,Freiheit‘, mit dem treibenden Motor aus der Einsicht, dass „Kulturbildung nur aus Freiheit
statt aus Herrschaft“ (Maier 2005: 97) entstehen kann. Dieser Wert enthält in seinem
Innersten den Anspruch auf die Entwicklung und Umsetzung von „Freiheits-„ und
Bürgerrechten, wie sie für eine moderne Gesellschaft sich als notwendige Grundlage
darstellen.
‚ertragene Differenz‘, beruft sich auf die Auseinandersetzung mit der religiösen Vielfalt des
und im Mittelalters und hat mehr die Tolerierung als die Anerkennung und Toleranz als
solche zur Grundlage.
‚praktischer Rationalismus der Weltbeherrschung‘, (Max Weber, 1972b) als
Grundvoraussetzung für die Entstehung des heutigen Kapitalismus im Umfeld eines
modernen Staates, beruht er doch auf dem asketischem Puritanismus und der modernen
Wissenschaft mit ihren prägnanten Einflüssen auf die (um-) Gestaltung der Welt.
Diese „basalen“ Werte (-Komplexe) der ersten Gruppe sind, leicht einsehbar, vom
Individuum in/an seine soziale Umgebung gerichtet, während es in der zweiten Wertegruppe
um die Betrachtung von auf das Subjekt selbst bezogene, intrinsische Werte handelt, die
untereinander auch deutlich vernetzter und abhängiger sind, als die der ersten Gruppe:
‚Innerlichkeit‘ als ein Mechanismus, der zwischen innerer und äußerer Welt, zwischen Seele
und Gesellschaft die geeignete „richtig“ Distanz schafft und somit grundlegend für eine
Selbstwahrnehmung als Individuum ist. Sie reicht bis in die platonische Philosophie zurück.
‚die Hochschätzung des gewöhnlichen Lebens‘ setzt eine Selbstwahrnehmung als
Individuum voraus. Damit fand im 14. u. 17. Jahrhundert (zugleich mit der Aufwertung von
monetärer Unabhängigkeit, Erwerbstätigkeit, individueller Partnerwahl) mit der teilweisen
Säkularisierung eine Entwicklung hin zu mehr Emanzipation statt.
‚Selbstverwirklichung‘ als letztendlich höchster Form der Entwicklung des Individualismus,
manifestierte sich dann in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit den durchaus bekannten
Effekten der Entfremdung und Vereinsamung bzw. endgültigem Aufbrechen von tradierten
Sozialstrukturen.
Die generelle Basis für diesen Kanon an Wertekomplexen orientiert sich zum einen an
kulturell wünschenswerten Vorstellungen und zum anderen an historisch vielfältigen
Erfahrungen der europäischen Geschichte und damit nicht zuletzt an den kriegerischen
Auseinandersetzungen, die sich immer latent bzw. offen durch viel Leid und Zerstörung
zeigten. Vor dem Hintergrund der Traditionen, geprägt durch die griechisch-römische Antike,
dem Christentum, dem Rationalismus von Renaissance, Reformation und Aufklärung, musste
letztendlich eine selbstkritische Bewertung des eigenen Handelns zu einer Verurteilung
jeglicher durch Waffengewalt geprägter Konflikte kommen. Dieser Wunsch nach
Konfliktbewältigung und Kompromissbildung manifestiert sich inzwischen in einer
Institutionalisierung (auch) des Klassenkonfliktes und damit folglich in der Entwicklung eines
Wohlfahrtstates auf der Basis eines möglichst breiten Mittelstandes, um den inneren Frieden
weiter zu befördern. Damit ist aus der ursprünglichen Tolerierung, im Sinne der „ertragenen
Differenz“, inzwischen weitestgehend Toleranz und Anerkennung geworden, wobei die
subjektiven Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung noch nie so groß waren.
Zur Frage nach der Leitfunktion der Werte
Auf was beziehen sich die obengenannten Werte mit ihrer Leitfunktion? Auf die Politik? Auf
das Rechtsystem? Auf den Umgang der Gesellschaft mit dem Individuum und umgekehrt?
