Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Übersetzung. 3
3. Textkritik. 5
4. Literarkritik. 8
5. Überlieferungsgeschichte. 14
6. Redaktionsgeschichte. 15
7. Formgeschichte. 17
8. Traditionsgeschichte. 19
9. Eigene Gedanken. 21
10. Literaturverzeichnis. 22
1
1. Einleitung
Verlassen, verhöhnt und verletzt. Auf dem Boden eines Grabes kauernd wehrt der fromme Antonius die Anschläge des bösen Feindes ab. Aus voller Überzeugung singt er: „Mag ein Heer mich umlagern: Mein Herz wird nicht verzagen.“ Wilde Dämonen in Tiergestalt reißen die schützenden Mauern des Grabes ein. Ein einziges Geschrei von Löwen und Stieren. Die Schmerzen der Versuchung gleichen Todesqualen, doch Antonius widersteht ihr. Ja, er macht sich lustig über die Dämonen. Er spricht ihnen ihre Macht ab. Er hält voll und ganz an seinem Glauben fest und vertraut auf Gott. Er verspürt keine Furcht und antwortet auf die Angriffe der wilden Bestien: „Denn ein Siegel und eine Mauer der Sicherheit ist uns der Glaube an unseren Herrn.“ Da erscheint ihm ein Lichtstrahl durch, das sich öffnende, Dach und Gott offenbart sich dem Glaubensstreiter. Plötzlich sind alle Dämonen verschwunden, wie auch seine Schmerzen. Gott hat ihn von aller Pein erlöst. Als Antonius dies realisiert, quält ihn nur eine Frage, die er an die Erscheinung richtet: „Wo warst du, warum bist du nicht gleich zu Anfang erschienen, um meine Qualen zu beenden?“ Da antwortet ihm eine Stimme: „Antonius, ich war hier, aber ich wartete, um deinen Kampf zu sehen. Nun, da du standgehalten hast und nicht besiegt worden bist, werde ich dir immer Helfer sein und deinen Namen überall berühmt machen. 1 “
Wo bist du Gott? Warum stehst du mir in dieser schweren Stunde nicht bei? Wieso muss ich dieses Leid erfahren?
Wie Antonius kann auch der Beter des 22. Psalms diese Fragen nicht verdrängen. Stets hat er Gott die Treue gehalten. Tag und Nacht hat er zu ihm gebetet. Doch wo ist er nun, wo wilde Bestien ihn umzingeln, der Tod ihm unausweichlich scheint? Der Psalmist schreit verzweifelt um Hilfe und er wird tatsächlich erhört. In dem Moment, in dem er dem Tod ins Auge blickt (V.22), wird er vom Herrn erhört und sein gesamtes Leid ist binnen eines Wimperschlages Vergangenheit. Aus Klage wird Lob, aus Einsamkeit Gemeinschaft.
Die folgende Arbeit versucht diesen Umschwung nachzuvollziehen und begibt sich auf die Suche nach Überlieferung und Redaktion des Psalms. Die Anfangsworte des Psalms sind uns durch Jesu Gebet am Kreuz überliefert. Doch wieso betet Jesus diesen Psalm? In welche Tradition reiht er sich ein, wenn er betet: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“ Als Letztes stellt sich natürlich auch immer die Frage, in wie weit wir in dieses Gebet einstimmen können. Ist es uns möglich den Wechsel von Verlassenheit und Erhörung in unserem Leben nachzuzeichnen?
1 Nach ATHANASIUS: Vita Antonii. Hrsg. von Adolf Gottfried. Übersetzt von Heinrich Przybyla. Leipzig 1986, 35-37.
2
2. Übersetzung
Die Grundlage meiner Übersetzung soll der masoretische Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia 2 sein. Diese Übersetzung soll als Einstieg in meine Arbeit helfen und beinhaltet gleichzeitig meine Revisionen, welche sich aus den nachfolgenden Arbeitsschritte erklären lassen.
2 Der masoretische Text der Biblia Hebraica Stuttgartensia soll im Weiteren mit „MT“ abgekürzt werden. Die Biblia Hebraica Stuttgartensia mit BHS.
3
14 a Sie sperren ihr Maul gegen mich auf:
b ein Löwe, der zerreisst und brüllt.
15 a Wie Wasser wurde ich ausgeschüttet, b und es trennen sich alle meine Gebeine. c Mein Herz ist wie Wachs, d zerschmelzend inmitten meines Inneren.
