Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur
Umsetzung von klimaneutralen Destinationen
in Deutschland
-
Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Reiseregion Uckermark
Masterarbeit
zur Erlangung des Grades eines ,,Master of Arts" (M.A.)
am Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz
im Masterstudiengang ,,Nachhaltiges Tourismusmanagement"
der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH)
vorgelegt von
Erik Pfauth
Eberswalde, den 08.11.2010
I
Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich auf der Bezugsebene Deutschland mit der Machbarkeit von
klimaneutralen Destinationen. Aufbauend auf einer Analyse der grundlegenden Voraussetzungen
und notwendigen Prozesse im Destinationsmanagement, wird die Untersuchung des Fallbeispiels
Uckermark dabei helfen, einen allgemeingültigen Kriterienkatalog zu erarbeiten. Methodisch
bedient sich die Arbeit einer Literaturrecherche und zweier analytisch-empirischer Teile.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Existenz des Klimawandels werden inzwischen ebenso
wenig angefochten, wie die Tatsache, dass anthropogene Treibhausgase die Hauptursache für
diesen Prozess sind. Die Erde wird sich in Zukunft stark erwärmen, was substantielle Folgen für
Mensch und Umwelt zur Folge haben wird. Der Tourismussektor ist Betroffener des
Klimawandels. Ein verändertes Klima wird die touristischen Nachfragestrukturen stark
beeinflussen. Allerdings trägt der Tourismus auch zwischen fünf und 14% zur globalen
anthropogenen Erderwärmung bei, insbesondere durch die transportbedingten Emissionen, aber
auch durch Emissionen der Beherbergungsbetriebe und sonstiger Aktivitäten. Vor diesem
Hintergrund erwartet die Welttourismusorganisation UNWTO, dass Destinationen eine
Vorreiterrolle einnehmen, indem sie konkrete Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen, die
innerhalb der touristischen Wertschöpfungskette entstehen, einleiten, in Energieeffizienz
investieren und nachhaltig klimaschonende Infrastrukturen schaffen.
Der Tourismussektor hat zwei Möglichkeiten, um auf die prognostizierten Risiken des
Klimawandels zu reagieren. Neben der überwiegend technischen Anpassung, würde die
Verringerung der Freisetzung von Treibhausgasen langfristig zu einer Minderung der negativen
Auswirkungen führen. Entsprechende Schritte sollten von allen touristischen Akteuren umgesetzt
werden, um das System ,,Tourismus" auch in Zukunft zu stabilisieren. Im Vergleich zu Touristen,
Verkehrsbetrieben und Reiseveranstaltern, haben Destinationen die geringste Anpassungsfähigkeit
an den Klimawandel, weshalb Emissionsminderungen und die Entwicklung von klimaschonenden
Produkten und Dienstleistungen, adäquate Möglichkeiten darstellen, um auf den Klimawandel zu
reagieren. Eine direkte Reduzierung der Emissionen kann durch die Minimierung des
Energieverbrauchs, die Steigerung der Energieeffizienz und die Substitution fossiler Energieträger
durch erneuerbare Energien realisiert werden.
Neben altruistischen Motivationen, wie dem Prinzip der Vorbeugung, dem Prinzip der
Nachhaltigkeit, dem Verursacherprinzip und dem Gerechtigkeitsprinzip, hat ein entsprechendes
Handeln auch egoistische Beweggründe. Touristische Akteure in Destinationen können ihre
Unabhängigkeit von zukünftigen Energiepreisentwicklungen steigern und ihre operationalen
Kosten langfristig minimieren. Zudem würden entsprechende Maßnahmen zukünftigen
klimapolitischen Regulierungen weitsichtig entgegenwirken, den sich verändernden Erwartungen
II
und Ansprüchen der Konsumenten entsprechen und somit zu kompetitiven Vorteilen im
Wettbewerb der Destinationen führen.
Der Transportsektor ist der größte Verursacher von Treibhausgasen innerhalb der touristischen
Wertschöpfungskette. Destinationen mit Klimaschutzambitionen müssen versuchen, die Wahl
klimaschonender Verkehrsmittel zu fördern, Mobilitätsmöglichkeiten des ÖPNV innerhalb der
Destination zu verbessern, die Reisekilometer der Gäste zu verringern und den Aufenthalt der
Touristen zu verlängern. Die Emissionen durch den Beherbergungsbetrieb können vor allem mit
Hilfe von Energieeffizienzmaßnahmen und den Umstieg auf erneuerbare Energien reduziert
werden. Alternative Kommunikationsstrategien, wie Demarketing oder Social Marketing, sind
adäquate Instrumente, um das Reiseverhalten der Gäste darüber hinaus klimaschonender zu
gestalten. Zusätzlich zu direkten Klimaschutzmaßnahmen, existiert die Möglichkeit, nicht-
vermeidbare Emissionen mit Hilfe von CO
2
-Kompensationsprojekten auszugleichen. Diese
minimieren den CO
2
-Ausstoß an anderer Stelle, z.B. durch den Einsatz erneuerbarer Energien.
Das Umwelt- und Klimaschutzbewusstsein der Deutschen steigt kontinuierlich. Meist resultiert
dieses Bewusstsein allerdings nicht in konkreten Handlungen. Die Verantwortung des sozialen
Kollektivs wird vor das individuelle Engagement gesetzt. Die Konsumenten haben verstärkt den
Wunsch nach klimafreundlichen und -neutralen Produkten, und wären grundsätzlich bereit,
verhältnismäßig geringe Abgaben für Klimaschutzmaßnahmen zu leisten, allerdings selten auf
freiwilliger Basis. Für die Vermarktung von klimafreundlichen Produkten ist die Ansprache der
,,anspruchsvollen Kulturreisenden" und der ,,Natur- und Outdoor-Urlauber" erfolgsversprechend.
Im Tourismussektor wird es zunehmend schwieriger, Nachfragesegmente klar einzugrenzen. Auf
die steigende ,,Multioptionalität" der Reisenden versuchen Destinationen mit einer möglichst
vielfältigen Angebotsstruktur zu reagieren, was zu einer verstärkten Austauschbarkeit führen kann.
Das Konzept der Klimaneutralität stellt eine Chance zur Destinationsprofilierung dar, die eng
verbunden ist mit der Entwicklung von regionaler Identität, sowie der Steigerung von Authentizität,
Image und Bekanntheitsgrad einer Region.
Im Vergleich zu Ballungsräumen können insbesondere naturnahe Regionen von der Positionierung
als klimaneutrale Destination profitieren, da sie einen idealen Baustein einer übergeordneten,
ökologischen Regionalentwicklung darstellen könnte. Weiter wäre die Verknüpfung einer guten
Anbindung an den öffentlichen Fernverkehr mit einem ÖPNV-freundlichen räumlichen Charakter,
sowie die Existenz von klimafreundlichen Tourismusangeboten vorteilhaft.
Die Berechnung von tourismusbedingten Emissionen einer Destination verlangt die Definition von
Systemgrenzen. Neben den destinationsinternen Emissionen von Beherbergung und Aktivtäten vor
Ort, müssen auch die Emissionen der An- und Abreise mit einbezogen werden, um den gesamten
III
Produktlebenszyklus einer Reise zu umfassen. Eine Destination kann sich als klimaneutral
vermarkten, wenn es sich um eine eigenständige Planungseinheit handelt, die im Wettbewerb steht
und strategische Erfolgspotentiale aufweist. Es müssen alle Reisen und Aufenthalte unter einem
Jahr betrachtet werden. Um den indirekten Emissionen, die entlang der touristischen
Wertschöpfungskette entstehen, Rechnung zu tragen, müssen die gesamten Emissionen um 15%
erhöht betrachtet werden. Die CO
2
-Emissionen des Flugverkehrs müssen doppelt einbezogen
werden, um die Effekte des Strahlungsantriebs zu berücksichtigen.
Die Emissionen des Tourismussektors sind üblicherweise kein Bestandteil nationaler
Treibhausgaskataster. Es existieren auch keine einheitlichen Leitfäden zur Berechnung von
Emissionen einer Destination. Die vorliegende Arbeit entwickelt deshalb eine entsprechende
Methodik. Es eignet sich ein Bottom-Up-Ansatz, welcher zunächst die spezifischen
Emissionsfaktoren der touristischen Teilbereiche Transport, Beherbergung und Aktivitäten
identifiziert. Je nach Verkehrsmittelwahl oder Beherbergungskategorie unterscheiden sich diese
teilweise signifikant. In einem weiteren Schritt muss die touristische Nachfragestruktur
quantifiziert werden. Die Determinanten Herkunftsorte, Verkehrsmittelwahl, Aufenthaltsdauer und
Beherbergungskategorie können anhand einer kombinierten Analyse von Gästebefragungen und
amtlichen Statistiken bestimmt werden. Die anschließende Verknüpfung mit Besucherzahlen der
Übernachtungs- und Tagestouristen erlaubt die Berechnung des Treibhausgasinventars einer
Destination für ein bestimmtes Jahr.
