Inhaltsverzeichnis
1. Einführung 1
2. Das Phänomen WikiLeaks 2
2.1 Daten und Fakten 2
2.2 Ziele, Vorgehensweise und Legitimation 2
3. Öffentlichkeit als Phasenraum 4
3.1 Ausgangslage 4
3.2 Analysedimensionen von Öffentlichkeit nach Stöber 5
4. Öffentlichkeit als Dogma? WikiLeaks und die Öffentlichkeit 8
4.1 Das Verhältnis von WikiLeaks zur Öffentlichkeit 8
4.2 WikiLeaks als Form von Öffentlichkeit 9
4.3 Das Öffentlichkeitskonzept von WikiLeaks 10
4.4 Einordnung und Bewertung 14
5. Fazit und Ausblick 16
6. Quellenverzeichnis
1. Einführung
Kaum ein Thema hat die gesellschaftlichen und politischen Diskurse der letzten Monate so stark geprägt wie die Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Die Organisation kann mit Recht als ‚Phänomen‘ bezeichnet werden, verändert sie durch ihre Enthüllungen doch sowohl den Blick auf welt- und wirtschaftspolitische Prozesse als auch die Vorstellung davon, was ‚Öffentlichkeit‘ ist bzw. sein kann: „WikiLeaks will den Regierungen dieser Welt nicht die politische Kontrolle entreißen, wohl aber die Kontrolle über ihr Herrschaftswissen. Plötzlich gibt es einen neuen Akteur, der sich das Recht herausnimmt, darüber mitzuentscheiden, was geheim bleibt.“ (Rosenbach/Stark 2011: 15)
Man kann die Organisation schlicht als neuen Akteur auf der Bühne massenmedialer Öffentlichkeit begreifen, oder aber in WikiLeaks eine neue Evolutionsstufe, ja eine logische Konsequenz in der Entwicklungskette politischer Öffentlichkeit von der antiken Versammlungs- über die neuzeitliche massenmediale Öffentlichkeit bis hin zur modernen Netzöffentlichkeit sehen - beide Betrachtungsweisen werden dem Phänomen WikiLeaks aufgrund seiner Komplexität und seiner vielschichtigen Beziehungen zu bestehenden Formen von Öffentlichkeit und deren Akteuren jedoch nicht gerecht. Im Zuge der folgenden Analyse wird davon ausgegangen, dass WikiLeaks eine eigene Form von Öffentlichkeit schafft, die zwar mit den bekannten Erscheinungsformen politischer und massenmedialer Öffentlichkeit interagiert, jedoch grundsätzlich eigenständig ist und sich in zentralen Merkmalen von diesen unterscheidet. Ziel dieser Arbeit ist eine öffentlichkeitstheoretische Annäherung an das vieldiskutierte und gleichwohl umstrittene Phänomen WikiLeaks. Es soll aufgezeigt werden, welche Rolle Öffentlichkeit für die Organisation WikiLeaks spielt - sowohl als Lebensraum, in dem sie sich bewegt, als auch als herzustellenden Zielzustand - und welche konkrete Vorstellung von Öffentlichkeit den Funktions- und Handlungsweisen der Organisation zugrunde liegt. Zu diesem Zweck soll versucht werden, ein 2009 vom Öf-fentlichkeitstheoretiker Rudolf Stöber ursprünglich zur systematischen Analyse verschiedener Öffentlichkeitskonzepte entwickeltes Kategoriensystem auf die Öffentlich-keitsvorstellung der Organisation WikiLeaks anzuwenden, um auf dieser Basis eine kritische Betrachtung des Phänomens zu ermöglichen.
