Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Politischer Anlass und Fragestellung 2
2. Aufbau der Arbeit und Themeneingrenzung 2
3. Literaturbericht 3
II. Theoretische Grundlagen: Mediensysteme im internationalen Vergleich
1. Grundbegriffe: Massenkommunikation, Massenmedien, Mediensysteme 4
2. Modelle von Mediensystemen: der „pragmatische Differenzansatz“ 5
3. Modelle von Mediensystemen: Der „erweiterte Vergleichsansatz“ 6
III. Das Emirat Katar
1. Katar - Grunddaten 8
2. Historische und politische Entwicklung bis 1995 8
3. Entwicklungen bis heute 9
4. Zwischenfazit 10
IV. Die Medienlandschaft in Katar
1. Printmedien 11
2. Die staatliche Nachrichtenagentur 14
3. Das staatliche Rundfunkangebot 14
3.1 Hörfunk 15
3.2 Fernsehen 16
4. Internet 16
5. Zwischenfazit 17
V. Al-Jazeera
1. Entstehungsgeschichte 19
2. Unternehmensphilosophie und Programmgestaltung 20
3. Rezeption und Auswirkungen der Berichterstattung von Al-Jazeera 21
4. Zwischenfazit 23
24
VI. Schlussbetrachtung
Literaturverzeichnis. 26
1
Einleitung
I. Einleitung
1. Politischer Anlass und Fragestellung
In der spannungsgeladenen Zeit nach den Anschlägen am 11. September 2001 in den USA erschien mit dem via Satellit ausgestrahlten Nachrichtenkanal Al-Jazeera auch das kleine Emirat Katar 1 , in welchem jener beheimatet ist, auf der (medien-)politischen Landkarte der abendländischen Welt. Der inzwischen nahezu weltweit entweder „im Original“ auf Arabisch oder in Form seines Ablegers Al-Jazeera English empfangbare Fernsehsenders ist das prominenteste Symbol eines von oben gesteuerten Wandels in Richtung Liberalismus, der in Katar Einzug gehalten hat. Das Besondere an Al-Jazeera indes ist, bedingt durch die überregionale Empfangbarkeit, die Tatsache, dass diese Liberalisierungstendenzen potentiell auch in jene arabischsprachigen Nationen getragen werden, deren autokratische Herrscher davon im Grunde nicht viel halten. Eine weitgehend freie, unzensierte Berichterstattung mit Fokus auf dem politischen Geschehen in der Golfregion und in arabischer Sprache hatte es vor der Gründung des Senders Mitte der 90er Jahre nicht gegeben. Dementsprechend sehen viele Herrscherfamilien der Region ihre auf Tradition und nicht auf dem im Fernsehen vorexerzierten Austausch konkurrierender Gedanken basierende Herrschaft in Gefahr, weshalb Al-Jazeera bei den weniger „progressiven“ Machthabern nicht unbedingt auf Zustimmung stößt.
Das Mediensystem des Emirats Katar erschöpft sich allerdings nicht in Al-Jazeera. Ob die Ausgestaltung des Mediensystems im Ganzen die Bezeichnung des Landes als „Vorreiter des liberalen Aufbruchs“ rechtfertigt oder doch eher dem Modell einer die Herrschaft absichernden, kronloyalen Medienlandschaft entspricht, soll im Folgenden untersucht werden.
2. Aufbau der Arbeit und Themeneingrenzung
Zunächst erscheint es zweckmäßig, grundlegende Begrifflichkeiten zu klären sowie eine Typologie von Mediensystemen vorzustellen, welche die späteren Interpretation und Zu-ordnung von Befunden ermöglichen soll, was im ersten Kapitel geschieht. Anschließend folgt ein Überblick über die historischen Entwicklungen in Katar. Die Betrachtung des Mediensystems stellt den Schwerpunkt der Arbeit dar. Zunächst werden dabei die Printmedien, der terrestrische Rundfunk sowie Onlineangebote betrachtet. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf den Aspekt der „Regimetreue“ der einzelnen Mediengattungen gelegt.
1 Aufgrund der weiteren Verbreitung der englischen Transkription „Al-Jazeera“ gegenüber der deut-
schen „Al-Dschasira“ wird im Folgenden auf erstere zurückgegriffen. Die Schreibweise des Emirats
Katar ist gegenüber der englischen „Qatar“ in Deutschland hingegen am weitesten verbreitet und
wird so u. A. auch im Duden aufgeführt.
