2. Die „Neue Linke“ in Deutschland und Amerika
a. Die Entstehung der „Neuen Linken“ in Abgrenzung zu alten
Ideen
Am Ende der 1950er Jahre formierten sich in der BRD und in den USA eine „Neue Linke“, deren Potenzial vor allem in der „doppelten Abgrenzung“ 1 zu den „alten“ Linken lag. Die erste Abgrenzung findet gegenüber den traditionellen kommunistischen Parteien statt. Ursprung dessen ist vor allem der 20. Parteitag der KPdSU am 24. Februar 1956, auf dem Stalins Nachfolger, Nikita Chruschtschow, in einer Geheimrede manche der Verbrechen Stalins enthüllt und zu einer langsamen „Destalinisierung“ aufruft. Ebenso wie die gewaltsame Unterdrückung der Demokratiebestrebungen in Ungarn durch die sowjetische Armee im November des Jahres 1956, erschütterte dies viele Anhänger des Kommunismus und führte zu vermehrten Parteiaustritten in den kommunistischen Parteien des Westens. So traten zum Beispiel aus der Communist Party in Amerika 15.000 Mitglieder aus. (Schmidtke, S.33). Die Angst, dass für das Wohl der „Weltrevolution“ Demokratiebestrebungen, wie sie in Ungarn stattfanden, radikal unterbunden werden, oder dass ein solches Verhalten befürwortet wird, trieb viele Anhänger der „Neuen Linken“ an, sich von alten Idealen abzugrenzen.
Die zweite Abgrenzung fand gegenüber den „sozialdemokratischen“ und „liberalen“ Parteien statt. Diese hätten, um sich Wählerstimmen und parlamentarischen Erfolg zu sichern, ihre alten Ideale verraten. Als ein Beispiel dafür kann man die Beschließung und Verkündung des „Godesberger Programms“ auf einem außerordentlichen Parteitag der SPD im November 1959 anführen. In dem Programm legt die sozialdemokratische Partei die Richtlinien ihrer Politik fest und definiert sich selbst neu als Volkspartei: „Die Sozialdemokratische Partei ist aus einer Partei der Arbeiterklasse zu einer Partei des Volkes geworden.“ 2 Nach der Verkündung des Programms wurden
1 Michael Schmidtke: Der Aufbruch der jungen Intelligenz. Die 68er Jahre in der Bundesrepublik und den USA. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2003.
2 http://www.spd.de/de/pdf/parteiprogramme/spd_godesbergerprogramm.pdf
2
vermehrt Stimmen laut, die die SPD dafür kritisierten, alle sozialistischen Aspekte des Parteiprogramms aufgegeben zu haben.
In dieselbe Richtung gehen nach Schmidtke auch die halbherzigen Reaktionen der Parteien auf die atomare Aufrüstung. Eine Unterstützung der Protestbewegung wäre so vom politischen Gegner als „prokommunistisch“ verurteilt und somit als Waffe im Wahlkampf benutzt worden. (Schmidtke, S.33 f.)
Auch im Gesellschaftsbild der „Neuen Linken“ kann man Unterschiede zu der traditionellen Linken erkennen. In der Suche nach den Ursachen für eine immer weiter verbreitete politische Apathie in der linksgerichteten Bewegung lassen sich nach Schmidtke drei zentrale Elemente ausmachen: Als erster Grund wird die Bürokratisierung von Institutionen angeführt. Davon betroffen sind auch die Volksparteien, in diesem besonderen Beispiel die sozialdemokratische Linke, die durch Unterdrückung von innerparteilicher Opposition versucht, Wahlen für sich zu entscheiden. (Schmidtke, S.35) Als zweiten Grund führt Schmidtke die Allgegenwart des Kalten Krieges an. Wie bereits zuvor erwähnt, wurde Kritik an dem westlichen System als „prokommunistisch“ deklariert. Die neue Bewegung hatte also einen schweren Stand in einer Gesellschaft, deren Feindbild laut Joseph McCarthy der Kommunismus ist: “Today we are engaged in a final, all-out battle between communistic atheism and Christianity.“ 3
Schlussendlich wird als Grund für politische Apathie die konsumorientierte Überflussgesellschaft bemüht. Durch den Fokus auf „pseudo-needs“ (Schmidtke, S.36) wird die kritische Gesellschaft zu einer Konsumgesellschaft, die nur daran interessiert ist, eben jene Bedürfnisse zu erfüllen und darüber jedwede Form von Protest vergisst.
