1. Einleitung
Alexander der Große übt seit über 2000 Jahren als Herrscher und Eroberer auf seine Zeitgenossen und auf die Menschen, Epochen und Kulturen nach ihm bis in die heutige Zeit eine ungebrochene Faszination aus.
Als der zwanzigjährige Herrscher 336 v. Chr. seinem ermordeten Vater Philipp II. als König folgte, begann er zwei Jahre später mit dem Beginn des Krieges gegen die Perser 334 v. Chr. einen bis dato unvergleichlichen Eroberungszug durch den Nahen Osten und den mittleren Teil des asiatischen Kontinents.
Abgesehen von diesen Eroberungen wurde Alexander zum Begründer der staatlichen Ordnung des Hellenismus, dessen Zentrum die Stadtgründung Alexandrias im Nildelta wurde.
Historische Romane über Alexander den Großen und sein Wirken finden zahlreiche Leser und Käufer. Auch im Mittelalter hat die Alexanderfigur, wie Trude Ehlert zutreffend bemerkt, „auf Autoren und auch auf deren Auftraggeber eine enorme Anziehungskraft ausgeübt.“ 1
Viele Alexanderdichtungen entstanden im Laufe dieser Epoche und um etwa 1450 erschien das Alexanderepos Johann Hartliebs, auf dessen Inhalte in der vorliegenden Arbeit näher eingegangen werden soll.
Johann Hartlieb, um etwa 1400 geboren, war Berater und Leibarzt des Herzogs Albrecht III. von Bayern-München, der zu dem Fürstengeschlecht der Wittelsbacher gehörte. Außer dem Alexanderepos verfasste Hartlieb vielleicht um 1430 das Werk „Kunst der gedächtnüß“ und 1434 erschien in Wien - ebenfalls aus seiner Feder - „das Mondwahrsagebuch“. 2
Über den Zeitpunkt der Entstehung des Alexanderromans lassen sich keine genauen Angaben machen. Klein ordnet den Zeitpunkt zwischen 1447 und 1449 ein. 3 Als Begründung dafür führt sie eine Erwähnung Hartliebs im Prolog des Alexanderromans an, die wie folgt lautet:
„Seydt nun ir zway der rechtt vaßel und gepelczt stame seytt, darawß enttsproßen sindt funff durchnächttig zwey fuerstenleiches stames, die dann allein nach rechtter syppe aufhaltten daz lobleich kchayßerleich hawas bairen ...“ 4
1 Ehlert, Trude: Die Aufwertung der theoretischen Neugierde. Johann Hartliebs 'Alexander' zwischen theoretischer Legitimation und rationaler Selbstbehauptung. In:
Saeculum 38/2-3 (1987), S. 178.
2 Ebd., S. 180.
3 Klein, Andrea: Der Literaturbetrieb am Münchener Hof im fünfzehnten Jahrhundert. Göppingen 1998, S. 81.
4 Zit. nach: Pawis, Reinhard: Johann Hartliebs ,Alexander’. München 1991, S. 97.Z. 58-61.
2
Klein vermutet, dass Johann Hartlieb in dieser Rede die fünf Kinder Herzog Albrechts III. und seiner Gemahlin Anna von Braunschweig meint. Danach „wäre die Abfassung des ,Alexanders’ zwischen der Geburt Albrechts (IV.) und 1447 und Christophs zu sehen.“ 5 Klein verweist bei dieser Vermutung auf noch weitergehende Untersuchungen Fürbeths, der die Möglichkeit einräumt, dass Johann Hartlieb mit den „funff durchnächttig zwey fuerstenleiches stames“ allein die männlichen Nachkommen Albrechts III. und Anna von Braunschweig meint. Das ist eine durchaus legitime These, denn allein männliche Nachkommen adeliger Herrscher konnten ihrem Vater auf den Thron folgen und damit den Fortbestand des herrschenden Geschlechts sichern. Deswegen wurden allein sie oft als vollwertige Familienmitglieder angesehen und unter diesem Aspekt in Prologen wie in dem hier behandelten ausschließlich als Kinder des Herrschers erwähnt. Träfe Fürbeths Vermutung zu, so „liegt [nach Klein] die zeitliche Fixierung des ,Alexanders’ zwischen der Geburt Wolfgangs 1451 und dem Entstehungsdatum der ältesten bekannten Handschrift 1454.“ 6
Obgleich Klein nun Fürbeths Befunden nicht zustimmt, 7 so bleibt sie ebenfalls eine präzise Antwort bezüglich der genauen Entstehung des Alexanderromans schuldig und man muss sich mit der ungenauen Einschätzung des Entstehungsdatums um 1450 begnügen.
