Inhaltsverzeichnis Seite I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
1 Zeitgeschichtliche und familiäre Prägung 1
1.1 Zeitgeschichtliche Einordnung 1
1.2 Mill als Erziehungsobjekt 2
1.3 Krisenerfahrungen 3
2 Grundgedanken und Intentionen des Utilitarismus 3
2.1 Der gesellschaftsreformerische Ansatz 3
2.2 Der empirische Ansatz 5
3 Das Nützlichkeitsprinzip 5
3.1 Herleitung 5
3.2 Teilprinzipien 6
4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus 6
4.1 Vom quantitativen zum qualitativen Hedonismus 6
4.2 Vom subjektiven zum objektiven Hedonismus 7
5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks 8
5.1 Gewissen 9
5.2 Tugend 10
5.3 Gerechtigkeit und Gleichheit 10
5.4 Freiheit und Individualität 11
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills 12
6.1 Überwundene Vorurteile und relativierte Kritik 12
6.2 Konsistenz und Schlüssigkeit 12
6.2.1 Mills Glücksbegriff und sein Anspruch auf Empirie 13
6.2.2 Handlungs- und/oder Regelutilitarismus 13
6.3 Grundlage der politischen und ökonomischen Theorie 15
6.3.1 Mills politischer Liberalismus 16
6.3.2 Mills ökonomischer Sozialliberalismus 17
6.4 Aktuelle Wirkungsmöglichkeiten der Ethik Mills 18
Literatur 20
1 Zeitgeschichtliche und familiäre Prägung Seite 1
Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „John Stuart Mill - Utilitarismus“ befasst sich mit der utilitaristischen Ethik, welche John Stuart Mill (1806 - 1873) als englischer Philosoph und Ökonom des 19. Jahrhunderts, von dem Konzept seines Lehrers Jeremy Bentham und seines Vaters James Mill ausgehend, weiterentwickelte. Der Autor verfolgt mit dieser Arbeit das Ziel, die Grundzüge des Gedankengebäudes Mills darzustellen und darüber hinaus durch enge Argumentation an den Primärtexten „Der Utilitarismus“ und „Über die Freiheit“ die aktuellen Wirkungsmöglichkeiten dieser Ethik aufzuzeigen. Von einer zeitgeschichtlichen Einordnung und einer biographischen Schilderung des „Erziehungsexperiments“ ausgehend, stellt diese Arbeit das Nützlichkeitsprinzip als zentrales Konzept der Mill’schen Ethik vor und zeigt im Anschluss die wesentlichen Weiterentwicklungen im Vergleich zur Ethik Benthams auf. Mill versteht „Glück“ als Kompositum mehrerer zentraler Werte, welche in einem fünften Kapitel systematisch beleuchtet werden. Die Bedeutung der Werte „Freiheit“ und „Individualität“ bildet die Brücke zu Mills Werk „Über die Freiheit“ und leitet gleichzeitig das Schlusskapitel ein, in welchem neben Konzeptionen eines politischen Liberalismus und eines ökonomischen Sozialliberalismus, die sich auf Mills Argumentationen stützen, auch die Probleme und Wirkungsmöglichkeiten der Ethik nach Mill diskutiert werden.
1 Zeitgeschichtliche und familiäre Prägung
1.1 Zeitgeschichtliche Einordnung
John Stuart Mill (1806 - 1873) wird in den Transformationsprozess von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft hineingeboren. In der sich industrialisierenden englischen Gesellschaft vollzieht sich nicht nur eine dramatische Veränderung der Lebensverhältnisse, auch Verhaltens- und Denkweisen unterliegen diesem Wandel. Die Umwälzungen verlaufen mit größerer Beschleunigung und sind mit tiefgehenderen Umwandlungen verbunden als vergleichbare frühere Ereignisse in der Geschichte. 1 Im Verlauf dieses Industrialisierungsprozes-
ses kann sich ein industriell ausgerichtetes Bürgertum herausbilden, welches, getrieben vom starken Fortschrittsglauben der Zeit, zu einer treibenden Kraft der Gesellschaft wird. Es prägt nicht nur Kultur und Kunst, sondern mit dem Liberalismus auch die politische Kultur. Das
1 Vgl. BPB (1998).
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Interesse dieses Großbürgertums an Gewinn und Kapitalanhäufung steht jedoch entgegen den Interessen der Arbeiter. Es scheint, als werde sich die Gesellschaft zunehmend in zwei große Klassen trennen: Arbeiter, die immer weiter verelenden, und Kapitalisten, die immer wohlhabender werden. Die soziale Dimension gewinnt infolgedessen zunehmend an Bedeutung und bietet den Nährboden für Sozialreformer der Zeit. John Stuart Mill versucht mit seinen Ansätzen, dem ganzheitlichen Prozess in der Gesellschaft Rechnung zu tragen und nicht nur einseitig auf ökonomische Gegebenheiten abzustellen. Er steht dem Staat als Liberaler kritisch gegenüber, bewertet seine Aufgaben allerdings wesentlich umfassender als viele andere Liberale seiner Zeit. Er plädiert für einen aktiven und für die positive Entwicklung der Bürger verantwortlichen Staat und versucht somit, soziale Aspekte mit einer liberalen Ausrichtung in Einklang zu bringen.
1.2 Mill als Erziehungsobjekt
Für John Stuarts Erziehung ist die dominante Stellung seines Vaters, James Mill, charakteristisch. Zusammen mit dem Philosophen und Sozialreformer Jeremy Bentham war er ein Vertreter des Philosophischen Radikalismus. Beide strebten eine Reform der Gesellschaft nach den Prinzipien dieser Bewegung an. 2
„James Mill war ein großer Bewunderer Platons, er glaubte an die unbegrenzte Formbarkeit des Menschen durch die Erziehung.“ (Rinderle (2000), S. 15)
James Mill war der Auffassung, dass „alle selbstsüchtigen Neigungen [...] des Menschen auf schlechte äußere Einflüsse zurückzuführen“ (Rinderle (2000), S. 15) seien und die Erziehung in der Lage sei, diese Einflüsse zu eliminieren. Dieser Theorie folgend war es „ausgemachte Sache, dass John Stuart im Geiste des Philosophischen Radikalismus erzogen werden sollte.“ (Rinderle (2000), S. 13) So wurde John Stuart Mill Gegenstand eines Erziehungsexperiments:
„Er sollte in idealen Umständen zu einem Mustermenschen geformt werden.“ (Rinder- le (2000),S. 15)
Unter völliger Isolation von Gleichaltrigen beginnt John Stuarts Erziehung im frühen Kindesalter von drei Jahren. Ohne jegliche Grammatikkenntnisse studiert er klassische Lektüren, lernt Sprachen. Später unterrichtet er seine Geschwister und da sowohl seine Lernfortschritte als auch die seiner Geschwister immer wieder durch den Vater überprüft werden, wird er „für ihre Fehler [...] mitverantwortlich gemacht“ (Gaulke (1996), S. 16). Schon früh beherrscht John Stuart die Differentialrechnung und schreibt sein erstes Buch. Auch ein Auslandsaufenthalt, der „etwas Abwechslung [...] bringen“ (Rinderle (2000), S. 16) sollte, war Teil des