2
Einleitung
Aufgrund der hervorgehobenen Stellung infolge seiner globalen Bekanntheit ist dem Satellitenfernsehsender Al-Jazeera ein eigenes Kapitel gewidmet, das sich näher mit Ursprüngen und Entstehungsgeschichte, Unternehmensphilosophie und Programmgestaltung, Rezeption und Wirkung in der arabischen und der westlichen Welt, sowie Grenzen der Berichterstattung des Senders beschäftigt.
Das sich daraus ergebende Gesamtbild soll abschließend eine Einordnung des katarischen Mediensystems sowie einen kurzen Ausblick in eine denkbare medienpolitische Zukunft des Landes und darüber hinaus der Golfregion als Ganzes erlauben.
3. Literaturbericht
Die vorbereitenden theoretischen Überlegungen stützen sich in erster Linie auf das einführende Standartwerk „Mediensysteme im internationalen Vergleich“, erschienen unter Herausgeberschaft von Barbara Thomaß sowie die von Roger Blum entwickelte Typologie zur Einordnung von Mediensystemen.
Zur Darstellung des Landes Katar sowie des regierenden Scheichs Hamad bin Chalifa al-Thani wird primär auf rennomierte Onlinequellen wie das CIA World Factbook, die Ox-ford University World Encyclopedia sowie das Munzinger Online-Archiv zurückgegriffen.
Informationen zum Mediensystem Katars insgesamt sind nur spärlich in deutscher oder englischer Sprache erhältlich. Das umfangreiche, vom ehemaligen amerikanischen Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jemen, William A. Rugh, verfasste „Arab Mass Media - Newspapers, Radio, and Television in Arab Politics“ gibt einen guten Überblick über die verschiedenen Massenmedien in Katar, ebenso wie das zwar schon etwas ältere „Mass Media in the Middle East“, herausgegeben von Kamalipour und Mowlana, das sich jedoch in einem eigenen Kapitel den Medien in Katar widmet. Demgegenüber ist das Informationsangebot in Bezug auf Al-Jazeera infolge der weltweit hohen Aufmerksamkeit, welche dem Sender zuteil wurde und wird, relativ hoch. In diese Arbeit fanden in erster Linie die Darstellungen des Medienwissenschaftlers Abdo Jamil Al-Mikhlafy und des Journalisten Hugh Miles Eingang.
Ergänzt wird die Fachliteratur in alle Abschnitten durch verschiedene weitere Onlinequellen, insbesondere Selbstbeschreibungen katarischer Medien, sowie durch Artikel des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL bzw. SPIEGEL online.
3
Theoretische Grundlagen: Mediensysteme im internationalen Vergleich II. Mediensysteme im internationalen Vergleich
1. Grundbegriffe: Massenkommunikation, Massenmedien, Mediensysteme
Um brauchbare Bezugspunkte für die nachfolgenden Untersuchungen zu erhalten, sollen vorab zunächst einige grundlegende Begriffe geklärt werden.
Wenn im Folgenden der Begriff der Medien verwendet wird, so sind damit jene Medien gemeint, die der Massenkommunikation dienen. Letztere definierte Maletzke klassischerweise als
[…] jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden.“ 2
Zu den technischen Verbreitungsmitteln, die obiger Definition genügen, gehören die „klassischen“ Massenmedien Radio und Fernsehen sowie die Printmedien. Das Phänomen Internet konnte Maletzke in seiner Definition natürlich nicht vorhersehen. Daher scheint heute jene Definition nach Saxer zweckdienlicher, wonach Massenmedien - technische Transportsysteme für bestimmte Zeichensysteme, - Organisationen mit eigenen Zielen und Interessen, - komplexe Gefüge von Strukturen,
- Erbringer von funktionalen und dysfunktionalen Leistungen für die Gesellschaft und - soziale Institutionen, eingebunden in die Verhältnisse der Gesellschaft sind. 3 In Bezug auf Mediensysteme bietet sich die von Barbara Thomaß vorgeschlagene, an die von Parsons und Luhmann entwickelte Systemtheorie angelehnte Definition an. Demnach ist das Mediensystem als Teil des sozialen Systems ein Komplex von Organisationen,
„[…] die für bestimmte Zwecke auf relative Dauer mit zielgerichtetem und arbeitsteiligem Handeln und mit ähnlichen Aufgaben ausgerichtet sind. Entscheidend für die weiteren Überlegungen ist, dass soziale Systeme raum-zeitlich verfestigte Interaktionsmuster sind, die - und das ist für die Erfassung und Darstellung von Medien und Mediensystemen relevant - empirisch analysiert werden können und fließende Grenzen zu ihrer Umwelt haben.“ 4
Um diese Analyse vornehmen zu können, braucht es neben dem empirischen Material ein geeignetes Analyseraster, auf welches die erhaltenen Befunde bezogen und so interpretiert werden können.