Mit Hilfe der Treibhausgasinventarisierung können beispielsweise Emissionen der touristischen
Teilbereiche oder pro Übernachtungs- und Tagestourist identifiziert werden. Sie ist deshalb die
Grundlage für die Konzeption und Durchführung eines Projekts zur Umsetzung einer
klimaneutralen Destination. Ein solches Projekt darf nicht isoliert von Entscheidungsträgern in der
Region durchgeführt werden und verlangt deshalb Kooperationen mit relevanten Akteuren, wie
touristischen Leistungsträgern, politischen Vertretern, Verkehrsbetrieben, Energieversorgern oder
Interessensverbänden. Die Tourismusorganisationen stellen den Dreh- und Angelpunkt für die
Initiierung eines Willensbildungsprozesses dar. Nachdem die Projektidee verbreitet wurde und
Unterstützer gefunden wurden, muss diese auf ihre Realisierbarkeit überprüft werden. Neben der
Treibhausgasinventarisierung kommt in diesem Schritt das Instrument der klassischen
Situationsanalyse zum Einsatz. Die anschließende Konzipierung sollte sich zunächst einer
Optimierungsstrategie mit dem Ziel der ,,Klimafreundlichkeit" widmen. Diese versucht, auf den
vorhandenen Potentialen aufbauend, Handlungsoptionen zur Steigerung der öffentlichen
Verkehrsmittelnutzung und der Klimaschutzmaßnahmen der Leistungsträger zu bewerten. Die
zeitlich versetzte Ergänzungsstrategie mit dem Ziel der ,,Klimaneutralität" wägt Möglichkeiten zur
Kompensation von nicht-vermeidbaren Emissionen ab. Zur Umsetzung beider Strategieelemente
skizziert die vorliegende Arbeit diverse Anwendungsmöglichkeiten.
IV
Ein glaubwürdiger Ansatz zur Finanzierung von Emissionsminderungsmaßnahmen wäre die
Einbeziehung aller Profiteure von touristischen Aktivitäten, um eine konsequente Umsetzung des
Verursacherprinzips einzuhalten. Neben Tourismusorganisationen und Leistungsträgern, sollten
also auch Touristen für die verursachten Emissionen verantwortlich gemacht werden. Eine
verpflichtende soll einer freiwilligen Zahlung stets vorgezogen werden. Die Kommunikation einer
klimaneutralen Destination umfasst sowohl eine übergeordnete Klimaschutzthematisierung, die
Verbreitung des Engagements, als auch die Information der Gäste über die Beeinflussung des
Klimawandels, die umgesetzten Klimaschutzmaßnahmen und die klimafreundlichen Angebote der
Destination. Ziel einer Kommunikationsstrategie soll es sein, dass die Destination bei Gästen und
regionalen Akteuren langfristig mit Klimafreundlichkeit in Verbindung gebracht wird.
Die Berechnung der tourismusbedingten Treibhausgase der Reiseregion Uckermark ergibt
insgesamt rund 188.000t CO
2
für das Jahr 2009. Dies entspricht etwa 39kg CO
2
pro Übernachtung
und ca. 24kg CO
2
pro Tagestourist. Den größten Anteil haben erwartungsgemäß die Emissionen
der An- und Abreise (ca. 80%). Bezüglich einer entsprechenden Projektumsetzung zeichnet sich
die Reiseregion durch das natürliche und touristische Angebot aus, welches den Ansprüchen der
geeigneten Zielgruppen entspricht. Die gute Bahnanbindung an den Quellmarkt Berlin und die
Konzentration der touristischen Nachfrage auf den Südwesten der Region ergänzen das Potential
der Destination Uckermark. Allerdings herrschen ein allgemeines Informationsdefizit bezüglich
Klimaschutz und alternativer Mobilitätsmöglichkeiten, sowie ein Mangel an relevanten
Erfahrungswerten und klimaschonenden Angeboten. Die Potentiale bestehen in Kosten-
einsparungen und Vermarktungsoptimierung der touristischen Leistungsträger, und in der
Schaffung einer sanft-mobilen Tourismusregion im südwestlichen Teil der Destination. Eine
Profilierung als klimaneutrale Destination könnte darüber hinaus einen öffentlichkeitswirksamen
Baustein einer ökologisch ausgerichteten Regionalentwicklung darstellen. Aufgrund der dünnen
Besiedlung und der stetig steigenden Präsenz erneuerbarer Energieproduktion zeichnet sich ein
solcher Prozess möglicherweise ab. Die vorliegende Arbeit entwickelt bezüglich der
angesprochenen Potentiale konkrete Handlungsempfehlungen.
Sind gewisse Kriterien erfüllt, kann das Konzept der klimaneutralen Destination ein sehr
erfolgsversprechendes Marketinginstrument darstellen. Durch die Bündelung vieler Akteure eignet
es sich darüber hinaus zur substantiellen Reduzierung tourismusbedingter Emissionen. Allerdings
sind aufgrund der Komplexität eines solchen Projekts zunächst die sukzessive Optimierung der
Infrastruktur und eine Positionierung als klimafreundliche Destination zu empfehlen, bevor man
die Optionen zur Erreichung von Klimaneutralität bewertet. Die größte Hürde ist die Finanzierung
von Kompensationsmaßnahmen. Einer einfach umzusetzenden Übernachtungspauschale steht der
große Anteil an Tagestouristen gegenüber. Grundsätzlich sollten Destinationen bewerten, inwiefern
ein potentieller Imagegewinn eine interne Finanzierung von Kompensation rechtfertigen würde.
V
Abstract
The present thesis focuses on the feasibility of climate neutral destinations in Germany. Based on a
combination of an analysis of basic prerequisites and required processes within the management of
destinations and a case study of the travel destination "Uckermark", the thesis develops a universal
list of criteria for the implementation of climate neutrality. Methodologically, it uses a literature
review and two empiric-analytical parts.
The scientific evidence of the existence of climate change is not challenged anymore. There is a
consensus about the fact that anthropogenic greenhouse gases are the main cause for this process.
The Earth will heat up considerably in the future which will result in substantial impacts on humans
and the environment. The tourism sector is also affected by climate change. A changing climate
will have strong effects on the global tourism demand. However, the contribution of the tourism
sector to anthropogenic global warming is estimated to be in the range of five to 14%. This is
mainly caused by transportation, but also by emissions of accommodation and other activities.
Against this background, the World Tourism Organization UNWTO expects from destinations to
take the lead by initiating concrete measures to reduce emissions that are produced within the
tourism value chain, invest in energy efficiency programs and create sustainable and climate-
friendly tourism infrastructures.
There are two ways for the tourism sector to respond to the projected risks related to climate
change. Besides the predominantly technical adaption, the mitigation of greenhouse gas emissions
would lead to a reduction of negative impacts. Appropriate steps should be implemented by all
tourism stakeholders in order to stabilize the tourism system in the future. Compared to tourists,
transport companies and tour operators, destinations have the least capacity to adapt to climate
change. Against this background, the development of climate-friendly products and services is an
appropriate way to react on climate change. Direct emission reductions can be achieved by
minimizing energy consumption, increasing energy efficiency and substituting fossil fuels by
renewable energy sources.
In addition to altruistic motivations, such as the precautionary principle, the principle of
sustainability, the polluter pays principle and the principle of justice, there are also egoistic reasons
to mitigate emissions. Stakeholder within tourism destinations can reduce the dependence from
future energy price developments and minimize their operational costs in the long term. Moreover,
such measures would be an early reaction to future political regulations related to mitigation of
greenhouse gas emissions. They would also meet the changing expectations and demands of
consumers and lead to competitive advantages in the competition among destinations.
VI
The transport sector is the largest emitter of greenhouse gases within the tourism value chain.
Destinations with climate change ambitions must try to promote the choice of climate-friendly
transport, to improve the infrastructure of public transport, to reduce travel distances and to extend
the stay of tourists. Emissions produced by accommodation can be reduced, especially by energy
efficiency measures and by the increased use of renewable energies. Alternative communication
strategies, such as Demarketing and Social Marketing, are adequate tools to realize a more climate-
friendly travel behavior of visitors. In addition to direct mitigation measures, non-avoidable
emissions can be equalized by greenhouse gas compensation projects. They minimize CO
2
emissions elsewhere, for example through an increased use of renewable energies in developing
countries.
The awareness of German consumers concerning the protection of environment and climate is
continuously increasing. However, most of this awareness does not result in concrete action. The
responsibility of the social collective is ranked higher than the individual commitment. Consumers
are demanding more and more climate-friendly or -neutral products. They are in principle willing
to pay relatively small amounts of money in order to mitigate the emissions of certain products and
services, but not on a voluntary basis. The "sophisticated cultural traveler" and the "nature and
outdoor traveler" are promising target groups to promote climate-friendly products.
In the tourism sector, it is becoming increasingly difficult to clearly define demand segments.