In seiner beruflichen Eigenschaft als Arzt war Johann Hartlieb zweifelsohne ein naturwissenschaftlich interessierter und begabter Mann. Sein Alexanderepos ist mit zahlreichen detaillierten Beschreibungen von Landschaften, Pflanzen und Tieren versehen. Diese Schilderungen werden unter dem Aspekt des „Wunderbaren“ angesehen und in ihrer literarischen Gestaltung unter dem Begriff curiositas bezeichnet. 8 In der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe des „Wunderbaren“, der curiositas und mit ihnen verwandte, beziehungsweise die mit ihnen verbundene Terminologie wie zum Beispiel die historia erläutert.
Welche Bedeutung den naturkundlichen und anderen „wunderbar“ anmutenden Schilderungen im Alexanderroman zukommen und welche Intentionen Hartliebs zugrunde liegen, wenn er sich „wunderbarer“ oder ähnlicher Passagen in seinem Epos bedient, ist außerdem ein Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.
5 Klein, Andrea:...S. 81.
6 Ebd.
7 Ebd.
8 Siehe Müller, Jan-Dirk: ‚Curiositas‘ und ‚erfahrung‘ der Welt im frühen deutschen Prosaroman. In: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit.
Symposion Wolfenbüttel 1981. Hrsg. v. Ludger Grenzmann und Karl Stackmann. Stuttgart 1984
(= Germanistische Symposien. Berichtsbände Bd. 5), S. 252ff.
3
Dabei finden insbesondere Kleins Anmerkungen zum Alexanderroman Beachtung. Im Hinblick auf das persönliche Leben und den Charakter von Hartliebs Dienstherren Albrechts III. arbeitet sie aus Hartliebs Werk Textstellen heraus, die darauf abzielen, Leser und Hörer Verhaltensregeln zu vermitteln. Damit wäre Hartlieb in der mittelalterlichen Literatur kein Einzelfall 9 , aber eine neue Qualität bei der literarischen Vermittlung dieser Intentionen bieten eben die „wunderbaren“ Schilderungen im Alexanderroman sowie die curiositas und historia.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Entdeckungen fremder Kulturen dienen zur Darstellung von Vorbildcharakteren und in den nächsten Abschnitten der vorliegenden Arbeit wird nach den Erläuterungen der genannten Begriffe erklärt, in welchen Passagen des Alexanderromans dieses Anliegen besonders zum Vorschein kommt. Der Vorbildcharakter ist die Alexanderfigur selbst. Seine Begegnungen und sein Umgang mit „wunderbaren“ Ereignissen lassen ihn als neugierigen, wissenden und rational handelnden Herrscher erscheinen, der seine Untertanen klug und weitsichtig führt. Die Bedeutungen des „Wunderbaren“ und der curiositas als literarisches Werkzeug für die Ausgestaltung der Alexanderfigur ist Thema der vorliegenden Abhandlung und wird anhand der Untersuchung einzelner Textabschnitte des Alexanderromans nachgewiesen.
2. Das Wunderbare, curiositas, historia
2.1 Das Wunderbare - Erläuterungen zum Begriff
Es ist kaum möglich, eine allgemein gültige Definition des „Wunderbaren“ zu leisten, mit der sich im Hinblick auf die Untersuchung und Beurteilung literarischer Sachverhalte arbeiten lässt.
Außerhalb wissenschaftlicher Bereiche verbinden vielleicht wir mit „Wundern“ oder „Wunderbarem“ Beobachtungen, Erlebnisse, Ereignisse, die uns erfreuen, die wir nicht zu erklären und nicht zu begründen vermögen. Man ist jedoch schnell geneigt, etwas als „Wunder“ zu sehen oder als „wunderbar“ zu bezeichnen. So stellt Schwann seine nachstehend zitierte Frage zu Recht:
9 Siehe Störmer, Uta: Funktionen der Gattung Fürstenspiegel im Spätmittelalter am Beispiel deutscher Aegidiusbearbeitungen. In: Deutsche Literatur des Spätmittelalters. Ergebnisse, Probleme u. Perspektiven der Forschung.