2 Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation: Theorie und Systematik. Hamburg
1978, S. 32.
3 Vgl. Thomaß, Barbara: Mediensysteme vergleichen. In Thomaß, Barbara (Hrsg.): Mediensysteme im
internationalen Vergleich. Konstanz 2007, S. 17.
4 Ibid., S. 15.
4
Theoretische Grundlagen: Mediensysteme im internationalen Vergleich
2. Modelle von Mediensystemen: der „pragmatische Differenzansatz“
Ein aussagekräftiges Modell zur Beschreibung und dem anschließenden länderübergreifenden Vergleich von Mediensystemen stellt der vom Medienwissenschaftler Roger Blum erdachte pragmatische Differenzansatz dar. Dieser erlaubt es, äußerst unterschiedliche Mediensysteme anhand der sechs Dimensionen Regierungssystem, Medienfreiheit, Medienbesitz, Medienfinanzierung, Medienkultur und Medienorientierung in jeweils drei Kategorien einzuteilen. Als pragmatisch gilt dieses Modell, weil es in Bezug auf seine drei Kategorien (als „liberale“, „mittlere“ und „regulierte Linie“ bezeichnet) nur so weit „ins Detail geht“, wie es nötig ist, um einen Großteil der weltweit vorhandenen Mediensysteme zu erfassen. So wird beispielsweise lediglich zwischen demokratischen, autoritären und totalitären Regierungssystemen unterschieden, was zwar aus politikwissenschaftlicher Sicht knapp bemessen scheinen mag, für die anschließende Typenbildung jedoch ausreicht, wie sich im Folgenden zeigen wird.
gungen des kontrolliert-konkordanten Service public-Modells (eigene Hervorhebung). Aus diesem Schema lassen sich sieben Idealtypen von Mediensystemen konstruieren. Das Spektrum erstreckt sich vom liberal-investigativen Kommerzmodell, bei dem sämtliche Merkmalsausprägungen der liberalen Linie zuzuordnen sind (verwirklicht z. B. in den USA) bis zum dirigiert-konkordanten Service public- oder „Kommandomodell“ (Beispiel: Nordkorea), das durchgehend der regulierten Linie folgt.
Zwischen der „mittleren“ und der regulierten Linie angesiedelt ist das kontrolliert-konkordante Service public-Modell. Es findet sich in Autokratien wieder, eine Zensur findet nicht durchgehend statt, ist aber jederzeit möglich. Die Medien können sich in staatlichem oder Privatbesitz befinden, wonach sich auch ihre Finanzierung richtet. Die Medienkultur ist eine konkordante, d. h. Journalisten unterstützen freiwillig oder auf Anordnung (u. U. aus Furcht vor Zensur oder Repressionen) übergeordnete Staatsziele und sichern so das politische System ab. Ihre Orientierung am „Service-public“ bedeutet, dass die gesellschaftliche Ver-antwortung der Medien bei ihrer Tätigkeit im Vordergrund steht 6 (siehe auch Abbildung 1).
5 Quelle: Blum, Roger; Bausteine zu einer Theorie der Mediensysteme. In Medienwissenschaft
Schweiz 2/2005, S. 8.
6 Vgl. ibid. S. 8f.
5
Theoretische Grundlagen: Mediensysteme im internationalen Vergleich
3. Modelle von Mediensystemen: Der „erweiterte Vergleichsansatz“
Zwischen Medien- und politischem System besteht eine gegenseitige Abhängigkeit. Um diesen Aspekt deutlicher zu unterstreichen, hat Blum in einem zweiten Schritt sein Modell um drei Dimensionen erweitert, welche Daniel Hallin und Paolo Mancini im Rahmen ihres Modellentwurfs zur Kategorisierung von Mediensystemen in ebenfalls drei Ausprägungen eingeführt haben: die politische Kultur eines Landes (polarisiert, ambivalent oder konkordant, d. h. eher konflikt- oder konsensorientiert) sowie der Parallelismus zwischen Politik und Medien (die Nähe zwischen politischen Eliten und Medienschaffenden) und der Grad an staatlicher Kontrolle über die Medien in jeweils schwacher, mittlerer oder starker Ausprägung. 7 Das als „erweiterter Vergleichs-Ansatz“ bezeichnete Modell stellt damit insgesamt neun Fak-toren dar, mit denen sich real existierende Mediensysteme noch genauer beschreiben lassen.
