Inhaltsverzeichnis
1. „Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bilde“ - Eine Einführung 2
1. 2
2. „Bedecke deinen Himmel, Zeus“ -
Interpretation der Hymne „Prometheus“ 4
Interpretation 4
3. Ganymed 11
3.1 „Alliebender Vater “ - Interpretation der Hymne „Ganymed“ 12
3.1 12
4. Prometheus und Ganymed - Typische Sturm und Drang- Dichtung? 15
4.1 Erlösungs- Pyramide 17
4.1 17
5. Resümee und Ausblick 18
5. 18
6. Literaturverzeichnis 19
6. 19
6. 19
6. 19
6. 19
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1. „Hier sitz‘ ich, forme Menschen nach meinem Bilde“
Eine Einführung
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündig-‐
keit. […] >Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! < ist also der Wahl-‐ spruch der Aufklärung.“ 1
Als Kant 1784 den berühmten Aufsatz über die Aufklärung schrieb, hatten einige deut-‐ sche Autoren längst damit begonnen, Werke fernab der Rationalität zu schreiben. Ne-‐
ben dem Verstand spielte auch das Gefühl oder die Empfindung eine wichtige Rolle in der zeitgenössischen Literatur: Die Epoche der Stürmer-‐und-‐Dränger war gekommen. Die Periode des Sturms und Drangs wird oft als eine Gegenbewegung zur Aufklärung gesehen, vielmehr war sie aber eine Fortführung derselben, in der der Mensch in sei-‐ ner Ganzheit betrachtet wurde. Sturm-‐und-‐Drang ohne Aufklärung wäre nicht möglich gewesen. Anstelle einer rein rationalen Denkweise wurde das Genie gesetzt - jener Mensch, der allein durch die in ihm wohnenden Begabungen zum Künstler wird, ohne sich an eine „Regelpoetik“ 2 zu halten. Dieses Genie wurde zunächst allerdings nur in einer verklärten Vergangenheit gesucht, wie Goethes Rede zum Shakespearetag deut-‐
lich macht. Eben Goethe war es aber auch, der als erster Autor den Geniegedanken in seinen Werken umsetzte. Erich Trunz schreibt in einer kommentierten Ausgabe von Goethes Werken treffend:
„Für Goethe, den schöpferischen Künstler, verschmolz die Genielehre mit der Ich-‐ Erfahrung. Er, als erster, stellt dar, wie dem Genie zumute ist. Während jene [Theoreti-‐
ker] das Wesen des Genies beschreibend faßten, faßte er es dichtend.“ 3 Zum Ausdruck kam der Geniegedanke in den großen Oden und Hymnen Goethes. „Sie waren selbst überströmend kraftvoll, waren neu, einmalig, eigenartig, innerlich
notwendig. In ihnen gipfelt die Geniebewegung des 18. Jahrhundert.“ 4 Eine dieser Hymnen ist Prometheus 5 :
1 Immanuel Kant:. S. 481 - 494.
2 Unter einer Regelpoetik versteht man nach streng vorgegebenen Normen und Regeln arbeitende Dichtkunst. Besonders weit verbreitet war diese Auffassung in der Renaissance und im Barock.
3 Trunz S. 465.
4 Vgl. Trunz 465 ff.
5 Goethe, Johann Wolfgang: Gedichte. Reclam Verlag. Stuttgart 2003, S. 35f.
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Genießen und zu freuen sich, Und dein nicht zu achten, Achtundfünfzig unregelmäßige Verse, ohne Reime: Schon anhand der äußeren Wie ich!
Form kann man der 1773 verfassten Hymne das von Trunz beschriebene
„Neue, Einmalige und Besondere“ ansehen. Es wird Unabhängigkeit und der Wille nach Eigenständigkeit ausgedrückt.
Goethe verwendet für die neue Gedichtform einen antiken, griechischen My-‐ thos, den des Titanen Prometheus. Dieser erzählt, wie Prometheus Menschen aus Ton formt und ihnen dann gegen den Willen von Zeus das Feuer (=Kultur)
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bringt. Zur Strafe wird Prometheus an den Kaukasus geschmiedet. Jeden Tag frisst ein Adler seine Leber, die während der Nacht wieder nachwächst. Erst Herakles schafft es, Prometheus zu befreien und tötet den Adler. Goethe hält sich allerdings nur sehr vage an die griechische Vorlage - was sei-‐ nen Zwecken nicht dient, lässt er weg.
Diese Hausarbeit behandelt neben „Prometheus“ auch „Ganymed“, Goethes andere Hymne, die eine Figur der griechischen Mythologie zum Titel hat. Schwerpunkt liegt auf einer werkimmanenten Interpretation der beiden Ge-‐ dichte unter besonderer Berücksichtigung der unterschiedlichen Gottesbilder. Es wird die These aufgestellt und überprüft, dass es Goethe bei „Prometheus“ um die Darstellung einer extremen „Verselbstung“ ging, während bei „Gany-‐ med“ die „Entselbstung“ im Vordergrund steht. In einem abschließenden Ver-‐ gleich wird dargelegt, dass beide Werke in Verbindung miteinander zu verste-‐ hen sind und Ganymeds Erlösung nur vor dem Hintergrund der promethei-‐ schen Verselbstung möglich ist.
