1 4. Traum und die Gesellschaft
4.1. Die Unterschiedlichkeit der Bedeutung der Träume im interkulturellen Vergleich 4.2. Die Verschiedenheit der Traumdeutungen in Bezug auf den gesellschaftlichen Zugehörigkeitsstatus 4.3. Der Selbsterfahrungskunde oder
Wer macht in den westlichen Gesellschaften von den esoterischen Angeboten gebrauch ? 4.4. Die Esoterik als Modeerscheinung
4.5.1. Der Wandel der esoterischen Interessen innerhalb der Jahre 1970-1990
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturverzeichnis
7. Anhang
1
2
0. Einleitung
Der Begriff der Religion hat sich so weit gewandelt, dass er die Betrachtung der Religion und dessen, was sich dahinter verbirgt im Hintergrund auf die individuelle Auffassung über die Inhalte, ermöglicht.
Auch die außerkirchlichen Phänomene, wie z.B. das steigende Interesse am Okkultem oder auch an fernöstlichen Religionen werden in Bezug auf diese Entwicklungen in diesem Kontext behandelt.
Oft siedeln sich die außerkirchlichen Phänomenen in dem Bereich des Verborgenen an. Nicht wenig auch in den Grenzzonen zwischen Esoterik und Scharlatanerie.
Die neue Betrachtungsweise des subjektiv betonten Ansatzes ermöglicht die esoterisch, parapsychologischen Standpunkte mit einzubeziehen. Die Vorstellungen die sie in Bezug auf die außeralltäglichen Wirklichkeitszonen ausbilden erscheinen mir dabei als höchst interessant. Diese Vorstellungen, die sie für die Existenz einer anderen Bewusstseinsebene liefern, hängen stark mit den Vorstellungen, die mit Träumen und ihren Subsinnwelten zusammenhängen. In diesen entwickeln beide Gruppierungen die Vorstellung, dass der Mensch außerkörperlich sein kann, dass heißt im Stande ist während er träumt, seine Seele auf Wanderschaft schicken kann und somit einen Ausblick einer anderen Bewusstseinsebene und damit einer außeralltäglichen Wirklichkeit erlangen kann.
In diesen Entwicklungen der Vorstellungen spielen die Interkulturellen Einflüsse eine bedeutende Rolle, denn die Ideen die die Esoterik propagiert und die zusätzlich durch die Tätigkeit der Parapsychologie legitimiert werden, stammen oft von anderen Kulturen, man wird sie jedenfalls dort oft antreffen.
Was mich dabei insbesondere interessiert, ist der Zusammenhang des Traums mit der Ausbildung der Vorstellung und des Glaubens an außerkörperliche Erfahrungen.
Mit Hilfe dieser Vorstellungen legt sich der Mensch eine Weltanschauung zu recht, die ihn sogar von der Existenz Gottes oder einer höheren, transzendenten Macht im Universum, überzeugen kann.
So betrachtet sind der Traum und die außerkörperlichen Erfahrungen fest miteinander verbunden.
Dabei werden dem Traum und seiner Subsinnwelten innerhalb der verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutungen beigemessen.
Dabei können Traumsymbole unterschiedliche Bedeutungen erhalten, aber auch die generelle Bedutung des Traumes für den „Wirklichkeitsbereich“ der Alltagswirklichkeit
2
3 unterschiedlich ausfallen. In diesem Zusammenhang wird die Traumdeutung von besonderer Wichtigkeit sein.
Auch wenn es sich im Zusammenhang mit Träumen nicht immer um die Ausbildung von außerkörperlichen Erfahrungen drehen wird, ist die Traumdeutung und ihre „Auswirkungen“ auf das Handeln in der Alltagswirklichkeit nicht von der Hand zu weisen.
So glauben viele Menschen an Traumdeutungen, die im Hinblick auf ihren gesellschaftlichen Zugehörigkeitsstatus unternommen wurden. Diese waren jedoch nicht unbedingt als „seriös“ bewertet, da sie sich vielfach um eine willkürliche Traumdeutung, die mit der tatsächlichen nichts zu tun hatte, handelte.
Nach solchen Traumdeutungen entwickelten die „Betroffenen“ sogar Hoffnungen auf ein besseres Leben oder aber erschreckten vor sich selbst und der Zukunft.
Der Markt der Traumdeuter lebte von dem Glauben das die Menschen in sie und ihre Traumdeutungen ausbildeten. Diese Entwicklungen haben sich im weitestem Sinne auf unsere Zeit übertragen. Der Esoterische Buchmarkt bildet genügend Literatur, die sich mit diesen Themen beschäftigt. Die Umsatzzahlen belegen diesen Trend mit mehr als 15% Steigung , mit weiter steigender Tendenz.