Travelers are having multiple options of travel choices. Destinations trying to respond with supply
structure that is as diverse as possible. This could lead to replaceability of destinations. The concept
of climate neutrality is an opportunity to profile a destination. This is closely related with the
development of regional identity and with the increase of authenticity and reputation of a region.
Compared to urban areas, particularly natural areas could benefit from positioning as a carbon-
neutral destination, as it could be an ideal pillar of an ecologically regional development. Further, a
good connection to the public long-distance transport in combination with transport-friendly spatial
character, as well as the existence of climate-friendly tourism services would be beneficial for the
implementation of climate neutral destinations.
The calculation of tourism-related emissions of destinations requires the definition of system
boundaries. Besides the internal emissions of a destination, caused by accommodation and
activities, emissions of transport between origin and the destination should also be included in
order to cover the entire life cycle of a trip. A destination can be marketed as carbon neutral if it is
an independent planning unit and in competition to other destinations. All trips below one year of
stay should be considered in the calculation. In order to accommodate the additional indirect
emissions occurring along the tourism value chain, the total emissions should be increased by 15%.
VII
The CO
2
emissions caused by aviation should be doubled to take into account the effects of
radiative forcing.
The emissions of the tourism industry are usually not included in national greenhouse gas
inventories. There are no guidelines for calculating emissions of a destination. The present study
therefore developed a methodology. In order to calculate emissions, a bottom-up approach is
suitable which begins with the identification of the specific emission factors of transport,
accommodation and activities. Depending on the means of transport and the category of
accommodation, they differ significantly in some cases. The second step of the bottom-up approach
quantifies the tourism demand structures of a destination. The determinants place of origin, means
of transport, length of stay and choice of accommodation are crucial to the calculation. They can be
determined by a combined analysis of tourist surveys and official statistics. The subsequent linkage
with the number of overnight visitors and day trippers is the basement of a calculation of the
greenhouse gas inventory of a destination for a specific year.
This inventory could be used to identify the emissions by tourism sector, by overnight guest or by
day tripper. It is therefore the basis for the conceptual design of a project to implement a carbon
neutral destination. Such a project can not be operated in isolation from decision makers in the
region and therefore requires cooperation with relevant stakeholders such as tourism service
providers, political representatives, transport and energy supply companies or interest groups. The
tourism organizations are the focal point for the initiation of a decision-making process. Once the
project idea was widespread and supporters have been found, a feasibility study must be conducted.
Besides the greenhouse gas inventory, a classical situation analysis should be carried out in this
step. The subsequent conceptual design should first address an optimization strategy in order to
become "climate-friendly". This strategy should be built on the existing potentials of the
destination It should evaluate options to achieve increased use of public transport and the
implementation of mitigation measures by service providers. The supplementary strategy with the
goal of "climate neutrality" should weigh up options for the compensation of non-avoidable
emissions. The present thesis outlines various applications for the implementation of both strategic
elements.
A credible approach of financing emission reduction measures would be the inclusion of all
profiteers of tourist activities in order to maintain a consistent implementation of the polluter pays
principle. In addition to tourism organizations and service providers, tourists should be made
responsible for the produced greenhouse gas emissions. Payments should be made on a compulsory
rather than on a voluntary basis. The communication of a climate neutral destination should include
the addressing of the theme "climate", the spread of the engagement towards mitigation of
emissions, as well as the guest information about tourism's impact on climate change, the
VIII
implemented mitigation measures and the climate-friendly products and services of a destination.
In the long-term, the communication strategy should seek to realize a connection between the
destination and climate change mitigation in the minds of tourists and regional stakeholders.
The aggregate tourism-related greenhouse gas emissions of the German travel region Uckermark
were about 188.000t of CO
2
in the year 2009. This corresponds to about 39kg of CO
2
per guest
night and about 24kg of CO
2
per day-tripper. As expected, transportation between the origin and
the destination had the biggest share (80%). Regarding an implementation of climate neutrality, the
region is characterized by its natural conditions and tourism products which meet the expectations
of the appropriate target groups. The fast rail connection to the source market Berlin and the
concentration of the tourist demand in the southwestern part of the region are additional advantages
of the travel region Uckermark concerning the implementation of climate neutrality. However, a
general lack of information regarding climate change mitigation and alternative mobility options,
as well as a lack of relevant experience and climate-friendly offerings could be identified as
weaknesses. The region has potentials to realize cost savings and marketing optimization by
tourism service providers, as well as to develop of a soft mobility region in the southwestern part of
the destination. Furthermore, the implementation of a carbon neutral destination could be an
appropriate pillar of an ecologically oriented regional development. Because of the low population
density and the increasing presence of renewable energy production, such a process may be
emerging in the mid- to long-term. This thesis outlines specific recommendations concerning the
identified potentials.
If certain conditions are fulfilled, the concept of carbon neutrality may be a promising marketing
tool for tourism destinations. Because it pools several actors, it is also suitable for substantial
reductions of tourism-related greenhouse gas emissions. However, given the complexity of such a
project, a gradual optimization of relevant infrastructures in order to become "climate-friendly" is
initially recommended, before options for achieving carbon neutrality are assessed. The biggest
barrier for the implementation is the financing of compensation measures. An easy to be
implemented overnight taxing system is opposed by the large number of day visitors. Basically,
destinations should assess how a potential improvement of destination recognition through the
implementation of carbon neutrality would justify an internal funding of compensation measures.
IX
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung ...I
Abstract ... V
Inhaltsverzeichnis ... IX
Abbildungsverzeichnis ... XI
Abkürzungsverzeichnis ... XIII
1. Theoretischer Rahmen ... 1
1.1 Problemstellung und Forschungsfragen ... 1
1.2 Forschungsstand ... 2
2. Definitionen ... 3
2.1 Destination ... 3
2.2 Klimaneutralität ... 4
3. Methoden ... 5
4. Tourismus und Klimawandel ... 7
4.1 Ursachen und Folgen des Klimawandels ... 7
4.2 Tourismus als Betroffener des Klimawandels ... 9
4.3 Tourismus als Verursacher des Klimawandels ... 11
4.4 Politische Rahmenbedingungen ... 12
4.5 Ökonomische Rahmenbedingungen ... 15
5. Tourismus und Klimaschutz ... 16
5.1 Das Tourismus-Klima-System ... 16
5.1.1 Anpassung an den Klimawandel ... 18
5.1.2 Mitigation der Treibhausgasemissionen ... 19
5.1.3 Mitigation als Anpassung an den Klimawandel ... 20
5.2 Maßnahmen zum Klimaschutz auf Destinationsebene ... 22
5.2.1 Mobilität ... 22
5.2.2 Beherbergung ... 26
5.2.3 Förderung von klimaschonendem Konsumentenverhalten... 28
5.3 Kompensation von Treibhausgasen ... 30
5.4 Klimaschutzrelevante Trends ... 32
5.4.1 Umweltbewusstsein in Deutschland ... 32
5.4.2 Klimaschutz und Reiseverhalten ... 33
5.4.3 Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft für Klimaschutz aus Sicht der Touristen ... 36
5.4.4 Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft für klimaverträgliche Produkte ... 37
