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1. Einleitung
Im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft ist davon auszugehen, dass es immer mehr alte Menschen geben wird, die pflegerisch zu versorgen sind. Es ist weiter anzunehmen, dass viele der zukünftig Pflegebedürftigen unter einer demenziellen Erkrankung leiden. Die moderne, fortschrittliche Gesellschaft debattiert nun hauptsächlich über die Finanzierbarkeit der zukünftigen Pflege und Betreuung alter Menschen. Schwäche, Alt- und Kranksein, werden fast ausschließlich als Kostenfaktor und Problem gesehen. Wachstum auf der ökonomischen Ebene, sowie Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung auf der personalen Ebene, sind nach wie vor die bestimmenden Parameter, die seit Beginn der Industrialisierung und Aufklärung gelten (vgl. Kocka nach Dörner, 1994, S.368). Pflegebedürftigkeit und Demenz werden in solch einer ‚Leistungs-‚ Jugend- und Gesundheitskultur’, in der jeder sein persönliches Glück verfolgt, zwangsläufig negativ bewertet. Sie stehen den erstrebenswerten Zielen gänzlich entgegen. Der einzelne Mensch in unserer Gesellschaft möchte gesund, selbstständig und bei klarem Verstand sein. Schwäche, Abhängigkeit und Degeneration werden als problematisch betrachtet, ob nun vom Einzelnen oder gesamtgesellschaftlich. Daher stellt sich die Frage, ob die Pflegebedürftigkeit oder die Demenz überhaupt ‚gerne gesehen’ wird, ob diesem Thema nicht ausgewichen wird? Ob wir uns gesellschaftlich davon nicht ‚bedroht’ fühlen und dieses Thema deswegen an den ‚Rand’ drängen?
Die Auseinandersetzung mit der ‚Sache Pflegebedürftigkeit’ findet jedoch in der Politik, der Wissenschaft und den Medien durchaus ihren Platz. Sie ist also gesellschaftlich durchaus ein Thema. Auf welche Weise aber? Kann dieser ‚sachliche’ Blick, oder die ‚sensationslüsterne’ Berichterstattung in den Medien, den wirklichen Menschen hinter der Pflegebedürftigkeit überhaupt sehen? (vgl. Dörner, 2002, S. 7-14).
Und was nun aber, außer einem Problem und einer finanziellen Last, können kranke, schwache oder demente Menschen für uns gesellschaftlich bedeuten? Womit können sie uns in ‚Berührung’ bringen?
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2. Die wissenschaftliche Herangehensweise und Kritik derselben
Wenn man die Fragestellung dieser Arbeit und die Einleitung betrachtet, müssen vorab noch folgende Bemerkungen angeführt werden. Zum einen wird in dieser Arbeit bewusst an manchen Stellen eine bildhafte, metaphorische Sprache verwendet, um eben keinen rein ‚sachlichen’ Stil zu pflegen. Solche Begriffe und bildhafte Sprache befinden sich überwiegend in einfachen Anführungszeichen ‚ … ’. Diese Hervorhebung betrifft des weitern auch Begriffe, die als ‚bedenklich’ dargestellt werden sollen und auch Wortkreationen, die es nach der korrekten ‚Schreib-Weise’, so nicht gibt. Zum anderen ergibt sich aus der Einleitung, dass es sich um ein komplexes Thema handelt, das von den verschiedensten Seiten betrachtet werden kann. Diese Arbeit kann nur eine Annäherung sein, kann nur exemplarische Denkanstöße liefern und mögliche Verbindungen aufzeigen. Sie erhebt keinerlei Anspruch einer umfassenden Bearbeitung.
