich anfänglich verstärkt auf die Grundlagen und institutionellen Verankerungen der Forschungsinstanzen aus, die zum aktuellen Erkenntnisstand Ergebnisse beisteuern: Welche Wissenschaftsbereiche sind maßgeblich am gegenwärtigen Forschungsstand des Themenkomplexes beteiligt? Gibt es eine Jugendhörfunkforschung?
Der folgende dritte Abschnitt stellt einen Gedanken, der den meisten Publikationen zum Untersuchungsgebiet inhärent ist, voran: dass die Untersuchung der Beziehung junger Menschen zum Radio ein defizitäres Forschungsfeld ist. Ausgehend davon versucht das Kapitel die Frage zu klären, was die Gründe für dieses Desiderat sind, um im abschließenden Fazit wieder Bezug auf diese oft getroffene Behauptung zu nehmen. Nach einem komprimierten Einblick in die Forschungssituation im historischen Kontext wird in der vorliegenden Arbeit anschließend die Frage gestellt, welche dauerhaften Instanzen Erkenntnisse bezüglich des Forschungsgegenstands liefern. Im weiteren Verlauf des Kapitels soll aufgrund einer Zusammenschau aktueller Ergebnisse herausgearbeitet werden, welche Haupteigenschaften die jugendliche Radionutzung und die Wahrnehmung des Hörfunks kennzeichnen. Wie verhält sich die jugendliche Radiorezeption im Vergleich zu anderen Altersgruppen? Welche
2
Unterschiede und feinen Nuancen lassen sich für den Umgang mit dem Hörfunk im Ablauf der Jugendphase herausstellen? Welche Bedeutung kommt der Musik zu? Das letzte Kapitel fragt nach Entwicklungen der letzten Jahre und der aktuellen Stellung des Radios im Kontext des jugendlichen (Musik-)Medienensembles. Kann sich das Radio gegenüber anderen Musikmedien behaupten? Welche Perspektiven ergeben sich für den Hörfunk, um für den Markt jugendlicher Musik- und Medienrezeption attraktiv zu bleiben?
1.4. Untersuchungsmethode
Die Forschungsmethode der vorliegenden Arbeit ist eine Literaturanalyse beziehungsweise Sekundäranalyse. Sie konzentriert sich nicht allein auf eine Zusammenschau von Forschungsergebnissen eines bestimmten Zeitraumes, sondern soll als Bindeglied zwischen einer Übersicht aktueller Ergebnisse und einzelner als für die Untersuchung des Gegenstands zentral empfundener Projekte fungieren. Im Stile eines State-of-the-Art-Berichts wird die Arbeit den aktuellen Forschungsstand zum Themenkomplex in seinen institutionellen Verknüpfungen interdisziplinär erörtern. Der letzte Teil der Arbeit enthält hermeneutische als auch narrative Elemente.
1.5. Erläuterungen
Unter Hörfunk verstehen wir im Folgenden die Gesamtheit auditiver, akustisch wahrnehmbarer Programme, die analog oder digital über Funkwellen, Kabel oder Internet verbreitet werden und mittels der Endgeräte Radio, Computer, Fernseher und neuerdings auch MP3-Player und Handy empfangen werden können. Die Ambiguität des nach 1945 sukzessiv etablierten 3 Begriffs Radio als Synonym zum Terminus Hörfunk, gleichzeitig Bezeichnung für das Hörfunk-Empfangsgerät sowie für Hörfunkprogramme produzierende Gewerbeeinheiten, soll in dieser Arbeit zugunsten der gleichartigen Verwendung des Begriffs mit ‚Hörfunk‘ beseitigt werden. Der Begriff Jugend, oder auch Adoleszenz, beschreibt einen Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsensein. Sozialwissenschaftlich besteht ebensowenig ein Konsens über die Einordnung als eigenständigem Lebensabschnitt, als Moratoriumsphase oder als Übergangsphase zwischen Kindheits- und Erwachsenenalter 4 , wie auch über die statistische Spanne, die das Jugendalter integriert. Die zugrundegelegten Altersgruppen variieren und werden deshalb im Vergleich verschiedener Daten mitunter
3 Vgl. Diederichs 2001 S. 219.
4 Vgl. Hurrelmann / Rosewitz / Wolf 1985 S. 10-14, Münch / Boehnke 1996 S. 554.
3
studienspezifisch konkretisiert.
