Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Die Entwicklung der Islamischen Republik Iran und
ihr gesellschaftspolitisches Dilemma 4
2.1 Allgemeine Vorbemerkungen zur Islamischen Republik 4
2.2 Entwicklungsphasen seit der Revolution 1979 6
3. Leitprinzipien der Reformkonzept
von und 13
3.1 Hermeneutischer Ansatz und Historisierung der Offenbarung 14
3.2 Die Veränderbarkeit und Flexibilität der gesellschaftsrelevanten
Vorschriften des Islam 16
3.3 Der Ansatz des spirituellen und zielorientierten Islam 22
4. Zur Frage der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie 25
4.1 Kritik an der velÁyat-e faqih-Konzeption 25
4.2 Entwürfe einer religiösen-demokratischen Regierungsform 28
5. Fazit und Schlussbemerkungen 36
Literaturverzeichnis 37
1
1. Einleitung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind die Reformkonzepte der iranischen Reformdenker , MoÎsen Kadivar und Íasan Yuse . Von diesen
dreien ist ersterer der einzige, der heute noch im Iran lebt. Kadivar und fielen beide beim iranischen Regime in Ungnade und befinden sich derzeit im Ausland. Es scheint, als stünde die Islamischen Republik Iran dieser Tage am Scheideweg. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Arbeit zur Jahreswende 2009/2010 spitzte sich die Lage
Regime, das mit dem Vorwurf der Wahlfälschung
konfrontiert ist, weiter zu. Vieles deutet darauf hin, dass sich die breite Protestbewegung nicht allein gegen den Präsidenten, sondern gegen das System als solches richtet, das als unterdrückerisch und undemokratisch empfunden wird. Das Regime befindet sich in einer handfesten Legitimitätskrise.
Theologenie Reihenfolge, in der diese Reformdenker im dritten und vierten Kapitel zur Sprache kommen, beinhaltet keine chronologische Bedeutung und auch keine Rangbewertung. Alle drei sind heute aus Sicht dieser Arbeit gleichermaßen von Bedeutung für den iranischen Reformdiskurs.
Es soll dabei ebenfalls die Frage untersucht werden, welche Impulse und Anregungen diese Ansätze in Bezug auf eine Lösung der gesellschaftspolitischen Probleme und offenen Krise der Islamischen Republik Iran haben könnten.
Deshalb wird im zweiten Kapitel zunächst die Entwicklung der Islamischen Republik knapp skizziert werden, um das grundlegende gesellschaftspolitische Dilemma, mit dem Iran konfrontiert ist, einzuordnen und transparent zu machen. Dabei soll auch deutlich gemacht werden, vor welchem Hintergrund und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sich die postrevolutionäre Reformbewegung in Iran herausbildete und einen Diskurs in Gang setzte, ubens- und
Wertesystem in seinem Verhältnis zu politischen Institutionen und Regierungssystemen bemüht. Für die Untersuchung einer wenn man so will Evolution des schiitischen Staatsdenkens fehlt in dieser Arbeit der Platz, die Besonderheiten des politischen Systems der Islamischen Republik, welches in dieser Form einzigartig auf der Welt ist, sollen jedoch selbstverständlich dargestellt werden, sind sie doch für das Thema unserer Arbeit und die Entstehung des postrevolutionären Reformdiskurses von entscheidender Bedeutung. Eine tiefergehende Analyse der Entwicklung der Islamischen Republik ist im Rahmen dieser
2
Arbeit ebenfalls nicht möglich, vieles wird lediglich kurz angerissen. Das dritte Kapitel beschäftigt sich vorwiegend mit der Frage, welche Leitprinzipien die hier vorgestellten Reformdenker im Einzelnen in Bezug auf eine Fortentwicklung islamischer Denksysteme, d.h. auch islamischer Normen und Bestimmungen vertreten und in welcher Hinsicht Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen. Viele Bereiche und Konzeptionen, mit ern es sind klassische
Bereiche der islamischen (Rechts-)Wissenschaft und zum Teil der Koranexegese. Sie erhalten aber und das ist entscheidend im gegenwärtigen Kontext der realen, alltäglichen Erfahrungen in der Islamischen Republik eine besondere Signifikanz und neue Impulse, auf deren Grundlage und Kadivar - Weg einschlagen.
