2. Hauptteil - Das Konzept der Adressatenrollen
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Hauptteil 3
2.1 Das Konzept der Adressatenrollen 3
2.1.1 Die Adressierten als Träger von Bewusstseinsinhalten 4
2.1.2 Die Adressierten als Handelnde. 5
2.2 Kategorisierung von Reden in drei verschiedene Redesphären 9
2.2.1 Erste Redesphäre 9
2.2.2 Zweite Redesphäre 10
2.2.3 Dritte Redesphäre 10
2.2.4 Rede Edmund Stoibers beim Politischen Aschermittwoch am 21.
Februar 2007 als Beispiel für eine Rede der ersten Redesphäre 11
3 Fazit 14
4 Literaturverzeichnis 17
4.1 Bücher 17
4.2 Aufsätze und Artikel 17
4.3 Internetquellen 18
1. Einleitung
1 Einleitung
Zwischen Sprache und Politik herrscht eine Symbiose - das Eine kann nicht ohne das Andere. Vor allem die Politik ist an die Sprache gebunden, weil sich Politik in Sprache vollzieht. „Politische Tätigkeit ist sprachliche Tätigkeit.“ 1 HANS HERINGER sieht mit der Formulierung „Politik in Sprache“ ein Ideal verbunden. „Es ist ein Appell, Politik in Sprache auszutragen und im selben Zug auf gewaltsame Auseinandersetzungen zu verzichten.“ 2 Etwas anders betrachtet es HERMANN LÜBBE: für ihn ist Politik als Kunst zu verstehen, „im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaften zu erzeugen. Dabei muß man sich der Worte bedienen, die den Angesprochene vertrauterweise verbal repräsentieren, was ihnen teuer ist.“ 3 Diese Worte nicht zu verwenden, „hieße den verwirrenden Anschein zu erzeugen, man habe diesem Gegner einen Alleinvertretungsanspruch bezüglich der hohen Zwecke eingeräumt, die jenen Worten Parole sind.“ 4 Diese zwar etwas veraltete Sichtweise von LÜBBE, ist dennoch in die heutige Zeit zu übertragen. Politiker wiederholen sich in ihren Reden oftmals und nur selten weichen sie in ihren Thesen voneinander ab. Um es mit LÜBBES Worten zu sagen: Politiker wollen es nicht zulassen, dass andere den „Alleinvertretungsanspruch“ für sich beanspruchen. „So gehorcht es also zwingender politischer Logik, daß man sich, auf weltpolitischer Bühne, wechselseitig die Legitimität des Anspruchs auf den Gebrauch zentraler politischer Vokabeln streitig macht.“ 5
Das Erzeugen von Zustimmungsbereitschaft ist ein weiterer wichtiger Aspekt in LÜBBES Definition von Politik. „Denn die Erzeugung von Zustimmungsbereitschaften in der Öffentlichkeit verweist auf jene Darstellungs- und Selbstdarstellungsmethoden der handelnden Politik, unter denen Sprache die wichtigste […]“ 6 ist. Politiker müssen viele verschiedene Sprechsituationen bewältigen. „In jeder [Sprechsituation] sind unterschiedliche Übersetzungsleistungen der Insider-Kommunikation in die Darstellungskommunikation sowie unterschiedliche
1 Heringer, Hans Jürgen (1990):Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. München: C.H. Beck Verlag, S 9.
2 Ebd., S. 10.
3 Lübbe, Hermann (1975): Der Streit um Worte. Sprache und Politik. In: Kaltenbrunner, Gerd-Klaus (Hrsg.):
Sprache und Herrschaft - die umfunktionierten Wörter. Basel, Wien: Herder Verlag, S. 107.
4 Lübbe, Hermann (1982): Der Streit um Worte. Sprache und Politik. In: Heringer, Hans Jürgen: Holzfeuer am
hölzernen Ofen. Tübingen: Gunter Narr Verlag, S. 66.
5 Lübbe a.a.O. 1982, S. 66.
6 Bergsdorf, Wolfgang (1988): Entwicklungslinien der politischen Terminologie in der Bundesrepublik
Deutschland. In: Goppel, Thomas (1989): Wirkung und Wandlung der Sprache der Politik. Passau:
Eigendruck, S. 21.