2 Vgl. Rinderle (2000), S. 13.
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straffen Erziehungsprogramms. Nach seiner Rückkehr tritt Mill in die Ostindische Handelsgesellschaft ein und es scheint, als sei „die Einführung ins öffentliche Leben [...] gelungen“ (Rinderle (2000), S. 18). Das Ergebnis des Experiments fasst Rinderle jedoch so zusammen:
„John Stuart Mill war ein ungewöhnlich belesener, redegewandter, gleichzeitig aber ein weltfremder, kontaktscheuer junger Mensch.“ (Rinderle (2000), S. 16)
1.3 Krisenerfahrungen
In den Jahren 1826/1827 erfährt John Stuart Mill am eigenen Körper, wie sehr seine Gefühle unter der Erziehung durch seinen Vater gelitten haben — er verspürt „das Gefühl einer wachsenden Entfremdung von seinem Tun“ (Rinderle (2000), S. 18). Durch die Lektüre der Memoiren von Jean-Francois Marmontel „entdeckt [Mill] in sich die Fähigkeit zum Mitgefühl, er entdeckt ein Innenleben.“ (Rinderle (2000), S. 19)
„Die Krise veranlasst Mill dazu, das Erziehungskonzept seines Vaters zu durchdenken. Es war auf der Annahme gegründet, dass alle nützlichen Handlungen an die Vorstellung von Freuden, alle schädlichen Handlungen an die Vorstellung von Leid und Schmerz geknüpft werden sollten.[...] Aber eine depressive Krise [...] dürfte es dann eigentlich nicht geben. Es blieb nur der Schluss: Der Vater hat sich getäuscht.“ (Rinderle (2000), S. 19)
Diese Krisenzeit führt bei Mill zu einer Ausbildung zentraler Werte, die sich auch in seinem Werk „Der Utilitarismus“ wiederfinden. Er sorgt sich um „die richtigen Lebensinhalte“ (Rin- derle (2000),S. 21): die freie Entwicklung des Individuums einerseits und die Überwindung des Egoismus - die Einheit der Gesellschaft - andererseits.
„Sein Lebensinhalt bestand in der Sorge um das gute Leben anderer Menschen“ (Rin- derle (2000),S. 21).
2 Grundgedanken und Intentionen des Utilitarismus
2.1 Der gesellschaftsreformerische Ansatz
„Der Utilitarismus ist eine sozialreformerische Bewegung aus dem Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts, die mit humanistischem Pathos angetreten war und sich als eine der ersten Bewegungen für das Wohl der Gesamtgesellschaft interessierte.“ (Gesang (2003), S. 9)
Er kann also als Element im umfassenden Umwälzungsprozess der industriellen Revolution verstanden werden. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Überwindung irrationaler Legitimationsversuche gesellschaftlicher Normen.
2 Grundgedanken und Intentionen des Utilitarismus Seite 4
„Der Utilitarismus kann in einer Zeit politisch und philosophisch wirksam werden, in der die Auskünfte der Religion, der Metaphysik oder einfach die der Tradition zu einem überindividuellen Sinnzusammenhang ihre generelle Anerkennung verlieren. In dieser auch heute noch zutreffenden Situation schlägt er für die Moral eine Bestimmung vor, die ohne Rückgriff auf die fragwürdig gewordenen Autoritäten auskommt.“ (Höffe (2008), S. 14 f.)
Auch die utilitaristische Ethik Mills lehnt also eine „apriorische Begründung von Werten und moralischen Geboten“ (Rinderle (2000), S. 64) ab, da diese Werte und Gebote aus zu überwindenden Herrschaftsstrukturen abgeleitet seien. Traditionelle Werte wie eine gottgewollte Herrschaft, allgemeine Thesen über die Natur des Menschen oder kirchliche Gebote werden des Weiteren wegen ihres Dogmencharakters kritisiert: „Das Dogma wird ein rein formales Bekenntnis [...].“ (Mill (1974), S. 73) Es ist für Mill daher auch wenig überraschend, dass diese tradierten Werte und Gebote in der Gesellschaft inzwischen sehr umstritten sind:
„Darüber, was gerecht ist, gibt es ebenso viele Meinungsverschiedenheiten und ebenso heftige Diskussionen wie darüber, was für die Gesellschaft nützlich ist.“ (Mill (1976), S. 165)
Eine Nichtreflexion traditioneller Werte führt nach Meinung der gesellschaftlichen Reformer zu einem Zwangscharakter der öffentlichen Meinung, der ebenso wie die Herrschaftsstrukturen und deren Legitimation zu kritisieren sei.
Im Liberalismus wird diese Kritik zur politischen Konzeption: „Gegen den Konservatismus der Regierenden formierte sich der Liberalismus, dessen Anhänger vor allem aus der Schicht der Akademiker und Kaufleute stammten, also der neu entstehenden Bourgeoisie. Die Liberalen forderten die Freiheit des einzelnen und eine größere politische Beteiligung der Bürger.“ (Gaulke (1996), S. 12 f.) Wie sehr die Idee der Nutzenmehrung für die Gesamtgesellschaft als Teil einer Stimmung eines gesellschaftlichen Umbruchs auf der Basis eines ungetrübten Fortschrittsglaubens der Zeit zu sehen ist, machen Mills hochfliegende Erwartungen deutlich: „Doch niemand [...] wird daran zweifeln können, dass die wirklich großen Übel in der Welt prinzipiell ausrottbar sind und dass die bei einer weiteren Besserung der menschlichen Verhältnisse schließlich in engen Grenzen gehalten werden können. Armut [...] kann [...] gänzlich aus der Welt geschafft werden. Selbst [Krankheit] lässt sich [...] auf ein Minimum reduzieren. [...] Kurz, alle wichtigen Ursachen menschlichen Leidens lassen sich in erheblichem Umfang - und viele fast gänzlich - durch menschliche Mühe und Anstrengung beseitigen.“ (Mill (1976), S. 47 f.)
3 Das Nützlichkeitsprinzip Seite 5
2.2 Der empirische Ansatz
Ausgehend von der These, dass eine Deduktion von Moral aus Übergeordnetem oder Natürlichem nicht möglich ist, versucht John Stuart Mill einen empirischen Ansatz zu entwickeln. Er sieht sich „offensichtlich einer empirischen Frage gegenübergestellt“ (Mill (1976), S. 117). Wenn also Deduktion verneint wird, so müssen die Menschen selbst dazu befragt werden, was sie wollen. Nach Mill „sind Recht und Unrecht ebenso wie Wahrheit und Falschheit eine Frage von Beobachtung und Erfahrung“ (Mill (1976), S. 11). Die Moral ist für Mill „eine Sache der vernünftigen Argumentation“ (Rinderle (2000), S. 64), er spricht von einer induktiven Schule der Ethik. 3 In diesem empirischen Ansatz zeigt sich wiederum das Vertrauen
in heranwachsende fortschrittliche Tendenzen in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen.
