Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder. Diese historische Aussage besteht in heutigen, einem beschleunigten Wandel unterzogenen Familienverhältnissen nach wie vor - und zu Recht. Ein zentrales Paradigma stellen in diesem Zusammenhang die Bildungschancen der Kinder dar. Dass eine bessere Bildungschance sich positiv auf die Zukunftsperspektive der Kinder auswirkt, erscheint logisch. Auf welche Weise und anhand welcher sozialen Faktoren eine Familie - gewollt oder ungewollt - Einfluss auf die zukünftige Entwicklung ihrer Kinder nehmen kann, soll hier näher untersucht werden.
Eine Scheidung der Eltern hat zum Beispiel maßgeblichen Einfluss auf die Kinder. Diese reagieren häufig mit Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Diese Faktoren äußern sich durch Hyperaktivität, Angst, Depression und schlechteren Schulleistungen, was wiederum zu geringeren Bildungschancen der Kinder in der Zukunft führen kann (vgl. Nave-Herz/Onnen-Isemann 2007, S. 329). Außerdem leben Kinder geschiedener Eltern häufig bei ihren Müttern. Diese führen öfters Gespräche mit ihren Kindern über deren Zukunft, ihnen wird allerdings nur verminderte Kompetenz im Vergleich zu den Vätern zugeschrieben (vgl. Beinke 2002, S. 195). Mit Hintergrund auf die gestiegene Lebenserwartung der Menschen und den Rückgang der Geburtenzahlen erfuhren alle europäischen Länder analoge Wandlungen der familialen Generationenstruktur. Das Potential von Großeltern-Enkelkinder-Beziehungen erfährt eine post-moderne Aufwertung. Großeltern sind nicht mehr nur „Babysitter in der Not“, sondern werden immer mehr zu kameradschaftlichen Bezugspersonen für ihre Enkelkinder (vgl. Höpflinger/Fux 2007, S. 72). Die familiäre Tradition fließt in die Berufswahl der Kinder ein. Die junge Generation orientiert sich nicht nur an den Berufen der Eltern, sondern immer mehr auch der Großeltern (vgl. Beinke 2002, S. 219). Einer weiteren Orientierungshilfe der Kinder in Bezug auf ihre mögliche Zukunftsgestaltung bieten auch peer-groups. Die Diskussion mit Gleichaltrigen wirkt auf die Kinder stabilisierend und hilft Unsicherheiten zu reduzieren (vgl. ebda, S. 223). Auf die Darstellung der Familie bezogen ist zunächst zwischen Desintegration und Desorganisation zu unterscheiden. Desintegration meint den Bezug zwischen Familie und Gesellschaft, die familiäre Auffächerung des gesellschaftlichen Gesamtbewusstseins in viele Kulturbereiche. Mit Desorganisation sind bestimmte interne Verfassungen, wie die Übernahme von Funktionen (z. B. Erziehung der Kinder) durch Familienaußenstehende gemeint (vgl. ebda, S. 11). Auch der Staat hat eine Verantwortung gegenüber den Kindern. In Deutschland soll das Sozialstaatsprinzip zu einer Schaffung und Erhaltung einer gerechten Sozialordnung verpflichten. Elemente dieses Prinzips sind ein menschenwürdiges Dasein, Absicherung gegen die Wechselfälle des Lebens, Ausübung der Freiheitsrechte, die (relative) Heinz Piwonka Datum:21.5.2010 Seite 2 von 9
Chancengleichheit und -gerechtigkeit und die chancengerechte Teilhabe am Gemeinwohl. Aus diesen Verpflichtungen ergibt sich eine normative Vorwirkung für Kinder, damit diese in einem späteren Alter die Chancen in Anspruch nehmen können, die die Gesellschaft ihnen bietet (vgl. Hoffmann 2006, S. 151). Von der Verfassung ist die Elternverantwortung im Interesse und zum Wohle des Kindes anerkannt worden. Kinder sind auf Hilfe und Schutz angewiesen, damit sie eine eigenverantwortliche Persönlichkeit in der sozialen Gemeinschaft herausbilden können. Der Staat operiert als „Wächter“, überlässt jedoch die Art und Weise der Kindererziehung und den Inhalt der Ausbildung der Kinder, den Eltern (vgl. ebda, S. 164).