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1. Einleitung
Optimierungsleistungen des Kommunikationsangebotes zu erbringen.“ 7 Dabei lassen sich fünf Gattungen von Sprechsituationen unterscheiden: das Grußwort, die Festzeltrede, der Fachvortrag, die Plenarrede und das Fernsehinterview. Für diese verschiedenen Anlässe müssen Politiker verschiedene Aspekte bei der Textproduktion beachten. So ist „Textproduktion […] eine bewußte, schöpferische Tätigkeit, die die Entwicklung konkreter Handlungsstrategien und die Auswahl geeigneter Mittel zur Zielrealisierung einschließt.“ 8 Die Politiker sollten ihre Reden auf das jeweilige zu erwartende Publikum abstimmen und dabei verschiedene Strategien verwenden, um ihre Handlungsziele zu erreichen. Nach einer kurzen Erläuterung der verschiedenen Sprechsituationen, soll im Folgenden die Adressatenorientierung und die Einteilung verschiedener Reden in Redesphären näher erläutert werden.
Grußworte stellen eine häufige und wichtige Gattung öffentlicher Politikerrede dar. Sie erlauben es einem Politiker, seine Person und seine politischen Positionen vor großen Versammlungen zu repräsentieren. Des Weiteren wird dem Politiker bei diesen die Möglichkeit gegeben, einen Personenkreis anzusprechen, der außerhalb seiner politischen Reichweite liegt. Daher ist es hier besonders wichtig für den Politiker den richtigen Ton zu treffen.
Reden im Festzelt, oder unter entsprechenden Rahmenbedingungen sind als weitere Gattung zu nennen. Für den Politiker besteht hier die Möglichkeit, „vor Personen reden zu können, die […] [er] über politische Veranstaltungen kaum einmal erreicht, die aber sehr wohl als Wähler wichtig sind.“ 9 Dabei ist es für den Politiker wichtig sich auf die besondere Volksfeststimmung, die bei solchen Veranstaltungen herrscht, einzulassen. Wenn es ihm hier nicht gelingt den richtigen Ton zu treffen, kann sein Auftritt in einem Desaster enden. Bei Fachvorträgen kommuniziert der Politiker über seine Arbeitsgebiete mit einer Fachöffentlichkeit oder mit Personen auf seinem Wahlkreis. Dabei sind die Anforderungen an den Politiker different, im Vergleich zu denen bei Reden im Festzelt oder Grußworten. Dies wirkt sich besonders auf den Vortragsstil und das verwendete Vokabular aus. Die wohl bekannteste Form einer politischen Rede ist die Plenarrede im Deutschen Bundestag. Diese stellt dennoch für die meisten Politiker keine alltägliche Sprechsituation dar. „Letztlich zwei Schwierigkeiten sind bei ihr zu bewältigen: einerseits handelt es sich bei Plenarreden meist um „Auftragskommunikation“ im Dienst der Fraktion oder eines Ausschusses, und andererseits exponiert sie den Durchschnittsabgeordneten und macht politisches Vorwärtskommen von einer hier und jetzt zu erbringenden Leistung abhängig.
7 Patzelt, Werner J. (1995): Politiker und ihre Sprache. In: Dörner, Andreas/ Vogt, Ludgera (Hrsg.): Sprache
des Parlaments und Semiotik der Demokratie. Berlin, New York: Walter de Gruyter, S. 26.
8 Heinemann Wolfgang/ Viehweger Dieter (1991): Textlinguistik. Eine Einführung. Tübingen: Max Niemeyer
Verlag, S. 89.
9 Ebd., S. 27.
2
2. Hauptteil - Das Konzept der Adressatenrollen
Nur für die Minderheit der parlamentarischen Elite wird sie darum ihren Charakter als „Prüfungssituation“ verloren haben.“ 10 Von dem Abgeordneten wird zudem eine strenge Sprachdisziplin erwartet, das heißt, er muss sich kurz fassen können und muss seinen Text vorlesen, um Zeit zu sparen. In Folge dessen wird bei Plenarreden oftmals mit Kürzeln gearbeitet, die zwar für Insider verständlich sind, jedoch nicht für die breite Öffentlichkeit, die eine Plenarsitzung live oder durch eine Fernsehübertragung beobachtet.
