Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 2
1. Der Prolog zum ersten -
Metaphysische und epistemologische Präliminarien 4
1.1 Der Status der Welt 4
1.2 Der Status des kosmologischen Entwurfs 8
2. Der zweite
10
2.1 Die Natur von Feuer, Wasser, Erde und Luft 11
2.2 Die dritte Gattung - Urstoff oder Raum? 14
2.3 Vernunft und Notwendigkeit 18
3. Schluss 19
1
0. Einleitung
Der Timaios, die Schöpfungsgeschichte Platons, nimmt in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstellung in seinem philosophischen Gesamtwerk ein: Sokrates, der im Gros der platonischen Dialoge die Rolle des „Geburtshelfers“ 1 im philosophischen Zwiegespräch übernimmt, tritt im Timaios zugunsten eines längeren Monologs des namensgebenden Protagonisten zurück; seine sporadischen Einwürfe bilden nur mehr den erzählerischen Rahmen für den kosmologischen Entwurf des Timaios.
Neben der eigentümlichen Struktur des Textes - dem Monolog des Timaios geht ein Exkurs über den Atlantis-Mythos voraus, dessen erzählerische oder kompositionelle Funktion prima facie diffus erscheint - ist vor allem die diskontinuierliche Rezeptionsgeschichte des Timaios erwähnenswert: Über Jahrhunderte galt er als jenes Werk, welches die platonische Philosophie in Vollendung zum Ausdruck bringe. Die Vorrangstellung des Timaios vor den anderen Dialogen offenbart sich in der erstaunlichen Tatsache, dass er als einziger Text Platons im Mittelalter in lateinischer Übersetzung vorlag. 2 Mitte des 20. Jahrhunderts war das Interesse an der Kosmologie Platons vor allem im angelsächsischen Raum nahezu vollständig erloschen, was nicht zuletzt dem Einfluss des logischen Positivismus mit seiner dezidiert antimetaphysischen Haltung geschuldet ist. Die „Rehabilitation“ der Metaphysik Ende des 20. Jahrhunderts, unter anderem vorangetrieben von in der analytischen Tradition stehenden Philosophen wie Peter Strawson, förderte das wiederaufkeimende Forschungsinteresse. Auch wenn Alfred N. Whiteheads Charakterisierung der europäischen Philosophie als „eine Reihe von Fußnoten zu Platon“ 3 sicherlich zu pessimistisch ist, bleiben die platonischen Ideen mehr als nur philosophiehistorisch relevant. Das Wiederentdecken alter Wahrheiten, „die Mühe [ihres] Neu-Denkens […] in eigenen, zeitgebundenen Begriffen“ 4 lohnt sich. Die platonische Schöpfungsgeschichte galt - und gilt - nahezu unumstritten 5 als Spätdialog. Weit weniger einhellig beurteilt die Forschung den literarischen Status des Timaios:
1 Im Theaitetos (ähnliche Anmerkungen finden sich aber auch im Phaidros) wird die dialektische Methode
der philosophischen Gesprächsführung als „Hebammenkunst“ (Mäeutik) bezeichnet. Der Weise stößt seinen
Schüler durch geschicktes Fragen auf schwerwiegende Probleme und hilft ihm auf diese Weise, sich an jenes
vorgeburtliche Wissen zu erinnern, welches jede Seele vor ihrer Inkarnation bereits geschaut hat - der
Philosoph ist gewissermaßen ein „Geburtshelfer für Ideen“.
2 Vgl. ZEYL, Donald J.: Introduction to Plato’s Timaeus. In: PLATO: Timaeus. Übersetzt und herausgegeben
von Donald J. Zeyl. Cambridge: Hackett Publishing 2000. S. xiv-xv.
3 WHITEHEAD, Alfred N.: Prozeß und Realität. Entwurf einer Kosmologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp
1979. S. 91.
4 STRAWSON, Peter F.: Einzelding und logisches Subjekt. Stuttgart: Reclam 1972. S. 11.
5 Die stilometrischen Methoden der Platon-Forschung, mit deren Hilfe der Timaios und der Kritias als dem
Spätwerk Platons zugehörig identifiziert wurden, sind von Owen angegriffen worden; seine These, der
Timaios sei vielmehr der kritischen Periode (nach der Politeia, vor dem Theaitetos und Parmenides)
zuzurechnen, hat sich jedoch als nicht haltbar erwiesen. Vgl. ZEYL 2000: S. xvi ff.
