Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Das Medienphänomen Thilo Sarrazin. 3
1. 3
2. Linguistische Theorie. 4
2.1. Skandalisierung der Massenmedien. 4
2.2. De Re Kontextualisierung. 4
2.3. Denotat und Konnotat. 5
2.4. Sprechakttheorie. 6
2.4.1. Der viergliedrige Sprechakt. 6
2.4.2. Illokution. 7
2.4.2.1. Illokutionsindikatoren. 7
2.4.2.2. Illokutionstypen nach Searle. 8
2.4.2.2. 8
3. Die brisanten Äußerungen. 8
3.1. Der KZ Vergleich. 8
3.1.1. Brisanz der Aussage. 9
3.1.2. Illokution Sarrazins und Perlokution. 10
3.1.3. Skandalisierung durch die Medien. 11
3.2. Zur Situation Berlins vor den Landtagswahlen 2006. 12
3.2.1. Brisanz der Aussage. 12
3.2.2. Illokution Sarrazins und Perlokution. 13
3.2.3. Skandalisierung durch die Medien. 14
3.3. Das Judengen Zitat. 14
3.3.1. Brisanz der Aussage. 15
3.3.2. Illokution Sarrazins und Perlokution. 17
3.3.3. Skandalisierung durch die Medien. 17
3.3.3. 17
4. Fazit. 18
4. 18
5. Literaturverzeichnis. 20
5. 20
5. 20
5. 20
5. 20
2
1. Einleitung
Kaum eine andere Person spaltet die Öffentlichkeit Deutschlands wie das SPD‐Mitglied und ehemaliger Bundesbank‐Vorstand Thilo Sarrazin. Er gilt als Tabubrecher und Provokateur. Seit Jahren gelangt er immer wieder durch brisante und provokante Aussagen und Thesen über delikate Sachbereiche in die Medien, wodurch Skandale ausgelöst und starke Diskussionen entfacht wurden. Neben Hartz‐IV‐Empfängern und der deutschen Hauptstadt Berlin, für die er von 2002 bis 2009 als Finanzsenator zuständig war, äußerte sich Sarrazin vor allem über die Situation und Integrationsfähigkeit von Ausländern in der Bundesrepublik. Besonders der sog. 'Kopftuchmädchen‐ Skandal' im Oktober 2009, der durch ein Interview mit der Kulturzeitschrift 'Lettre International' ausgelöst wurde, erhitzte die Gemüter der Nation. Mit der Veröffentlichung seines Buches 'Deutschland schafft sich ab' im August 2010 und den darin enthaltenen kontroversen Thesen zur deutschen Migrationspolitik und dem Verhalten muslimischer Migranten erreichte die Debatte um Sarrazin ihren Höhepunkt, was letztendlich dazu führte, dass er dem Druck der Öffentlichkeit nachgab und am 9. September 2010 von seinem Posten als Vorstand der deutschen Bundesbank zurücktrat. 1 Die Causa 'Sarrazin' war zur Staatssache geworden.
Was die Reaktionen auf die Aussagen Sarrazins betrifft, so fielen diese, vor allem inpuncto Migration, unterschiedlich aus. Neben vielen negativen Stimmen, v.a. aus der Politik und den Medien, erhielt Sarrazin jedoch durchaus aus auch Zuspruch für seine gewagten Äußerungen: Beispielsweise stimmten in einer Online‐Umfrage der ARD 84 Prozent der User den Thesen Sarrazins, die in dessen Buch veröffentlicht wurden zu. 2 Im Zusammenhang mit dem Kopftuchmädchen‐Skandal erklärte Sarrazin, dass sich zwar im Ton vergriffen, seine Argumente im Kern jedoch Richtigkeit besäßen. 3 Im Folgenden liegt der Fokus auf drei ausgewählten Aussagen Thilo Sarrazins, die sprachwissenschaftlich untersucht werden. Die Migrationsdebatte soll dabei nicht im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen. Dabei wird auf die Brisanz der Aussagen Sarrazins, sowie dessen Illokution und Perlokution eingegangen. Des Weiteren soll untersucht werden, wie die Skandalisierung durch die Medien aus sprachwissenschaftlicher Betrachtungsweise erfolgt. Diese Bereiche werden im ersten Teil der Arbeit theoretisch behandelt, bevor sie auf die verschiedenen Äußerungen Sarrazins angewendet werden.