Was war zuerst - die Werte oder deren Leitfunktion, aus der sich die Werte sukzessive
entwickelten und umgekehrt? Wenn ja, wie ist dieser Rekursivität entkommen?
Natürlich folgen aus dem Wert der Freiheit letzen Endes Menschenrechte und in der uns
bekannten Logik auch die Entstehung eines Sozialstaates und dessen Rechtstaatlichkeit, aus
einer ertragenen Differenz eine Bewegung hin zur Toleranz (und dem wo möglichen
Verstehen) des Fremden und damit zum Pazifismus, durchaus basierend und im Einklang mit
tief christlich verankerten Wertvorstellungen. Auf die Aufklärung, der Säkularisierung und
den vorgenannten Werten war der Schritt zum praktischen Rationalismus der
Weltbeherrschung auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft und Demokratie kein gänzlich
unwahrscheinlicher.
Auch die Akzeptanz einer individuellen, sowie persönlichen Innerlichkeit, der
Selbstwahrnehmung als Voraussetzung für einen Anspruch auf ein Konstrukt wie
Menschenrechte, ebenso wie die mit dem humanistischen Denken einhergehende
Hochschätzung des gewöhnlichen Lebens mit dem erklärten Ziel der Selbstverwirklichung
des Individuums, sind aus meiner Sicht gleichzeitig Werte wie Leitfunktionen zur Bildung
weiterer Werte. Eine begriffliche Hierarchie, soweit diese nicht schon existiert, ist damit
durchaus vorstellbar.
Historisch wurden Teile dieser Begrifflichkeiten mit ihrer Leitfunktion, und hier speziell dem
christlichen-missionarischen Anteil, zum Antrieb von Eroberung und Kolonialisierung
fremder Kulturen um die erste Jahrtausendwende (Kreuzzüge) und während des 18. Und 19.
Jahrhunderts. Die Art und Weise der Zwangszivilisierung fremder Kulturen unter den
vorderhand vermeintlich positiv besetzten Leitfunktion europäischer Werte, war
ausschließlich geprägt von hegemonialen Bedürfnissen und natürlich dem Einverleiben von
Produktionsmitteln (Sklaven bzw. Bodenschätzen). Durch die beiden Weltkriege im 20.
Jahrhundert sind solcherart nach außen gerichtete und selbstgerechte Vorstellungen mit der
ihnen eigenen Hybris stark reduziert worden. Eine Einsicht die der USA als „Gods own
Country“ bis heute auf breiter Ebene noch nicht wirklich zugänglich ist.
In einem inzwischen etwas pazifistischer orientierten und nach innen gerichteten Europa stellt
sich dann die Frage, wie prägt die entsprechende Leitfunktion den Einfluss auf die
Nationalstaatlichkeit der Mitgliedstaaten? Auf deren bilateralen Umgang miteinander und mit
der Institution Europa? Stellvertretend seien hier 2 Themenbereiche im Hinblick der
Leitfunktion etwas näher betrachtet, um zu zeigen welche grundsätzlichen Differenzen in der
realpolitischen Umsetzung hierbei entstehen können und im Rahmen der jeweiligen
regionalen Bedürfnisse zu diskutieren sind:
Migration: Grundsätzlich ist der Anspruch Europas, verglichen mit ähnlichen
gesellschaftlichen und politischen Strukturen (USA, Kanada, Japan, Australien) sehr liberal in
seiner Einwanderungspolitik und seinen Asylrechten. Die Umsetzung in der Realpolitik
scheint hierbei noch ein langer Weg zu sein, da es derzeit keine europaweit vereinbarte
Koordination im Umgang mit dieser Thematik gibt (die Entwicklung von Strategien im
Umgang mit dem Migrationsdruck speziell aus Afrika wird vor allem Italien und Spanien
überlassen), eine ständige Politisierung und Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt
jedoch ein breites regionales und nationales Interesse.
Arbeit zitieren:
Dipl. - Phys. Hermann Helke, 2010, Europäische Werte, ihre Gemeinsamkeiten, Leitfunktionen und Wurzeln, München, GRIN Verlag GmbH
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