Die Herangehensweise dieser Arbeit bewegt sich fächerübergreifend bzw. auf einer Metaebene, also außerhalb einer einzelnen konkreten wissenschaftlichen Disziplin. Insgesamt aber, vor allem durch die gesellschaftsbezogene Fragestellung, lässt sie sich möglicherweise der Soziologie zuordnen. Doch egal welche Wissenschaft man hernehmen würde, die Wissenschaft selbst, als „gesellschaftliches Funktionssystem“ (Krause nach Werner 2011a, Folie 83), mit ihrer rationalen Vorgehensweise, ist in Bezug auf die Fragestellung eher kritisch zu betrachten. Denn wissenschaftliches Denken läuft immer Gefahr, aus dem kranken und schwachen Menschen einen reinen ‚Forschungsgegenstand’ zu machen. Ihre Ergebnisse könnten in einem solchen Verhältnis oft nur Aussagen aus der ‚sicheren Ferne’ sein, die das Problem nur einseitig und äußerlich erfassen. Man kann z. B. davon ausgehen, dass derjenige, der sich wissenschaftlich betätigt, sich meist nicht als schwach oder krank erlebt. Er befindet sich meist in der Position des gesellschaftlich ‚Starken’, zumindest in der des ‚Gesicherten’. Was kann aber ein Forscher über ein menschliches Thema sagen, dass er selbst nicht erlebt? - Er sagt wohl das, was er sich forschend denkt. Und aus diesem Denken und Forschen heraus trifft er wissenschaftliche Aussagen, die den Anspruch einer Objektivität haben, eines gewissen ‚Realitäts-Bezugs’. Doch trifft dies wirklich die Realität des ‚Objekts’, des schwachen oder kranken Menschen? Und es stellt sich mir die provo- kante Frage, ob eine wissenschaftliche Aussage manchmal nicht mehr über den
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Forscher selbst verrät, als dass sie es über die oder den Menschen tut, worauf die Aussagen eigentlich hätten zielen möchten. Auf der anderen Seite ist eine Arbeit ‚unwissenschaftlich’, wenn ihr gänzlich die Objektivität fehlt. Dies alles wäre also kritisch zu hinterfragen und beinhaltet zwangsläufig eine widersprüchliche Spannung. Nichts desto trotz wage ich folgende Behauptung: Der einzig mögliche Zugang, womit wirklich eine Verbindung zum Menschen als ‚Forschungsgegenstand’ geschaffen werden kann, und wodurch auch eine Aussage getroffen werden kann, die tatsächlich auch dem ‚Anderen’ gerecht wird, dieser Zugang ist das ‚Innere’ des Forschenden. Nur mit Hilfe seines eigenen Innern kann der Fragende ‚mit-fühlen’, ‚mit-er-leben’ und daraus eine Aussage ‚mit-teilen’. Um einer Sache, die keine Sache, sondern ein Mensch ist, also überhaupt gerecht werden zu können, ist das ‚Innenleben’ des Fragenden von entscheidender Bedeutung. Um dieser Bedeutung nun aber wirklich Rechnung zu tragen, müsste die Wissenschaft an vielen Stellen sich umdrehen, müsste altes und sicheres Terrain verlassen, müsste vermeintlich sogar teilweise unwissenschaftlich oder subjektiv werden, womit wieder auf die Widersprüchlichkeit verwiesen wäre. Und doch ist genau diese Widersprüchlichkeit in der ‚menschlichen’ Forschung gegeben und sollte in der Wissenschaft bewusst aufgezeigt werden.
Diese Widersprüchlichkeit betrifft auch diese Arbeit. Sie will gleichzeitig wissenschaftlich und wissenschaftskritisch sein; sie will logisch-rational erklären und gleichzeitig mit etwas ‚Irrationalem’ in ‚Berührung’ bringen; sie muss objekthaft denken und mahnt aber auch vor den Gefahren dieses Denkens. In gewisser Weise lehnt sich dieses Herangehen auch an die ‚kritische Theorie’ an (vgl. Werner, 2011 b, S. 188-205).