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2. Das Phänomen WikiLeaks 2.1 Daten und Fakten
Bei WikiLeaks handelt es sich um eine international tätige Organisation, welche auf die anonyme Veröffentlichung geheimer Dokumente und Informationen im Internet spezialisiert ist. WikiLeaks wurde im Jahr 2006 von einer größtenteils namentlich unbekannten Gruppe Dissidenten, Journalisten und Mathematikern als „not-for-profit media organisation“ (WikiLeaks: What is WikiLeaks?) gegründet. Seitdem pflegt und betreut ein wechselnder Kreis hauptsächlich unentgeltlich tätiger Mitarbeiter unter der Leitung des ehemaligen australischen Hackers Julian Assange die Internetplattform wikileaks.org, über die in loser Folge geheime Dokumente, Videos und andere Aufzeichnungen aus anonymen Quellen veröffentlicht werden (vgl. SZ: Wer ist WikiLeaks?). Finanziert wird das Projekt WikiLeaks durch Spenden von privaten Unterstützern und Stiftungendiese Spenden umfassen sowohl direkte finanzielle Zuwendungen als auch die kostenlose Bereitstellung von Dienstleistungen wie beispielsweise juristischen Beistand (vgl. Medien-Ökonomie-Blog: Leak-o-nomy. Die Ökonomie hinter WikiLeaks). In den Fokus der breiten Öffentlichkeit rückte WikiLeaks erstmals im April 2010, als die Organisation im Rahmen einer Pressekonferenz Originalaufnahmen eines Luftwaffeneinsatzes der US-Armee in Bagdad präsentierte, bei dem insgesamt zwölf mutmaßlich unbewaffnete Zivilisten getötet wurden (vgl. WikiLeaks: Collateral Murder). Neben zahlreichen weiteren Veröffentlichungen führte vor allem die Publikation hunderttausender geheimer Einsatzprotokolle aus dem Afghanistankrieg im Juli 2010 und tausendender interner US-Botschaftsdepeschen im November 2010 zu großem Medienecho. Regierungen und staatliche Institutionen rund um den Globus - allen voran die US-Regierung - kritisierten WikiLeaks für diese Veröffentlichungen und bezichtigten die Organisation des Verrats von Staatsgeheimnissen und der Sabotage. In den USA wird momentan geprüft, rechtliche Schritte gegen WikiLeaks und ihren Vertreter Assange einzuleiten (vgl. u.a. N24: USA prüfen Anklage wegen Verschwörung).
2.2 Ziele, Vorgehensweise und Legitimation
Der Organisation WikiLeaks liegt die Leitidee des freien Zugangs zu jeder Form von öffentlich relevanter Information zugrunde: Hauptziel ist nach eigenen Angaben „to bring important news and information to the public“ (WikiLeaks: What is WikiLeaks?). WikiLeaks stellt die nötige Infrastruktur bereit, um der Öffentlichkeit Informationen zu-
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gänglich zu machen, die ihr bisher vorenthalten wurden. Im Gegensatz zu klassischen journalistischen Medien versucht WikiLeaks, politisch brisante Informationen möglichst ungefiltert, ungekürzt und anonymisiert zu veröffentlichen. Auf diese Weise soll größtmögliche Transparenz hinsichtlich welt- und wirtschaftspolitischer Entscheidungsprozesse geschaffen werden.
WikiLeaks tritt als Medium der Informationsvermittlung auf, welches publikationswürdige Interna aus verschiedensten Quellen zusammenträgt und diese dann veröffentlicht. Grundvoraussetzung für den Erfolg dieses Modells ist die Bereitschaft von privilegierten Besitzern einer Information, diese öffentlich zugänglich zu machen. Wiki-Leaks bietet seinen Informanten die Möglichkeit, Informationen anonymisiert, verschlüsselt und ohne persönlichen Kontakt online einzusenden (vgl. WikiLeaks: What is WikiLeaks?). Wird eine Information von der Organisation als veröffentlichungswürdig eingestuft, kann die Veröffentlichung je nach Umfang und Komplexitätsmaß des Materials auf verschiedenen Wegen erfolgen: Einzelne Dokumente, Mitschnitte oder Bilder werden in der Regel direkt über das organisationseigene Internetportal zur Verfügung gestellt. Diese Veröffentlichungen werden gelegentlich öffentlichkeitswirksam durch Pressekonferenzen begleitet, wie es beispielsweise bei der Veröffentlichung von Originalaufnahmen eines Luftwaffeneinsatzes der US-Armee in Bagdad im April 2010 der Fall war (vgl. Rosenbach/Stark 2011: 124f). Handelt es sich um große Datenmengen, die eine vorhergehende Selektion und umfassende Prüfung erfordern, arbeitet Wiki-Leaks zudem mit renommierten Printmedien zusammen - so geschehen beispielsweise im Zuge der Veröffentlichung hunderttausender geheimer Einsatzprotokolle aus dem Afghanistankrieg im Juli 2010. WikiLeaks stellte die Dokumente dem deutschen Nachrichtenmagazin Der Spiegel, der New Yorker Tageszeitung New York Times sowie dem britischen Guardian zur Verfügung, welche diese dann prüften, journalistisch aufbereiteten und schließlich in einer koordinierten Aktion zeitgleich veröffentlichten (vgl. Rosenbach/Stark 2011: 158f).