Hrsg.: Der Rektor der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Greifswald 1986, S. 226.
4
„Welche Anschauung ist dem abundanten Gebrauch dieser Vokabel gewachsen? Sie scheint ja, in Ansehung leistungsfähiger Micro-Chips etwa, nur mehr den sich selbst rechtfertigenden Fortschritt enthusiastisch zu vermitteln.“ 10
Eine Antwort auf die Frage, welche Stelle dem Wunderbaren außerhalb wissenschaftlicher Diskurse zukommt, liefert Schwann selbst. Grunderfahrungen grundsätzlicher Unvollkommenheit, Endlichkeit und Kontingenz behaupten ihren Platz in der menschlichen Psyche und verlangen nach begrifflichem Ausdruck. 11
Es ist weder in diesem noch in den folgenden Abschnitten Ort und Stelle, Schwanns Anmerkungen zum Wunderbaren auf Richtigkeit und Gültigkeit zu überprüfen. Seine Anmerkungen zum Wunderbaren sind im Hinblick auf die vorliegende Untersuchung zum Alexanderroman insofern interessant, weil er das Wunderbare oder Wunderbares als „überwiegend freudig bis enthusiastisch akklamierter Ereignisse“ 12 bezeichnet und feststellt, dass „der Begriff des Wunderbaren samt seiner schillernden Synonyma ein Derivat des Begriffs ,Wunder’ ist.“ 13 Den Lesern und Zuhörern Johann Hartliebs mag es beispielsweise als ein wunderbares Ereignis oder als ein Wunder erscheinen, wenn Alexander mit Bäumen spricht, die ihm seinen Tod prophezeien oder auf riesigen Vögeln „hoch in die lüft“ fliegt, sodass er „weder erd noch wasser gesehen mocht“. 14
2.2 curositas und historia
Es lässt sich schon aus dem Begriff heraushören: Er impliziert etwas Neues und Fremdes, mitunter sogar etwas Verbotenes. In der Tat bezeichnet der Begriff curiositas Einstellungen und Verhaltensweisen zu Neuem, Unentdecktem und Unerforschtem:
„Curiositas bezeichnet seit der Spätantike ein Bündel von Einstellungen und Verhaltensweisen, angefangen von alltäglicher Neugierde auf das, was einen nichts angeht, bis hin zur Suche nach den Wundern der Welt, von den concupiscentiae carnis, der Hingabe an den sinnlichen Reiz vorab des Sehens, bis hin zum Forschen nach den
10 Schwann, Jürgen: Die Signatur des Vollkommenen: Anmerkungen zum Begriff des Wunderbaren. In: Schmidtke, Dietrich (Hrsg.) u.a.: Das Wunderbare in der mittelalterlichen Literatur, Göppingen 1994, (=Göppinger Arbeiten zur
Germanistik Bd 606, herausgegeben von Ulrich Müller u.a.) S. 85.
11 Ebd.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Zit. nach Pawis, Reinhard:...S. 312. Z. 6859. Siehe auch Eming, Jutta: Funktionswandel des Wunderbaren. Studien zum ,Bel Iconu’, zum ,Wigalois’ und zum ,Wigoleis vom Rade’. Trier 1999 (= Literatur, Imagination und Realität, Bd. 19):
Wunder und Wunderbares als literarische Darstellungen sind Abweichungen von der jeweils historischen, kulturellen und
gesellschaftlich determinierten Normalität. „Wunder“ und „Wunderbares“ sind u.a. Feen, Zauberer und Ungeheuer. Eine
Historisierung des Begriffes des „Wunderbaren“ oder des „Wunders“ ist nicht möglich.
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Arbeit zitieren:
Thomas Röhrs, 2010, Bedeutung und Funktion des Wunderbaren in Johann Hartliebs Alexanderroman, München, GRIN Verlag GmbH
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