Die Boheme wurde in der Kunstgeschichte unzählige Male beschrieben, idealisiert, besungen, in Verse gefasst, analysiert oder für lächerlich erklärt und ist auch heute noch ein viel besprochenes Thema. Henri Murger, der sich als wahrer Bohemien sah, meinte seinerzeit, dass „die Boheme nur in Paris existiert und nur dort möglich ist.“ 1 Das wirft die Frage auf, ob die Pariser Boheme wirklich einzigartig war. Um diese Frage beantworten zu können, wird zunächst der Begriff erläutert und dann die Boheme definiert. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der Schwabinger Boheme herauszufinden, was genau das Phänomen der Boheme ausmacht und ob sich die Münchner Boheme wirklich von der Pariser unterscheidet.
Die Tagebücher des Oscar A. H. Schmitz, eines deutschen Autors, Philosophen und Mitglieds der Schwabinger Boheme, werden hierzu als Grundlage dienen. Der Schwerpunkt liegt auf den Auszügen des Tagebuches „Das wilde Leben der Boheme“, das in den Jahren von 1896 bis 1906 entstand.
,Bohémien‘ ist seit seinem ersten Auftreten im 15. Jahrhundert in Frankreich das Wort für Zigeuner. Ursprünglich hatte das Wort eine sehr negative Bedeutung, da geglaubt wurde, dass die „Wanderschaft ihnen als Buße auferlegt sei“ 2 , weshalb nicht nur ihr nomadenhaftes Umherziehen, sondern ihr ganzer Lebensstil als lasterhaft und verwerflich galt. Auch heute werden heimatlose oder obdachlose Menschen oft Zigeuner genannt und ihre Lebensweise verachtet. Was Heimatlose und Obdachlose jedoch verbindet, ist gerade das, was den Begriff ,Bohémien‘ wandelte, nämlich nicht sesshaft zu sein, sondern umherzuziehen. Denn in einer Gesellschaft, die eine gefestigte Familie und einen festen Wohnort erwartet, sind Zigeuner immer eine Randgruppe.
Da Kunst oft gesellschaftskritisch ist, stehen einige Künstler neben der Masse und blicken auf sie, anstatt teilzuhaben, und werden so auch zu einer Randgruppe, wodurch eine Parallele zwischen dem Künstler und dem Begriff ,Bohémien‘ entsteht. „Angehörige der romantischen Generation von
1 Henri Murger: Boheme, S.12
2 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S.1
4
1830 greifen den Begriff ,Bohème‘ auf und assoziieren positiv bewertete Eigenschaften“ 3 damit, da sie Werte wie Freiheit und Spontaneität schätzten. Ab dem 18. Jahrhundert an war das Wort häufig in diesem Sinne benutzt worden und hat sich so als Beschreibung eines bestimmten Künstlertypus etabliert.
Zu dieser Popularität hat auch der Roman „Boheme“ von Henri Murger maßgeblich beigetragen. Er beschreibt die Pariser Boheme als „das Geschlecht der hartnäckigen Träumer, für die die Kunst ein Glaube geblieben ist“ 4 und spricht selten von dem Elend, das mit diesem Zustand einhergeht. Murger sah die Boheme als ein Phänomen, das Paris eigen ist, und auch nur dort die nötigen Voraussetzungen hat, um zu entstehen. Während der Begriff ,Bohème‘ in Frankreich also in Gebrauch war, dauerte es etwas länger, bis er in das deutsche Vokabular aufgenommen wurde. Ab den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts gebrauchten „Romane und Reportagen die Fremdwörter Bohème, Bohémien, auch Bohémie, bezeichnenderweise aber noch mit erklärenden Floskeln“ 5 und machten die Begriffe so geläufig. Da „zusammenfassende Bezeichnungen, wie Boheme, Anarchismus, Nihilismus sich jeder formelhaften Definition entziehen“ 6 , herrscht Unklarheit darüber, was mit Boheme im engeren Sinne gemeint ist. Um Klarheit zu schaffen, ist es hilfreich, die Voraussetzungen, die der Boheme zugrunde liegen, zu kennen.
