JAN PATRICK FAATZ: Hektischer, nervöser, rücksichtsloser?
Seit dem 20. Juni 1991 ist Berlin Haupt- und Regierungsstadt des wiedervereinigten Deutschlands. Doch der Weg dorthin war nicht leicht. Um ein Haar wäre die „Berliner Republik“ nicht zu Stande gekommen. Nur die knappe Mehrheit von 1,4 % der Bundestagsabgeordneten stimmte damals für Berlin. Wie kam es zu diesem denkbar knappen Ergebnis? Und ist es heute berechtig, von einer „Berliner Republik“ zu sprechen? Auf diese Fragen versucht das vorliegende Essay einige Antworten zu finden.
320 zu 338 Stimmen. So knapp war am 20. Juni 1991 das Abstimmungsergebnis im Bundestag, das Berlin zur neuen alten Hauptstadt machte.
Aber werfen wir einen kurzen Blick zurück in das Jahr 1949. Am 23. Mai sprach sich die neugegründete Bundesrepublik Deutschland in einer feierlichen Erklärung für Berlin als Hauptstadt aus. Interessanterweise entschied sich auch die Regierung der DDR für das geteilte Berlin als Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Regierungssitz des westdeutschen Parlamentes und „provisorische Hauptstadt“ der Bundesrepublik wurde Bonn.
Aber wie kam es eigentlich nach dem zweiten Weltkrieg dazu, dass Bonn zum Regierungssitz der Bundesrepublik ernannt wurde? Diese Entscheidung war keinesfalls selbstverständlich, denn auch Frankfurt war daran gelegen, neue Hauptstadt zu werden. Zu bedenken gilt, dass man 1949 lediglich nach einem Provisorium suchte - einem Platzhalter für das in Besatzungszonen aufgeteilte Berlin. Frankfurt lag sehr günstig am Zusammenlauf der drei westlichen Sektoren. Außerdem hatte sich die Stadt am Main schon lange als „heimliche Hauptstadt“ gefühlt und galt bei vielen Bürgern als Favorit. Eine nicht geringe Anzahl fürchtete allerdings auch, dass Frankfurt als Hauptstadt zu mächtig und erdrückend sein würde. Berlins erster Regierender Bürgermeister Ernst Reuter sagte es sehr treffend mit den Worten: „Wenn Frankfurt Hauptstadt wird, wird’s Berlin nie wieder.“
Das beschauliche Bonn war praktisch das Gegenteil von Frankfurt. Klein und bescheiden lag es am Rhein und zählte noch nicht einmal 100.000 Einwohner. Nach dem Größenwahn der Nationalsozialisten musste es auf viele wie das genaue Gegenteil Seite 2 von 6
des Gedankenguts des dritten Reiches wirken. Außerdem war dort bereits seit 1948 Sitz des Parlamentarischen Rates. Frankfurt oder Bonn? - Das war hier die Frage! Knappe Abstimmungsergebnisse über den deutschen Regierungssitz gehören anscheinend zur deutschen Tradition, wie die Auswertung der Stimmzettel vom 3. November 1949 zeigte. Mit 200 gegen 176 Stimmen setzte sich Bonn nur knapp durch. Den Stimmenvorsprung hatte die Stadt wohl nicht zuletzt ihrem prominenten Fürsprecher Konrad Adenauer zu verdanken, der sich immer wieder gegen Vorwürfe wehren musste, er würde sich lediglich für Bonn einsetzten, weil sein Heimatort Röhndorf in unmittelbarer Nähe lag.
Das Provinznest Bonn wurde lange Zeit von vielen verhöhnt. „Bonn ist halb so groß wie der Zentralfriedhof von Chicago aber doppelt so tot“, spottete der amerikanische Schriftsteller John le Carré. Doch trotz aller Frotzeleien wurde die Stadt auch im Bewusstsein des In- und Auslandes rasch mehr als ein Provisorium. Sichtbar wurde das neue Selbstverständnis der Bonner 1969 mit dem „Langen Eugen“, dem mit 29 Stockwerken damals höchstem Gebäude der Stadt. Das Abgeordnetenhochhaus wurde rasch zum neuen Wahrzeichen. Aber auch andere Gebäude wie zum Beispiel die Villa Hammerschmidt, noch heute zweiter Amtssitz des Bundespräsidenten, oder das Palais Schaumburg untermauerten den Bonner Anspruch mehr als nur eine Übergangslösung zu sein.
Die zweite Hauptstadtdebatte - Back to Berlin?
Und so war es vielleicht nicht überraschend, dass nach der Wiedervereinigung viele der Abgeordneten lange unentschlossen und zwiegespalten über den künftigen Regierungssitz Deutschlands waren. Lange Zeit sah es aus, als ob nicht Berlin die Hauptstadt des wiedervereinten Deutschlands werden sollte, sondern das „Bundesdorf“ Bonn. Mit seiner Idylle und Beschaulichkeit war es inzwischen vielen Politikern und Bürgern ein Symbol für die deutsche Nachkriegsbescheidenheit. Bonn war gleichsam ein Sinnbild von maßvollem Wohlstand, Offenheit und Föderalismus. Berlin weckte nicht zuletzt wegen seiner wechselvollen Vergangenheit bei vielen Umzugskritikern ein unangenehmes Gefühl von Großmachtsansprüchen, Zentralismus und übersteigertem Nationalgefühl. Norbert Blüm, damals wohl einer der prominentesten Berlingegner, hat die Ressentiments treffend mit den Worten beschrieben: „Wir haben uns nicht zum Deutschen Reich wiedervereint“. Die angeheizten Diskussionen und das spätere knappe Abstimmungsergebnis mögen umso erstaunlicher wirken, wenn man bedenkt, dass es Seite 3 von 6
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Jan Patrick Faatz, 2010, Hektischer, nervöser, rücksichtsloser, München, GRIN Verlag GmbH
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