Jede politische Anhängerschaft fußt auf einer Idee, die als Bindeglied für die zusammengefundene Gruppe fungiert. Aus dieser Perspektive erscheint die Vereinigung unter einem politischen Konzept als die gleiche Tat Gleichgesinnter. Politische Bewegungen oder Parteien sind aber immer auch personalistisch, auf Vordenker, Rede- oder Anführer angewiesen, die die Ideen überzeugend artikulieren und für sie begeistern und sich damit vom einfachen Anhänger unterscheiden. Weder eine politische Gruppe noch politische Herrschaft im Allgemeinen kommt ohne solche Figuren aus; sie sind Verkörperung der Idee, sie geben Bewegungen ein Gesicht. Diese universelle Tendenz im Politischen ist nichtsdestotrotz in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich ausgeprägt. Politischer Herrschaft in Süd- und Mittelamerika wird häufig eine starke Tendenz zu personalistischer Politik unterstellt: Caudillos, Populisten und Revolutionäre dominieren die Wahrnehmung; ihre Personen stehen als Symbol für Nationen, politische Lager oder ganze Weltanschauungen. Der Caudillo repräsentiert den traditionellsten Typus personalistischer Herrschaft in Süd- und Mittelamerika. Anhand eines Rückblicks in die Geschichte Lateinamerikas, einer Inaugenscheinnahme hilfreicher theoretischer Konzepte und konkreter Beispiele sollen Entstehung, Hintergründe und Mechanismen der Herrschaftsform des Caudillismo 1 erläutert werden, um sich in einem zweiten Schritt der Beantwortung folgender Frage zu widmen: Besteht der Herrschertypus des Caudillo, der originär dem 19. Jahrhundert zugeordnet wird, in modernisierter Form noch heute fort?
Dafür muss in das frühe 19. Jahrhundert der lateinamerikanischen Geschichte zurückgegangen werden. Die spanische Herrschaft, die mit dem Anlanden Christopher Kolumbus‘ auf den Bahamas 1492 begann, wurde im Verlauf der Jahrhunderte allmählich unterminiert und geschwächt. Mit der Machtübernahme der Bourbonen in Spanien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangte sie in Lateinamerika zu einem Ende, denn die so genannten Bourbonen-Reformen wurden in den Kolonien wirtschaftlich wie personell mit Unmut aufgenommen und lösten schließlich die Unabhängigkeitskriege aus. Zwischen 1808 und 1826 erlangten fast alle Kolonien ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone. Da es den siegreichen Rebellen zunächst nicht gelang eine stabile Herr-
1 Caudillismo (span.) oder Caudillismus (dt.) bezeichnen den Herrschafts-; der Caudillo den Herrschertypus.
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schaft zu etablieren, herrschten Anarchie-ähnliche Zustände in der Region; in dieser Phase geringer Staatlichkeit liegen die Wurzeln des Caudillo. Caudillos sind lokale Anführer, die um Macht und Territorium konkurrieren. Sie zeichneten sich durch besondere Fähigkeiten wie Tapferkeit, militärischen Wagemut und Einsatzbereitschaft aus sowie durch ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhältnis im Zusammenleben mit ihren Anhängern:
„Die Kampfweise hatte sehr persönliche Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen geschaffen. Jeder Caudillo (Anführer) mußte sich persönlich um die Sicherheit seiner Truppen kümmern, ihre privaten Streitigkeiten schlichten, für den Unterhalt ihrer Familien sorgen.“ (Beyhaut, 1996: 137) Diese persönliche Note im Verhältnis zwischen Patron und Klientel ist ein charakteristisches Merkmal dieses Herrschaftstypus.
Dieselbe Qualität hebt der Soziologe Max Weber bei der Beschreibung der charismatischen als eine der drei Idealtypen legitimer Herrschaft hervor. Die Hingabe der Anhänger sei dabei rein emotionaler Art aufgrund der magischen Fähigkeiten, dem Heldentum sowie der Macht des Geistes und der Rede des charismatischen Herrschers (Weber, 1992: 159). Weber hebt jedoch ebenso die Vergänglichkeit der Macht des charismatischen Herrschers hervor, die beim Ausbleiben jener Außeralltäglichkeiten in Gefahr gerät, denn sie allein sind die Grundlage seiner Macht.