Diese Analyse führt die Reformdenker und uns schließlich zum vierten Kapitel, das sich der Frage des Islam in seiner Beziehung und Anpassungsfähigkeit mit demokratischen Regierungsformen widmet. Dabei soll auch auf die Frage eingegangen werden, welche
Lösungsansätze für die gesellschaftspolitische Sackgasse gewertet werden können, in der Iran sich momentan befindet.
in dieser etwas pauschalen Form verwenden, so dass es naheliegend war, dies aufzugreifen. Ich bin mir als Verfasser dieser Arbeit über die Problematik der Klaren, da es natürlich zum
frei nach einer bekannten deutschen Islamwissenschaftlerin das ist, was Muslime an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit als islamisch definieren und praktizieren. Zum anderen gibt es zahlreiche verschiedene Demokratie-Typen.
Ich verwende in dieser Arbeit eine Transkriptionsmethode, die sich an der e/o-Vokalisierung der modernen neupersischen Sprache orientiert. Deshalb werden auch Begriffe, die dem Arabischen entspringen anhand der persischen Phonetik umgeschrieben (z.B. wird IÊtihÁd zu EÊtehÁd) und - der konsequenten Anwendung geschuldet - bildet auch der Name des Propheten und z.B. des Imam ÝAli b. Abi ÓÁleb keine Ausnahme. Die Längungszeichen des Ð und Ù fallen aufgrund der e/o-Vokalisierung weg (also nur noch i und u). Diphtonge werden durch ou und ey widergegeben (z.B. touÎid und ). Ich verzichte des Weiteren darauf, geläufige Namen wie Khamenei, Khomeini und Khatami zu transkribieren.
3
2. Die politische Entwicklung der Islamischen Republik Iran und ihr gesellschaftspolitisches Dilemma
Die islamische Republik Iran blickt inzwischen auf eine dreißig-jährige Geschichte zurück, die bedeutsame Entwicklungen und Veränderungen mit sich brachte. Die Reformkonzepte der 'Neuen Theologen' Irans, hier präsentiert durch , MoÎsen Kadivar und Íasan Yusefi , die Gegenstand dieser Arbeit sind, sind vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen und den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen zu betrachten, in denen sich Iran bis heute befindet. Daher soll dieses Kapitel jene Entwicklungen der Islamischen Republik darstellen, die den Boden für die historisch einzigartige Konstellation bereiteten, in der die iranischen (- fekrÁn-e dini) ihre Vorstellungen entwickelten.
2.1 Allgemeine Vorbemerkungen zur Islamischen Republik Iran
Islam und zwar das ÊaÝfaritische, zwölferschiÝ 1 Iran ist das
einzige Land, in dem die Zwölfer-Schia Staatsreligion ist. Daher sollen hier zunächst die wesentlichen, besonderen Aspekte der Zwölfer-Schia (E³nÁ-yya) erstens die Imamatslehre, zum zweiten die damit verbundene Vorstellung des 12. Imam, der sich seit dem Jahre 941 in der gr (Èeybat-e kobrÁ) befindet, und schließlich die religiöse Institution des marÊaÝ-e taqlid (Instanz der Nachahmung) erwähnt werden. 2 Diese Besonderheiten berühren alle den Themenkomplex religiöser Autorität und deren Verhältnis zu politischer Souveränität und Legitimation. Ohne sie kann das politische System Irans und die sich daran entfaltende Kritik schiitischer Theologen und Rechtsgelehrter nicht verstanden werden.