Durch die Veröffentlichung oftmals brisanter, von staatlichen Stellen als geheim eingestufter Informationen rückte die Organisation ins Kreuzfeuer der Kritik verschiedener Regierungsorganisationen und staatlicher Institutionen. Kritiker werfen Wiki-Leaks Spionage, Geheimnisverrat und Sabotage vor - WikiLeaks gefährde durch seine Enthüllungen das Leben von Soldaten (vgl. u.a. Phoenix: Kritik an WikiLeaks nach Veröffentlichung von US-Dokumenten hält an) und vergifte das diplomatische Klima (vgl. u.a. Spiegel Online: Empörung über Depeschenenthüllung). Die Organisation hält dagegen, man trage lediglich zur Transparenz politischer Entscheidungsprozesse bei und leiste einen unverzichtbaren Dienst an der Demokratie. WikiLeaks schreibt sich selbst die Rolle des Kämpfers für eine umfassende Informationsfreiheit zu, welche es
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um jeden Preis zu verteidigen gelte: „We are fearless in our efforts to get the unvarnished truth out to the public” (WikiLeaks: What is WikiLeaks?). WikiLeaks erhebt den Anspruch, journalistische Qualitätsstandards zu erfüllen und mit journalistischen Maßstäben gemessen zu werden - es sieht sich als Teil des journalistischen Systems, von dem es sich jedoch gleichzeitig abzuheben versucht: „WikiLeaks has provided a new model of journalism. […] Like a wire service, WikiLeaks reports stories that are often picked up by other media outlets. We encourage this. We believe the world’s media should work together as much as possible […].” (WikiLeaks: What is WikiLeaks?)
Aus diesem Selbstverständnis schöpft die Organisation einen wesentlichen Teil ihrer Legitimation. Sie tritt auf als Vorreiter einer Journalismuskultur, deren oberstes Primat Transparenz ist, und leistet Dienste am Allgemeinwohl, zu denen sie traditionelle journalistische Formate nicht in der Lage sieht. Welches Verständnis von Öffentlichkeit diesem Anspruch zugrunde liegt, soll im Zuge der folgenden Analyse herausgearbeitet werden.
3. Öffentlichkeit als Phasenraum 3.1 Ausgangslage
In seinem Aufsatz „Öffentlichkeit/Öffentliche Meinung als Phasenraum“ (vgl. Stöber 2009) erarbeitet Rudolf Stöber ein Kategoriensystem zur systematischen Analyse von Öffentlichkeit und Öffentlichkeitskonzepten. Laut Stöber stelle Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr ein „prinzipiell unabschließbares Thema“ dar (Stöber 2009: 53), zu dem es „tausendundeine Darstellung“ gebe (ebd.). Ziel Stöbers ist folglich nicht, den zahlreichen Definitionen von Öffentlichkeit eine weitere hinzuzufügen, sondern vielmehr durch die Exegese bestehender Konzepte und Forschungsansätze eine „historisch begründbare Systematik“ zu entwickeln (Stöber 2009: 53), mit der sich Formen und Funktionen von Öffentlichkeit kategorisieren und bewerten lassen. Grundgedanke der Ausführungen Stöbers ist die Annahme, bei dem wis-senschaftstheoretischen Konstrukt ‚Öffentlichkeit‘ handele es sich um einen stetigem Wandel unterworfenen „Phasenraum“, der je nach Ausprägung verschiedener ordnender Dimensionen unzählige Erscheinungsformen annehmen kann. Die von Stöber genannten ordnenden Dimensionen ‚Verortung‘, ‚Trägerschaft‘, ‚Thema‘, ‚Modus‘ und
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Arbeit zitieren:
Jan Horak, 2011, Öffentlichkeit als Dogma? Eine öffentlichkeitstheoretische Annäherung an das Phänomen WikiLeaks, München, GRIN Verlag GmbH
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