6. Die Anpassungsstrategie ,,klimaneutrale Destination" ... 39
6.1 Klimaneutralität als Destinationsprofilierung... 39
X
6.2 Der Weg zur Klimaneutralität ... 42
6.3 Systemgrenzen ... 44
6.4 Beispiele für klimaneutrale Urlaubsangebote auf Destinationsebene ... 49
6.4.1 Ferienland Schwarzwald ... 49
6.4.2 Ferienregion nördlicher Bodensee ... 51
6.4.3 Arosa (Schweiz) ... 53
6.4.4 Zusammenfassung der Praxisbeispiele ... 55
7. Praktikabilität der Umsetzung klimaneutraler Destinationen ... 58
7.1 Destinationseingrenzung ... 58
7.2 Inventarisierung der Treibhausgasemissionen ... 60
7.2.1 Notwendige Daten und deren Verfügbarkeit ... 62
7.2.1.1 Energieintensität der touristischen Teilsektoren ... 62
7.2.1.2 Quantifizierung der touristischen Nachfragestruktur ... 66
7.2.2 Berechnungsmethodik ... 67
7.3 Management ... 69
7.3.1 Verantwortungsverteilung auf Destinationsebene ... 69
7.3.1.1 Akteure ... 69
7.3.1.2 Partnerschaften und Kooperationen ... 70
7.3.2 Konzeption und Durchführung ... 72
7.3.3 Finanzierung ... 79
7.3.4 Kommunikation ... 80
8. Analyse der Reiseregion Uckermark ... 83
8.1 Angebotsanalyse ... 83
8.2 Nachfrageanalyse ... 91
8.3 Wettbewerbsanalyse ... 95
8.4 THG-Inventarisierung ... 95
8.5 Akteursanalyse ... 99
8.5.1 Methode ... 99
8.5.2 Ergebnisse ... 100
8.6 SWOT-Analyse ... 107
8.7 Potentiale und Handlungsempfehlungen ... 110
9. Fazit und Entwicklung eines Kriterienkatalogs ... 115
Literaturquellenverzeichnis ... 119
Internetquellenverzeichnis ... 125
XI
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Vereinfachte Darstellung des Systems "Destination" ... 3
Abb. 2: Globale anthropogene THG-Emissionen von 1970-2004 ... 7
Abb. 3: Modellprojektionen der Erdoberflächentemperatur ... 8
Abb. 4: Beitrag der touristischen Teilsektoren an THG-Emissionen ... 11
Abb. 5: Die Kostenkurve für globale Emissionseinsparungspotentiale bis 2030 ... 15
Abb. 6: Die Wechselwirkungen zwischen Tourismus und Klimawandel ... 16
Abb. 7: Das touristische Chaos-Modell ... 17
Abb. 8: Relative Anpassungsfähigkeit der wichtigsten Tourismussektoren ... 18
Abb. 9: Chancen und Barrieren für Klimaschutzmaßnahmen in Destinationen ... 21
Abb. 10: Emissionsfaktoren der vier Hauptverkehrsmittel ... 22
Abb. 11: Beziehungsdreieck Tourist - Destination - Verkehr ... 24
Abb. 12: Berechnung von Emissionsminderungen bei projektbasierten Mechanismen ... 31
Abb. 13: Vergleich der Bereitschaft der Deutschen für verschiedene Handlungsoptionen ... 34
Abb. 14: Die Attraktivität verschiedener lokaler Mobilitätskonzepte für deutsche Urlauber ... 36
Abb. 15: Zeitverlauf der Schritte des Carbon Management ... 42
Abb. 16: Zeitverlauf des Anteils verschiedener Emissionsminderungsmaßnahmen für eine
überzeugende Carbon Management-Gesamtstrategie ... 44
Abb. 17: Touristischer Produktlebenszyklus ... 45
Abb. 18: Die Systemgrenzen für die Umsetzung einer klimaneutralen Destination ... 48
Abb. 19: THG-Inventarisierung mit Hilfe der Bottom-Up-Analyse ... 61
Abb. 20: Energieträgeranteil am Wärmemarkt in Deutschland 2003 ... 64
Abb. 21: Akteure zur Umsetzung einer klimaneutralen Destination und Ebenen
der Zusammenarbeit ... 70
Abb. 22: Management-Phasen für die Umsetzung von Klimaneutralität ... 72
Abb. 23: Strategien zur Förderung von betrieblichem Klimaschutz der Leistungsträger ... 76
Abb. 24: Das Reisegebiet Uckermark und seine Lage in Deutschland ... 84
Abb. 25: Herkunft der Tagestouristen und Übernachtungsgäste ... 92
Abb. 26: Gewähltes Anreiseverkehrsmittel nach Tagestouristen und Urlaubsgästen ... 93
Abb. 27: Realisierte und nicht-realisierte Experteninterviews für die Akteursanalyse ... 100
Abb. 28: Einschätzung der Zustimmung für die Projektidee und des Einflusspotentials
der Akteure ... 107
XII
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Maßnahmen zur Förderung klimaschonender Mobilität innerhalb einer Destination ... 25
Tab. 2: Aufteilung der Quellmärkte nach selektivem Marketing ... 26
Tab. 3: Handlungsoptionen für Energieeffizienz-Steigerungen im Beherbergungssektor ... 27
Tab. 4: Touristische Nachfragesegmente für ökologische und soziale Themen. ... 35
Tab. 5: Zusammenfassung der Beispiele klimaneutraler Urlaubsangebote ... 56
Tab. 6: CO
2
-Emissionsfaktoren verschiedener Verkehrsmittel ... 63
Tab. 7: Energieverbrauch europäischer Beherbergungsbetriebe pro Übernachtung in kWh ... 63
Tab. 8: CO
2
-Emissionsfaktoren der unterschiedlichen Wärmeenergieträger ... 64
Tab. 9: Durchschnittlicher CO
2
-Ausstoß europäischer Beherbergungsbetriebe ... 65
Tab. 10: Beispielrechnung für Emissionen des Verkehrsmittels ,,Bahn" zur An- und Abreise ... 68
Tab. 11: Zugverbindungen zwischen Berlin und den fünf Orten mit den meisten Gästeankünften 86
Tab. 12: Gewerbliche Beherbergungsbetriebe und Übernachtungen im Jahr 2009 ... 91
Tab. 13: Sonstige Übernachtungen und Aufenthalte von Tagestouristen ... 92
Tab. 14: Beherbergungsbedingte THG-Emissionen der Uckermark 2009 ... 96
Tab. 15: Transportbedingte THG-Emissionen der Übernachtungsgäste der Uckermark 2009 ... 97
Tab. 16: Transportbedingte THG-Emissionen des Reisegebietes Uckermark 2009 ... 98
Tab. 17: THG-Emissionen touristischer Aktivitäten in der Uckermark 2009 ... 99
Tab. 18: SWOT-Analyse der Reiseregion Uckermark ... 107
Tab. 19: Kriterien und Anforderungen
zur Umsetzung klimaneutraler Destinationen in Deutschland ... 116
XIII
Abkürzungsverzeichnis
AfS BB: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg
BMU: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
CDM: Clean Development Mechanism
EPA: U.S. Environmental Protection Agency
EU: Europäische Union
EU ETS (European Emissions Trading System)
FeWo: Ferienwohnung
FUR: Forschungsgruppe Urlaub und Reisen e.V.
G8: Gruppe der Acht
IEKP: integriertes Energie- und Klimaprogramm
INVENT: Innovative Vermarktungskonzepte nachhaltiger Tourismusangebote
IPCC: Intergovernmental Panel on Climate Change
KWK: Kraft-Wärme-Kopplung
NABU: Naturschutzbund
ÖFV: Öffentlicher Fernverkehr
ÖPNV: Öffentlicher Personennahverkehr
Pkm: Personenkilometer
RFI: Radiative Forcing Index
TMU: Tourismus Marketing Uckermark GmbH
TV: Tourismusverband
UBA: Umweltbundesamt
UNEP: United Nations Environment Programme
UNFCCC: United Nations Framework Convention on Climate Change
UNWTO: United Nations World Tourism Organization
WMO: World Meteorological Organization
WWF: Worldwide Fund for Nature
1
1. Theoretischer Rahmen
1.1 Problemstellung und Forschungsfragen
Weltweit wurden in den letzten Jahren Projektvorhaben zur Realisierung von klimaneutralen
Reisedestinationen veröffentlicht. Im Rahmen des voranschreitenden Klimawandels und des
steigenden Bewusstseins für Umweltschutz seitens der Konsumenten, identifizieren vor allem
Inselstaaten die Möglichkeit, sich durch das Alleinstellungsmerkmal ,,klimaneutral" einen
Wettbewerbsvorteil auf dem globalen Tourismusmarkt zu verschaffen. Nicht nur aufgrund von
Profilierungsmotiven, sondern auch wegen dem Interesse, sich durch Klimaschutz an die Folgen
des Klimawandels anzupassen, beginnt auch in Deutschland eine Debatte um klimaneutrale
Destinationen, mit der Folge, dass sich vereinzelte Reisegebiete mit der Thematik
auseinandersetzen. Es existiert zwar noch keine klimaneutrale Destination, vereinzelte Regionen
bieten ihren Gästen aber bereits die Möglichkeit, ihren individuellen Urlaub klimaneutral zu
gestalten. Um alle Teilleistungen einer Destination klimaneutral zu stellen, fehlt es allerdings an
fundierten wissenschaftlichen Bewertungskriterien, vor allem in Bezug auf Systemgrenzen.
Hier soll die vorliegende Arbeit ansetzen, indem sie eine Analyse der Realisierbarkeit und
Praktikabilität einer klimaneutralen Destination liefert. Das Land Deutschland stellt dabei die
Bezugsebene dar. Übergeordnetes Ziel der Arbeit ist die Erstellung eines Kriterienkatalogs,
welcher notwendige Umsetzungsschritte zur Erlangung von Klimaneutralität aufzeigt.
Die forschungsleitenden Fragestellungen lauten demnach:
I.
Ist es im Rahmen einer nachhaltigen Destinationsentwicklung und -profilierung möglich,
sämtliche tourismusrelevanten Bereiche klimaneutral zu gestalten?
II.
Welche Prozesse müssen im Destinationsmanagement durchlaufen werden, um die
Entwicklung einer klimaneutralen Destination zu realisieren?
III.
Welche touristischen und nicht-touristischen Akteure müssen für eine solche Maßnahme
mit einbezogen werden?
IV.
Welche Systemgrenzen existieren für die Quantifizierung der Emissionen?
V.
Welche Daten werden für eine Erfassung der Treibhausgasemissionen benötigt?
VI.
Wie werden die Treibhausgasemissionen einer Destination berechnet?
VII.
Welche Maßnahmen können konkret getroffen werden, um die Emissionsbilanz einer
Destination auszugleichen?
VIII.
Wie kann man die Umsetzung einer klimaneutralen Destination planen, vermarkten und
kommunizieren?