Im gesellschaftsanalytischen Bild der „Neuen Linken“ spielen also auch mentale Aspekte eine Rolle. Es beschränkt sich also nicht mehr auf eine reine Kritik der gesellschaftlichen Institutionen, sondern nimmt auch Kultur, Werte und Moralvorstellungen der zu kritisierenden Gesellschaft in ihr Programm auf. (Schmidtke, S.36)
3 http://us.history.wisc.edu/hist102/pdocs/mccarthy_wheeling.pdf
3
b. Die Bildung der “Students for a Democratic Society“
Da nun Ziele und Unterschiede zur alten Linken formuliert waren, brauchten die Ideen der „Neuen Linken“ nun eine Organisationsplattform, um in gebündelte Forderungen umgewandelt, der Öffentlichkeit präsentiert werden zu können. Dafür sollte aber keine politische Oppositionspartei gebildet werden, wie es bisher versucht wurde, sondern vielmehr ein von einer gebildeten Mittelschicht getragenes „movement of ideas“, dem sich Intellektuelle der ganzen Welt anschließen sollten. (Schmidtke, S.40) Die Organisationsplattform war bald gefunden. Am 17. Juni 1960 traten 24 Studenten zusammen und riefen die Students for a Democratic Society (SDS) ins Leben. Diese sollte die neuen linken Gedanken und Ideen bündeln. Hervorgegangen ist die SDS aus der LID, der League for Industrial Democracy. Da diese es ablehnte, mit Gruppen zusammenzuarbeiten, die dem Kommunismus nahe stehen könnten, distanzierte sich die SDS, obschon finanziell von ihr unterstützt, von der LID. Diese sah den Antikommunismus als Waffe gegen linke Opposition.
Das zentrale Manifest des SDS wurde im Juni 1962 auf einer mehrtägigen Konferenz in Port Huron, Michigan verabschiedet. An der Konferenz nahmen unter vielen Studenten- und Bürgerrechtsgruppen auch ein Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) teil. (Schmidtke, S.40 f.) Von Anfang an erhob das “Port Huron Statement of the Students for a Democratic Society” den Anspruch, die Wünsche und Forderungen einer ganzen Generation widerzugeben: “We are people of this generation, […] housed now in universities, looking uncomfortably to the world we inherit.“ 4 Im Folgenden wird dargestellt, wie sowohl die Gesellschaft, als auch die existierende Demokratie umgestaltet werden müsste, um eine Gesellschaft mit gleichen Lebenschancen für alle zu schaffen: „ As a social system we seek the establishment of a democracy of individual participation.“ (Frei, S.42) Der SDS zog also all jene an, die vom Kommunismus der Sowjetunion wie auch vom Kapitalismus der westlichen Staaten enttäuscht waren. Zusammen wollten die Mitglieder an einer freien, gleichen und partizipatorischen
4 Norbert Frei: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008.
4
Demokratie arbeiten, die ihren Anfang in der “young intelligentsia“ nehmen sollte. Dieser Begriff wurde von C. Wright Mills geprägt und stand für die Studenten und die schon oben erwähnte gebildete Mittelschicht, die die im Marxismus heroisierte Arbeiterklasse ablösen sollte. (Frei, S.43)
c. Die Bildung des „Sozialistischen Deutscher Studentenbund“
Anders als in Amerika, wurde der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) direkt nach dem Krieg von zumeist männlichen Kriegsheimkehrern gegründet. Als Studentenverband stand er der SPD nahe. Sein erster Vorsitzender in der britischen Besatzungszone war der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Anfangs staatsloyale Vereinigung wurde bald von einer Gruppe um Monika und Jürgen Seifert, Dieter Wunder, Michael Schumann und Oskar Negt geführt. 5 Diese Gruppe stand in Konkurrenz mit den parteitreuen Mitgliedern, den „Godesbergern“ (Langguth, S.19). In dieser Konkurrenzphase zwischen SDS und SPD spaltete sich im Mai 1960 der Sozialdemokratische Hochschulbund (SHB) ab, der das „Godesberger Programm“ unterstütze. Dies schwächte den SDS vor allem unter finanziellen und organisatorischen Gesichtspunkten.
Aufgrund tiefgreifender Differenzen - der SDS warf der SPD einen Rechtsruck vor, die SPD dem SDS einen Linksruck - verabschiedete die SPD am 6. November 1961 einen „Unvereinbarkeitsbeschluss“, der eine gleichzeitige Mitgliedschaft in SPD und SDS ausschloss. Damit waren beide Organisationen endgültig voneinander getrennt. Der SDS wurde danach zum Sammelbecken der Ideen der „Neuen Linken“. Elisabeth Lenk formulierte die Ziele und das Selbstbewusstsein der Neuen Linken als ein die Gesellschaft durchleuchtender Scheinwerfer, der alle Makel zutage fördern solle. (Frei, S.92) Anders als in Amerika, wo die SDS gegründet wurde, um neue linke Ideen zu vertreten, gab es also schon eine Organisation, die sich aber erst noch von der Volkspartei SPD lossagen musste, um für identitätssuchende Linke attraktiv zu werden. Zentrum der Aktivität der Neuen Linken war zu Beginn Frankfurt am Main.
5 Gerd Langguth: Mythos ’68. Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung. München: Olzog, 2001.
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Arbeit zitieren:
Jannis Mewes, 2010, Die Studentenbewegung in Amerika und Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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