3 Das Nützlichkeitsprinzip
3.1 Herleitung
Das Nützlichkeitsprinzip argumentativ und empirisch herzuleiten, erfordert eine Orientierung an den tatsächlichen Wünschen der Menschen. Denn „der einzige Beweis dafür, dass etwas wünschenswert ist, [könne nur, M.F.M] der sein, dass die Menschen es tatsächlich wünschen.“ (Mill (1976), S. 105) John Stuart Mill geht davon aus, dass der Utilitarismus auf diesem Wege dreierlei erreichen kann:
1. Die Menschen können das Ziel ihres Handelns gemeinsam bestimmen. Denn Glück ist für Mill „das Einzige, was als Zweck wünschenswert ist“ (Mill (1976), S. 105) und „der einzige Zweck menschlichen Handelns“ (Mill (1976), S. 117). Immer synonym mit „Nutzen“ und „Lust“ verwandt, sei Glück „nach utilitaristischer Auffassung der Endzweck des menschlichen Handelns“ (Mill (1976), S. 39).
2. Damit ist zugleich ein moralischer Maßstab gefunden. Als Ziel menschlichen Handelns sei Glück „notwendigerweise auch die Norm der Moral“ (Mill (1976), S. 39). Mill äußert sich immer wieder in ähnlicher Weise:
• Die „Beförderung des Glücks ist der Maßstab, an dem alles menschliche Handeln gemessen werden muss“ (Mill (1976), S. 117).
3 Vgl. Mill (1976), S. 11.
4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus Seite 6
• „Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks
Auch Höffe fasst in diesem Sinne zusammen, dass der Utilitarismus mit dem Nützlichkeitsprinzip „ein Kriterium [aufstellt, M.F.M], nach dem sich Entscheidungen, Handlungen, Normen und Institutionen als moralisch richtig oder falsch [...] beurteilen lassen.“ (Höffe (2008), S. 10)
3. Letztlich sieht Mill durch den empirischen Bezug das Nützlichkeitsprinzip als beweisbar an:
3.2 Teilprinzipien
Das utilitaristische Prinzip, das Prinzip der Nützlichkeit, lässt sich in vier Teilkriterien aufteilen. 4 Das Konsequenzprinzip besagt, dass sich die Richtigkeit von Handlungen oder Hand-
lungsregeln von den Folgen her bestimmt. Die Folgen werden gemäß des Nutzenprinzips an ihrem Nutzen gemessen. Dem hedonistischen Prinzip folgend gilt als höchster Wert „die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen: das menschliche Glück.“ (Höffe (2008), S. 10) Das universalistische Prinzip schließlich besagt, dass „nicht das Wohlergehen bestimmter Gruppen, Klassen oder Schichten, sondern das aller von der Handlung Betroffenen“ (Höf- fe (2008),S. 11) ausschlaggebend ist.
4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus
4.1 Vom quantitativen zum qualitativen Hedonismus
John Stuart Mill weicht vom Utilitarismus Benthams in verschiedenen Punkten ab. 5 Er ver-
ändert „als Reaktion auf die gegen Bentham vorgebrachten Kritiken den Begriff der Lust, in-
4 Vgl. Höffe (2008), S. 11.
5 Vgl. Höffe (2008), S. 22.
4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus Seite 7
dem er neben quantitativen Unterschieden auch qualitative Differenzen zwischen Typen von Lust berücksichtigt“ (Schumacher (1994), S. 121). Mill wehrt sich hiermit vor allem gegen den Vorwurf, dass es sich beim Utilitarismus um eine Ethik für Genussmenschen handele und der Ausdruck der Lust rein körperliche Freuden meine. 6 Mill entgegenet, „dass alle Auto-
ren von Epikur bis Bentham, die die Nützlichkeitstheorie vertreten haben, unter Nützlichkeit nicht etwas der Lust Entgegengesetztes, sondern die Lust selbst und das Freisein von Unlust verstanden haben, und dass sie, statt das Nützliche dem Angenehmen oder Gefälligen entgegenzusetzen, stets erklärt haben, dass sie unter dem Nützlichen unter anderem auch das Angenehme und Gefällige verstanden.“ (Mill (1976), S. 21) Er stellt fest, „dass Menschen [...] höhere Fähigkeiten [haben] als bloß tierische Gelüste und vermögen, sobald sie sich dieser einmal bewusst geworden sind, nur darin ihr Glück zu sehen“ (Mill (1976), S. 27). „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“ (Mill (1976), S. 33)
Mill blendet nicht aus, dass es Menschen gibt, die niedere Formen der Lust anstreben: „Aus Charakterschwäche entscheiden sich die Menschen [...] oft für das nähere Gut, obgleich sie wissen, dass es einen geringeren Wert hat. [...] Die Fähigkeit, edlere Gefühle zu empfinden, ist in den meisten Naturen eine äußerst zarte Pflanze, die nicht nur an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege zugrunde gehen kann“ (Mill (1976), S. 33 f).
Somit spielen beim Erlernen der Wertschätzung der geistigen Freuden die Erziehung und die Bildung eine wichtige Rolle:
„Dass ein Leben unbefriedigend ist, hat seine Ursache außer im Egoismus vor allem auch im Mangel an geistiger Bildung.“ (Mill (1976), S. 43 f.)
John Stuart Mill lehnt aber die verschiedenen Arten der Freude nicht ab, vielmehr nimmt er eine Hierarchisierung vor:
„Die Anerkennung der Tatsache, dass einige Arten der Freude wünschenswerter und wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre unsinnig anzunehmen, dass der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität abhängen sollte, wo doch in der Wertbestimmung aller anderen Dinge neben der Quantität auch die Qualität Berücksichtigung findet.“ (Mill (1976), S. 27 f.)