Der Bohemebegriff beschreibt Künstler mit abweichenden Lebensformen und ihr Milieu. Es wird davon ausgegangen, dass „abweichendes Verhalten von Individuen jeweils von einem gegebenen sozialen System konditioniert“ 7 ist. Also muss eine bestimmte Gesellschaft vorhanden sein, um davon abzuweichen und so die Boheme zu kreieren. Das Vorhandensein eines Marktes für Literatur und Kunst ist essentiell, da sich nur so dem Bohemien eine Möglichkeit eröffnet, ein freier Künstler zu sein. Die Entwicklung zu einem
3 Anne-Rose Meyer: Jenseits der Norm, Aspekte der Bohèmedartellung in der französischen
und deutschen Literatur 1830 -1910, S. 26
4 Henri Murger: Boheme, S. 13
5 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S. 11
6 Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen. Unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer,
S. 126
7 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S. 42
5
freien Markt war nur möglich dank Erfindungen wie dem Buchdruck, der den Massen den Zugang zur Literatur öffnete, wodurch freie künstlerische Arbeit erleichtert wurde. Daraus lässt sich schließen, dass die „Ablösung der ,mittelalterlichen‘ Wirtschaftsformen durch ,neuzeitlich‘-kapitalistische“ 8 notwendig für die Entstehung der Boheme war.
Auch zur Zeit der Renaissance wurde Kunst sehr hoch geschätzt. Doch hatte man ein anderes Bild von einem Künstler und er spielte eine andere Rolle in der Gesellschaft. Künstler wurden von reichen Familien und Adeligen gefördert und schufen so Meisterwerke 9 , doch konnten sie nicht voll über den Inhalt ihrer Kunst entscheiden, da sie von ihren Auftraggebern abhängig waren, wodurch es ihnen an Selbstbestimmung mangelte. Erst nachdem es zu einer Massennachfrage nach Kunst gekommen war, konnte sich der Künstler aus dieser Abhängigkeit lösen und Selbstbestimmung erlangen. So kam es für das Künstler-Ich zu einer Emanzipation „von der Kontrolle durch Geschmacksträger außerhalb der künstlerisch-intellektuellen Welt.“ 10 Die Kombination aus einer sich liberalisierenden Gesellschaft, dem wachsenden Kulturmarkt und dem emanzipierten Künstler bot den Nährboden, der für das Gedeihen der Boheme notwendig ist.
Bei den gegebenen Voraussetzungen erweist sich der ,Juste-Milieu-Hass‘ als bester Antrieb für die Boheme. „Juste-Milieu“ bedeutet die „richtige Mitte“ oder auch das „Beibehalten des Mittelmaßes“, was in der Gesellschaft erwünscht, aber in der Boheme strikt abgelehnt wird. Dieses als gesund empfundene Mittelmaß ist ein Antrieb, da es immer wieder zur Zielscheibe „sozialkritischer Attacken der Boheme“ 11 wird und so eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration bildet. Durch die Ablehnung des Mittelmaßes durch die Boheme kommt es zu einer Verlagerung zu Extremen, welche den Lebensstil bestimmt. Diese Anschauung tritt auch im Umgang mit Geld zu Tage, da der Bohemien „nie in mittelmäßigen Verhältnissen leben“, sondern „entweder reich oder ganz arm“ sein will. Wenn ein Vermögen erlangt wird, wird dieses in der Regel sofort verprasst, „um einmal alles zu genießen und dann als Bohémien weiter zu
8 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S. 43
9 Vgl. Robert Cumming: Kunst. Kompakt & Visuell. Malerei. Bildhauerei. Künstler. Stile. Genres.
10 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S. 45
11 Helmut Kreuzer: Die Boheme, S. 46
6
Arbeit zitieren:
Stella Griesmeier, 2011, Die Boheme als literatur- und geisteswissenschaftliches Phänomen dargestellt am Beispiel der ,Schwabinger Boheme‘, München, GRIN Verlag GmbH
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