„Stellt die Plenarrede eine besonders anspruchsvolle Gattung der Politikerrede dar, so gilt ziemlich einhellig das Fernsehinterview, etws [sic!] abgemindert auch das Hörfunkinterview, als die schwierigste und herausforderndste Form politischen Sprechens. Wer sie beherrscht, genießt unter den Kollegen Prestige und wird wohl so beneidet wie der Sologeiger vom Violinisten am zweiten Pult.“ 11 Die Grundanforderung an den Politiker ist hier, dem Publikum in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Information zu überbringen. Dies erweist sich in der Praxis als durchaus schwierig, wie zum Beispiel die Stoiber Ausrutscher illustrieren. 12
2 Hauptteil
2.1 Das Konzept der Adressatenrollen
Der Adressat spielt in jeder Art von Kommunikation eine wichtige Rolle, weil ohne ihn keine Kommunikation stattfinden würde. „Wegen ihm fängt der Sprecher zu reden an, auf ihn stimmt er seine Äußerung ab. Erfolgreiche Adressierung ist ein wesentliches Moment für den Erfolg einer Kommunikation.“ 13 Als Adressat kann derjenige gesehen werden, den der Sprecher in seiner Rede beeinflussen will. 14 MELANI SCHRÖTER sieht die Adressatenorientierung als ein Mittel zur Beziehungsgestaltung in monologischen Reden. 15 Damit ist die Adressatenorientierung als ein zentraler Faktor in der Textproduktion von Reden anzusehen. Mit dem Hintergrund, dass das Publikum bei massenmedial übertragenen Veranstaltungen als
10 Ebd., S. 28.
11 Ebd., S. 29.
12 Vgl. Neubacher, Alexander (2006): Stoibers Rhetorik: Gestammelte Werke. Aus:
http://www.spiegel.de/jahreschronik/0,1518,452030,00.html (Zugriff am 10.01.2008).
13 Petter-Zimmer, Yvonne (1990): Politische Fernsehdiskussionen und ihre Adressaten. Tübingen: Gunter
Narr Verlag, S. 27.
14 Vgl. Ebd..
15 Vgl. Schröter, Melani (2006): Bezüge auf die Adressierten als Handelnde in der öffentlichen politischen
Rede. In: Girnth, Heiko/ Spieß, Constanze (Hrsg.): Strategien politischer Kommunikation. Pragmatische
Analysen. Berlin: Erich Schmidt Verlag, S. 51.
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2. Hauptteil - Das Konzept der Adressatenrollen
weitestgehend dispers anzusehen ist, ist es für den Redenschreiber und auch für den Redner schwierig seine Zielgruppe einzugrenzen und somit seine Rede auf diese anzupassen.
YVONNE PETTER-ZIMMER argumentiert, dass der Sprecher seine Rede auf einen „vorgestellten „intendierten Rezipienten“ 16 anfertigen muss und, dass sich die Adressatenberücksichtigung auf verschiedene Weisen ausdrücken kann, „z.B. bei der Wahl deiktischer Ausdrücke oder auch bei der Sachverhaltdarstellung.“ 17 . „Der gemeinte Adressat ist der für den Sprecher wesentliche Adressat - bei politischen Reden ist dies meinst der Bürger.“ 18
SCHRÖTER teilt aufgrund ihrer Untersuchungen den Adressaten vier verschiedene Rollen zu, „also vier Relevanzbereiche der Adressierten aus Sicht des Redners“ 19 . Im Fall der Rede EDMUND STOIBERS am Politischen Aschermittwoch „kommen [als Adressaten] sowohl die direkt angesprochenen infrage wie auch alle Personen, die als Publikum im engeren oder weiteren Sinne bezeichnet werden können.“ 20 Beim Politischen Aschermittwoch fungieren so die direkt angesprochenen Politiker und die Zuhörer als Adressaten. Ferner sind auch diejenigen, die sich die Rede über das Fernsehen anschauen und sich angesprochen fühlen, als Adressaten in Betracht zu ziehen.
2.1.1 Die Adressierten als Träger von Bewusstseinsinhalten
„Dies umfasst die Bezugnahme auf unterstellte Einstellungen, Meinungen, Wissen und Denkprozesse der Adressierten. Dabei wird von Seiten des Redners entweder eine Übereinstimmung zwischen sich und den Adressierten suggeriert, etwa durch Wissensunterstellungen oder Evidenzsuggestionen, oder es wird Nicht-Übereinstimmung antizipiert.“ 21
Solch eine Übereinstimmung lässt sich gut anhand eines Zitates über die die RAF-Terroristen Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar verdeutlichen.
16 Petter-Zimmer a.a.O. 1990, S. 25.
17 Ebd., S. 28.
18 Ebd., S. 31.
19 Schröter a.a.O. 2006, S. 52.
20 Petter-Zimmer a.a.O. 1990, 30.
21 Schröter a.a.O. 2006. S. 52.
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Arbeit zitieren:
B.A. Michaela Buchner, 2008, Das Konzept der Adressatenrollen , München, GRIN Verlag GmbH
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