4.2 Vom subjektiven zum objektiven Hedonismus
Mill argumentiert über den subjektiven Hedonismus hinaus für einen objektiven Hedonismus. 7
6 Vgl. Höffe (2008), S. 22.
7 Vgl. Schumacher (1994), S. 116.
5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks Seite 8
„Dafür, dass das allgemeine Glück wünschenswert ist, lässt sich kein anderer Grund angeben, als dass jeder sein eigenes Glück erstrebt, insoweit er es für erreichbar hält. Da dies jedoch eine Tatsache ist, haben wir damit nicht nur den ganzen Beweis, den der Fall zulässt, sondern alles, was überhaupt als Beweisgrund dafür verlangt werden kann, dass Glück ein Gut ist: nämlich, dass das Glück jedes Einzelnen für diesen ein Gut ist und dass daher das allgemeine Glück ein Gut für die Gesamtheit der Menschen ist.“ (Mill (1976), S. 107)
Er hält fest, „dass das Glück, das den utilitaristischen Maßstab des moralisch richtigen Handelns darstellt, nicht das Glück des Handelnden selbst, sondern das Glück aller Betroffenen ist.“ (Mill (1976), S. 53) Grundlage dieser Ausweitung ist ein natürlich gewordenes Gemeinschaftsgefühl, ein „Fundament“, das Mill der menschlichen Gesellschaft zuschreibt: „Dieses unerschütterliche Fundament sind die Gemeinschaftsgefühle der Menschendas Verlangen nach Einheit mit unseren Mitgeschöpfen, das [...] unter dem Einfluss fortschreitender Kultur immer stärker [wird]. Das gemeinschaftliche Leben ist dem Menschen so natürlich, so notwendig und so vertraut, dass er sich niemals [...] anders denn als das Glied eines Ganzen denkt.“ (Mill (1976), S. 95)
Der Überwindung des Egoismus, der „Pflege eines edlen Charakters“ (Mill (1976), S. 37), kommt deshalb eine wesentliche Rolle zu:
„Aber bereits derjenige, in dem das Gemeinschaftsgefühl zumindest ansatzweise entwickelt ist, kann sich nicht dazu verstehen, seine Mitmenschen als Rivalen zu betrachten, die mit ihm um die zum Glück erforderlichen Mittel im Kampf liegen und denen er wünschen muss, dass sie in der Verfolgung ihrer Ziele scheitern, damit er Ziele erreicht.“ (Mill (1976), S. 101)
5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks
John Stuart Mill versteht das Nützlichkeitsprinzip mithin als einen Prozess angestrebten ’größten Glücks’ für ’alle Betroffenen’ (Mill (1976), S. 23, S. 53). Aus seinem Versuch der empirischen Verankerung der Theorie ergibt sich notwendig, dass Glück „kein abstrakter Begriff“ (Mill (1976), S. 113) bleiben darf, sondern als „ein konkretes Ganzes“ (ebda) zu verstehen ist, das sich aus verschiedenen Teilen - „Bestandteile“ (Mill (1976), S. 109) genannt - zusammensetze:
„Die Bestandteile des Glücks sind sehr verschiedenseitig und jeder einzelne Bestandteil ist um seiner selbst willen erstrebenswert und nicht nur insofern, als sich die Gesamtsumme durch ihn erhöht.“ (ebda)
Sie sind also „nicht nur Mittel zum Zweck, sie sind auch Teile des Zwecks“ (ebda). Mit diesem Ansatz erreicht Mill zweierlei:
5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks Seite 9
1. Das Primat des Glücks als einziger Zweck innerhalb des Nützlichkeitsprinzips bleibt erhalten.
2. Die in der Gesellschaft und damit im Bewusstsein der Menschen vorhandenen Werte, die sich als solche verselbstständigt haben, d.h. um ihrer selbst willen erstrebt werden, können aufgegriffen und in das Denkgebäude des Utilitarismus integriert werden. Eine Verteidigungslinie gegen Kritiker, die ihm Werteverlust vorwerfen, ist damit gefunden. Dies setzt voraus, dass die unterschiedlichen Bestandteile der Nützlichkeit nicht gleichrangig behandelt, sondern Werte mit besonderem Rang herausgestellt werden. In der Schrift „Der Utilitarismus“ sind dies neben „Geld“ v.a.: „Gerechtigkeit“ (in Verbindung mit ’Gleichheit’), „Tugend“ und „Gewissen“:
• „Gerechtigkeit, die auf Nützlichkeit gegründet ist“ mache „den Hauptteil und den unvergleichlich bedeutsamsten und verbindlichsten Teil aller Moral aus“ (Mill (1976), S. 177).
• „[...] so setzen die Utilitaristen die Tugend nicht nur an die Spitze der Dinge, die als Mittel zu jenem letzten Zweck gut sind, sondern erkennen es auch als eine psychologische Tatsache an, dass sie für den Einzelnen ein an sich selbst und ohne äußeren Zweck wertvolles Gut werden kann“ (Mill (1976), S. 109).
• „Die Frage ’Muss ich meinem Gewissen gehorchen?’ stellen sich diejenigen, die vom Nützlichkeitsprinzip noch nie gehört haben, genauso oft wie dessen Anhänger.“ (Mill (1976), S. 91)
Trotz ihrer Herausgehobenheit bleiben auch die verselbstständigten Werte immer funktionale Bestandteile des umfassenden Erstrebens von Glück und Lust.
5.1 Gewissen
Das „Gewissen“ leistet als „subjektives inneres Gefühl“ die „fundamentale Sanktion aller Sittlichkeit“ (Mill (1976), S. 87). Es bewirkt „eine mehr oder weniger starke Empfindung der Unlust, die sich bemerkbar macht, sobald wir unseren [moralischen, M.F.M.] Pflichten zuwider handeln“ (Mill (1976), S. 85). Rinderle spricht hier davon, das Gewissen operiere also „seinerseits [...] mit einem hedonistischen Mechanismus“ (Rinderle (2000), S. 74).
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5.2 Tugend
Auch im Falle der „Tugend“ beharrt Mill darauf, „dass in Wirklichkeit nichts anderes begehrt wird als Glück“ (Mill (1976), S. 115):
„Wer die Tugend um ihrer selbst willen erstrebt, erstebt sie entweder deshalb, weil das Bewusstsein, sie zu besitzen, lustvoll ist oder weil das Bewusstsein, sie nicht zu besitzen, unlustvoll ist oder aus beiden Gründen zugleich“ (ebda).