2
Noch heute ist strittig, ob die Rede vom göttlichen Handwerker, dem Demiurgen (), der ein präexistentes Chaos nach dem Vorbild eines ewigen Modells zum Guten hin geordnet hat, wörtlich zu nehmen ist, oder ob Timaios’ Klassifizierung seines Redebeitrags als , als lediglich wahrscheinliche Rede, auf den metaphorischen Charakter seines kosmologischen Entwurfs hinweist. Eine begründete Stellungnahme zu diesen rezeptionsgeschichtlichen Fragen würde mit Leichtigkeit ein ganzes Buch füllen, weshalb ich sie an dieser Stelle nur anreiße, ohne jedoch im begrenzten Umfang dieser Arbeit näher auf die Argumente für oder gegen eine metaphorische Lesart einzugehen. Der Fokus dieser Arbeit liegt vielmehr auf den Passagen 48a bis 53c des zweiten . Im Gegensatz zum ersten , der die Entstehung des lebendigen Kosmos (des Welt-Körpers und der Welt-Seele) im Wesentlichen teleologisch erklärt, widmet sich der zweite Teil von Timaios’ Rede der grundlegenden Physik der Welt. Im Zentrum des zweiten steht die Frage nach der arché (), dem Urgrund und Prinzip allen Seienden. Im Versuch, das Wesen der „Grundbausteine“ des Kosmos zu ergründen, wird die traditionelle platonische Dichotomie von Seiendem und Werdendem aufgehoben; die Notwendigkeit einer dritten, „schwierige[n] und dunkle[n] Gattung“ 6 , der chóra (), postuliert. Die Frage nach der Natur dieser dritten Seinsgattung sowie nach ihrer Abgrenzung von den unveränderlichen Urbildern einerseits und den stets in Veränderung begriffenen Abbildern andererseits ist Gegenstand des zweiten Kapitels dieser Arbeit. Insbesondere sollen zwei weitere Probleme diskutiert werden, die mit der Frage nach dem Wesen der chóra eng verwoben zu sein scheinen: Welchen Status billigt Platon den von der ionischen Naturphilosophie als elementare Grundbausteine allen Werdens klassifizierten Substanzen Feuer, Wasser, Luft und Erde zu? Welchen Stellenwert hat die Notwendigkeit als Antagonistin der Vernunft? Zuvor soll jedoch das erste Kapitel einen Überblick über die im Prolog zum ersten getroffenen metaphysischen und epistemologischen Unterscheidungen geben.
6 PLATON: Timaios. In: PLATON: Sämtliche Werke (Bd. 4). Übersetzt von H. Müller und F. Schleiermacher,
herausgegeben von U. Wolf. Hamburg: Rowohlt 2009. 49a. Im Folgenden [Tim].
3
1. Der Prolog zum ersten - Metaphysische und epistemologische Präliminarien
In den Abschnitten 27d bis 29d schickt Timaios seiner Rede einige einführende Bemerkungen zum Status der Welt - dem Explanandum - sowie zum Status seiner Erklärung - dem Explanans - voran. Zunächst trifft Timaios eine metaphysische Unterscheidung zwischen dem stets Seienden und dem stets Werdenden, eine Unterscheidung, die vor allem in Buch 5 bis 7 der Politeia prominent ist. Auf den thematischen Bezug zur Politeia weist auch Sokrates eingangs hin, wenn er erwähnt, die Unterhaltung über den idealen Staat habe erst gestern stattgefunden. Eng korreliert mit der metaphysischen Dichotomie von Sein und Werden ist die epistemologische Unterscheidung zwischen Wissen und Meinen, die ebenfalls in der Politeia, am ausdrücklichsten im Liniengleichnis, zur Sprache kommt. Weiterhin klassifiziert Timaios seinen Entwurf einer Kosmologie als „wahrscheinliche Rede“ ( bzw. ) und schränkt damit dessen Geltungsanspruch entsprechend ein. Im Verlauf seiner Rede nimmt Timaios immer wieder Bezug auf den nur wahrscheinlichen Status seines Entwurfs, weshalb Johansen und Wright die Relevanz der einführenden methodologischen Passage betonen: „There is no doubt that he [Platon] means us to pay close attention to this passage.“ 7 Sowohl der Verweis auf die Politeia als auch die Überlegungen zum ontologischen Status des Untersuchungsgegenstands und zum epistemologischen Status der Erklärung sind bewusst gesetzte Richtlinien, die unsere Interpretation des Timaios leiten sollen. 8 Im Folgenden sollen deshalb die für die platonische Philosophie zentralen Dichotomien von Seiendem und Werdendem, Wissen und Meinen, Vernunfterkenntnis und Sinneswahrnehmung diskutiert werden.
1.1. Der Status der Welt
Timaios’ Unternehmen, den metaphysischen Status des Untersuchungsgegenstandes - der Welt 9 - zu bestimmen, erfordert Antworten auf drei Teilfragen: Welcher fundamentalen Kate-gorie gehört der Kosmos an? Hat die Welt einen Anfang? Wenn die Welt geschaffen wurde, gab es ein Vorbild, an welchem sich ihr Schöpfer orientierte?