Um nun aber die konkrete Bearbeitung der Fragestellung voranzubringen, möchte ich nun die weiteren Schritte erläutern. Als nächstes möchte ich den Autor Klaus Dörner heranziehen. Dörner ist Arzt, Soziologe und Professor für Psychiatrie. Zwei sozialkritischen Werke von ihm, auf die ich Bezug nehmen möchte, sind „Tödliches Mitleid“ (2002) und „Wir verstehen die Geschichte der Moderne nur mit den Behinderten vollständig“ (1994). Danach wird auszugsweise das Leben und Denken eines Philosophen betrachtet und kommentiert, Friedrich Nietzsche. Zum Abschluss der Arbeit komme ich zu meiner Schlussfolgerung, in der ich u.a. Bezug nehme auf den Psychologen Erich Neumann und seine Schrift Tiefenpsychologie und neue Ethik.
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3. Klaus Dörner: zu seiner Person
Klaus Dörner, Jahrgang 1933, studierte u.a. Medizin und Soziologie, war lange Jahre ärztlicher Leiter einer Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie, sowie Universitätsprofessor für Psychiatrie. Er hat sich intensiv mit der Medizin im Nationalsozialismus und deren Beteiligung an der systematischen Tötung von psychisch Kranken und ‚ab-normen’ Menschen beschäftigt. Aus und mit seinem persönlichen Bezug als „Bürger-Täter“ (Dörner 2002, S. 25), wie er es nennt, erklärt er die gesellschaftlichen Bedingungen und Entwicklungen, die zu der Ausgrenzung und Tötung von ‚unerwünschtem Leben’ führten. Diese gesellschaftliche Entwicklung einer ‚rational-objektiven’ Ethik ist für ihn nach wie vor relevant. Er selbst beschreibt seine eigene NS-Geschichte (ebd. S. 15-26). Als Kind, und noch als Jugendlicher, sei er vom Nationalsozialismus völlig überzeugt gewesen. Er beschreibt eine Sichtweise, in der ein schwacher und unproduktiver Mensch eine gesellschaftliche ‚Last’ bedeutet, die es zu ‚entsorgen’ gilt. Indem ein solcher Mensch zuerst als ‚Minderwertiger betrachtet und so benannt wird, als nächstes dann zum ‚kranken Ding’ erklärt wird, dass man der ‚gesunden’ Gesellschaft wegen ausschalten muss, wird dieses Verbrechen umgewertet und versachlicht. Eine ‚Verdinglichung’ von Menschen bis sie wirklich nur noch als ‚Material’ gesehen werden. Material, so wie Marx vom „Ding“ sprach, wenn er Güter und Waren beschrieb, über die man ‚produktiv’ verfügen kann (Marx, 1962, S. 85). Diese ‚irrsinnige’ Rechtfertigung geht sogar bis dahin, dass man dieses Morden sogar aus einem Mitleid begründet, da dieses ‚Ding’ unerträglich leiden würde und man ihm mit der Tötung sogar einen ‚Gefallen’ tut. Dörner beschreibt solch einen ‚verdinglichenden’ Blick, der sogar noch an die eigene ‚gute’ Tat für die Menschheit glaubt, als den „Pannwitz-Blick“ (2002). Dr. Pannwitz war ein Entscheidungsträger im KZ-Auschwitz, dessen ‚Blick’ maßgeblich war, ob ein ‚Menschending’ noch zu etwas Nütze war oder gleich zum ‚Vergasungsofen’ geliefert werden sollte. Dörner erkennt solch eine sachlich-urteilende Sichtweise, die sich über den anderen stellt, natürlich nicht in diesem Ausmaß, doch trotzdem, als weiterhin gegeben. Er erkennt diese Sichtweise zudem als den potenziell eigenen Blick (Dörner, 2002, S. 7-14).
Er beschreibt in „Tödliches Mitleid“ (2002) seinen jahrelangen Weg, um sich seiner unbewussten ‚dinghaften’ Sichtweise nach und nach bewusst zu werden.
Arbeit zitieren:
Dieter Löffler, 2011, Können wir uns von Demenz 'berühren' lassen?, München, GRIN Verlag GmbH
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