Blum konstruiert aus diesem Modell sechs Idealtypen dauerhaft stabiler Mediensysteme. Durch die neuen Variablen lassen sich zudem Übergangsformen beschreiben, die auftreten können, wenn sich das Medien- und politische System eines Landes im Wandel befinden. Das „arabisch-asiatische Patriotenmodell“ entspricht dem kontrolliert-konkordanten Service public-Modell des pragmatischen Differenz-Ansatzes, das um drei Variablen ergänzt wurde. Auf den ersten Blick scheint zumindest das politische System des Emirates Katar diesem Idealtypus zu entsprechen. So sind Emirate absolute Erbmonarchien, also autoritäre Systeme. Eine weitgehend konkordante politische Kultur darf bei stabilen Systemen, deren Legitimität auf Tradition beruht, angenommen werden. Ob auch das Mediensystem Katars diesem Idealtypus entspricht oder nahe kommt, werden die nachfolgenden Betrachtungen zeigen.
7 vgl. Hallin, Daniel C. & Mancini, Paolo: Comparing Media Systems. Three Models of Media and Poli-
tics. Cambridge 2004, S. 26 - 65.
8 Quelle: Blum (2005), S. 9.
6
Theoretische Grundlagen: Mediensysteme im internationalen Vergleich
Das „osteuropäische Schockmodell“ greift bereits in einer essentiellen Variablen in die „liberale Linie“ über - zumindest formell handelt es sich bei Staaten, die diesem Modell entsprechen, in der Regel um Demokratien. Unvollständige Demokratien, möchte man hinzufügen, da eine fallweise Zensur mit westlichen Demokratievorstellungen unvereinbar scheint. Das „schockartige“ Eingreifen der Staatsmacht in die Medienfreiheit, z. B. in Form von Verfahren gegen missliebige Journalisten und Medienunternehmer, ist kennzeichnend für diesen Typus. Weiterhin ist der Staat über eigene, von ihm finanzierte Unternehmen im Mediengeschäft involviert, daneben existieren aber auch privat finanzierte, unabhängige Medienunternehmen. Die Berichterstattung ist z. B. in Russland, das Blum diesem Modell zuordnet, häufig parteisch im Sinne eines deutlich erkennbaren politischen Parallelismus (siehe Abbildung 2). 9 Bei der Konstruktion dieses Modells standen die inzwischen mehrheitlich der EU beigetretenen Staaten des ehemaligen Ostblocks Pate. Das Beispiel Russland zeigt zwar, dass dieser Systemtypus durchaus dauerhaft stabil sein kann. Die jüngere Geschichte legt jedoch nahe, ihn zumindest auch als mögliche Übergangsform zu liberaleren Gesellschafts- und Medienverfassungen zu betrachten. Zudem bestehen wesentliche Überschneidungen mit dem „Patriotenmodell“, weshalb das „Schockmodell“ als Referenzpunkt in Hinblick auf die Forschungsfrage nach einem liberalen Wandel des Mediensystems des Emirats Katar geeignet erscheint.
Aus seinen Überlegungen zu den verschiedenen Mediensystemen zieht Roger Blum zudem eine interessante Schlussfolgerung: je stärker sich das Verhältnis von Medien- und politischem System von einer Abhängigkeit des ersteren von letzterem in Richtung einer interdependenten Beziehung entwickelt, desto kritischer verhalten sich die Medien gegenüber der Staatsmacht. Falls jene nicht mit Repressionen gegensteuert, so daher die Vermutung, wird sich das Mediensystem zunehmend in die liberale Richtung entwickeln, was auch mit einem Wandel des politischen Systems einhergehen dürfte. 10
Besonders zur Einschätzung der Rolle des von Al-Jazeera für den Demokratisierungsprozess in Katar und der Golfregion könnte sich dieser Ansatz als fruchtbar erweisen.
Im Folgenden sollen nun einige allgemeine, jedoch für die weiteren Betrachtungen bedeutende Grunddaten sowie die jüngere Geschichte des Emirates mit Fokus auf Entwicklungen im politischen System vorgestellt werden.
9 Vgl. Blum, Roger: Harmoniesucht vs. Schockgefahr. Die Mediensysteme der Schweiz und
Russlands im Vergleich. Niederschrift eines Vortrages im Rahmen der Tagung „Information schafft
Kooperation“ des Kooperationsrates Schweiz-Russland am 23. September 2005 in Bern, S. 4ff.,
abrufbar unter http://www.quajou.ch/downloads/Harmoniesucht_1%5B1%5D.pdf, letzter Aufruf: 7.9.2010.
10 Vgl. Blum (2005), S. 9f.
7
Arbeit zitieren:
Oliver Moebel, 2010, Das Mediensystem des Emirats Katar, München, GRIN Verlag GmbH
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