KINDESAUSSETZUNG -
WAHRHEIT UND MYTHOS
DIPLOMARBEIT
ZUR
ERLANGUNG DES MAGISTERGRADES
AN DER HISTORISCH - PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT
DER LEOPOLD FRANZENS UNIVERSITÄT
INNSBRUCK
EINGEREICHT VON
DR. MED. ULRIKE SCHÖPS-SCHEMBERA
INSTITUT FÜR ARCHÄOLOGIEN
2
Vorwort und Nachwort
Erst nach Vollendung der vorliegenden Arbeit kann ich richtig ermessen, wie
viele Menschen zu ihrem Gelingen beigetragen haben und meinen Dank verdie-
nen.
In erster Linie möchte ich Frau Prof. Dr. Elisabeth Walde danken, die mich mit
dem Vorschlag des Themas ,,Kindesaussetzung - Wahrheit und Mythos" meine
frühere Tätigkeit als Kinderärztin mit der Archäologie und der Kindesaussetzung
in der Mythologie verbinden ließ und mir mit diesem Thema eine große Freude be-
reitete und mich mit guten Ratschlägen und viel Geduld unterstützte.
Besonderen Dank möchte ich meiner Kolleginnen und Freundinnen Frau Ingrid
Hanspeter und Frau Mag. Mag. Ulrike Wiedner aussprechen, die mit seelischem
Zuspruch, Obdach in Innsbruck, sowie mit fachlichen Ratschlägen und Korrektu-
ren immer wieder für mich da waren. Ebenso danke ich Frau Dr. Margot Biebl und
Frau Anneliese Erhart für aufmunternde Worte, aber auch für viele schöne Stun-
den in freundschaftlichem Zusammensein in den letzten Jahren.
Weiters hat auch DI Dr Bernd Österle mit seiner kritischen und sicher oft müh-
samen Korreekturarbeit sehr wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen.
Ganz besonderen Dank für die große Mühe!
Vor allem möchte ich mich auch bei Herrn Jürgen Tomas und meinem Sohn
Bernhard bedanken, die mir immer wieder mit Rat und und guten Tips zur Seite
standen, wenn mich die Tücken der Computertechnik völlig zur Verzweiflung
brachten.
Und vielen, vielen anderen, vor allem auch Frau Hofrat Mag. Dr. Hildegard
Pfanner, die mich in meinem Vorhaben, mein Studium abzuschließen, bestärkten
und mir immer wieder neuen Mut machten, gebührt mein Dank.
Es waren zehn wunderbare Jahre meines Lebens, in denen ich mich mit der Ar-
chäologie beschäftigen durfte!
3
Inhaltsangabe
Vorwort und Nachwort
2
1. Teil
Einleitung
6
1 Kindesaussetzung in der Geschichte der Menschheit die Wahrheit
8
1.1 Das Verstoßen eines Jungen in der Tierwelt
8
1.2 Das Aussetzen eines Menschen in prähistorischer Zeit
10
1.3 Kindesaussetzung in der Antike
11
1.3.1 Häufigkeit der Kindesaussetzung
11
1.3.2 Die Familie in der Antike als Hintergrund der Kindesaussetzung
14
1.3.3 Motive für eine Kindesaussetzung in der Antike
21
1.3.3.1 Wirtschaftliche Gründe
21
1.3.3.2 Missbildungen und körperliche Gebrechen
24
1.3.3.3 Das Aussetzen von Mädchen
27
1.3.3.4 Das Aussetzen von Zwillingen
29
1.3.3.5 Illegitime Kinder
29
1.3.3.6 Oblatio puerorum die Opferung oder Darbietung der Kinder an Gott oder
die Götter
30
1.3.4 Die Rechtsform der Kindesaussetzung
31
1.3.5 Kritik an der Aussetzungspraxis in der Antike
35
1.3.5.1 Emotionale und ethische Gründe
35
1.3.5.2 Sorge um den Fortbestand des eigenen Volkes und Furcht vor der
Übermacht feindlicher Völker
36
1.3.5.3 Verbot der Kindesaussetzung und -tötung bei den Juden
