Der Strukturwandel - Rückwirkungen auf Arbeitsmärkte und sozialstaatliche Wohlfahrtssysteme
Mit dem ausgehenden 20. Jahrhundert und dem Beginn des 21. Jahrhunderts manifestierten und manifestieren sich immer noch zunehmend ändernde Arbeitsmarktpolitische Bedingungen, die zum Teil auch mit dem Zusammenbruch des „real existierenden“ Sozialismus ihren Anfang nahmen. Mit dem Wegfall des „eisernen Vorhangs“ einerseits und einer immer dichter werdenden Kommunikations- und Logistikinfrastruktur gewann die „Ware Arbeit“, aus Sicht aller am Arbeitsmarkt Beteiligten, einen Schub an Dynamik und Mobilität. Bestehende Allokationen wurden vermehrt hinterfragt und kamen unter Druck bis hin zur Auflösung und neue sich im ehemaligen „Ostblock“ eröffnende Märkte wurden mehr und mehr integriert. Industriezweige mit hohen Personalkosten und niedrigen Fertigungskomplexitäten wurden auf Grund der sich internationalisierenden Absatzmärkte und des damit entstehenden Kostendrucks in Länder „verlegt“, in denen Lohnarbeit billiger und staatliche Auflagen (Sozialsysteme, Umweltschutz etc.) leichter zu erfüllen waren. Neben einer, innerhalb Europas festzustellenden, Nord-West nach Süd-Ost Bewegung, findet dieser Umbau der Arbeitsmärkte natürlich auch im globalen Maßstab statt. Gleichzeitig entstehen Transformationsprozesse in den typischen ehemaligen Arbeitsmärkten des sekundären, industriellen Sektors, hin zum tertiären Sektor der Dienstleistungen, mit der für diesen Sektor typischen Ausdifferenzierung an zunehmend instabileren und unsicheren Arbeitsverhältnissen. Bezüglich der Funktionalität der europäischen Sozialstaaten werden daher, mit dem Strukturwandel einhergehend, zwei Effekte ausgelöst: Zum einen stehen auf Grund der auch immer informelleren Arbeitsverhältnisse zunehmend weniger Gelder in Form von Steuern für die Finanzierung zur Verfügung und zum anderen wird durch die steigende bzw. auf relativ hohem Niveau bestehende Arbeitslosigkeit dieses System zusätzlich belastet.
Im Folgenden soll untersucht werden, nach einer kurzen Einführung in Historie und Begrifflichkeiten, wie die bestehenden europäischen Sozialsysteme sich an den Strukturwandel der Arbeitsmärkte anpassen bzw. anpassen können und wo möglicherweise Spannungen entstehen oder entstehen werden, d.h. inwieweit es den bestehenden Systemen tatsächlich gelingt den neuen Herausforderungen am Arbeitsmarkt und damit ihrer Finanzierbarkeit adäquat zu begegnen.