Der Caudillo kann ohne weiteres als charismatischer Herrscher bezeichnet werden, weshalb der Politikwissenschaftler Juan Linz die Herrschaft des Caudillo im 19. Jahrhunderts auch als einen „Typ legitimer Herrschaft“ im Sinne Webers beschreibt (Linz, 2009: 126).
Neben der persönlichen, oftmals auch militärischen Beziehung zwischen Patron und Klientel nennen Waldmann, Wolf und Hansen die geringe Institutionalisierung der Caudillo-Herrschaft, insbesondere hinsichtlich der Nachfolgefrage, die Anwendung von Gewalt im politischen Wettbewerb und die bereits hervorgehobenen persönlichen Führungsqualitäten des Caudillo als Charakteristika (Linz, 2009: 126; Waldmann, 1978).
Der Caudillo des 19. Jahrhunderts wurde erstmals systematisch im Werk „Zivilisation und Barbarei“ von Domingo Faustino Sarmiento aus dem Jahr 1844/45 untersucht und vorgestellt. In diesem Werk, in dem sich „Geschichtsschreibung und früh-soziologische Betrachtungen mit einem gehörigen Ausmaß an Epik
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und politischer Polemik vermengen“, wird der Caudillo als Inkarnation des Bösen, als Repräsentant des barbarischen Landlebens beschrieben, dem die Ver-antwortung für Anarchie und Gewalt nach der Unabhängigkeit zuzuschreiben ist (Riekenberg, 1995: 237). In ähnlicher Weise bewertet auch Linz die Schwächen des Caudillismo, wenn er es als ein instabiles politisches System beschreibt (Linz, 2009: 127).
Doch nicht alle Wissenschaftler deuten den Caudillismo als ein „Phänomen der ‚Unterentwicklung‘“ mit begrenzter Wirkung ausschließlich auf das 19. Jahrhundert. Andere verstehen die Jahre von 1820 - 1870, die Waldmann als Kernzeitraum des Caudillismo benennt, nur als das erstmalige Auftreten dieses Typus und sehen in ihm vielmehr ein Ordnungselement, welches bis heute eine der zentralen Rahmenbedingungen lateinamerikanischer Politik ausmacht (Puhle, 1971: 17; Waldmann, 1978: 196; Riekenberg, 1995: 239).
„In historischer Hinsicht ist der caudillo kein Diktator, der gerufen wird, weil Institutionen versagen, sondern er ist die erste Institution zur Strukturierung eines anarchischen Zustandes gewesen; und weil er zuerst da war, hat er allen späteren Institutionen seinen Stempel aufprägen können.“ (Puhle, 1971: 17) Für diese Position, die den Caudillo als durchgehende Determinante der politischen Prozesse, als Institutionenersatz und als ein konstitutives Merkmal der lateinamerikanischen Politik begreift, dass sich in vielen anderen politischen Formen bis heute wiederfindet (Populismus, Präsidentialismus, Plebiszite), sollen im Folgenden Argumente präsentiert werden, um deren Gegner, beispielsweise Peter Waldmann, der einen allmählichen Bedeutungsrückgang seit dem 19. Jahrhundert diagnostiziert, zu widerlegen (Riekenberg, 1995: 245). Anhand der Kriterien von Waldmann, Wolf und Hansen sollen die Caudillos des 19. Jahrhundert mit solchen des 20. und 21. Jahrhunderts verglichen werden. Als Letztere werden Fidel Castro und Hugo Chávez, Máximo Líder Kubas und Präsident Venezuelas, gehandelt; sie dienen als empirische Beispiele.
Um der Untersuchung den Weg zu ebnen, soll zunächst das Argument entkräftet werden, dass mit der allmählichen Konsolidierung der Macht in Lateinamerika dem Caudillismo ein Ende bereitet wurde. Vielmehr wird argumentiert, dass der äußerst intelligente, nach Macht strebende Caudillo in der Lage war sich auch diesen neuen Begebenheiten anzupassen. Dabei kam es durch den Ausbau des Polizeiwesens tatsächlich zu einer Schwächung oder sogar Ausrottung
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Arbeit zitieren:
Anne Klinnert, 2010, Der Caudillo ist eine spezifische Form politischer Herrschaft im heutigen Süd- und Mittelamerika , München, GRIN Verlag GmbH
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