John Stuart Mill erkennt an:
„Obgleich es sehr unvollkommene Verhältnisse sein müssen, in denen man dem Glück anderer am ehesten dadurch dient, dass man das eigene bedingungslos aufgibt, so erkenne ich doch voll und ganz an, dass [...] die Bereitschaft zu einem solchen Opfer die höchste Tugend ist, zu der sich ein Mensch erheben kann.“ (Mill (1976), S. 51)
Jedoch schließt er in „Der Utilitarismus“ eine scharfe Abgrenzung an: „Die utilitaristische Moral erkennt den Menschen durchaus die Fähigkeit zu, ihr eigenes größtes Gut für das Wohl anderer zu opfern. Sie kann jedoch nicht zulassen, dass das Opfer selbst ein Gut ist. Ein Opfer, das den Gesamtbetrag an Glück nicht erhöht (bzw. nicht die Tendenz hat, den Gesamtbetrag an Glück zu erhöhen), betrachtet sie als vergeudet.“ (Mill (1976), S. 53)
Daher lehnt es Mill auch ab, dass der Tugendhafte vor allem ’öffentlicher Wohltäter’ (Mill (1976), S. 59) sein müsse:
„Die große Mehrzahl aller guten Taten hat ihren Zweck nicht im Wohle der Welt, sondern im Wohl einzelner Individuen, aus dem sich das Wohl der Welt zusammensetzt; und selbst der Tugendhafteste braucht in seinen Rücksichten nur so weit über die jeweiligen Einzelpersonen hinauszugehen, als nötig, um sich davon zu überzeugen, dass er durch sein Wohltun nicht die Rechte, d.h. die berechtigten und gesetzlich legitimierten Erwartungen anderer verletzt.“ (Mill (1976), S. 57)
5.3 Gerechtigkeit und Gleichheit
Auf die „Gerechtigkeit“ geht Mill besonders ausführlich ein und widmet ihr in seiner Schrift „Der Utilitarismus“ ein eigenes Kapitel. Er betont die Stärke des Gerechtigkeitsgefühls im Empfinden der Menschen und unterscheidet davon ausgehend die ’moralischen Pflichten’ (Mill (1976), S. 147) einerseits (nur sie allein könnten die Ausübung von Zwang legitimieren) und bloß wünschbares Verhalten andererseits. 8 Die „Gerechtigkeit“ ist eine dieser mo-
ralischen Pflichten und dabei v.a. durch ein Merkmal von anderen moralischen Pflichten zu unterscheiden: Sie ist eine ’vollkommene Pflicht’ (Mill (1976), S. 149):
8 Vgl. ebda.
5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks Seite 11
„Vollkommene Pflichten sind solche Pflichten, durch die eine oder mehrere andere Personen ein entsprechendes Recht erwerben, unvollkommene Pflichten solche, denen kein solches Recht gegenübersteht.“ (ebda)
Diese Differenzierung zwischen ’vollkommenen und unvollkommenen Pflichten’ (ebda) leistet eine deutliche Abgrenzung der „Gerechtigkeit“ „von den anderen Bereichen der Moral“ (Mill (1976), S. 147). So gelingt es Mill zwar einerseits die Ansprüche an das Gerechtigkeitsprinzip einzugrenzen, andererseits aber gerät er stärker als bei anderen Werten in Gegensatz zu gängigen Moralvorstellungen. Schumacher stellt fest:
„Dieser Einwand stützt sich darauf, dass Situationen konstruiert werden können, in denen das kollektive Glück durch Handlungen vergrößert werden kann, die gegen die gängigen Vorstellungen von Gerechtigkeit verstoßen, weil sie grundlegende moralische oder gesetzliche Rechte mancher Betroffener einschränken oder gar völlig außer Kraft setzen.“ (Schumacher (1994), S. 124)
Im Zusammenhang mit dem ’Gemeinschaftsgefühl der Menschen’ (Mill (1976), S. 95) spricht Mill darüber hinaus den Wert der ’Gleichheit’ an und formuliert grundsätzlich: „Eine Gesellschaft von Gleichen kann nur unter der Voraussetzung existieren, dass die Interessen aller gleichermaßen geachtet werden.“ (Mill (1976), S. 97) In den Schlusspassagen von „Der Utilitarismus“ stellt John Stuart Mill den Zusammenhang zu seinem Gerechtigkeitsverständnis her. Er konkretisiert:
„[...] dann folgt daraus notwendig, dass wir jeden gleich gut behandeln sollten (solange es keine höhere Pflicht verbietet), der sich um uns im gleichen Maße verdient gemacht hat, und dass die Gesellschaft jeden gleich gut behandeln sollte, der sich um sie im gleichen Maße verdient gemacht hat, d.h., der sich im absoluten Sinne gleichermaßen verdient gemacht hat. Dies ist das oberste allgemeine Prinzip der sozialen oder austeilenden Gerechtigkeit [...].“ (Mill (1976), S. 185)
’Gleichheit’ ist ein Wert, der über die anderen - vom Utilitarismus in der Tradition vorgefundenen - Werte hinausweist, weil er für das liberale Denken selbst konstituiv ist. Wenn Mill es auch selbst in den angesprochenene Schriften nicht explizit ausgeführt hat, so ergibt sich doch aus der Logik seines Denkens, dass sich auch die eigenen zentralen Werte hinsichtlich der angestrebten Nutzensmehrung bewähren müssen.
5.4 Freiheit und Individualität
In der Schrift „Über die Freiheit“ werden v.a. die Werte der „Freiheit“ und der „Individualität“ berührt. Mill beschreibt hier im einzelnen, was die negative Freiheit (v.a vor dem Staat, aber
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 12
auch der öffentlichen Meinung) für die Chancen zu positiver Freiheit (d.h. die Entwicklung der Individualität der Menschen) bedeutet. Im Kern ist damit die ethische Fundierung des politischen und ökonomischen Liberalismus Mills angesprochen. Daher sei hier nur auf die weiteren Ausführungen in Abschnitt 6.3 verwiesen.
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills
6.1 Überwundene Vorurteile und relativierte Kritik
Die utilitaristische Ethik insgesamt wie auch die Lehre John Stuart Mills im Besonderen sind bis heute vielfältiger Kritik unterzogen worden und so ist das Werk „Der Utilitarismus“ von John Stuart Mill auch als Verteidigungsschrift des Utilitarismus konzipiert. Einige der hervorgebrachten Kritikpunkte können als widerlegt oder auch erledigt gelten. Der Vorwurf z.B., der Utilitarismus „beziehe sich nur auf niedere, minderwertige Formen der sinnlichen Lust“ (Rinderle (2000), S. 65) trifft nicht Mill, sondern Jeremy Bentham (s. Rinderle, ebda, vgl. auch Wolf (1992)). Mills Ethik unterfordert die Menschen also nicht; ernsthaft zu erwägen ist eher die Überforderungsthese (vgl. Rinderle (2000), S. 72), wenn man z.B. an das sehr große Vertrauen Mills in die Bildsamkeit der Menschen denkt (vgl. Kap. 6.2). Auch ein weiteres Eingehen auf das gängige Vorurteil - dem Utilitarist sei es gleichgültig, wie der Gesamtnutzen maximiert und wievieler Menschen Glück wirklich befördert werde - lohnt kaum. Zumindest Mill nimmt erkennbar eine andere Position ein, wie seine ausführliche Reflexion über Gerechtigkeit und Gleichheit zeigen (s. Kap. 5 und 6.2). Andere Fragen werden in ihrer Bedeutung inzwischen eher nachrangig eingeordnet, so z.B. der berechtigte Hinweis, es sei zumindest problematisch, wenn nicht gar ein Trugschluss, wenn Mill vom psychologischen auf den ethischen Hedonismus, d.h. von deskriptiver Beschreibung auf einen Wertbegriff schließe (Was die Menschen wollen, belegt, das wünschenswert ist; vgl. z.B. die Abwägung bei Schumacher (1994), S. 115 f). Zu dieser Einschätzung trägt vor allem bei, dass in der Diskussion, ob Mills utilitaristische Ethik schlüssig begründet und widerspruchsfrei sei, zunehmend die Funktion einer ’orientierenden Entscheidungshilfe’ (Schumacher (1994), S. 123) anerkannt wird. Mills Position erlaube also zumindest die Ableitung von „Faustregeln“, denen „die Bedeutung von Orientierungshilfen“ (jeweils Höffe (2008), S. 35) zukämen. Mill habe damit trotz einzelner Begründungsprobleme ein „durchaus plausibles Ethik-Konzept“ (Rinderle (2000), S. 64) vorgelegt.
