1. Einleitung
Seit seiner Veröffentlichung ist Dantes Text der Divina Commedia eines der umstrittensten, am häufigsten diskutierten und zugleich eines der am meisten bewunderten Werke der Literaturgeschichte. Von unzähligen Kommentaren, Übersetzungen und Deutungsversuchen, über die Entstehung zahlloser Kunstwerke 1 bis hin zur Gründung spezieller Dantevereine, wie beispielsweise einer eigenen Dantegesellschaft, wird die Begeisterung und die Verwunderung, die diesem Klassiker der Weltliteratur zu Teil wurden, und auch heute noch werden bezeugt. Über die Jahrhunderte widmeten sich viele bedeutende Schriftsteller, Historiker und Wissenschaftler dem intensiven Studium der Commedia und betrachteten sie unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten. Zu den bekanntesten Interpretationen zählen diejenigen von Erich Auerbach, Ernst Kantorowicz und Benedetto Croce.
In der vorliegenden Untersuchung liegt das Augenmerk auf der Betrachtung des zuletzt genannten Dantekritikers: Benedetto Croce, genauer gesagt auf seinen Ausführungen in La Poesia di Dante. Zunächst folgt ein Überblick über Croces Kritik an den unterschiedlichen Interpretationsweisen, mit denen an die Commedia herangegangen wird. Darin soll auch geklärt werden, warum Croce es für nötig erachtet, mit den bis dato entwickelten Deutungen aufzuräumen. Im Anschluss daran erfolgt die Betrachtung seiner eigenen Ausführungen über die Göttliche Komödie, die hier kritisch analysiert werden sollen. Das anschließende Fazit soll als kurze Zusammenfassung der erlangten Kenntnisse dienen.
2. Croces Auffassung der „richtigen“ Betrachtung
Der ausgewählte Text hat, so Croce, die Aufklärung, beziehungsweise die Fokussierung auf das Wesentliche der Commedia zum Ziel. 2 Demnach beginnt das Buch auch mit einer Aufzählung jeglicher Fehler, die bei der Betrachtung der Commedia in der Vergangenheit begangen wurden und die in Zukunft zu vermeiden sind. Der folgende Abschnitt ist der Aufzählung und in Frage-Stellung dieser „Fehlinterpretationen“ gewidmet.
1 Vgl. beispielsweise Botticelli, Doré, Rodin, di Paolo, etc.
2 Vgl. Croce (1921), „Vorbemerkung des Verfassers“
2
2.1 Das Problem der „Nebensächlichkeiten“
Ein gängiges Problem bei der Betrachtung des Dichters Dante ist nach Croce die Tatsache, dass er zwar zu Recht als großer Mann angesehen werde, dieses Ansehen jedoch dazu führe, dass Dantes dichterische Fähigkeiten nicht ausreichend isoliert betrachtet würden. 3
Croce warnt vor der Überbewertung möglicher Einflüsse durch religiöse Anschauungen, zeitgenössisches Geschehen, geschichtliche Ereignisse, persönliche Erfahrungen, politische Umstände und ähnlichen Faktoren auf den Autor, wenn es um die ästhetische Betrachtung der Commedia geht. Dabei handle es sich nur um „Nebensache[n]“ 4 , die dazu verleiten von Dantes hervorragendem Ruf als Philosoph und Politiker ohne vorherige Prüfung darauf zu schließen, dass er ein ebenso guter Poet und Schriftsteller wie Berater, Gelehrter oder Staatsmann sei. Von diesen existierten jedoch etliche mehr, die sich lediglich nicht zusätzlich in der Kunst der Dichtung übten. Insofern würde eine solche Schlussfolgerung dazu führen, dass deren Verdienste in den genannten Bereichen einerseits, Dantes dichterische Begabung andererseits nicht ausreichend gewürdigt würden. 5 Croce fordert also jegliche Hintergründe zum Leben eines Autors außer Acht zu lassen, um ihn als reinen Poeten bewerten zu können. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen zählt er auf Seite 7 sogar mehrere Deutungsversuche auf, die durch den historischen Background Dantes, sowie den des Interpreten maßgeblich beeinflusst wurden.