2. „Bedecke Deinen Himmel, Zeus!“
Interpretation der Hymne Prometheus
Die Hymne beginnt mit einem direkten Befehl an Zeus. In selbstbewusstem, ja fast trotzigem Ton verlangt Prometheus, Zeus solle sich hinter „Wolkendunst“ (2) 6 verbergen. Klar grenzt Prometheus sein Reich von dem der Götter ab. Zeus Wirkungssphären sind „Himmel“ (1), „Wolkendunst“ (2), „Eichen“ (5) und „Bergeshöh’n“ (5). Hier darf der mächtige Göttervater sich an Bäumen und Berggipfeln austoben und „knabengleich“ (3) nach Belieben Disteln köp-‐ fen. Durch den Vergleich mit einem bockigen Kind, wird Zeus lächerlich ge-‐ macht und seine Macht ins Nichtige gezogen. Der Machtbereich von Zeus lässt sich mit den Attributen wie „weit weg“, „oben“ und „Zerstörung“ beschrei-‐ ben. Klar getrennt von diesem semantischen Raum ist der Prometheus‘ Be-‐ reich. Hier sind die zentralen Begriffe „Erde“ (6), „Hütte“ (8), „Herd“ (10) und „Glut“ (11). Anstelle der bei Zeus assoziierten Begriffe treten hier die kom-‐
6 Die Zahlen in Klammern bezeichnen die Zeilenangaben des jeweiligen Gedichtes. Seite 4 von 20
plementären Ausdrücke „nah dran“, „unten“ und „Schöpfung“ in den Vorder-‐ grund. Die Trennlinie zwischen Zeus und Prometheus lässt sich auch sprach-‐ lich festmachen. Während in Zeile 1 bis 5 Plosivlaute dominieren („Bedecke deinen Himmel“ (1) … „Wolkendunst“ (2) … „Knabengleich“ (3)) werden in Prometheus‘ Gebiet häufig m-‐Laute verwendet („Mußt mir meine“ (6)). Auf-‐ fallend ist Prometheus‘ häufige Verwendung der Pronomen „ich“ und „mein“ (insgesamt 16-‐mal). Hierdurch wird eine starke Subjektivität des Sprechers hergestellt und gleichzeitig die feindliche Gesinnung Prometheus‘ weiter be-‐ tont. Inhaltlich lässt sich nun die Frage stellen, warum der als allmächtig gel-‐ tende Zeus Prometheus‘ Hütte nicht anhaben kann und sie sogar stehen las-‐ sen „muss“ (6)? Und warum beneidet Zeus die Glut aus Prometheus‘ Herd, wie es in den Zeilen 10 bis 12 steht? Mit der Glut ist die schöpferische Kraft des Menschen gemeint auf die Zeus neidisch ist 7 . Um den Zorn der Götter auf sich zu lenken genügt es schon, eine einfache Hütte zu bauen, obwohl die Götter mächtige Paläste und Tempel ihr Eigen nennen können. Die feste Hütte kann von Zeus aber nicht zerstört werden, weil er sie nicht errichtet hat. Vom Menschen selbst geschaffene Dinge sind gegen die Wut der Götter resistent. Durch die Fähigkeit der Selbstbestimmung werden die Götter von den Men-‐ schen hinter den „Wolkendunst“ (2), der durchaus mit Jenseits und Abseits gleichgesetzt werden kann, verbannt.
Schon nach der ersten Strophe wird deutlich, dass es sich bei „Prometheus“ nicht um eine Hymne oder Ode im klassischen Sinne handelt. Denn statt die Götter zu loben und zu preisen, wird Zeus vom lyrischen Ich verspottet und verachtet.
In der zweiten Strophe wird der Spott-‐ und Hohngesang auf die Götter fortge-‐ setzt. Gab es zuvor noch eine deutliche Trennung zwischen den beiden se-‐ mantischen Bereichen „Gott“ und „Mensch“ so folgen in der zweiten Strophe stark gegensätzliche Wortpaare schnell aufeinander. Hierdurch erhält die Strophe eine starke Dynamik, die den Leser quasi von einer Sekunde auf die andere zwischen positiven und negativen Assoziationen hin-‐ und herwirft und gleichzeitig den emotional aufgewühlte Zustand Prometheus‘ transportiert.
7 Vgl. auch Weimar, S. 91f. Seite 5 von 20
Arbeit zitieren:
Jan Patrick Faatz, 2010, Prometheus vs. Ganymed , München, GRIN Verlag GmbH
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