37
1.3.5.4 Kritik an der Kindesaussetzung im frühen Christentum
39
1.4 Kindesaussetzung im Mittelalter
44
1.4.1 Findelkinder
44
1.4.2 Oblatio puerorum im Mittelalter
48
1.4.3 Verkauf von Kindern
51
1.4.4 Kindesmord
52
1.5 Das Findelwesen zur Zeit der Aufklärung und die Entwicklung bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts am Beispiel des Gebär- und Findelhauses in Wien
55
1.6 Kindereuthanasie zur Zeit des Nationalsozialismus
59
1.7 Kindesaussetzung und Kindestötung heute
61
1.7.1 Die Situation heute in Österreich
61
1.7.2 Kindesaussetzung und Kindestötung weltweit
65
4
2. Teil
67
Einleitung
2 Kindesaussetzung in der Mythologie Aussetzungs- und Ursprungsmythen
68
2.1 Tiere im Aussetzungsmythos
69
2.2 Göttlicher Schutz
70
2.3 Zieheltern
70
2.4 Erkennen der wahren Identität
71
2.5 Erfüllung einer Prophezeiung
72
2.6 Gründe für eine Aussetzung in der Mythologie
72
2.6.1 Aussetzen eines Kindes aus wirtschaftlichen Gründen
Caeculus
72
2.6.2 Aussetzen eines Kindes wegen einer Behinderung (oder unschönem Äußeren)
73
Hephaistos
73
Pan
85
2.6.3 Unerwünschte Mädchen
89
Atalante
90
Kybele
96
Chloe
Euadne
2.6.4 Mythische Zwillinge, die ausgesetzt werden
105
Aiolos und Boiotos
105
Amphion und Zethos
108
Pelias und Neleus
115
Romulus und Remus
118
Phylakides und Philandros
Lykastos und Parrhasios
2.6.5 Aussetzen eines Kindes nach einer Weissagung und die Angst vor gefährlichem
Nachwuchs
127
Zeus
127
Paris (Alexandros)
136
Ödipus
143
Aigisthos
Gestalten aus der Bibel (Abraham, Moses, Jesus)
152
2.6.6 ,,Illegitime" Schwangerschaften
158
2.6.6.1 Aussetzen eines Kindes durch den Vater der Kindesmutter
158
Telephos
158
Asklepios
167
Perseus
174
Dionysos (nach der Version von Pausanias)
Aichmagoras
Anios
5
2.6.6.2 Aussetzen des Neugeborenen durch die Kindessmutter
(aus Angst vor ihrem Vater)
182
Ion
182
Iamos
185
Anios
Linos
Miletos
Hippothoon
Kyknos
2.6.7 Aussetzung aus Furcht vor der Rache Heras
187
Herakles
187
2.6.8 Aussetzung ohne klar ersichtlichem Motiv
189
Daphnis und Chloe
189
Kydon
Partenopaios
2.6.9 Historische Personen
189
Kyros
190
Sargon
191
Agathokles
Kypselos
Ptolemaios I.
Soter
3. Teil
193
Zusammenfassung und Resümee
3.1 Die Wahrheit
193
3.2 Der Aussetzungsmythos
194
3.2.1 Eine Aussetzung zu überleben macht stark
196
3.2.2 Tiere im Aussetzungsmythos
196
3.2.3 Vonehme Abkunft
198
3.2.4 Die Auffindung der Kinder Die Rolle der Hirten und Fischer
198
3.3 Spuren bis in unsere Zeit
201
3.3.1 Redewendungen
201
3.3.2 Sagen
201
3.3.3 Märchen
203
3.4 Schlussworte
205
Literaturliste
207
6
1. Teil
Einleitung l
Im Alten Testament steht im Buche Ezechiel über ein ausgesetztes Kind:
,,[...] Und was deine Geburt betrifft, so wurde, als du geboren warst, deine Nabel-
schnur nicht abgeschnitten, du wurdest nicht mit Wasser gewaschen zur Reinigung,
nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. Kein Auge ruhte erbarmend
auf dir, um etwas von alledem zu tun und Mitleid zu üben, du wurdest vielmehr am
Tage deiner Geburt aufs freie Feld hinausgeworfen, weil man dich verabscheute. [...]"