6.2 Konsistenz und Schlüssigkeit
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 13
6.2.1 Mills Glücksbegriff und sein Anspruch auf Empirie
Mills Ausführungen zum Glücksbegriff provozieren geradezu die Frage: Wie kann der empirische Ansatz konkret wirksam werden, wenn Glück und Nutzen so allgemein definiert sind wie bei Mill? Ohne Kriterien erscheint es z.B. nur schwer möglich zu klären,
• „welche Personen von bestimmten Handlungsfolgen betroffen sind.“ (Schumacher (1994), S. 108)
• welche Handlungen/Regeln kollektivem Glück nützen und welche nicht. (Schuma- cher (1994),S. 120)
Auch Höffe spricht die „Probleme intrapersonalen und interpersonalen Nutzenvergleichs“ (Höffe (2008), S. 43) für das „Nutzenkalkül“ (Höffe (2008), S. 42) an. Gaulke formuliert es so:
„Das Problem Mills ist die Nennung und Bewertung der Qualitätsunterschiede“ (Gaul- ke (1996),S. 120).
Bernward Gesang sieht eher eine „Zwiespältigkeit“ im „Nutzenbegriff Mills“ (jeweils Gesang (2003), S. 31), also ein Schwanken zwischen „einem engen und einem weiten Nutzenbegriff“ (Gesang (2003), S. 32):
„Er [der Glücksbegriff, M.F.M.] changiert insbesondere bei John Stuart Mill zwischen einem engen Glücksbegriff, der Glück auf körperliche Lust begrenzt, und einem weiten
Glücksbegriff, der jede Art von Befriedigungsgefühl einer Person P , selbst die Befriedigung des Märthyrers, als Glück von P definiert.“ (Gesang (2003), S. 49) Ähnlich wie Schumacher (vgl. Schumachers Zustimmung zu Singer in Schumacher (1994), S. 132) schlägt er deshalb den Übergang zum Begriff des Interesses vor. „Glück“ wäre dann als ’weniger abstrakter Terminus für relativ maximale Interessenbefriedigung’ (Gesang (2003), S. 32) zu verstehen.
6.2.2 Handlungs- und/oder Regelutilitarismus
John Stuart Mill stellt das Handeln des Individuums in den Mittelpunkt seiner Ethik: „Die Menschen streben doch stets nach Glück und wie unvollkommen ihr eigenes Handeln auch sein mag, sie wünschen und empfehlen bei anderen jedes Verhalten sich selbst gegenüber, das ihrem eigenen Glück ihrer Meinung nach förderlich ist.“ (Mill (1976), S. 85)
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 14
Dies schließt die Notwendigkeit von Regeln ein. Solche Handlungsregeln versteht Mill immer als „moralische Regeln“ (Mill (1976), S. 75), die weiter greifen, als Gesetze dies könnten und sollten. Zentrales Merkmal ist die Unvermeidbarkeit von Ausnahmen: „[...] die Verwickeltheit aller menschlichen Verhältnisse ist der Grund dafür, dass wir die Handlungsregeln nicht so formulieren können, dass sie ohne Ausnahmen auskommen, und dass es kaum eine Handlungsweise gibt, die wir unbedenklich für stets geboten oder stets verboten erklären können.“ (Mill (1976), S. 75, S. 77) Erst hieraus ergibt sich für Mill der überragende Rang der Nützlichkeit als Entscheidungshilfe beim Auftreten unvereinbarer Ansprüche. Welchen Inhalt sich Mill für Handlungsregeln vorstellt, kann am besten aus seinen begrifflichen Umschreibungen des Gerechtigkeitsprinzips erschlossen werden. Mill nennt es u.a.:
• „Name für eine Reihe moralischer Regeln“ (Mill (1976), S. 177)
• Reihe von „Moralvorschriften“ (Mill (1976), S. 177)
• „moralische Pflicht“ (Mill (1976), S. 185)
• Reihe von ’Grundsätzen’ (Mill (1976), S. 189)
• „Name für bestimmte moralische Forderungen“ (Mill (1976), S. 189) Eine Handlungsregel wäre also z.B. jener von Mill selbstgenannte „Grundsatz“ des „Recht[s] auf gleiche Behandlung“ (Mill (1976), S. 189). Als ’Grundsätze’, „Forderungen“ und ’Vorschriften’(s.o.) haben Handlungsregeln für Mill offenbar einen noch eher hohen Abstraktionsgrad. Sie übernehmen daher wohl eher eine Orientierungs- als eine präzise Definitionsfunktion. 9 . Egoistisch motivierte Beliebigkeit ergibt sich deshalb aber nicht. Auch Handlungsre-
geln bleiben auf den unterschiedlichen Rang innerhalb der Moral bezogen und unterliegen der Nützlichkeitsabwägung, d.h. der Prüfung des größten kollektiven Nutzens. Eine damit ver-bundene Vielfalt von Meinungen nimmt Mill gern in Kauf, sieht er doch nur so eine Offenheit für den Wandel der ’Nützlichkeitsvorstellungen’ gewahrt, die ’sozialen Fortschritt’ (jeweils Mill (1976), S. 189) ermögliche. Höffe definiert als Unterschied zwischen Handlungs- und Regelutilitarismus:
„Im Handlungsutilitarismus liegt der logische Vorrang beim Einzelfall, im Regelutilitarismus dagegen bei der Regel.“ (Höffe (2008), S. 36)