Sofern nicht explizit anders erwähnt, nehmen alle nachfolgend getroffenen Aussagen nationalen Bezug.
4
2. Institutionelle Grundlagen des Themenkomplexes
Da das Spannungsfeld Jugend und Hörfunk einer einheitlichen institutionellen Grundlage entbehrt, ist es nötig, die Felder und Fachbereiche, denen wichtige Beiträge zum Forschungsstand entspringen, kurz zu charakterisieren. Anhand der diese Arbeit durchziehenden Größen Hörfunk und Jugend sollen die ‚Spielfeldränder‘ der thematischen Auseinandersetzung abgesteckt werden.
Dabei wird zunächst das Wesen der Hörfunkforschung, die einen großen Teil der Erkenntnisse zum Themenkomplex liefert, beschrieben; anschließend wird der andere Pol komprimiert beleuchtet, die jugendzentrierte Forschung. Als Bindeglied zwischen den beiden Größen soll zuletzt die Medienpädagogik als wissenschaftliche Disziplin charakterisiert werden.
2.1. Parameter Hörfunk - Rundfunkforschung und Jugend
Seit das Radio in Deutschland ab 1923 dazu verwendet wurde, Ausstrahlungen an ein öffentliches Publikum zu richten, werden auf Seiten der Anbieter und ihrer Kontrollapparate Versuche unternommen, den Umgang des Publikums mit dem Medium nachzuvollziehen. Die Gewinnung marktanalytischer Informationen und Nutzungsdaten sowie die Abstimmung der Programminhalte mit den Vorstellungen der Rezipienten gehören seit jeher zu den Hauptzielen der Forschungsaktivitäten. Die Hörfunkforschung konstituierte sich bis in die 1970er Jahre hinein, mit Ausnahme einzelner, oftmals methodisch obsoleter Untersuchungen aus dem akademischen Raum, durch Marktstudien der zuständigen Anstalten und Auftragsforschung der Sender zu Reichweiten und Nutzungsdaten. 5 Folglich, da sich keine dauerhafte theoriegeleitete Auseinandersetzung mit dem Hörfunk im akademischen Raum etablieren konnte, ist sie vielmehr empirisch bestimmt denn theoretisch umrissen. Seit der sequenziellen Ausdifferenzierung medienwissenschaftlicher Institute in den 1970er Jahren kann man die akademische Forschungstradition jedoch fachlich mehr und mehr zusammenfassen. Zuvor waren die wenigen theoretischen Abhandlungen - vorwiegend aus der Zeit der Etablierung des Mediums - und einzelne wissenschaftliche Studien disziplinär heterogen geblieben; sie kamen aus unterschiedlichen sozial-und
kulturwissenschaftlichen Fachgebieten.
Dennoch existiert eine akademische Hörfunk- oder Radioforschung nicht im Sinne einer
5 Vgl. Schumacher 2001 S. 1446.
5
eigenständigen Fachrichtung, 6 sondern gehört als Teil der Rundfunkforschung zur Massenkommunikationsforschung. Im Hinblick auf die Auftraggeber kann man die Hörfunkforschung nunmehr dreifach unterteilen, in: 7 1. Auftragsstudien,
deren Schwerpunkt in der „Ermittlung von Nutzungsdaten und Reichweiten“ 8 liegt. Dazu zählen sowohl longitudinal angelegte Marktuntersuchungen und periodisch veröffentlichte Nutzungsstudien, als auch die von den Landesmedienanstalten im Rahmen ihres Auftrags initiierten
Forschungsprojekte sowie nicht-kommerzielle Studien der öffentlich-rechtlichen Anstalten. Man kann diese Form der Auftragsforschung dem kommunikationswissenschaftlichen Feld der Publikums-oder
Rezipientenforschung zuordnen oder aber im Hinblick auf die wirtschaftlichen Aspekte unter ‚Marktforschung‘ subsumieren; daneben lässt sich beispielsweise die im folgenden Kapitel beschriebene Media-Analyse auch unter dem funktionalen Gesichtspunkt als Werbeträgerforschung charakterisieren. 2. Anbieterstudien,
die zumeist unveröffentlicht bleiben, von einzelnen Sendern oder einem kleinen Verbund von Medienanbietern an freie Forschungsinstitute vergeben werden, und zur Bestimmung der eigenen Marktstellung dienen. Sie können als außerakademische Programmforschung klassifiziert oder auch im Sinne der Marktforschung als Instrument des Marketings verstanden werden. 3. Universitäre Studien,
die sich in unabhängigen Aktivitäten aufgrund fehlender finanzieller Mittel oftmals durch einen geringen Umfang auszeichnen. Zudem konzentriert sich die akademische Medienforschung verstärkt auf das Fernsehen. 9 In wissenschaftlichen Projekten werden allerdings neben der Nutzung auch Wirkungen und Funktionen des Rundfunks erforscht. Die wissenschaftliche Rundfunkforschung widmet sich in der Regel begrenzten Aufgabenfeldern, kann dafür umso differenziertere Aussagen treffen.