(Ez. 16,4,5)
Bei vielen Völkern der Erde finden wir Aussetzungsmythen, die sich er-
staunlich gleichen, obwohl die einzelnen Völker nachweislich nie miteinan-
der in Berührung gekommen sind. Die Mythen folgen einem bestimmten
Schema: Immer wieder begegnet uns die Vorstellung eines mythischen Urkö-
nigs, der selbst Sohn eines Gottes oder einer Göttin ist oder zumindest von
einem Gott abstammt. Er selbst wird als Baby nach einem unheilvollen Ora-
kelspruch oder Traum ausgesetzt und so dem Tode preisgegeben, wird aber
von wilden Tieren genährt und kann so überleben. Meistens wird er von Hir-
ten oder Fischern gefunden und aufgezogen und nach vielen Bewährungspro-
ben später Kultstifter oder Siedlungsgründer.
(Vergl. DNP 5 [1998] 500 s. v. Herrschergeburt [R. Oswald])
Natürlich würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf alle Ausset-
zungsmythen der Welt einzugehen. So sollen hier hauptsächlich Ausset-
zungsmythen der europäischen Geschichte, also der Griechen und Römer und
einzelne des vorderen Orients behandelt und mit der antiken Bildwelt ver-
bunden werden.
Der erste Teil dieser Arbeit soll also versuchen, einen großen Bogen vom
Beginn der Menschheit bis in die heutige Zeit zu spannen und in einem ge-
schichtlichen Rückblick darzustellen, wie sich die Kindesaussetzung in den
einzelnen Zeitepochen in der Realität gestaltet hat, also gleichsam eine Sozi-
algeschichte der Kindesaussetzung beinhalten. Wann wurden besonders viele
Kinder ausgesetzt, was waren die Gründe für die Aussetzung von Neugebo-
7
renen? Welches waren die bevorzugten Orte, an denen die Kinder abgelegt
wurden? Aber auch die Vorgangsweise, man könnte es das ,,Ritual" um die
Aussetzung nennen, soll besprochen werden.
Solange die Menschheit besteht und das gilt bis heute, sind in allen histo-
rischen Gesellschaften, die uns bekannt sind, Kinder nach der Geburt aus
unterschiedlichen Gründen ausgesetzt oder getötet worden (gr. apo- oder
ekthesis teknon, lat. expositio, oblatio liberum). Mit der Aussetzung der Kin-
der muss notgedrungen auch die Kindestötung besprochen werden, die bei
der Aussetzung gewollt oder auch ungewollt in Kauf genommen wird oder
aber die Aussetzung überhaupt ersetzt.
In dieser Arbeit wird also von zwei Arten der Kindesaussetzung gespro-
chen:
Die Aussetzung in der Realität im ersten Teil und die mythologische Ausset-
zung im zweiten Teil. Und die Frage wird sein, ob und wie weit die ,,wirkli-
che" Kindesaussetzung in der Mythologie eine Rolle spielt oder nicht, wo sie
doch auf keinem Ruhmesblatt der Menschheitsgeschichte geschrieben steht.
Werden die Götter-, Heroen- und Königskinder etwa aus den gleichen Grün-
den ausgesetzt wie die einfachen Menschenkinder? Auf jeden Fall soll ver-
sucht werden, Realität und Mythos zu verbinden. Mythen sind ja keineswegs
nur erfundene Geschichten, sondern auch ein Spiegel der jeweiligen Zeitepo-
che, in der sie entstanden sind.