Somit sind die elterlichen und familiären Faktoren - nach wie vor - die wesentlichsten Einflußgrößen auf die Zukunft der Kinder. Einen dieser Faktoren stellt die soziale Herkunft der Kinder dar. Diese wird üblicherweise auf Grund der sozioökonomischen Stellung ihrer Familien anhand von relativer Position der Eltern in einer sozialen Hierarchie und die familiäre Verfügung über finanzielle Mittel, Macht oder Prestige bestimmt. Daten über soziale Anerkennung und Macht sind nur sehr schwer greifbar, daher wird der sozioökonomische Status in der Regel über die Berufstätigkeit der Eltern (besonders des Vaters) erfasst (vgl. Watermann/Baumert 2006, S. 63). Bourdieu und Passeron sehen bei ihren auf Frankreich bezogenen Studien die Chancen für einen Hochschulbesuch der Kinder als Ergebnis einer Auslese, die die gesamte Schulzeit hindurch mit einer nach sozialer Herkunft der Schüler unterschiedlichen Strenge gehandhabt wird. Bei unterprivilegierten Klassen führt diese Auslese zur Eliminierung. Die Aussichten auf einen Hochschulbesuch sind für den Sohn eines Führungskaders achtzigmal größer als für den Sohn eines Landarbeiters und vierzigmal größer als für den eines Arbeiters. Die Söhne von mittleren Kadern besuchen nur halb so oft eine Hochschule als die von Führungskadern. Anhand von Statistiken lassen sich vier Kategorien ausmachen: für die Kinder unterprivilegierter Klassen besteht nur eine symbolische Chance für einen Hochschulbesuch (unter 5 %), Chancen von Kindern mittlerer Schichten (Handwerker, Kaufleute, Angestellte) sind zwar gestiegen, betragen jedoch nur 10 - 15 %. Demgegenüber haben sich die Chancen von Kindern mittlerer Kader auf ca. 30 % verdoppelt, ebenso wie die Chancen von Kindern von Führungskadern und freier Berufe auf 60 %. Dieses Gefälle von objektiven Bildungschancen wirkt sich erheblich im täglichen Erfahrungsbereich aus. Auf diese Weise entsteht milieuabhängig die Vorstellung von einem Studium als „unerreichbarer“, „möglicher“ oder „normaler“ Zukunftsaussicht, wodurch wiederum die Wahl des Ausbildungsganges prädisponiert ist (vgl. Bourdieu/Passeron 1971, S. 20ff). Heinz Piwonka Datum:21.5.2010 Seite 3 von 9
Die Herausbildung der sprachlichen Fähigkeiten der Kinder ist ein weiteres Paradigma, das sich zu untersuchen lohnt. Der besonders evidente Einfluss des sprachlichen Kapitals verliert nie seine Wirksamkeit. Die Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern liefert vielmehr einen mehr oder weniger reichen Wortschatz, sodass die Fähigkeit, komplexe logische bzw. ästhetische Strukturen aufzuschlüsseln und zu gebrauchen, zum Teil von der Komplexität der von den Eltern mitgebrachten Sprache abhängt. Daher ist die Steigerung der Rate der „Schulsterblichkeit“ eine Folge der Entfernung der sozialen Klassen von der Bildungssprache. Jedoch wird bei einer durch Auslese gewonnenen Population diese Folge vermindert, gelegentlich sogar aufgehoben. Daher wird das Merkmal der sozialen Herkunft für unterschiedliche Auslesegrade von Schülerinnen und Schülern und Studierenden als zentral angesehen, da nur auf diese Weise eine systematische Erklärung sämtlicher Varianten im Verhältnis zwischen linguistischer Kompetenz und Herkunftsklasse, sowie zwischen kulturellem Kapital (anhand des väterlichen Berufs) und Schulerfolg festgestellt werden kann (vgl. Bourdieu/Passeron 1971, S. 133). Demnach ist auch die Überlegenheit der Studierenden in den Vorbereitungsklassen zu den grandes écoles über die Studierenden des Propädeutischen Jahres bzw. Studierende der Philosophie über die Soziologiestudierenden nicht auf geheimnisvolle Qualitäten der Ausbildung bzw. ihrer Empfänger zurückzuführen, sondern geht aus der Tatsache hervor, dass die Kinder von Führungskadern in der Gruppe der Philosophiestudierenden eindeutig allen anderen überlegen sind, hingegen die Gruppe der Soziologiestudierenden die schwächsten sind. Die Soziologie wird als die glanzvolle Zufluchtsstätte jener Studierenden dargestellt, die besonders schlechte Schulleistungen aufweisen und deshalb im Vergleich mit ihren KommilitonInnen aus anderen Klassen unterausgelesen sind (vgl. ebda, S. 142f). Die Ergebnisse zum sozioökonomischen Familienstatus werden auch durch neuere Studien in Deutschland unter Schülern bestätigt. Bezüglich der von ausgewählten Strukturmerkmalen der Familie abhängigen Bildungsbeteiligung von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I lassen sich folgende Befunde erheben: umso höher der sozioökonomische Berufsstatus der Familien ist, desto öfter sind Kinder im Bildungsgang Gymnasium zu finden. Die Bandbreite liegt in der untersuchten Kohorte zwischen 18 % im untersten Quartil und steigert sich auf 67 % im obersten Quartil. Im Umkehrschluss besuchen Kinder von Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status öfters eine Hauptschule. Die Anteile sinken von 44 % des niedrigsten Status-Quartils auf 12 % des höchsten Quartils. Ähnliches ergibt sich, wenn man das Bildungskapital der Familien betrachtet. Verfügen beide Eltern über Abitur, steigt der Anteil ihrer Kinder im Gymnasium Heinz Piwonka Datum:21.5.2010 Seite 4 von 9
Arbeit zitieren:
Heinz Piwonka, 2010, Auswirkungen der Familie auf die Bildungschancen der Kinder, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation: Auswirkungen der Familie auf die Bildungschancen der Kinder ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation: neuer Titel erschienen: Auswirkungen der Familie auf die Bildungschancen der Kinder
Heinz Piwonka hat einen neuen Text hochgeladen
Kontaktaufnahme mit der Wahrnehmungswelt des Kindes: (Unerkannte) Stör...
Theorie und Praxis für pädagog...
Eva Rass
Selbstständigkeit für Kinder- die große Freiheit
Kindheit zwischen pädagogische...
Helga Zeiher, Ulf Preuss-Lausitz, Tobias Rücker
Eine Idee im Umbruch?
Anton Hügli, Joachim Küchenhoff, Werner Müller
Neoliberalisierung deutscher H...
Jens Sambale, Volker Eick, Heike Walk
Positive Erziehung für Eltern von Kindern bis 12 Jahre
Matthew Sanders, Carol Markie-Dadds, Karen Turner, Cox; Lindsay
Das Akkreditierungssystem an deutschen Universitäten
Qualität sichern, Vielfalt för...
Andreas R. Fritz
0 Kommentare