2
Die Masterarbeit wurde im Rahmen des Teilprojektes 17 ,,Touristisches Destinations- und
Unternehmensmanagement im Zeichen des Klimawandels" innerhalb des Innovationsnetzwerks
Klimaanpassung Brandenburg-Berlin (INKA BB) durchgeführt. Dieses Teilprojekt entwickelt
Anpassungsstrategien an die Risiken des Klimawandels für das Tourismusmanagement in
Brandenburg. Als eine solche Anpassungsstrategie wird in diesem Kontext die Entwicklung einer
klimaneutralen Destination eingestuft (vgl. Kap. 5.1.3).
Im letzten Teil der vorliegenden Arbeit werden die bisherigen Ergebnisse praxisnah angewandt.
Hierfür wurde das Reisegebiet Uckermark als Untersuchungsraum ausgewählt. Für diese
Destination sollen die gesamten Treibhausgasemissionen berechnet, Strategien abgeleitet und
Handlungsempfehlungen gegeben werden. Die Uckermark befindet sich in Brandenburg und hat
somit Relevanz für INKA BB.
1.2 Forschungsstand
Wenige Autoren haben bisher zum Thema klimaneutrale Destinationen publiziert. Ein Artikel von
Prof. Dr. Stefan Gössling (Departement of Service Management, Universität Lund, Schweden),
welcher sich generell mit Definitionsschwierigkeiten, Systemgrenzen, Praxisbeispielen und
theoretischen Problemen bei der Umsetzung von klimaneutralen Destinationen beschäftigt, stellt
das umfangreichste wissenschaftliche Dokument dar (vgl. G
ÖSSLING
2009). Selbiger Autor war
zudem an einer Fallstudie für den Inselstaat Seychellenbeteiligt, in welcher Berechnungen
angestellt und notwendige Schritte im Destinationsmanagement kritisch betrachtet wurden (vgl.
G
ÖSSLING
et al. 2010). Beide Arbeiten sind wissenschaftliche Grundlage für den praxisrelevanten
Teil der Masterarbeit.
KUNTIKUM ein interdisziplinäres Projekt deutschsprachiger Wissenschaftler veröffentlichte
Ende 2009 einen ,,Klimafahrplan" für Tourismusdestinationen (vgl. B
ARTELS
et al. 2009). In dieser
Broschüre sind praxisrelevante Möglichkeiten aufgelistet, Destinationen an den Klimawandel
anzupassen ohne das finale Ziel der ,,Klimaneutralität" näher zu analysieren. Bei dieser
Publikation handelt es sich um den ersten ausführlichen Versuch, einen Anstoß zu
Klimaschutzmaßnahmen auf Destinationsebene in Deutschland zu geben.
Es existieren zahlreiche Publikationen, die sich mit Klimaschutz und Tourismus bzw.
Destinationen beschäftigen und die Möglichkeit der Klimaneutralität in diesem Zusammenhang
erwähnen. Auf der Maßstabsebene Deutschland wurde die Praktikabilität von klimaneutralen
Destinationen bisher allerdings nicht ausführlicher behandelt. Eine Masterarbeit von Silke Rumpelt
an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde aus dem Jahr 2009 hat sich mit
klimaneutralen Angeboten im Tourismus beschäftigt. Die Idee der klimaneutralen Destination war
Bestandteil der Arbeit, wurde aber nicht tiefergehend analysiert.
3
2. Definitionen
2.1 Destination
Der Begriff der Destination wird in tourismuswissenschaftlichen Zusammenhängen sehr variabel
benutzt. Klar definierte Grenzen existieren kaum. Destinationen unterscheiden sich speziell
hinsichtlich ihrer Größe. Für die spätere Verbindung von Destinationen mit dem Konzept der
Klimaneutralität ist es zu Beginn der Arbeit unumgänglich, den Begriff ,,Tourismusdestination"
zunächst eindeutig abzugrenzen.
B
IEGER
(s. 2008: 56) definiert eine Destination als ,,geographische[n] Raum (Ort, Region, Weiler),
den der jeweilige Gast (oder ein Gästesegment) als Reiseziel auswählt. Sie enthält sämtliche für
einen Aufenthalt notwendigen Einrichtungen für Beherbergung, Verpflegung, Unterhaltung und
Beschäftigung. Sie ist damit die Wettbewerbseinheit im Incoming Tourismus, die als strategische
Geschäftseinheit geführt werden muss." Eine Destination definiert sich aus der Perspektive des,
und durch die Bedürfnisse von, Touristen, und muss für diese Erwartungen ein bestimmtes
Leistungsbündel anbieten. Eine Destination kann mit keiner speziellen Maßstabsebene in
Verbindung gebracht werden. Es kann sich sowohl um Kontinente oder Regionen, als auch um
Resorts bzw. Hotels handeln (vgl. ebd.: 56f.).
Eine Destination steht im Wettbewerb und erbringt gegen Entgelt, sowie mit Hilfe von
soziotechnischen Systemen, Leistungen für Dritte. Demnach kann sie als Geschäftseinheit
betrachtet und auf eine Stufe mit privaten Unternehmen gestellt werden. Im Vergleich dazu
bestehen in Destinationen allerdings ,,keine klaren Weisungsbefugnisse und Leistungswege sowie
unklare, schwer messbare Erfolgsindikatoren." (vgl. ebd.: 62).
Abb. 1: Vereinfachte Darstellung des Systems "Destination"
Quelle: Eigene Darstellung nach B
IEGER
2008: 61
4
Innerhalb des Systems ,,Destination" existieren Wechselwirkungen zwischen zahlreichen
Akteursgruppen. Diese werden beeinflusst durch externe Umwelteinflüsse, wie Politik oder
Gesellschaft. Es handelt sich deshalb um ein offenes System, dass aus einer Vielzahl touristischer
und nicht-touristischer Interessensvertreter (Stakeholder) besteht (s. Abb. 1). Das Konzept der
Destination basiert nicht auf den Entscheidungen einzelner Leistungsträger, sondern auf den
Prozessen innerhalb der Dienstleistungskette zwischen den Akteuren (vgl. ebd.: 61f.).
2.2 Klimaneutralität
Destinationen sollen in dieser Arbeit mit Klimaneutralität in Verbindung gebracht werden. Derzeit
bestehen keine einheitlichen Definitionen für den Begriff ,,Klimaneutralität". Im touristischen
Kontext wird der Begriff ,,Klimaneutralität" in Zusammenhang mit ganzheitlichen Produkten, wie
Beherbergungsbetrieben oder Destinationen, sowie mit verschiedenen Teilleistungen, wie
Übernachtungen oder Flügen, verwendet.
Um zu beschreiben, dass Produkte oder Dienstleistungen keinen Beitrag zum Klimawandel leisten,
werden international häufig verschiedene Begriffe verwendet. Neben ,,klimaneutral" werden
beispielsweise die Ausdrücke ,,CO
2
-neutral" oder ,,CO
2
-frei" benutzt. Es handelt sich hierbei aber
nicht um Synonyme für denselben Sachverhalt. ,,CO
2
-frei" bedeutet, dass ein Produkt während der
gesamten Wertschöpfungskette, inklusive Produktion und Transport, keine CO
2
-Emissionen
freigesetzt hat. Eine Destination könnte rein theoretisch ,,CO
2
-frei" sein, wenn die Energiequellen
aller Teilleistungen, wie Transport oder Beherbergung, vollständig regenerativer Art wären. Sobald
der Flugverkehr mit einbezogen würde, wäre dies nicht mehr möglich. ,,Klimaneutral" und ,,CO
2
-
neutral" bedeuten hingegen, dass die durch touristische Aktivitäten entstandenen Emissionen
neutralisiert werden. ,,CO
2
-neutrale" Destinationen würden lediglich die entstandenen CO
2
-
Emissionen ausgleichen, während ,,klimaneutrale" Destinationen zusätzlich auch die Emissionen
von weiteren Treibhausgasen (THG), die in erster Linie durch Effekte des Flugverkehrs entstehen
(vgl. Kap. 6.3) neutralisieren würden (vgl. G
ÖSSLING
2009: 19f.).
Die Neutralisation von THG-Emissionen ist allerdings nicht möglich
1
. Die ausgestoßenen
Emissionen werden vielmehr an anderer Stelle wieder eingespart, also ,,kompensiert". Dies
geschieht durch die Finanzierung von Projekten zur Steigerung der Energieeffizienz und
Substitution fossiler Brennstoffe durch regenerative Energiequellen. In Deutschland wird der
Begriff ,,Klimaneutralität" dennoch verwendet, um zu beschreiben, dass der Konsum eines
Produkts oder die Inanspruchnahme einer Dienstleistung keinen zusätzlichen Beitrag des
Nettoanstiegs der globalen THG-Emissionen nach sich zieht (vgl. ebd.: 20).
1
Nur möglich durch Speicherung derselben Menge an THG in Biomasse, wie Wäldern. Aufgrund von
Unsicherheiten der Langlebigkeit von Aufforstungsprojekten, kann man hier allerdings nicht von einer
permanenten Speicherung bzw. Neutralisation der THG sprechen (vgl. G
ÖSSLING
2009: 19).