6 Vgl. Ebd. S. 1445, Scherfer 2002 S. 305.
7 Anm. d. Verf.: Unter Bezugnahme auf Gleich 1995.
8 Vgl. Gleich 1995 S. 554.
9 Vgl. Gleich 1995 S. 554f., Frank Schätzlein 2001 S. 30, Böhm / Reißmann 2003 S. 22.
6
Auf das Jahr 1931 kann man national vermutlich die ersten Versuche datieren, speziell den jugendlichen Umgang mit dem Radio zu erforschen. 10
Das Deutsche Institut für Zeitungskunde untersuchte in einer Umfrage, die niemals vollständig veröffentlicht wurde, die Radionutzung und die Programmpräferenzen von Schülern und Jugendgruppen, wenn auch der Aussagegehalt der Ergebnisse infolge der methodischen Unreflektiertheit der deutschen Sozialforschung dieser Zeit ohnehin gering gewesen wäre. Seitdem hat sich keine Periodizität in der separaten Erforschung jugendlicher Hörfunknutzung ergeben; das Gros der Hörfunkforschungserkenntnisse zur Jugend entstammt gegenwärtig multimedial orientierten und oftmals ökonomisch motivierten Nutzungsstudien. 11
2.2. Parameter Jugend - Jugendforschung und Medien
Der gegenüberliegende Pol in der Forschung zum Themenkomplex fokussiert die adoleszente Lebensphase. In den Anfängen der Wissenschaftsgeschichte eher hermeneutisch-philosophisch unter dem Fokus der Erziehung thematisiert 12 , weist die Untersuchung des Lebensabschnitts entsprechend des spezifischen Erkenntnisinteresses seit den 1920er Jahren unterschiedliche disziplinäre Schnittstellen innerhalb der Sozialwissenschaften auf, wird allerdings lange Zeit nicht unter dem gemeinsamen Element der Jugendfokussierung gebündelt. Erst seit den 1980er Jahren 13 wird die Untersuchung der Jugendphase, schwerpunktmäßig die erziehungswissenschaftliche, 14 die soziologische und die psychologische, zunehmend unter dem Terminus ‚Jugendforschung‘ zusammengefasst. Die genannten Fachbereiche werden dabei keineswegs ersetzt, sondern unter dem Konstituens der Jugend partiell integriert. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Lebensabschnitt gehören die Medien zu einer Vielzahl zu untersuchender Einflussfaktoren für die jugendliche Lebenswelt; entsprechend seiner wissenschaftlich eher marginalen Position nimmt der Hörfunk hier keine zentrale Rolle ein. Die nachfolgend charakterisierte Medienpädagogik, die starke Verknüpfungen mit der Jugendforschung aufweist, trägt jedoch einen wichtigen Anteil der Erkenntnisse zum Forschungsgegenstand bei.
