unserer Mitmenschen bewerten. Dafür sind u.a. Emotionen notwendig. Demnach orientieren wir uns am Verhalten Anderer um durch koordiniertes Verhalten Teil der Gemeinschaft zu sein. Wesentlich für die Handlungskoordination ist somit die Bewertung Anderer. Haben wir das Gefühl unser Gegenüber hat in bestimmten Kontexten eine verbesserte Lage als wir selbst, entsteht das Gefühl des Neids. Als Neid wird eine „von Missgunst bis Hass reichende Gesinnung gegen einen anderen Menschen wegen seines Wohlergehens oder wegen Werten (Besitz, Rum u.a.), deren Besitz dem Neider nicht gegeben ist, ihm aber erreichbar scheint [bezeichnet].“ (Brockhaus 2006b: S.456)
Man hat heute leicht das (trügerische) Gefühl, dass Neid erst mit in den modernen Gesellschaftsformen westlicher Kulturen entstanden ist. In vormodernen Zeiten verfügten die Menschen nicht über eine derartige Auswahl an Besitztümern, die Konsumkultur ist erst mit dem Fordismus entstanden. Somit wäre es naheliegend zu glauben, dass Neid erst mit der einfacheren Verfügbarkeit von Gütern entstanden und damit ein modernes Phänomen ist. Schoeck meint jedoch, dass es „zu den verschiedensten Zeiten der Geschichte, auf allen Entwicklungsstufen der Kultur […] das Gefühl des Neides und des Beneidetwerdens“ (Schoeck 1966: S.7) gab und gibt. Demnach scheint Neid eine wesentliche Determinante menschlichen Zusammenlebens zu sein. Der Faktor Neid und seine Verankerung/Auswirkungen auf die Gesellschaft spielten bereits in vormodernen Zeiten eine große Rolle. Beweis dafür ist die Zuwendung zur Thematik in den verschiedenen Epochen, sodass das Thema Neid bereits in der Antike von vielen namhaften Denkern diskutiert und reflektiert wurde (vgl. Decher 2006: S.1) 1 Der Affekt des Neides und die damit verbundenen Emotionen weckten das Interesse von Platon, Aristoteles und Epikur, deren Ziel es war, Neid moralisch zu hinterfragen (vgl. ebd.). Nichtweniger Interesse wurde der Thematik im Mittelalter zugesprochen, sodass Neid von der gesellschaftsdeterminierenden ideologischen Instanz, der katholischen Kirche zu einer der sieben Todsünden erklärt wurde. Diese Negativkonnotation ist dem Begriff bis heute geblieben, wodurch Neid mit Gefühlslagen wie „Rivalität,
1 http://www.jp.philo.at/texte/DecherF1.pdf
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Schadenfreude, Bösartigkeit, Hass, Grausamkeit, Rachbegierde, Groll,
Ressentiment, Eifersucht und Missgunst“ (ebd. S.5) verbunden wird. Ungebrochen ist das Interesse an der Thematik noch immer, wie zahlreiche Artikel zum Thema und Begriffskombinationen beweisen. Ein verhältnismäßiges Abbild für die Popularität und vielfache Verwendung des Begriffs in zahlreichen Feldern, Kontexten und Formen zeichnet die Trefferquote zum Schlagwort Neid auf www.amazon.de, sodass die benannte Suche knapp vierzehntausend Buchtreffer auflistet, die sich neben CDs, DVDs, Videos, Software und Zeitschriften um die gewinnbringendsten Plätze drängen 2 . Neid & Gesellschaft
Demnach kann dem Zusammenhang zwischen Neid und Gesellschaft eine hohe Bedeutung zugeschrieben werden, sodass Neid ein wesentlicher Teil menschlichen Zusammenlebens ist. Verknüpfend damit tritt die Frage auf, inwieweit diese (negative) gegenseitige Bewertung notwendig für den Einzelnen, sowie für das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben ist? Wenn Neid etwas wesentlich Gegebenes in der Gesellschaft ist - wofür verhilft er uns bzw. aus welchem Grund ist er derart tief im menschlichen Charakter verhaftet? Helmut Schoeck sieht Neid als grundlegenden Faktor für die Entstehung und das Bestehen größerer sozialer Gebilde (vgl. ebd. S.102). Er meint, dass durch Neid „unser sozial relevantes oder zumindest sozial sichtbares (also nicht von uns allein wahrnehmbares) Verhalten wird in gewissen Bahnen festgehalten [wird und] sich nicht beliebig weit vom Zentrum entfernen [kann].“ (ebd.) Demnach ist Neid ein wesentliches Konstituens für Konformität und Gesellschaftszugehörigkeit. Aus dieser Sichtweise heraus kann der Faktor Neid als positive Antriebskraft für die Gesellschaft interpretiert werden. Warum aber, wenn Neid möglicherweise ein konstruktiver Faktor für Gesellschaften ist, ist er dennoch derart negativ konnotiert? Ist Neid möglicherweise doch als zerstörerischer Faktor des gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens zu sehen? In dieser Diskussion konnte
2 http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C5M%C5Z%D5%D1&url=search-
alias%3Daps&field-keywords=neid&x=0&y=0
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auch die Wissenschaft bis dato keine allgemeingültige Meinung etablieren, sodass unterschiedliche Betrachtungsweisen korrelieren.
Damit ist die Frage nach der Funktion des Neids in der Gesellschaft jedoch nicht geklärt. Mit Georg Simmel spricht Helmut Schoeck davon, dass dem Neideffekt in der Gesellschaft notwendig ist, weil die Menschen durch zwischenmenschliche Konkurrenz „die Fähigkeit entwickelt haben, sich gegenseitig durch den Verdacht auf Neid des anderen zu kontrollieren [wodurch] größere Gruppen mit Aufgabenteilung für die Mitglieder sozial möglich geworden [sind].“ (Decher 2006: S.3) Aus diesen Aufgabenteilungen entstanden gesellschaftliche Hierarchien. Wesentlich ist dabei der Faktor, dass vom Handeln des Einzelindividuums aufgrund seines Gefühls der notwendigen Verbesserung seiner Situation, das er durch den Vergleich mit anderen entwickelt hat, gesamtgesellschaftliche Veränderungen und ein Infragestellung der gegebenen (hierarchischen) Strukturen auftreten kann.Somit kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich Neid durch den beständigen Vergleich des Einzelnen mit Anderen ergibt, sich über gesellschaftliche Normen etabliert und universelle Modifikationen einleiten kann. Durch den (nach oben gerichteten Neid) entsteht das Streben der Menschen ihre eigene Position zu verbessern, wodurch (aus einer umfassenden Perspektive betrachtet) gesellschaftliche Entwicklungen entstehen können. Demnach wäre Neid als gesellschaftstransformierende Produktivkraft zu beschrieben. Neid in der Leistungsgesellschaft
In der heutigen Gesellschaft gilt Neid zudem als Messfaktor für Leistungen und Erfolge. Oscar Wildes Ansicht „Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.“ 3 , ist aktueller denn je. Wir leben heute in einer Gesellschaft in der gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Die Verantwortung für Erfolg und ein glückliches Leben liegt in eigener Leistung begründet. In vormodernen Zeiten war die Möglichkeit der Lebensgestaltung wesentlich vom Geburtsstatus abhängig.
3 http://zitate.net/zitate/suche.html?query=Neid
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Arbeit zitieren:
MMag. Catrin Neumayer, 2010, Leben wir in einer Neidgesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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