9 Vgl. Höffes Ausführungen über die ’Orientierungshilfe’ durch „Faustregeln“ (Höffe (2008), S. 35).
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 15
Diese alternative Sichtweise wird Mill eher nicht gerecht. Zwar gibt er der individuellen Entscheidung in dem Sinne Vorrang, als sie autonom fallen sollte und es nie eine Regel ohne Ausnahme geben könne. Andererseits ist für Mill die Entscheidung des Einzelnen nur dann legitim, wenn sie auf die „Erfordernisse des Gemeinwohls“ ausgerichtet und „mit einem moralischen Gehalt versehen“ (jeweils Mill (1976), S. 191) ist. Das meint aber nichts anderes als das ggf. notwendige Zurücktreten individueller Ansprüche gegenüber einer höherrangigen Pflicht (also Regel):
„Dass in den Augen des Ethikers wie des Gesetzgebers jeder den gleichen Anspruch auf Glück hat, bedeutet, dass er den gleichen Anspruch auf die Mittel zum Glück hat, außer insoweit, als die unausweichlichen Bedingungen des menschlichen Lebens und das Gesamtinteresse, in dem das Interesse jedes Einzelnen enthalten ist, dieser Maxime Grenzen setzen; [...]“ (Mill (1976), S. 189)
Es verspricht daher wenig Ertrag, weiter zu diskutieren, ob Mill ein indirekter Handlungs-oder ein indirekter Regelutilitarist sei. 10
Rinderles Zugeständnis kommt schon einem Schlusswort nahe: „In der Moral ’ähnelt’ [...] der indirekte Utilitarismus Mills somit einem Regel-Utilitarismus.“ (Rinderle (2000), S. 86)
Nicht zuletzt ist es aber auch John Stuart Mill selbst, der Unklarheiten schafft, indem er bisweilen zuviel offen lässt. So schreibt er zum Begriff der „Gerechtigkeit“, er setze „eine Verhaltensregel und ein Gefühl als Sanktion der Regel“ (Mill (1976), S. 159) voraus: „Das eine, die Regel, muss der ganzen Menschheit gemeinsam sein und ihrem Wohl dienen.“(ebda)
Wie eine solche weltweite (!) Verbindlichkeit hergestellt werden kann, glaubt Mill nicht erläutern zu müssen.
6.3 Die utilitaristische Ethik - Grundlage der politischen und
ökonomischen Theorie
Joachim Fest hat 1981 das Menschenbild des Bürgertums so zusammengefasst: „Dahinter steht die Idee der Verantwortung des Menschen sowie die seiner Befreiung durch sich selbst, [...]. Wodurch aber die Befreiung bewirkt wird, ist nach bürgerlichem Verständnis vor allem die Selbsterziehung.“ (Fest (1982))
10 Vgl. dazu die spiegelbildlich entgegengesetzten Aussagen von Schumacher (1994), S. 111 und Rinder- le (2000), S. 85
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 16
Gesellschaftliche Entwicklung setzt also die Entwicklung des Individuums voraus. Mill stellt entsprechend fest,
• „dass Individualität und Entwicklung eins sind“ (Mill (1974), S. 88)
• „dass die freie Entwicklung der Persönlichkeit eine der Hauptbedingungen der Wohlfahrt ist“ (Mill (1974), S. 78).
Beide Grundprinzipien leiten Mills Argumentation in gesellschaftspolitischen, aber auch in ökonomischen und sozialen Fragen.
6.3.1 Freiheit und Individualität: Mills politischer Liberalismus
Mit klassisch liberalen Impetus verteidigt Mill die Freiheit des Individuums gegen zu weit gehende Reglementierungen des Staates und der öffentlichen Meinung (negativer Freiheitsbegriff).
Mill formuliert vielfältige Einwände gegen Staatseingriffe (vgl. Mill (1974), S. 149 ff.) und formuliert als „Grundregel“, dass nur „für solche Handlungen, die den Interessen anderer zuwiderlaufen, das Individuum verantwortlich ist und die Gesellschaft ihm eine soziale oder gesetzliche Strafe auferlegen kann, wenn sie der Meinung ist, dass die eine oder andere zu ihrem Schutz nötig sei.“ (Mill (1974), S. 129)
Staatseingriffe sind damit prinzipiell nicht ausgeschlossen, sondern z.B. durchaus erwünscht, wenn es zu verhindern gilt, dass Einzelne sich anmaßen, „nach [...] Belieben für andere zu handeln“ (Mill (1974), S. 143; Beispiel: Macht von Männern über Frauen) oder ihre Pflichten für andere schuldhaft vernachlässigen. (Beispiel Erziehungszwang, vgl. Mill (1974), S. 144 ff.; zu den Grenzen der Freiheit bei Mill vgl. auch Aßländer (2006), S. 164) In der Wirkung öffentlicher Meinung sieht Mill vor allem Gefahren der „Tyrannei der Gewohnheit“ (Mill (1974), S. 97), der Mittelmäßigkeit („Widerstreit gegen die Veranlagung, Umschau nach etwas Besserem als dem Üblichen“ (Mill (1974), S. 97)) und der Meinungsdiktatur weniger. 11
Die Eingrenzung staatlichen und öffentlichen Einflusses ist niemals Selbstzweck, sondern will Spielraum halten für die Entwicklung der Individualität des Einzelnen (positiver Freiheitsbegriff). Meinungs- und Diskussionsfreiheit sind dabei grundlegend: Niemand sei unfehlbar, auch im Irrtum könne ein Kern Wahres enthalten sein, Tradition dürfe nie als Vorurteil bloß übernommen werden und zum Dogma entarten. 12
11 Vgl. Mill (1974), S. 115.
12 Vgl. Mill (1974), S. 72 f.
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 17
Verschiedene Lebensarten und -muster müssten ausprobiert werden und so als Anregung dienen können. 13 :
„Die Menschheit gerät rasch außerstande, Verschiedenartigkeit zu begreifen, wenn sie einige Zeit ihren Anblick nicht mehr gewohnt ist.“ (Mill (1974), S. 102) Besonders die „entwickelten Menschenwesen“ könnten „den Unentwickelten von Nutzen“ (Mill (1974), S. 88) sein (durch ihre „Originalität“ und Genialität; vgl. Mill 1974, S. 88 f.).
6.3.2 Verteilungsgerechtigkeit und Klassenfrieden - Mills ökonomischer Sozialliberalismus
Vor allem in den Überlegungen zur „Verteilungstheorie“ und „Sozialutopie“ (Aßländer und Nutzinger (2008), S. 140 f.; 188 ff.) werden ethische Grundlagen in der ökonomischen Theorie John Stuart Mills deutlich. Das Privateigentum garantiert grundsätzlich die Freiheit des Individuums, es gilt „das Verfügungsrecht des Kapitaleigentums über das Produkt“ und damit auch das angehäufte Kapital „früher geleistete[r] Arbeit“ (jeweils Aßländer und Nutzinger (2008), S. 189). Der Gedanke der Entwicklung durch Selbsterziehung sowie der Gleichheit als „Prinzip der sozialen oder austeilenden Gerechtigkeit“ (Mill (1976), S. 185) legt darüber hinaus aber nahe, die soziale Frage auch als moralische Frage zu begreifen und entsprechend entschärfen zu wollen durch
• einen „Vorbehalt der moralischen Billigkeit“(Aßländer und Nutzinger (2008), S. 189) in der Lohnhöhe (öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, gerechter Lohn)
• genossenschaftliches Eigentum und „Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer“(Aßländer und Nutzinger (2008), S. 191)
• „Verbesserung der Ausbildung“ (ebda).