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1. Der religionssoziologische Entwurf des subjektiv betonten Ansatzes
1.1. Allgemeines Religionsverständnis
Bevor ich auf das eigentliche Thema meiner Arbeit zu sprechen komme, halte ich es für nötig einige allgemeine Überlegungen zum Religionsbegriff an sich voranzustellen. Bereits der Begriff der Religion verweist darauf, dass es sich hierbei um einen äußerst vielfältig definierten Begriff handelt. Was Religion schlussendlich für Inhalte umfasst, kann individuell ausfallen. Dabei wird der traditionelle Religionsbegriff und die Vorstellungen über seine Inhalte sehr an dem von der Kirche vermitteltem Religionsbild orientiert sein. In der Alltagssprache der westlichen Kultur wird die Verehrung transzendenter Mächte, die Lehre vom Göttlichen, alle Glaubensbekenntnisse der Menschen und auch der damit zusammenhängenden Gruppen und Organisationen 1 , als Religion bezeichnet. Diese Beschreibung kommt dem Religionsbegriff, um den es sich in meiner Arbeit handelt schon sichtlich näher.
Die Soziologie geht davon aus, dass der Glaube mitunter vom Menschen selbst konstruiert wird. Die unerklärbare Frage, ob das, was die Menschen glauben Wirklich ist, stellt sich aus der Sicht der Soziologie nicht. Vielmehr macht sie es sich zur Aufgabe zu betrachten, was die Menschen für Wirklich halten und deswegen in ihren Handlungen umsetzen und verwirklichen. 2
Den subjektiv betonten Ansatz der Zivilreligion, dass die Religion nicht nur auf organisa-torische Formen zu beschränken ist, sondern ihre Grundsätze des Glaubens im Glauben an die Existenz Gottes, an das Leben nach dem Tod, an die Belohnung der Tugend, an die Bestrafung des schlechten Lebenswandels, sowie den Ausschluss religiöser Intoleranz, bildet jedes Individuum aus 3 .
1 „Menschen `wissen´ schon immer `irgendwie´, was Religion ist, und sie verbinden mit diesem Wissen auch meist sehr starke Interessen, seien diese „existentieller“, „spiritueller“ Ideen sogar (...) wirtschaftlicher, finan-zieller und politischer Natur. Die Vielfalt des Begriffs der Religion ist deswegen nicht zuletzt darauf zurückzu-
führen, dass dieses Wissen sehr unterschiedlich gestaltet ist. ( Knoblauch, Hubert: Religionssoziologie. de Guyter, Berlin/ New York 1999, S.11)
2 Ders., S.13
3 Ders., S.107
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Das „Innenleben“ der Gläubigen, ihre Interessen, Inhalte und Einstellungen stehen infolgedessen im Mittelpunkt der Betrachtung 4 . In den Wünschen der Gläubigen äußert sich, im Zusammenhang auf die der Religion zugeschriebenen Inhalte, das Bedürfnis nach einer Ergänzung des unvollkommen Lebens.
Dabei kristallisiert sich unter anderem heraus, dass Religion keineswegs an kollektive Vorstellungen gebunden ist, sondern wie bereits angemerkt, religiöse Erfahrungen nur in Zurückgezogenheit des Individuums gemacht werden 5 .
Der soziologische substantiale Religionsbegriff , als ein Mischtyp der aus verschiedenen Erklärungsmustern zusammengesetzt ist, orientiert sich auch an den psychologischen Funktionen, die der Religion zugeschrieben werden. Das Religiöse wird dabei zur Bewältigung von bestimmten Problemen, wie z.B. der Angst angewendet 6 . Zusammen mit den psychologischen Funktionen, der kognitiven 7 , der affektiven 8 und der pragmatischen Funktion 9 der Religion, ergibt sich eine individuelle Anwendbarkeit, der sich jeder Mensch je nach Bedarf bedienen kann um sich die eigene Weltanschauung zu erschließen.
Im Hinblick auf die Weltanschauung und auf andere Religonsbetrachtungen, die ich hier nicht anführe, können die außeralltäglichen Erfahrungen, die auch die Traumerfahrungen beinhalten, als ein legitimes religiöses Erlebnis angesehen werden.
4 Knoblauch, S. 16
5 Knoblauch, A.73
6 vgl. Knoblauch,S.114/115
7 hierbei dient die Religion in erster Linie dazu, Unbekanntes greifbarer zu machen, es geistig zu bewältigen ( Knoblauch, S.115)
8 „Religion ermöglicht den Umgang und die Bewältigung von besonderen emotionalen Zuständen ( Knob-
lauch, S.115)
9 „Religion ermöglicht die Bewältigung besonderer Krisensituationen und stellt Mittel und Wege zu ihrer Be-
handlung“ ( Knoblauch,S.115)
5
6
Die Traumerfahrungen können ferner als eine der individuellsten Erfahrungen, die sich in dem Bereich des außeralltäglichen „Wissens“ ansiedeln, betrachtet werden. Auch die Erfahrungen die das Individuum mit okkulten Kreisen, okkulter Literatur, oder auch mit esoterischen Weltanschauungen, der Ausbildung eines eigenen Weltbildes und des Verständnisses von außeralltäglichen Wirklichkeiten, die ebenfalls geistig unfassbar bleiben, macht, sind in diesen Kontext einzuordnen. Das individuelle Traumerlebnis, als das transzendente Erlebnis schlechthin betrachtet, kann die Traumerfahrung an die Ausbildung einer elementaren Glaubenseinheit anschließen.