Institutionalisierung der Arbeitsmärkte
Während sich gesellschaftlicher Wandel und damit auch einhergehend die Verhältnisse in den Arbeitsmärkten (soweit diese überhaupt institutionalisiert und konsistent waren) in früheren Jahrhunderten, verglichen mit heute, sehr langsam gestaltete (über mehrere Generationen hinweg), ist dieser, seit ca. 250 Jahren, durch eine beschleunigte Entwicklung und, in kürzeren Zeitspannen einhergehende, größere gesellschaftliche Umbrüche geprägt. Zunächst sehr offen und lose zwischen Gruppen bestehende Abkommen über lokale Arbeitsteilungen (Jäger u. Sammler, frühe Agrarwirtschaft) wichen bis in das ausgehende Mittelalter hinein sukzessive sich formenden geschlossenen hierarchisch strukturierten Gesellschaftsschichten (Ständen) mit einem deutlich nach Berufen strukturierten Arbeitsmarkt. Treibender Motor für einen Wandel hin zu modernen Arbeitsmärkten war einerseits die wissenschaftliche Erkenntnis (Aufklärung) über neue Technologien und Verfahren und andererseits die Möglichkeit immer schnellerer und billigerer Produktion von Gütern, bei gleichzeitiger Belieferung von globaler werdenden Absatzmärkten. Das Aufkommen von
Massenproduktion und Arbeitsteilung in industriellen Umgebungen hatte eine weitere Restrukturierung der Gesellschaft in Klassen zur Folge. Der ihr immanente Klassenantagonismus (vgl. Thieme 2006: 196) initiierte den Aufbau von Sozialsystemen u. Arbeitnehmerorganisationen. Mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit wuchsen der Wohlstand der Gesellschaft (Investments in gemeinsam genutzte Ressourcen wie z.B. Infrastruktur, Kommunikation, Sozialwesen) sowie der individuelle Lebensstandard. Der Arbeitsmarkt wurde zur zentralen Institution permanenter Veränderungsprozesse zur Steuerung und Befriedigung von zeitlich und örtlich variierender Arbeitsnachfrage. Erwerbsbeteiligung und Arbeitslosigkeit, sowie eine sektorale und berufsstrukturelle Gliederung, neben der Mobilität von Arbeitskräften, entwickelten sich zu Indikatoren der Charakterisierung von Arbeitsmärkten. (vgl. Mau/Verwiebe 2009:130)
Strukturwandel im 19. und 20. Jahrhundert, vom Agrarstaat zur Informationsgesellschaft In der vorindustriellen Zeit, zum Zeitpunkt der Entstehung von Arbeitsmärkten, waren die meisten Arbeitsplätze der Landwirtschaft, dem sogenannten primären Sektor, zugeordnet. Die Produkte wurden lokal für lokale Märkte produziert. Mit dem Aufkommen von Manufakturen und Fabriken hatten auch landlose Bauern und Bäuerinnen, die kaum mehr als ihre Arbeitskraft besaßen, die Möglichkeit sich in unselbständigen Arbeitsverhältnissen zu verdingen. Durch Entwicklungen im Maschinenbau, Transportwesen, Kommunikation und der Arbeitsorganisation, sowie dem Entstehen des modernen Kapitalismus, wurde es möglich die Subsistenzwirtschaft zu überwinden und systematische Gewinne durch den Verkauf und teilweise auch Export der Produkte in expandierende Märkte zu erwirtschaften, der sekundäre Sektor entstand. Durch Arbeitsteilung wurden die Produktionsprozesse immer effektiver und die benötigten Qualifikationen differenzierter, was zur Entstehung von Hierarchien in Bildung und Entlohnung führte. Gleichzeitig fand speziell bei schlecht bezahlter und daher wenig qualifizierter Arbeit eine Entfremdung statt, die durch eine zunehmende Automatisierung kompensiert wurde. Wo dies nicht möglich war, wurden diese Produktionsschritte mit hohem Personal und damit Kostenaufwand in sogenannte Billiglohnländer verlagert. Zunächst waren dies speziell europäische Grenzländer im Südosten. Damit entstand zunehmend die Nachfrage nach Berufsbildern mit entsprechend höherer Qualifikation. Mit der Einführung der Informationstechnologien und der Verbesserung von Telekommunikation (Cell Phones) und des Transportwesens (Container) konnte die Produktion und der Transport von Waren jeder Art global organisiert werden, zudem wurden entsprechende Freihandelszonen eingerichtet um einen möglichst reibungsfreien Austausch von Waren über Kontinente hinweg zu gewährleisten. Damit verschob sich der Schwerpunkt der Arbeit weg von der reinen Produktion hin zur Organisation, Kommunikation und Marketing bzw. zu Design und Entwicklung der Produkte, dem tertiären (dienstleistungs-) Sektor. (vgl. Beckert 2007: 451, 459)
Auswirkungen des Strukturwandels auf die Arbeitsmärkte
Arbeitslosigkeit: Mit dem oben beschriebenen Wandlungsprozess bzw. der Expansion des tertiären Sektors ist ein Beschäftigungswachstum bei den konsum- und personenbezogenen Diensten (Kundenkontakt, Verkauf) verbunden, da hier nur bedingt eine Durchrationalisierung, wie bei den produktionsbezogenen Diensten möglich ist. Gleichzeitig nehmen qualifizierte Tätigkeiten im primären u. sekundären Sektor ab, die durch Zunahmen im tertiären Sektor teilweise kompensiert
werden. Die Reduktion von unqualifizierter Arbeit hat entsprechende Folgen für die Arbeitslosenquoten.