5
3. Methoden
Zur Beantwortung der definierten Forschungsfragen gliedert sich die vorliegende Arbeit in fünf
Teilbereiche. Diese verbinden eine theoretische und eine analytisch-empirische Vorgehensweise.
Neben klassischer Buchliteratur wurden zusätzlich Fachzeitschriften, wissenschaftliche Artikel und
Internetartikel herangezogen. Das theoretische Grundgerüst der Arbeit durch zwei separate
empirische Befragungen ergänzt.
Mittels einer Literaturrecherche werden in Kapitel 4 zunächst die Folgen und Auswirkungen des
Klimawandels, sowie dessen Wechselwirkungen mit den Aktivitäten des Tourismus skizziert. Das
Kapitel schließt mit der Darstellung von politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen.
Das nachfolgende Kapitel 5 beschäftigt sich konkreter mit den systemischen Beziehungen von
Tourismus und Klima, zeigt Möglichkeiten für Klimaschutz in diversen Tätigkeitsfeldern auf und
beschäftigt sich schließlich mit aktuellen Trends bezüglich klimafreundlichem Reiseverhalten und
mit der Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft hinsichtlich Klimaschutzmaßnahmen. Die Ergebnisse
bilden die Grundlage für die weiteren Schritte der vorliegenden Arbeit.
In Kapitel 6 werden die theoretischen Grundlagen um das Konzept der Klimaneutralität erweitert,
indem dieses im Kontext von touristischen Destinationen betrachtet wird. Anschließend werden
notwendige Umsetzungsschritte aufgezeigt und touristische Systemgrenzen festgelegt. Um ein
Verständnis für die Komplexität der Umsetzung einer klimaneutralen Destination zu erlangen,
werden im Anschluss drei Beispiele aus der Praxis untersucht. Es handelt sich dabei um
Destinationen des deutschsprachigen Raumes, die das Angebot der klimaneutralen Reise
vermarkten. Hierfür wurden im September 2010 semi-strukturierte Leitfadeninterviews mit den
Verantwortlichen der folgenden Destinationen durchgeführt und ausgewertet:
Ferienland Schwarzwald (Deutschland)
Ferienregion nördlicher Bodensee (Deutschland)
Arosa (Schweiz)
Diese dauerten jeweils rund 20-30 Minuten. Grundlage für die Befragung waren offen formulierte,
nicht-standardisierte Leitfäden (vgl. Mayer 2006: 36ff.). Die Gespräche sollten Aufschluss geben
über spezielle Erfahrungen oder Schwierigkeiten, die durch die Verknüpfung von Tourismus und
Klimaneutralität entstanden. Die Leitfäden wurden folgende drei Themenblöcke unterteilt:
Klimaschutzmaßnahmen in der Destination,
Entwicklung, Ansatz und Kommunikation des klimaneutralen Angebots, sowie
geplante Weiterentwicklung des Angebots
6
Auf Basis des theoretischen Grundlagenteils und der Ergebnisse der Befragungen widmet sich das
Kapitel 7 der Frage nach der Praktikabilität der Umsetzung klimaneutraler Ebene auf der
Maßstabsebene ,,Deutschland". Hierfür werden geeignete Destinationen eingegrenzt und eine
Methodik zur Inventarisierung der tourismusbedingten Treibhausgase einer Destination entwickelt.
Weiter untersucht dieses Kapitel die geeignete Verantwortungsverteilung, sowie die Konzeption,
Durchführung, Finanzierung und Kommunikation eines entsprechenden Projekts.
Die erarbeiteten Ergebnisse werden in Kapitel 8 anhand der Urlaubsregion Uckermark angewandt
überprüft. Hierfür werden die touristischen Gegebenheiten der Destination mit Hilfe einer
klassischen touristischen Situationsanalyse skizziert. Ergänzt wird diese durch die Berechnung der
spezifischen tourismusbedingten Treibhausgase der Destination. Bevor eine Untersuchung der
Stärken, Schwächen und Potentiale durchgeführt und Handlungsempfehlungen hinsichtlich der
Umsetzung einer klimaneutralen Destinationen ausgearbeitet werden, stellen die Ergebnisse einer
Akteursanalyse den zentralen Inhalt des Kapitels dar. Hierfür wurden im September und Oktober
2010 fünf semi-strukturierte Experteninterviews mit Schlüsselakteuren aus der Region realisiert,
welche zwischen 20 und 40 Minuten dauerten.
tere Beschreibung der Interviewmethodik gegeben.
Den Abschluss und das Fazit der vorliegenden Arbeit stellt die Entwicklung eines Kriterienkatalogs
zur Umsetzung von klimaneutralen Destinationen in Kapitel 9 dar.
7
4. Tourismus und Klimawandel
4.1 Ursachen und Folgen des Klimawandels
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel werden praktisch nicht mehr angefochten.
In den letzten Jahrzehnten war die Erwärmung des globalen Klimasystems überdurchschnittlich
stark ausgeprägt. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten 100 Jahren verstärken. Es herrscht
zudem ein weitgehender Konsens darüber, dass diese Veränderungen zum größten Teil auf
menschliche Aktivitäten zurückzuführen sind. Neben natürlich bedingten Klimaentwicklungen, ist
die Modifikation der atmosphärischen Zusammensetzung durch die in Abb. 2 dargestellte Zunahme
der anthropogenen Treibhausgasemissionen die Hauptursache für den fortschreitenden
Klimawandel (vgl. IPCC 2007b: 2f., S
TERN
2007: XIII, UNWTO 2008: 52f.):
Abb. 2: Globale anthropogene THG-Emissionen von 1970-2004
Quelle: IPCC 2007a: 5
,,Die globalen atmosphärischen Konzentrationen von Kohlendioxid, Methan und Lachgas sind als
Folge menschlicher Aktivitäten seit 1750 markant gestiegen und übertreffen heute die aus
Eisbohrkernen über viele Jahrtausende bestimmten vorindustriellen Werte bei Weitem [...]. Der
weltweite Anstieg der Kohlendioxidkonzentration ist primär auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe
und auf Landnutzungsänderungen zurückzuführen, während derjenige von Methan und Lachgas
primär durch die Landwirtschaft verursacht wird [...]." (s. IPCC 2007b: 2)
Die Zeiträume 1850 1899 und 2001 2005 weisen beide dieselbe gesamte Temperaturzunahme
von 0,76°C auf. Seitdem globale Erdoberflächentemperaturen gemessen werden (1850), zählen elf
der zwölf Jahre zwischen 1995 und 2006 zu den wärmsten Jahren. Verschiedene
Emissionsszenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) projizieren eine
durchschnittliche Temperaturzunahmen innerhalb eines Spektrums von 1,8°C bis 4°C im Verlauf
des 21. Jahrhunderts (vgl. IPCC 2007b: 5).
8
Weitere wahrscheinliche Auswirkungen des Klimawandels sind der Anstieg des Meeresspiegels,
die Versauerung der Ozeane, die Schrumpfung des Meereises, die Abnahme der Schneebedeckung,
sowie die Zunahme von Hitzewellen, tropischer Wirbelstürme und Starkniederschlagereignissen.
Selbst bei einer Stabilisierung der THG-Konzentration würden, aufgrund der Langlebigkeit von
Klimagasen und der Trägheit des Klimasystems, Erwärmung und Meeresspiegelanstieg über
Jahrhunderte andauern (vgl. ebd.: 15ff.).
Das Ausmaß der Folgen des Klimawandels wird im Wesentlichen von der zukünftigen sozio-
ökonomischen und technologischen Entwicklung der globalen Gesellschaft bestimmt sein. Das
IPCC entwarf deshalb unterschiedliche Szenarien, um eine Klimaprojektion für das Ende des 21.
Jahrhunderts durchführen zu können (s. Abb. 3). Wichtige Determinanten sind Globalisierung,
Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum, sowie technologische Entwicklungen. Die
Resultate der Szenarien beinhalten ausdrücklich keine zusätzlichen Klimainitiativen (vgl. ebd.: 18).
Abb. 3: Modellprojektionen der Erdoberflächentemperatur für die Zeiträume 2020-2029 und 2090-
2099 im Vergleich zum Zeitraum 1980-1999 anhand der Szenarien B1, A1B und A2
Quelle: IPCC 2007b: 15
Vor diesem Hintergrund beschreiben S
TRASDAS
et al. (vgl. 2008: 4) zwei gegensätzliche Visionen,
indem sie zwischen den IPCC-Extremszenarien B1 und A2 (s. Abb. 3) unterscheiden:
Klimaschutzpfad (B1): Durch ambitionierte Restrukturierung der Ressourcennutzung
kann die globale Erderwärmung auf unter 2°C des vorindustriellen Niveaus gehalten
werden. Die Auswirkungen des Klimawandels bleiben in einem akzeptablen Rahmen.