Die grundlegende Erfahrung der Traumwelten, die sich, wie bereits erwähnt in den Bereich der außeralltäglichen Erfahrungen eingliedert, kann mitunter genauso vielfältig betrachtet werden, wie auch der Religionsbegriff.
Bis zu 90% aller Gesellschaften, wobei die Art der Erfahrung vorerst keine Rolle spielt, berichten von außeralltäglichen Erfahrungen. Darunter befinden sich unter anderem Konversionserfahrungen, Trance und Marienerscheinungen 10 . Die Forschung kennt diese Arten von Erscheinungen auch unter der Bezeichnung „veränderte Bewusstseinszustände“ , da viele der Gesellschaften keinen Religionsbegriff, wie wir ihn kennen, instruieren. In den letzten dreißig Jahren nahm die Art der religiösen Erfahrungen insgesamt von 20% auf 50% zu.
Die Religionssoziologie geht mit dem kognitivem Ansatz darüber hinaus davon aus, dass diese Art der religiösen Erfahrungen vom Bewusstsein konstruiert werden und sich durch besondere Merkmale beschreiben lassen 11 .
Die Besonderheit des kognitiven Ansatzes liegt darin, dass er es ermöglicht, die Betrachtung von psychologischen und neurologischen Prozessen einzubeziehen. Mit dieser Problematik setzt sich die Parapsychologie auseinander. Auf deren Untersu-chungsgegenstand werde ich zu einem späterem Zeitpunkt zurückkommen, wenn es darum gehen wird, welche Vorstellungen die Parapsychologie mit der Welt der außergewöhnlichen Erfahrungen verbindet.
10 Knoblauch, S.189
11 z.B. durch die unabweisbare Überzeugungskraft für die Betroffenen die mit einem Gefühl der Verschmel- 6 zung mit dem Ausseralltäglichen verbunden ist ( Knoblauch S.192)
7
1.2. Religion ohne Institution
Weitere Indikatoren für die Wandlung der Religiosität liefert die schwindende Bedeutungsbeimessung gegenüber dem kirchlichen Religiosbegriff. So ist ein „Verlust des Weltanshauungsmonopols des christlichen Glaubens“ 12 allgemein zu bemerken. Dies äußert sich unter anderem durch das steigende Interesse an fremden Religionen. Hinzu kommen die „ nicht zu übersehenden religiösen Individualisierung- , und Pluralisierungstrends“ 1213 und die Säkularisierungstheorie 14 .
Die populäre Religiosität umfasst den Volks- und Aberglauben, die Volksfrömmigkeit und Volksreligiosität beziehungsweise den Volksglauben. Die Phänomene die sich dahinter verbergen, beziehen sich in erster Linie auf außerchristliche oder außerkirchliche Aus-drucksformen der Religiosität, auf die subjektiven Glaubensformen, die individuelle und auch kollektive Rituale und Symbole beinhalten. 15
Moderne Gesellschaften zeichnen sich immer stärker dadurch aus, dass nur noch schwache Verbindungen mit der Religion etablierter Kirchen bestehen. Stattdessen rücken eigene Erfahrungen , das Selbst und die Gemeinschaft immer mehr in den Vordergrund. Man kann auch sagen, dass eine Umorientierung der Handelnden stattfindet, die sich von religiösen auf andere Deutungssysteme verlagert. Aus diesem sich verschiebenden Interesse lässt sich jedoch nicht darauf schließen, dass die Religion völlig zu verschwinden droht.
Auch schwindet im Zuge des Modernisierungstrends, entgegen allen Erwartungen, nicht das Interesse am Okkulten und an anderen transempirischen Phänomenen. Durch die besagten Erfahrungen kann sich unter Umständen sogar eine tiefe Religiosität, ein starker Glaube an Gott, oder an eine außerhalb unserer Reichweite vorhandene Macht for
12 Ritter W.: Warum fasziniert das Okkulte? Warum fasziniert das Böse? Eine Hinführung in: Ritter/ Streib
(Hg.): Okkulte Faszination. Symbole des Bösen und Perspektiven der Entzauberung. Neukirchner Verlag,
1997, S. 12
13 Ders., S.12
14 der Begriff der Säkularisierung beinhaltet mehrere Deutungen. Zum einem bezeichnet er die Säkularisati-
on, die Auflösung des Kirchengutes, zum anderem bezieht er sich auf die „innere Säkularisierung“, was die
zunehmende Ablösung einer weltlichen Lebensführung von religiösen Ordnungssystemen und Vorlagen bein-
haltet.
15 vgl. Knoblauch,S.186
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Arbeit zitieren:
Anna Eckert, 1999, Die gesellschaftliche Konstruktion der ausseralltäglichen Wirklichkeiten am Beispiel esoterischer und parapsychologischer Vorstellungen vom Traum und ausserkörperlichen Erfahrungen, München, GRIN Verlag GmbH
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