Arbeitsverhältnisse: Mit dem Strukturwandel geht auch die Quote der Normalarbeitsverhältnisse zurück. Diese weicht immer mehr befristeten, flexiblen Arbeitsverhältnissen mit geringerem sozialen Schutz, flexiblen Arbeitszeiten, hohen Mobilitätsanforderungen bei niedrigem, teilweise prekärem Einkommen (working poor), Leih- und Zeitarbeit nehmen zu. Es entstehen sog. diskontinuierliche von Arbeitslosigkeit geprägte Lebensläufe mit entsprechenden Auswirkungen auf die individuellen Lebensplanungen. (vgl. Beckert 2005: 459) Dieses hat, bezogen auf die künftigen Familienstrukturen, wie weiter unten noch ausgeführt, speziell bei traditionell geprägten sozialstaatlichen Systemen entsprechende Auswirkungen.
Steueraufkommen und Staatsfinanzen: Die Bedeutung der informellen Arbeit steigt seit den 90er Jahren. In Industrieländern wird davon ausgegangen, dass etwa ein Viertel der Erwerbspositionen „schwarzer Arbeit“ bzw. prekären Arbeitsverhältnissen zugeordnet werden kann. Neben der absichtlichen Vermeidung von Steuern und Sozialabgaben wachsen die Sektoren im Dienstleistungsbereich von „unbezahlter“ Pflege- und Reproduktionsarbeit bzw. anderen marktbezogenen Haushaltsarbeiten (z.B. Reinigen, Putzen etc.). Somit erscheint der informelle Sektor ideal als Arbeitsmarkt für un- oder niedrig qualifizierte Arbeit, speziell im Dienstleistungsbereich und trägt damit zur faktischen Lösung der aktuellen Arbeitsmarktkrise bei. Durchaus auch ein Effekt, den sich transnational agierende Unternehmen über „Outsourcing“ zur Senkung von Kosten und Steigerung der Flexibilität, zu Nutze machen. Speziell im Bereich der Scheinselbstständigkeit und der prekärer Arbeitsverhältnisse ist die Nähe zur Informalität bei abnehmender staatlicher Sozialsicherung sehr groß (vgl. Mahnkopf 2003: 67, 70, 71).
Sozialstaatliche Wohlfahrtssysteme (n. Esping-Andersson) Es werden drei Welten der Wohlfahrtsstaatlichkeit unterschieden - den liberalen, sozialdemokratischen und korporatistischen Typ - Diese Unterscheidung erfolgt entlang von drei Dimensionen:
der Dekommodifizierung durch Sozialpolitik, d.h. inwieweit durch staatliche Leistungen der Lebensunterhalt unabhängig vom (Arbeits-)Markt gesichert werden kann,
der Konsequenzen von Sozialpolitik für soziale Stratifizierung (z.B. gemessen über die Ungleichheit der Einkommensverteilung ) sowie
dem Verhältnis von Staat, Markt und Familie, welches sich im Grad des Familialismus manifestiert (vgl. Esping-Andersen 1990: 21ff.).
[obiger Absatz wurde nahezu ident aus den Vorlesungsfolien „Struktur und Entwicklung der Gegenwartsgesellschaft - Europa im Wandel“ ; Verwiebe, Roland; SS 2010, Uni Wien, herauskopiert] Diese drei Typen wurden erweitert um einen neuartigen, für die osteuropäischen EU-Beitrittsnationen gültigen, „gemischten“ Typ des konservativ-liberalen Wohlfahrtsstaates (vgl. Trumm/Ainsaar 2008)
Arbeit zitieren:
Dipl. - Phys. Hermann Helke, 2010, Der Strukturwandel – Rückwirkungen auf Arbeitsmärkte und sozialstaatliche Wohlfahrtssysteme, München, GRIN Verlag GmbH
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