Die Schiiten erkennen die Rechtmäßigkeit der Herrschaft der ersten drei Kalifen Abu Bakr, ÝOmar b. al-ËaÔÔÁb und ÝO³mÁn b. ÝAffÁn nicht an, denn nach ihrer Vorstellung ernannte der Prophet seinen Vetter und Schwiegersohn ÝAli b. Abi ÓÁleb, den vierten der nach
1 Tellenbach, S.: Untersuchungen zur Verfassung der Islamischen Republik Iran vom 15. November 1979. Berlin, 1985, S. 64.
2 vgl. hierzu und im Folgenden: Halm, H.: Die Schiiten. München , 2005, S. 11-36; Ende, W.: Der schiitische Islam, in: Ende, W./Steinbach, U (Hrsg.).: Der Islam in der Gegenwart. Bonn, 2005, S. 70-77; Mir-Hosseini, Z./Tapper, R.: Islam and Democracy in Iran. Eshkevari and the Quest for Reform. New York, 2005, S. 10; Hajatpour, R.: Iranische Geistlichkeit zwischen Utopie und Realismus. Zum Diskurs über Herrschafts- und Staatsdenken im 20. Jh. Wiesbaden, 2002, S. 92.
4
sunnitischer Vorstellung vier rechtgeleiteten Kalifen ÌolafÁÞ- ) zu seinem Nachfolger. Über diesen ging die legitime Nachfolge stetig an die jeweiligen männlichen Nachkommen weiter. Die Imam-Reihe der Zwölfer-Schia beginnt also mit ÝAli und endet mit dem in der Verborgenheit weilenden MoÎammad al-Mahdi al-MontaÛar nicht gestorben sei, sondern eines Tages zurückkehren und die heiligen Werte und Normen des Islam und somit die ideale göttliche Herrschaft wieder einführen werde. Einzig den Imamen sowie dem Propheten und dessen Tochter FÁÔima wird das wahre Wissen über den Islam und Unfehlbarkeit (ÝeÒmat) zugeschrieben, somit sind nur sie in der Lage, die göttliche Botschaft in ihrem Zweck für die Gemeinschaft und den Staat umzusetzen und zu erfüllen. Jede andere Regierung oder Herrschaftsform muss aus dieser Sicht konsequenterweise als illegitim oder usurpatorisch gelten. Nach der Entrückung des Imams ergab sich zwangsläufig das Problem, wem die rechtmäßige Führung der Gemeinde obliege und nach welchen Kriterien dies eingeschätzt und entschieden werden solle. In der schiitischen
beobachten]; die vorerst letzte Antwort hat 3
Hier spielt Heinz Halm auf das von ÀyatollÁh Khomeini entworfene Prinzip der velÁyat-e faqih Herrschaftsbefugn an. In diesem Prinzip
verknüpfte Khomeini den politischen Führungsanspruch mit dem Rang der höchsten geistlichen Autorität, dem marÊaÝ-e taqlid. 4 Taqlid (Nachahmung) übt, wird Moqalled genannt. Ein solcher ist jeder Gläubige, der keine Fähigkeit und Erlaubnis zum EÊtehÁd, der selbständigen Rechtsfindung auf Grundlage von Koran und Sunna, erlangt hat. Ein zum EÊtehÁd befähigter Rechtsgelehrter ist ein MoÊtahed. Unter den zur selbständigen Rechtsfindung befähigten Rechtsgelehrten gibt es wiederum verschiedene Ehrentitel und Ränge, so dass in diesem Zusammenhang durchaus von einer religiösen Hierarchisierung gesprochen werden kann. Der erste zu erreichende Titel ist der des ÍoÊÊat ol-EslÁm (Autorität des Islam), auf diesen folgt der ÀyatollÁh (Zeichen Gottes) und auf diesen wiederum die höchste S ÀyatollÁh al-ÝoÛmÁ (Höchstes Zeichen Gottes). Zu einem marÊaÝ-e taqlid gelangt ein Großayatollah erst nach langer Zeit und in oft sehr hohem Alter, nachdem eine breite Zahl ihm folgender Gläubiger ihm diesen Titel zuspricht. 5 Bei der velÁyat-e faqih handelt es sich um eine Minderheitenmeinung unter den religiösen Gelehrten. Von den sechs - traditionell eher quietistisch, also apolitisch,