Dabei wird ersichtlich werden, dass Medien die Aussagen Sarrazins durch Re‐Kontextualisierug in ihrer Berichterstattung semantisch verändern und zuspitzen. Andererseits wird gezeigt, dass die Wortwahl Sarrazins oft sehr simpel ist und zur Veranschaulichung verschiedener Sachverhalte dient.
1 Ternieden, Hendrik (2010): Sarrazin macht Schluss. 10.9.2010.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,716690,00.html. Zugriff am 10.9.2010.
2 http://www.wdr.de/tv/hartaberfair/sendungen/2010/20100901.php5?akt=1. Zugriff am 5.9.2010.
3 FAZ.NET (2010): Sarrazin entschuldigt sich. 2.10.2009.
http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E62E25456087141ACBF86C71
E82E78AB4~ATpl~Ecommon~Scontent.html. Zugriff am 5.9.2010.
3
2. Linguistische Theorie 2.1. Skandalisierung
Bevor nun mit der Analyse der verschiedenen Aussagen Thilo Sarrazins begonnen wird, wird der Begriff der 'Skandalisierung' durch Medien eingeführt und erläutert. Nach Andreas Ziemann garantieren die Massenmedien nicht nur Meinungsbildung und Meinungsvielfalt, sondern schärfen auch die Aufmerksamkeit und ein kritisches Bewusstsein der Gesellschaft für gute bzw. schlechte Wirklichkeitsformen, sowie den Grad an Achtung bzw. Missachtung gegenüber verschiedenen öffentlichen Rollen‐ bzw. Verantwortungsträgern. 4 Er betrachtet die Massenmedien dementsprechend als medienethische Akteure, fasst sie unter der Bezeichnung „moderner Taktgeber für Moral“ 5 zusammen, denn gerade in diesem gesellschaftlichen Bereich wäre das Fehlen von Moral dysfunktional. Den Massenmedien kommt die Aufgabe zu, die Gesellschaft moralisch zu beobachten, um die dann selegierten Ereignisse als Skandal zu erbringen. 6 Die Massenmedien informieren demnach die Gesellschaft über sich selbst.
Im Medienbereich herrscht nun ein Mischungsverhältnis von massenmedialer Deflationierung und Inflationierung von Moral. Unter Inflationierung von Moral wird das Übertreiben der Aufklärungs‐ und Alarmfunktion der Medien in Form der Skandalisierung verstanden. Dadurch, dass die Massenmedien eine stärkere Tendenz zur Skandalisierung, anstelle von Normalisierung bzw. Relativierung, aufweisen steckt jedoch der Vorteil, dass Konflikte gebündelt und vereinfacht dargestellt werden können. Diese werden damit verständlicher gemacht, Grundfragen der Gesellschaft lassen sich diskutieren. Die medial skandalisierte Zuspitzung eröffnet also die Möglichkeit zur öffentlichen Meinungsbildung. 7
Auf dem Hintergrund dieser kommunikationswissenschaftlichen, soziologischen und auch medienethischen Erläuterung sollen im Folgenden die im Zusammenhang mit den Sarrazin‐Aussagen verwendeten sprachwissenschaftlichen Methoden der Skandalisierung dargestellt werden. 2.2. De‐Re‐Kontextualisierung
Bevor der Vorgang der De‐Re‐Kontextalisierung erläutert werden kann, muss zunächst die Bedeutung des Kontextes definiert werden.