9
,,Business as usual" (A2): Die Ressourcennutzung wird nur durch Marktgesetze limitiert,
,,was zu einer deutlich stärkeren Erderwärmung und gegen Ende des Jahrhunderts zu einer
wahrscheinlich anderen Welt führen wird." (s. ebd.: 4)
Abb. 3 verdeutlicht zudem die unterschiedlichen geographischen Muster der projizierten
Erderwärmung für alle Szenarien. Diese wird auf Landflächen im Vergleich zu Wasserflächen
stärker ausgeprägt sein. Die nördlichen Breiten werden sich überdurchschnittlich erwärmen. Hier
ist auch die stärkste Zunahme an Niederschlagsmengen zu erwarten (vgl. IPCC 2007b: 16). So wird
es innerhalb Europas, beispielsweise, zu höheren Durchschnittstemperaturen der Wintermonate im
Norden und der Sommermonate im Süden kommen, während die Jahresniederschlagsmenge im
Norden zunehmen und im Süden abfallen wird (vgl. UNWTO 2008: 55). Dies würde auf der einen
Seite ein erhöhtes Überflutungsrisiko von Küsten, als auch von Inlandsflächen in nördlichen
Gebieten, sowie Gletscherschmelzen zur Folge haben. Auf der anderen Seite werden im
mediterranen Raum Dürren, Wassermangel, Ernteausfälle und Waldbrände prognostiziert.
Wiederkehrende Hitzewellen führen zudem zu einer Erhöhung des Gesundheitsrisikos (vgl. IPCC
2007a: 11).
4.2 Tourismus als Betroffener des Klimawandels
Der Tourismus gilt neben anderen Wirtschaftssektoren, wie Landwirtschaft, Energieversorgung,
Versicherungen und Transport, als höchst anfällig für die möglichen Folgen des Klimawandels.
Anders als in vielen anderen Bereichen, sind die unterschiedlichen Auswirkungen in der
Tourismusbranche bereits teilweise festzustellen, zum Beispiel durch steigende Schneegrenzen in
Wintersportdestinationen oder Infrastrukturschäden durch ein vermehrtes Auftreten von
Extremwetterereignissen (vgl. UNWTO 2008: 68ff.).
Der Klimawandel wird touristische Destinationen in ihrer infrastrukturellen Nachhaltigkeit und
Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen. Die Konsequenzen werden allerdings sowohl negativer, als
auch positiver Art sein. Abhängig von geographischer Lage, Marktsegment und
Anpassungsfähigkeit wird es auf regionaler und internationaler Ebene Profiteure und Verlierer
geben. In ihrem Bericht ,,Tourism and Climate Change. Responding to Global Challenges"
unterteilt die Welttourismusorganisation (UNWTO) die Effekte des Klimawandels auf den
Tourismus in vier Kategorien (vgl. S
IMPSON
et al. 2008: 12ff.):
Direkte klimatische Auswirkungen: Das Klima ist die Hauptressource des Tourismus
und eine elementare Determinante für die Entwicklung der touristischen Nachfrage.
Veränderungen in der Saisonalität beeinflussen den Wettbewerb zwischen Destinationen,
da sich attraktives Reiseklima zugunsten höherer Breiten verschieben wird. Zudem wird
10
das vermehrte Auftreten von Extremwetterereignissen zu steigenden Infrastrukturschäden
und operationalen Kosten führen.
Indirekte klimatische Auswirkungen: Die ökologischen und infrastrukturellen
Rahmenbedingungen einer Destination sind ebenfalls entscheidend für die touristische
Nachfrage in Quellmärkten. Veränderungen der Landschaftsästhetik, Verringerung der
Wasserverfügbarkeit während Hitzeperioden und Verlust von Biodiversität sind Beispiele
für indirekte, größtenteils negative, Auswirkungen des Klimawandels.
Klimapolitische Auswirkungen: Infolge von Maßnahmen zur Minderung der THG-
Emissionen, wie beispielsweise die Besteuerung des Flugverkehrs, sind Erhöhungen der
Transportkosten und ein verändertes Reiseverhalten der Touristen sehr wahrscheinlich.
Indirekte soziale Auswirkungen: Die Kosten des Klimawandels könnten die
wirtschaftliche Entwicklung in einigen Quellmärkten und die sicherheitspolitische
Stabilität einiger Destinationen belasten. Dies könnte das globale Tourismuswachstum
schwächen und die Nachfrage nach bestimmten Reisezielen minimieren.
Innerhalb Europas wird es aufgrund der in Kap. 4.1 beschriebenen Folgen des Klimawandels zu
einer regionalen Verschiebung der Nachfragestrukturen kommen. Besonders in der Hochsaison
könnten die zu erwartenden starken Temperaturanstiege im Mittelmeerraum zu einem Verlust an
Attraktivität führen und die Nachfrage nach Destinationen höherer Breiten, wie Deutschland,
Skandinavien und Osteuropa, erhöhen. Das Reiseland Deutschland könnte dadurch bei
einheimischen und ausländischen Touristen an Attraktivität gewinnen, nicht zuletzt durch die
prognostizierte Verlängerung der Sommersaison (vgl. B
URANDT
2009: o.S.). In Deutschland wird
die stärkste Temperaturzunahme im gesamten nördlichen Inland und im Voralpenraum erwartet.
An den Küsten und in den Mittelgebirgsregionen werden geringere Erwärmungen prognostiziert
(vgl. UBA 2007: 9).
Die touristische Nachfrage ist in hohem Maße von Entwicklungen im Verkehrssektor abhängig.
Der hohe Anteil des Transports an weltweiten THG-Emissionen und das stetige Wachstum in
diesem Bereich erhöht den politischen Handlungsbedarf und wird schon kurzfristig zu
regulatorischen Maßnahmen führen, welche auf Kostensteigerungen abzielen, um individuelle
Mobilität zu limitieren. Diese Maßnahmen werden mittel- bis langfristig ein positives Wachstum
des Deutschlandtourismus nach sich ziehen (vgl. DB R
ESEARCH
2007: 24).
11
4.3 Tourismus als Verursacher des Klimawandels
Laut UNWTO verursachen touristische Aktivitäten rund 5% der weltweiten CO
2
-Emissionen. In
dieser Berechnung wird Tourismus als ,,Aktivitäten von Personen [bezeichnet, Anm. d. Verf.],
welche an einen Ort, außerhalb ihres gewöhnlichen Umfelds reisen, und sich dort für nicht länger
als ein Jahr aufhalten aus Freizeit-, Geschäfts- und sonstigen Zwecken, die nicht mit der Ausübung
einer bezahlten Aktivität am besuchten Ort verbunden sind."
2
(s. UNWTO 2008: 32f.) Die
betrachteten Teilsektoren sind Transport, Übernachtung und Aktivitäten. Es wurden nur direkte
Emissionen der Betriebstätigkeit integriert und indirekte Emissionen, welche entlang der
touristischen Wertschöpfungskette produziert werden, ignoriert. Die realen THG-Emissionen, im
Sinne des ,,lifecycle assessment"
3
, sind hier deshalb unterschätzt. Neben CO
2
-Emissionen wird der
Klimawandel durch weitere THG-Emissionen verstärkt. Diese werden im Tourismus primär durch
den Flugverkehr freigesetzt, sind aber in ihren Dimensionen und Auswirkungen wissenschaftlich
nicht ausreichend zu quantifizieren (vgl. Kap. 6.2). Deshalb wird der touristische Beitrag an der
anthropogenen Erderwärmung auf 5-14% geschätzt (vgl. S
IMPSON
et al. 2008: 15).
Abb. 4: Beitrag der touristischen Teilsektoren an THG-Emissionen
Quelle: UNWTO 2008: 33
Betrachtet man die touristischen Teilsektoren, so generiert der Transport mit rund 75% den größten
Anteil der THG-Emissionen, wobei der Flugverkehr 40% und der Autoverkehr 32% der gesamten
tourismusbedingten Emissionen ausmachen (s. Abb. 4). Übernachtungen verursachen rund 21%
und Aktivitäten ca. 4% der Emissionen (vgl. UNWTO 2008: 33).
2
Engl. Originalquelle: "[...] the activities of persons traveling to and staying in places outside their usual
environment for not more than one consecutive year for leisure, business and other purposes not related to the
exercise of an activity remunerated from within the place visited."
3
"The term `life cycle' refers to the major activities in the course of the product's life-span from its
manufacture, use, and maintenance, to its final disposal, including the raw material acquisition required to
manufacture the product." (EPA 2006: 1)
12
Vergleicht man zwischen individuellen Reisen, variieren die THG-Emissionen unterschiedlicher
Reisearten stark. 34% aller Reisen werden mit Bus oder Bahn durchgeführt, verursachen aber nur
17% der tourismusbedingten THG-Emissionen. Im Gegensatz dazu sind nur rund 3% aller Reisen
Fernreisen, setzen aber 17% der Emissionen frei. Die UNWTO prognostiziert bis zum Jahr 2035
ein touristisches Wachstum von 179%, verbunden mit einem Anstieg der tourismusbedingten CO
2
-
Emissionen von 152%. Der Anteil der Emissionen des Flugverkehrs wird auf 52% steigen. (vgl.