3 Halm, H., S. 33.
4 Vgl. Hierzu und im Folgenden: 008, S, 89; Halm,
H.: S. 109 ff; Amirpur, K.: Unterwegs zu einem anderen Islam. Texte iranischer Denker. Freiburg, 2009, S. 15,
siehe Anmerkung 1 .
5 Vgl. Halm, H., S. 82-86 und 93-94; Mir-Hosseini Z./Tapper R., S. 10.
5
eingestellten - marÁÊeÝ, die zur Zeit der islamischen Revolution in der schiitischen Welt anerkannt waren, teilten fünf den Entwurf Khomeinis' islamischen Staates auf Grundlage der velÁyat-e faqih nicht. Der sechste war Khomeini selbst. 6 Im Folgenden soll anhand der politischen Entwicklungen und Veränderungen in der Islamischen Republik das Aufkommen eines reformerischen, post-revolutionären Diskurses erläutert werden, an dem die in dieser Arbeit vorgestellten Denker großen Anteil haben. Dieser Analyse soll zunächst eine knappe Untersuchung der Verfassung von 1979 vorangehen, anhand derer die Widersprüchlichkeiten im politischen System deutlich gemacht und das gesellschaftspolitische Dilemma besser eingeordnet werden kann. Im Allgemeinen wird die Geschichte der Islamischen Republik in drei Phasen eingeteilt, die
als die bezeichnet werden. 7 Jede dieser Phasen stand unter bestimmten Vorzeichen, war geprägt von bestimmten Personen und lässt sich durch bestimmte Charakteristika beschreiben. Seit der Wahl Mahmud Ahmadinedschads 2005 muss man wohl z sprechen.
2.2. Entwicklungsphasen der Islamischen Republik Iran
Die so genannte der Person und des
Charismas ÀyatollÁh Khomeinis. Besonders zwischen 1979 und 1982 herrschten große innere Machtkämpfe zwischen den verschiedenen, revolutionären Strömungen und schließlich - was sich auch in der Verfassung niedergeschlagen hat zwischen Befürwortern einer eher demokratisch-islamischen Orientierung, wie der erste Ministerpräsident Mehdi BÁzargÁn auf der einen Seite, und Vertretern einer theokratischen Ausrichtung auf der anderen Seite. Diese Machtkämpfe führten zur Entstehung eines dualistischen politischen Systems, in dem sich sowohl demokratisch-republikanische als auch theokratische Elemente wiederfinden. Artikel 5 der Verfassung, die von einer überwiegend aus geistlichen Mitgliedern der Islamisch-Republikanischen Partei (IRP) bestehenden Expertenversammlung konzipiert und am 2. Dezember 1979 per Referendum von der Bevölkerung angenommen wurde, schreibt während der Verborgenh
demjenigen islamischen Rechtsgelehrten [zu], der gerecht, gottesfürchtig, mit Bewusstsein für
8 Dieser vereint in
6 Vgl. Mir-Hosseini Z./Tapper, R., S. 19.
7 Vgl. hierzu und im Folgenden: Mir-Hosseini Z./Tapper, R., S. 15-35; Steinbach, U.: Iran, in: Ende, W./Steinbach, U.: Der Islam in der Gegenwart. S. 253-263; Aras, B.: Transformation of the Iranian Political System. Towards a new Model?, in: Middle East Review of International Affairs (MERIA), Vol.5, No.3 (Sept. 2001), S. 12-19.
8 Tellenbach, S., S. 62.
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Jannic Wöhrle, 2010, Reformkonzepte der 'Neuen Theologen' Irans, München, GRIN Verlag GmbH
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