Daniel Perrin definiert Kontext als „dynamische Umwelt, auf die eine Äußerung bezogen wird und sich bezieht, wenn sie verarbeitet wird“ 8 . Dies bedeutet, dass das Wissen, das durch das bisher in einer Kommunikation Geäußerte vermittelt und verarbeitet wurde, in die weitere Kommunikation einfließt bzw. zum weiteren Verständnis beiträgt, die Umwelt sich demnach ständig verändert. Nach
4 Vgl. Ziemann, Andreas (2006): Soziologie der Medien. Bielefeld: transcript, S.76.
5 Vgl. Ebd., S.75.
6 Vgl. Ebd. S.76.
7 Vgl. Ebd. S.79.
8 Perrin, Daniel (2006): Medienlinguistik. Konstanz: UVK, 2006, S.13.
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Hadumod Bußmann bezeichnet der Begriff 'Kontext' „alle Elemente einer Kommmunikationstheorie, die systematisch die Produktion und das Verständnis einer Äußerung bestimmen“ 9 . Er unterscheidet dabei drei elementare Kontexttypen: Erstens den allgemeinen Kontext der Sprechsituation (z.B. Ort, Zeit, Handlungszusammenhang der Äußerung), zweitens den persönlichen und sozialen Kontext, d.h. Beziehung zwischen Sprecher und Empfänger, ihre Einstellungen, Interessen, Wissen bzw. wechselseitigen Wissensannahmen. Diese beiden Typen können unter dem Begriff 'situativer' Kontext zusammengefasst werden und sind vom sprachlichen Kontext abzugrenzen, welcher den dritten Typ bildet. Er beinhaltet die direkte textuelle Umgebung eines sprachlichen Ausdrucks oder Textes und kann daher auch als 'Ko‐Text' bezeichnet werden. Er wird zudem vom nonverbalen mimisch‐gestischen Kontext begleitet. 10
Der Prozess der De‐ und Re‐Kontextualisierung besteht aus zwei Komponenten bzw. Vorgängen: Erstens der De‐Kontextualisierung, wobei die Äußerung aus ihrem ursprünglichen situativen Kontext und dem Textumfeld, also sprachlichen Kontext, herausgelöst wird und in einem zweiten Schritt, der Re‐Kontextualisierung in einen neuen Kontext eingebettet wird (Re‐Kontextalisierung). 11 Die Bedeutung einer Äußerung ist immer von ihrem Kontext, in dem sie erscheint, abhängig. Wird sie durch die Re‐Kontextualisierung in einen neuen Kontext eingefügt, so verändert sich ihre Bedeutung. 12 Dieser Prozess kommt stets einer „Modifikation der ursprünglichen Äußerung gleich, da der Sprecher die zitierte Rede in Abhängigkeit von seiner Kommunikationsintention bestimmten Funktionalisierungen unterwirft“ 13 .
Damit stellt die De‐Re‐Kontextualisierung eine Möglichkeit zur Skandalisierung einer zitierten Rede dar. 2.3. Denotat und Konnotat
In Verbindung mit dem Kontext‐Begriff ist die Definition der Begriffe 'Denotat' und 'Konnotat' notwendig.
Unter Denotat versteht man die kontextunabhängige Kernbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, die Gadler auch als kognitive, intellektuelle Bedeutung bezeichnet. Diese ist qua Zeichensystem festgelegt und damit objektiv und praktisch lexikonfähig.
Das Konnotat bezeichnet im Gegensatz dazu die zusätzliche, kontextabhängige Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, ist also vom Sprachbenutzer, der Sprechsituation, dem sprachlichen und
9 Bußmann, Hadumod (Hrsg.)/Gerstner-Link, Claudia (2008): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner,
4. durchges. und bibliogr. erg. Auflage, S.368.
10 Vgl. Ebd.
11 Vgl. Perrin (2006): S.108.
12 Ekström, Mats (2001): Politicians Interviewed on Television and News. In: Discourse ans Society. 12(5).
London, Thousand Oaks, CA und Neu-Delhi: SAGE Publications, 2001, S.567.
13 Vgl. Günther, Susanne (2000): Vorwurfsaktivitäten, in der Alltagsinteraktion. Grammatische, prosodische
rhetorisch-stilistische, und interaktive Verfahren bei der Konstitution kommunikativer Muster und Gattungen.
Tübingen: Niemeyer.