Aßländer resümiert, Mill sei es darum gegangen, „der Arbeiterklasse ein neues Gefühl der Sicherheit und Unabhängigkeit“ (ebda) zu bieten. In „Der Utilitarismus“ hatte Mill „das Interesse an Sicherheit“ (Mill (1976), S. 161) als Grundmotiv des Rechts im Rahmen des Gerechtigkeits- und Nützlichkeitsprinzips hervorgehoben.
Indem er Gesellschaft und Ökonomie auf Individualität gründet und Freiheit Egoismus und Konformismus entgegensetzt (vgl. Aßländer (2006), S. 184-190 sowie Gräfrath (2006), S. 146) hat Mill nicht nur bis heute aktuelle Fragen aufgeworfen (vgl. Rinderle (2000),
13 Vgl. Mill (1974), S. 78: S. 93.
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 18
S. 142), sondern einen wichtigen Beitrag zur ethischen Fundierung des Politischen und Ökonomischen geleistet. Dass in einer historischen Umbruchphase nicht nur Realismus gegenüber der Pluralität gesellschaftlicher Verhältnisse gewahrt, sondern auch bisweilen dem Überschwang der Fortschrittsgewissheit nachgegeben wurde, kann man nachsichtiger bewerten, als dies Rinderle tut:
„Doch scheint Mill geradezu naiv gegenüber den destruktiven Kräften, die dem Menschen innewohnen, der Macht des Bösen, dem Willen zur Ungerechtigkeit. Die Utopie einer Interessenskonvergenz aller Menschen, die Idee, der Eigennutz und das Machtstreben würden sich durch Erziehung und den wohltätigen Einfluss der Ideen nach und nach überwinden lassen, hat sich als falsch erwiesen.“ (Rinderle (2000), S. 142)
6.4 Aktuelle Wirkungsmöglichkeiten der Ethik Mills
So wie die politische und ökonomische Bedeutung Mills nicht in Einzelaussagen und inirrtümern abgewogen werden kann, so scheint auch die Bedeutung seiner Ethik eher darin zu liegen, wie er an Grundfragen der Lebensführung herangegangen ist und welche Konsequenzen dies nahelegt. Möglicherweise kann eine Theorie, die selbst von den Folgen des Handelns ausgeht, besonders gut aus der Folgenperspektive eingeschätzt und diskutiert werden. Die seit 1970 wiederaufgelebte und angesichts aktueller Diskussionen um marktwirtschaftliche Grundorientierung neu angestoßene Mill-Rezeption (vgl. Rinderle (2000), S. 134-144 bzw. Aßländer (2006)) kann z.B. unter folgenden Perspektiven weitergeführt werden: 1. Mill lehrt die Unauflösbarkeit der Verbindung von Freiheit und Moral. Erst sie garantiert gesellschaftliches Zusammenleben. Freiheit ohne Grenzen befördert letztlich Anarchie und Moral ohne Freiheit Diktatur. Die Diskussion um moralische Regeln und Ideale in der Unternehmensethik ist nur ein Anwendungsbeispiel. 14
2. Diskurs ist als wissenschaftsinternes wie als innergesellschaftliches Prinzip unersetzlich. Mills Versuch, andere Denkweisen in den eigenen Ansatz zu integrieren und damit weiterzuentwickeln, bildet in der Wissenschaft ab, was das Nützlichkeitsprinzip innergesellschaftlich erfordert: die Debatte um das, was alle eint und daher Vorrang haben sollte.
3. Gerade in einer sich zunehmend als Einwanderungsland verstehenden Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland erscheint eine pragmatische Orientierung wie die durch das Nützlichkeitsprinzip schon fast unerlässlich. Einigkeit darüber, was die Gesellschaft
14 Vgl. Hennessey und Gert (1992).
6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills Seite 19
als moralische Pflichten - nicht Gesetze - akzeptiert, kann - wenn überhaupt - nur schrittweise entstehen.
4. Angesichts der vor allem von Rinderle angesprochenen nicht realisierten Hoffnungen Mills erscheint eine Abwägung zwischen Mills uneingeschränktem Vertrauen in das Nützlichkeitsprinzip (und seine Anwendung) und der Einschränkung seitens John Rawls geraten, der Einzelfälle aus der Anwendung utilitaristischer Argumente herausnehmen will. Kann also wirklich auf „Argumente einer Vergeltungstheorie“(Rawls (2008)) ver- zichtet werden oder gilt es auch beim Nützlichkeitsprinzip Ausnahmen zuzulassen?
Literaturverzeichnis Seite 20
Literaturverzeichnis
Aßländer, M. S. (2006): Zwischen Liberalismus und Sozialismus. In: John Stuart Mill - Der vergessene politische Ökonom und Philosoph,, S. 155 - 194.
Aßländer, M. S. und Nutzinger, H. G. (2008): John Stuart Mill. In: Klassiker des ökonomischen Denkens, 1, S. 176 - 194.
BPB (1998): Informationen zur politischen Bildung: Das 19. Jahrhundert. Band 2, Bonn. Fest, J. (1982): Der Irrtum Hannos oder Bürgerlichkeit als geistige Lebensform. Eine Dankrede. In: Hefte der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft, 2, S. 8 - 17. Gaulke, J. (1996): John Stuart Mill. Reinbek bei Hamburg. Gesang, B. (2003): Eine Verteidigung des Utilitarismus. Stuttgart. Gräfrath (2006): Das Fundament der Bürgerrechte - John Stuart Mill über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Leben freier Individuen. In: John Stuart Mill - Der vergessene politische Ökonom und Philosoph, 1, S. 125 - 153.
Hennessey, J. W. und Gert, B. (1992): Moralische Regeln und moralische Ideale: eine nützliche Unterscheidung in Unternehmens- und Berufspraxis. In: Wirtschaft und Ethik,, S. 101 - 118.
Höffe, O. (2008): Einleitung. In: Einführung in die utilitaristische Ethik,, S. 7 - 51. Mill, J. S. (1974): Über die Freiheit. Stuttgart. Mill, J. S. (1976): Der Utilitarismus. Stuttgart.
Rawls, J. (2008): Zwei Regelbegriffe. In: Einführung in die utilitaristische Ethik,, S. 135 -166.
Rinderle, P. (2000): John Stuart Mill. München. Schumacher, R. (1994): John Stuart Mill. Frankfurt am Main. Wolf, J.-C. (1992): John Stuart Mills ”’Utilitarismus”’. Freiburg (Breisgau).
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Malte Frederik Möller, 2008, John Stuart Mill - Utilitarismus, München, GRIN Verlag GmbH
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