7 JOHANSEN, Thomas K.: Plato’s Natural Philosophy. A study of the Timaeus-Critias. Cambridge: CUP 2004.
8 Vgl. WRIGHT, Maureen. R.: Introduction. In: WRIGHT, Maureen. R. (Hrsg.): Reason and Necessity. Essays
on Plato’s Timaeus. London: Duckworth 2000. S. ix-xvi.
9 Ich verwende „Welt“ und „Kosmos“ in meiner Arbeit synonym. „Welt“ schließt also nicht nur den Globus,
sondern - wie der platonische Kosmos - auch den sichtbaren Himmel, die Sonne, Planeten und Fixsterne mit
ein.
4
Die platonische Metaphysik unterscheidet zwei fundamentale Kategorien: „das stets Seiende, das Entstehen nicht an sich hat, und […] das stets Werdende, aber niemals Seiende.“ 10 Beide Kategorien gehören unterschiedlichen Seinssphären an. Das stets Seiende ist unveränderlich und unvergänglich, es ist unabhängig von Zeit und Raum, während das stets Werdende in seiner raumzeitlichen Existenz kontinuierlicher Veränderung unterworfen ist, entsteht und vergeht. Platon zufolge koexistieren beide Seinssphären nicht gleichberechtigt nebeneinander; der Bereich des Werdenden ist vielmehr ontologisch abhängig von jenem des Seienden: Die konkreten Einzeldinge mit all ihren wesentlichen und akzidentiellen Eigenschaften existieren nur vermöge einer Teilhaberelation zum Seienden, den Ideen. Im Höhlengleichnis der Politeia vergleicht Platon die wahrnehmbaren Einzeldinge mit an die Höhlenwand projizierten Schattenbildern, die vom Höhlenbewohner - dem Laien, der seine Sinneswahrnehmung für die Wirklichkeit hält - im Halbdunkel seines Alltags für real genommen werden; die Ideen hingegen werden den Artefakten gleichgesetzt, die, bei Tageslicht an der Höhle vorbei getragen, jene trügerischen Schatten verursachen. 11 Der Erfahrungswelt - versinnbildlicht durch die Höhle - kommt nach Platon ein geringerer Grad an Wirklichkeit zu als dem Reich der Ideen, „ihr kommt nur eine Scheinwirklichkeit zu, sofern sie gleichsam der Widerschein der wahren Wirklichkeit ist.“ 12 Mit der metaphysischen Unterscheidung von Seiendem und Werdendem geht die er-kenntnistheoretische Unterscheidung von jenem, was „durch Vernunft mit Denken zu erfassen“ 13 ist und dem, was nur „vermittels vernunftloser Sinneswahrnehmung vorstellbar“ 14 ist, einher. In der Reclam-Ausgabe heißt es: „Das eine [das immer Seiende, I.B.] ist doch erfassbar durch das an der Vernunft orientierte Denken […], das andere [das immer Werdende, I.B.] hingegen ist durch auf vernunftlose Wahrnehmung bezogene Meinung erfahrbar.“ 15 Die Ideen sind Gegenstand vernünftiger Einsicht (), während die durch unmittelbare Wahrnehmung () gewonnenen Überzeugungen des Menschen die Erfahrungswelt betreffend den epistemischen Status bloßer Meinung () innehaben: „Wahrnehmungserkenntnis liefert nach Plato nicht Wissen im eigentlichen Sinne, sondern führt nur zu einem prinzipiell hypothetischen Fürwahrhalten.“ 16 Wissen im eigentlichen Sinne als der kontemplativen Ideenschau ist Erkenntnis a priori und damit notwendig wahr. Demgegenüber kann
10 Tim 27d.
11 PLATON: Politeia. In: PLATON: Sämtliche Werke (Bd. 2). Übersetzt von F. Schleiermacher, herausgegeben
von U. Wolf. Hamburg: Rowohlt 2008. 514a-517a. Im Folgenden [Pol].
12 RÖD, Wolfgang: Der Weg der Philosophie (Bd. 1). München: Beck 2000. S. 109.
13 Tim 28a.
14 Ebd.
15 PLATON: Timaios. Übersetzt von T. Paulsen und R. Rehn. Stuttgart: Reclam 2003. Im Folgenden [TimR].
16 RÖD 2000: 114.
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Bachelor of Arts (B.A.) Inga Bones, 2011, Die dritte Gattung als Vermittlerin zwischen Seiendem und Werdendem, München, GRIN Verlag GmbH
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