Croces Forderung scheint wenig realistisch, wenn man bedenkt, dass jeder Autor eines Textes stets von seinem bisherigen Leben, seinen Weltanschauungen, Begegnungen und durchlebten Ereignissen geprägt und beeinflusst wird. So ergeht es jedem Einzelnen bei sämtlichen Entscheidungen, die tagtäglich zu treffen sind, bei Meinungen, die wir vertreten und eben auch bei verfassten Texten. Wie könnte man von Autoren, speziell Poeten oder Dichtern verlangen ihre Persönlichkeit während der Erschaffung eines Textes auszublenden oder gar zu ignorieren? Schließlich benötigen sie ein gewisses Maß an Hintergrundwissen und ausreichend Fantasie, welche stets von persönlichen Eindrücken beeinflusst werden. Nichtsdestotrotz wünscht sich Croce zumindest bei der poetischen Auslegung der Commedia mehr „geschichtliche Unbefangenheit“ 6 , sowie die
3 Vgl. Croce: S. 3-4
4 Croce: S. 5
5 Vgl. Croce: S. 3-5
6 Croce: S.7
3
„Verfeinerung der methodischen Begriffe“ 7 , sodass die Betrachtung „einfach, schlicht, [und] frei von Vorurteilen“ 8 erfolgen kann.
2.2 Die Bedeutung der Allegorien
Neben der fehlgeleiteten Analyse historischer Zusammenhänge zwischen dem Leben des Schriftstellers und seines Werkes liegt der Schwerpunkt zahlreicher Dantedeutungen auf der Interpretation von Dantes Allegorien, die mit Eifer verfolgt wird.
Dazu bezieht Croce eine ganz eigen-, und zugleich einzigartige Stellung. Zunächst definiert Croce den Begriff „Allegorie“ als eine Art Kryptografie, bei der jedem Begriff eine eigens gewählte Bedeutung zuordnet wird, und die ohne eine Aufschlüsselung durch den Autor nicht zu verstehen ist. 9 Ohne eine entsprechende Erklärung durch den Verfasser können lediglich Vermutungen über die wahre Bedeutung der Allegorie angestellt werden, die keinen Anspruch auf Gültigkeit erheben können. 10 Diese Vermutungen provozieren die Widerlegung durch erneute Annahmen anderer Kritiker und so weiter und so fort, das heißt, es summieren sich unendlich viele Deutungsmöglichkeiten, die letztendlich nur an den Haaren herbeigezogen sein können, da der Schlüssel zum Verständnis der Allegorie auf ewig verborgen bleibt. 11 Da sich Gedanken und Meinungen meist aufgrund der Lektüre fremder Literatur ausbilden, und Dante bei Weitem mehr als nur diese eine Geschichte verfasst hat, ist Croce der Ansicht, dass es in der Commedia gar keine verschlüsselten Mitteilungen gibt. 12 Ansonsten müssten ja Hinweise in anderen Texten Dantes zu finden sein, argumentiert Croce. 13 An späterer Stelle unterscheidet Croce zunächst zwei ganz bestimmte Arten von „Vorkommen“ von Allegorien und insbesondere deren Verhältnis zur Dichtung.
14 1. die Allegorie ab extra, bei der die Dichtung des Textes absolut unberührt bleibt. Eine Allegorie arbeitet mit zwei verschiedenen Bedeutungen, einerseits mit der zugeordneten Bedeutung, für die der benutzte Ausdruck steht. Andererseits hat das verwendete Bild seinerseits wieder eine eigenständige Bedeutung. Die ihr zugeordnete Bedeutung ist dichterisch rein historisch zu verstehen, während „der zweite Sinn - bei
7 Croce, S.7
8 Croce, Vorbemerkungen des Verfassers
9 Vgl. Croce: S.9
10 Vgl. Croce: S.9-10
11 Vgl. Croce: S.10
12 Vgl. Croce: S.9-10
13 Vgl. Croce, S.9-10 14 Vgl. folgenden Absatz mit Croces, S.21-22
4
Arbeit zitieren:
Kira Thiele, 2010, Kritische Betrachtung Benedetto Croces Interpretation der Divina Commedia in „La Poesia di Dante“, München, GRIN Verlag GmbH
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