S
IMPSON
et al. 2008: 15). Vor diesem Hintergrund erscheint ein Fokus auf die Reduzierung von
Flugreisen, bedingt durch substantielle Kürzungen der individuellen Reisedistanzen, als wichtigster
Ansatz jeglicher Emissionsreduzierungsmaßnahmen im Tourismus.
4.4 Politische Rahmenbedingungen
Im Jahr 1997 hat die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) in der Kyoto-
Konferenz erstmals Reduktionsziele für den Ausstoß von THG-Emissionen beschlossen. Ein
wichtiger Baustein war die Entwicklung des Clean Development Mechanism (CDM). Dieser
besagt, dass sich entwickelte Staaten im Sinne einer internationalen Klimagerechtigkeit zu
substantiellen Emissionsreduktionen und Zahlungen an Entwicklungsländer verpflichten. Hierfür
wurde der internationale Handel von Emissionszertifikaten initiiert. Er ermöglicht den finanziellen
Ausgleich von Emissionen, um Reduktionsziele zu erreichen (vgl. R
ADERMACHER
2010: 8).
Im Jahr 2012 werden die Verpflichtungen des Kyoto-Abkommens enden. Mit der Motivation, neue
Reduktionsziele festzulegen, fand Ende des Jahres 2009 die UNFCCC-Konferenz in Kopenhagen
statt. Hier wurde der sogenannte Copenhagen Accord zur Kenntnis genommen, allerdings nicht
beschlossen. Dennoch wurde die Zusage, die globale Erderwärmung auf unter 2°C des
vorindustriellen Niveaus zu begrenzen, wirksam. Konkrete Reduktionskennzahlen beinhaltet die
Vereinbarung aber nicht (vgl. W
ELT
O
NLINE
2009: o.S.).
Über 76 Nationen, welche zusammen für rund 85% der globalen Emissionen verantwortlich sind,
haben eigene, sehr unterschiedliche Reduktionsziele definiert. So wollen die USA ihre THG-
Emissionen bis 2020 auf Basis des Jahres 2005 um 17% reduzieren, während die Europäische
Union (EU) bis 2020 zwischen 20% und 30% und Japan 25% ihrer Emissionen, verglichen mit
1990, verringern wollen. Einige Schwellenländer, wie China und Indien, veröffentlichen hingegen
Reduktionsziele, die im relativen Verhältnis zu Wirtschaftswachstum und Industrieproduktion
stehen und somit keine absoluten Minderungen darstellen. Die Länder, die das Kyoto-Protokoll
ratifiziert haben, verpflichten sich zu den gesteckten Zielgrößen und müssen mit Sanktionen
rechnen, falls diese nicht eingehalten werden. In der Addition aller globalen Reduktionsvorhaben
ergibt sich eine Minderung von 16% der THG-Emissionen zwischen 1990 und 2020.
Wissenschaftlichen Befunden zufolge, wird dies die Klimaproblematik nicht lösen, weshalb
13
zukünftig ehrgeizigere Ziele, Regulierungen und Maßnahmen seitens der politischen Vertreter
vereinbart werden müssen. (vgl. W
ELT
O
NLINE
2009: o.S., R
ADERMACHER
2010: 18f.).
Vor allem die G8-Mitgliedsstaaten müssen deutlich ambitioniertere Reduktionsziele beschließen,
um ihr gemeinsames Vorhaben, die THG-Emissionen bis 2050 um 50% zu senken, realisieren zu
können (vgl. S
COTT
et al. 2010: 394). Innerhalb der EU hat man 2008 im Energie- und Klimapaket
konkrete Maßnahmen beschlossen, um die gesteckten Reduktionsziele von 20% bis 30% bis 2020
zu erreichen. Diese konzentrieren sich auf die Förderung erneuerbarer Energien, mit dem Ziel,
dessen Anteil am europäischen Strom-Mix bis 2020 von derzeit 8,5% auf 20% zu steigern, sowie
auf Verordnungen zur Förderung der Energieeffizienz in Haushalten, bei neu produzierten
Automobilen und im Dienstleistungssektor. Die Verantwortungen innerhalb der EU sind so verteilt,
dass kein Mitgliedsstaat mit mehr als 0,5% des Bruttoinlandsproduktes (BIP) belastet werden wird.
Als wirtschaftlich stärkstes Land innerhalb der EU, hat Deutschland im integrierten Energie- und
Klimaprogramm (IEKP) deshalb postuliert, die THG-Emissionen bis 2020, verglichen zum
Basisjahr 1990, um 40% senken zu wollen (vgl. UBA 2009: 4). Bis zum Jahr 2008 hatte man
bereits 22,2% der Emissionen reduziert (vgl. R
ADERMACHER
2010: 8). Diese Ziele setzen ebenfalls
auf Energieeffizienz und die Förderung erneuerbarer Energien, was allerdings aufgrund der am
05.09.2010 beschlossenen Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken zumindest
angezweifelt werden darf. Ebenfalls mangelt es derzeit noch an Gesetzen zu wichtigen
Energiesparpotentialen, wie Energiemanagement und Klimabilanzierungen für Unternehmen und
die Förderung umweltgerechter Mobilität (vgl. UBA 2009: 4).
Wie in Kap. 4.2 beschrieben, haben politische Regulierungen zum Klimaschutz direkten Einfluss
auf die Wettbewerbsfähigkeit von Destinationen. In diesem Zusammenhang könnte die spätestens
2012 stattfindende Integration des Flugverkehrs (für alle Luftfahrzeuge, die in der Europäischen
Gemeinschaft starten oder landen) in den europäischen Emissionshandel, nach EU-Richtlinie
2008/101/EG, Auswirkungen auf die Entwicklung der touristischen Nachfragstruktur innerhalb
Europas haben, da es zu einer Steigerung der Flugkosten kommen wird (vgl. ebd.: 7).
Der Tourismus wird bei nationalen THG-Inventarisierungen nicht explizit angesprochen. Die
verursachten Emissionen verteilen sich auf verschiedene Sektoren, wie Transport und
Dienstleistungen. Aus diesem Grund wird Tourismus innerhalb von Klimaschutzmaßnahmen nur
selten als wichtiger Bereich identifiziert. Dies liegt hauptsächlich am Mangel an Daten und
allgemeinem Bewusstsein zum Beitrag des Tourismus am Klimawandel. Insgesamt werden
international vor allem die Auswirkungen des Flugverkehrs kaum in nationale
Klimaschutzstrategien mit einbezogen (vgl. C
ERON
et al. 2009: 84f.). In ihrer Davos Declaration
haben UNWTO, UNEP und WMO die Beteiligung des Tourismus am Klimawandel benannt und
unter anderem folgende Verantwortungsbereiche und Maßnahmen identifiziert, um THG-
14
Emissionen zu reduzieren, Destinationen an die Folgen des Klimawandels anzupassen und um die
Energieeffizienz durch technologische Veränderungen zu steigern (vgl. UNWTO 2007: 2f.):
Regierungen und Organisationen:
"Collaborate in international strategies, policies and action plans to reduce GHG emissions
in the transport [...], accommodation and related tourism activities." (s. ebd.: 3)
Tourismusindustrie und Destinationen:
"Take leadership in implementing concrete measures (such as incentives) in order to
mitigate climate change throughout the tourism value chain [...]. Establish targets and
indicators to monitor progress.
Promote and undertake investments in energy-efficiency tourism programs and use of
renewable energy resources, with the aim of reducing the carbon footprint of the entire
tourism sector.
Seek to achieve increasingly carbon free environments by diminishing pollution through
design, operations and market responsive mechanisms." (s. ebd.: 3)
Konsumenten:
"In their choices for travel and destination, tourists should be encouraged to consider the
climate, economic, societal and environmental impacts of their options before making a
decision and, where possible to reduce their carbon footprint, or offset emissions that
cannot be reduced directly.
In their choices of activities at the destination, tourists should also be encouraged to opt for
environmentally-friendly activities that reduce their carbon footprint as well as contribute
to the preservation of the natural environment and cultural heritage." (s. ebd.: 3)
Die Davos Declaration überträgt Verantwortungen auf verschiedene Akteure, ohne dabei
Prioritäten zu setzen. Die Minimierung von THG-Emissionen des Verkehrssektors ist demnach
primär Aufgabe von Regierungen und Organisationen. Destinationen sollen hingegen Programme
zur Förderung von Energieeffizienz der touristischen Aktivitäten in der Destination initiieren und
konkrete Emissionsminderungsmaßnahmen innerhalb der touristischen Wertschöpfungskette
einführen. Konsumenten sollen ihre Reiseentscheidungen und Verhaltensweisen während des
Urlaubs ändern, um individuelle Klimabilanzen zu verringern. Vor dem Hintergrund dieser
Aufgabenverteilung kann die Entwicklung von klimaneutralen Destinationen eingeordnet werden.
0 Kommentare