16 a Meine Lebenskraft ist ausgetrocknet wie Ton, b und meine Zunge ist angeklebt an meinen Gaumen, c und in den Staub des Todes legst du mich.
b 18 a Ich zähle all meine Gebeine. b Sie, sie blicken her; sie begaffen mich.
19 a Sie werden unter sich meine Kleider verteilen, b und über mein Unterkleid, werden sie das Los werfen.
20 a Aber du, JHWH, entferne dich nicht! Meine Stärke 3 , eile mir zur Hilfe! b
21 a Befreie vom Schwert meine Kehle, b aus der Pranke der Hunde mein Leben.
22 a Errette mich aus dem Schlund des Löwen b und vor den Hörnern der Wildstiere. - Du hast mich erhört.-
b inmitten der Versammlung werde ich dich preisen.
24 a Die ihr JHWH fürchtet: preist ihn! b Alle Nachkommen Jakobs ehrt ihn! c und fürchtet euch vor ihm, alle Nachkommen Israels.
25 a Denn er hat nicht verachtet b und nicht verabscheut das Elend der Elenden c und er verbarg nicht sein Angesicht vor ihm. d und sein Hilfeschreien zu ihm hörte er.
26 a Von dir [ist] mein Lobpreis in großer Versammlung, b meine Gelübde werde ich erfüllen vor ihnen, die ihn fürchten.
27 a Elende sollen essen und satt werden, die ihn suchen sollen JHWH preisen 4 . b
3 Genauer müsste mit „ Meine Hilfe“ übersetzt werden, doch ich wollte der Dopplung mit dem folgenden Nomen aus dem Weg gehen.
4
c Es lebe euer Herz in Ewigkeit.
IV 28 a Es sollen gedenken und zu JHWH umkehren b alle Enden der Erde. c Und es sollen vor dir niederfallen d alle Geschlechter der Fremdvölker.
29 a Denn für JHWH ist das Königtum b und die Herrschaft über die Fremdvölker.
30 a Es aßen und fielen nieder b alle Fetten der Erde. c Vor seinem Angesicht sollen niederknien d alle, die herabsteigen in den Staub; e und dessen Seele nicht mehr lebt.
31 a Die Nachkommenschaft wird ihn [ganz gewiss] verehren. b Vom Herrn [adonaj] soll erzählt werden für Generationen.
32 a Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit berichten, b dem Volk, das geboren werden soll - denn er hat [es] getan.
3. Textkritik
Eine Analyse des gesamten Psalms würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen, deshalb sollen im Folgenden lediglich die V.1-12 bearbeitet werden.
V.1 Die Septuaginta 5 , Symmachus und Targum haben anstatt „Hinde“ (tl, Y, a; ) „Hilfe“ (tlu y' a/ ) überliefert. Der Konsonantenbestand beider Nomen ist identisch, die Sinnverschiebung kommt nur durch die Vokalisation zu Stande. Die BHS weist weiter darauf hin, den Vergleich mit V.20 zu ziehen. Dort steht das Nomen tlya ebenfalls als „Hilfe“. Das Lesen von tlya als „Hilfe“ scheint eine Anpassung an V.20 zu sein. Somit ist die Lesart des MT als lectio difficilior beizubehalten.
V.2 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“; an dieser Stelle fügt die LXX pro, scej moi, „denke an mich“ ein. Es hieße somit: „Mein Gott, mein Gott, denke an mich. Warum hast du mich verlassen?“ Diese Ergänzung ist nicht zwingend nötig, da MT inhaltlich und grammatikalisch keinen Zusatz bedarf. Nach der Regel lectio brevior potior ist es sinnvoll die Ergänzung der LXX als sekundär zu betrachten. LXX ist die längere Lesart, obwohl sich der Aspekt des erklärenden, vereinfachenden Zusatzes auf dieses Beispiel nicht anwenden lässt. Eher wird die Lesart erschwert. 4 In der folgenden Versen habe ich mich entschieden das hebräische Imperfekt nicht futurisch, sonder modal, als Aufforderung zu übersetzen. Auf diese Weise erhalten die Worte einen Weisungscharakter.
5 Im Weiteren mit „LXX“ abgekürzt.
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Arbeit zitieren:
Hans Martin Golz, 2009, Psalm 22 - Vom klagenden Schrei zum Lobgesang, München, GRIN Verlag GmbH
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