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situationellen, textexternen und textinternen Kontext abhängig. 14 Sie fügt der Gesamtbedeutung wertende und oft emotionale Elemente hinzu. 15 Nach Gadlers Definition beinhaltet der Begriff des Konnotates die emotionalen und assoziativen Nebenbedeutungen eines Lexems, die seine Grundbedeutung überlagern. Er verweist zudem darauf, dass durch die Ersetzung des situativen, sowie des sprachlichen Kontextes sich die Bedeutung eines Lexems ergibt. 16 Hieraus wird ersichtlich, dass das Konnotat, in Hinblick auf die Re‐Kontextualisierung, einen zentralen Begriff in der Untersuchung der Zitate Sarrazins darstellt. 2.4. Sprechakttheorie 2.4.1. Der viergliedrige Sprechakt
Nach der sog. 'Sprechakttheorie' nach John Searle besteht eine Sprechhandlung aus vier Komponenten, die durch eine Indem‐Relation miteinander verbunden sind und im Normalfall immer gleichzeitig vollzogen werden: Äußerungsakt, propositionaler, illokutiver und perlokutiver Akt. 17 Der Äußerungsakt beinhaltet das physische Hervorbringen der Lautsprache, also die wahrnehmbare Entität, wie beispielsweise die Geräusche, die der Sender erzeugt. Mit dem propositionalen Akt macht der Sprecher eine Aussage über die Welt, die auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden kann; er übermittelt die Satzbedeutung. 18 Dieser kann in in den Referenzakt, also das Verweisen auf Sachverhalte um die es geht, und den Prädikationsakt, das Zuweisen von Eigenschaften an die Referenzobjekte, weiter unterteilt werden. 19 Searles Lehrer, der Sprachphilosoph John Austin, fasst die ersten beiden Teilakte einer Sprechhandlung nach Searle unter dem Begriff des 'lokutiven' Aktes, das Hervorbringen einer Äußerung, zusammen, und unterteilt diese in den phonetischen (Produktion der Laute), den phatischen (das Realisieren von abstrakten Mustern eines Sprachsystems, wie Phoneme, Morpheme, Wörter, Sätze, Texte durch Verbindung der Laute) und den rhetischen Akt. Letzterer entspricht Searles propositionalem Akt. 20
Den wichtigsten Teilakt der gesamten Sprechhandlung stellt der illokutionäre Akt dar, denn in „ihm manifestieren sich die Äußerungsabsicht und deren pragmatische (kommunikativ‐situative) Bedeutung , insgesamt also der Handlungswert einer sprachlichen Äußerung“ 21 .
Der letzte Teilakt ist der perlokutive Akt: Er beinhaltet die Wirkung eines Sprechaktes, die beim
14 Vgl. Krah, Hans (2006): Semiotische Grundbegriffe: Zeichen und Zeichensysteme. In: Krah, Hans/ Titzmann
Michael (Hrsg.): Medien und Kommunikation. Eine interdisziplinäre Einführung. Passau: Karl, Stutz, S.21.
15 Busch, Albert/Stenschke, Oliver (2008): Germanistische Linguistik. Eine Einführung. 2., durchges. und korr.
Auflage,Tübingen: Narr, S.188.
16 Gadler, Hanspeter (1998): Praktische Linguistik. Eine Einführung in die Linguistik für Logopäden und
Sprachheillehrer. 3., aktualisierte Auflage, Tübingen u.a.: Francke, S.147.
17 Vgl. Busch/Stenschke (2008): S.216f.
18 Vgl. Harnisch, Rüdiger (2006): Pragmatik, Sprechakttheorie, Konversationsmaxime. In: Krah, Hans/ Titzmann
Michael (Hrsg.): Medien und Kommunikation. Eine interdisziplinäre Einführung. Passau: Karl, Stutz, S.155.
19 Vgl. Busch/Stenschke, S.216f.
20 Vgl. Pelz, Heidrun (2005): Linguistik. Eine Einführung. 9. Aufl., neu bearb. und erheblich erw., Hamburg:
Hoffmann und Campe, S.246.
21 Harnisch S.155.
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Simon Lang, 2010, Das Medienphänomen Sarrazin, München, GRIN Verlag GmbH
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