10 Vgl. Schumacher 2001 S. 1447.
11 Vgl. Böhm / Reißmann 2003 S. 22.
12 Vgl. z.B. Rousseau 1762, Schleiermacher 1826.
13 Vgl. de Moll 2010.
14 Anm. d. Verf.: Erziehungswissenschaften wird synonym verwendet zu Pädagogik.
7
2.3. Medienpädagogik - Zwischen den Stühlen
Neben den Fachbereichen, in denen ein Untersuchungselement - Jugend oder Hörfunkim Vordergrund der Betrachtung steht, gibt es eine Wissenschaftsdisziplin, die sich gewissermaßen in der Mitte zwischen beiden Schwerpunkten einordnen lässt. Die Medienpädagogik versucht als multidisziplinäres Feld, die Medien in ihrer sozialisatorischen Relevanz zu betrachten, 15 die Fragen der pädagogischen Bedeutung von Medien zu beantworten 16 und das Aufwachsen in einer „mediatisierten Gesellschaft und die Optionen für die Förderung von Medienkompetenz zu verstehen“ 17 . Sie entwickelte sich ab den 1960er Jahren als eigenständiger Fachbereich in der nationalen Wissenschaftslandschaft, wenn sich auch die systematische Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand bis Anfang dieses Jahrhunderts zurückverfolgen lässt 18 und die Wurzeln historisch noch wesentlich weiter reichen 19 . Dabei sieht sie sich im Problemfeld zwischen Medien und Erziehung verortet. Zwar konzentriert sie sich ebensowenig allein auf den Hörfunk im Verhältnis zur Gesamtheit der Medien wie auf die Jugendphase in Relation zur pädagogisch relevanten Altersspanne, allerdings integriert sie als Disziplin dauerhaft beide Elemente: das Medium und die Altersgruppe - den Hörfunk und die Jugend. Mit ihrem eigenen Schwerpunkt, der erziehungswissenschaftlichen Perspektive auf die Massenmedien als Sozialisationsfaktoren, bietet sie, stärker als die medienwissenschaftliche Forschung, Raum für die Untersuchung speziell jugendlicher Aneignung hörfunkvermittelter Inhalte und der Relevanz des Mediums für den Prozess des Heranwachsens. Die Medienpädagogik wird traditionell als Fachrichtung der Erziehungswissenschaften eingeordnet, wobei die universitäre Integration als kommunikationswissenschaftliche Teildisziplin möglich und mitunter Realität ist. Indem ihre Stellung als Bindeglied angestrebt wird, gibt es in diesem Zusammenhang nach wie vor entschiedene Plädoyers für eine stärkere Vernetzung mit den Kommunikationswissenschaften. 20
15 Vgl. Baacke 1997, Barsch / Erlinger 2002, Hoffmann 2003.
16 Vgl. Hüther / Schorb 2005 S. 265.
17 Süss/Lampert / Wijnen 2010 S. 26.
18 Vgl. Schorb 1995, Vollbrecht 2001, Moser 2008, Süss / Lampert / Wijnen 2010.
19 Vgl. Schorb 1995 S. 17f.
20 Vgl. z.B. Schorb 2002.
8
2.4. Zusammenfassung
Entsprechend der beiden Pole des Themenkomplexes, Jugend und Hörfunk, können zwei Perspektiven charakterisiert werden, die unter der Fokussierung ihres jeweiligen Hauptgegenstandes, der Medien oder der Heranwachsenden, für das Spannungsfeld relevante Aussagen treffen. Die idealtypische Trennung dieser Forschungsinstanzen existiert in der praktischen Forschung sowohl institutionell als auch personell nur unscharf. 21 Gerade im interdisziplinären Diskurs und den unterschiedlichen Perspektiven liegt das Wesen der Untersuchung des Verhältnisses Jugendlicher zum Hörfunk begründet. Dabei scheinen vor allem sozialisatorische und psychologische Dimensionen des Einflusses des Hörfunks auf Jugendliche unterrepräsentiert, wenn auch die Forschung zum Themenkomplex allgemein als defizitär eingestuft wird.
21 Anm. d. Verf.: Beispielsweise in der Vergabe von Forschungsaufträgen durch die Landesmedienanstalten manifestiert sich die Vernetzung der zuvor gegenübergestellten institutionellen Pole: Die Anstalten, als Rundfunk-Kontrollorgane in ihrem Forschungsauftrag eher der Medienforschung zuzurechnen, vergeben Studien entsprechend des Erkenntnisinteresses auch an
universitäre
Forschungsteams, die sich im Bereich der Pädagogik und damit eher im jugendzentrierenden Zweig einordnen lassen.
9
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Stefan Heinrich, 2010, Hörfunk im jugendlichen Medienensemble, München, GRIN Verlag GmbH
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