Der zweite Teil befasst sich an Hand mehrerer Beispiele mit dem Kernthema
dieser Arbeit, den Aussetzungsmythen vorwiegend der griechischen und rö-
mischen Antike, ihrem Niederschlag in der Kunst, sei es in der Literatur als
auch in der Ikonographie.
Im dritten Teil folgen dann eine Zusammenfassung und Gedanken über den
tieferen Sinn der Kindesaussetzung im Mythos.
8
1 Kindesaussetzung in der Geschichte der Menschheit -
die Wahrheit
Ehe wir uns mit der Geschichte der Kindesaussetzung von den Anfängen
bis in die heutige Zeit befassen, lohnt es sich, auch einen Blick ins Tierreich
zu werfen. Vielleicht können wir bei Tieren in vergleichbaren Lebenslagen
ein ähnliches Verhalten finden wie beim Menschen, der ja auch als ,,Sonder-
form im Tierreich" gesehen werden kann. Vielleicht war es oft auch Selbst-
schutz, der den Menschen sagte, dass es besser wäre, ein behindertes Kind
auszusetzen, da es im Leben ohnehin keine Chance hätte, genau so wie eine
Katze ihr schwächliches Junges links liegen lässt und nur mehr die kräftigen
Jungen füttert. Oder auch das Kuckuckskind, das auf Kosten der eigenen Brut
von der Vogelmutter als vermeintlich stärkstes Junges bevorzugt gefüttert
wird. So sollen auch in früherer Zeit im Alpenraum im Winter geborene Kin-
der gar nicht aufgezogen worden sein, weil sie, wie die Erfahrung lehrte,
meist ohnehin bald an Hunger starben, gab es doch für die älteren Kinder oft
nicht einmal ein Stückchen Brot am Tag.
1.1 Das Verstoßen eines Jungen in der Tierwelt
Im Tierreich wird meist das verstoßen, was in irgendeiner Form nicht der
Norm entspricht. Das kann eine Abweichung der Farbe, wie zum Beispiel
Albinismus, sein, der in der freien Wildbahn oft wenig Überlebenschancen
hat, oder ein krankes oder missgebildetes Junges. Wobei die Toleranz, ein
krankes Junges anzunehmen, nicht bei allen Tierarten gleich sein muss. So
wird immer wieder von Elefantenmüttern berichtet, die liebevoll versuchen,
auch kranke und behinderte Junge in die Herde zu integrieren und tagelang
trauern, wenn das Junge stirbt. Besonders eindrucksvoll schildert die Ameri-
kanerin Cynthia Moss, die seit Jahrzehnten das Verhalten frei lebender Ele-
fanten in Kenia studiert, das Verhalten einer Elefantenmutter, von ihr Echo
genannt. Diese weigerte sich, ihr Kalb aufzugeben, das mit missgebildeten
Beinen auf die Welt gekommen war. Mit Hilfe ihrer neun Jahre alten Elefan-
tentochter bemühte sich Echo, das behinderte Elefantenbaby auf die Beine zu
stellen und zu einem Wasserloch zu bringen. Dank dieser Rettungsaktion
9
überlebte das Kalb. (Vgl. Blech 2003, 1) Man erkennt hier ein hoch entwi-
ckeltes Sozialverhalten, wie man es auch bei anderen Tierspezies finden
kann, vor allem bei Primaten. Aber auch hier gibt es ganz unterschiedliche
Verhaltensweisen gegenüber behinderten Artgenossen. Normalerweise wird
ein Tier mit einer Bewegungsstörung oder Chromosomenanomalie, wie zum
Beispiel dem Down-Syndrom, das auch bei Menschenaffen vorkommt, abge-
lehnt und verstoßen. So wird von einem mongoloiden Orang-Utan berichtet,
der im Zoo von seinen Artgenossen massiv unterdrückt wurde. Andererseits
soll ein mehrfachbehinderter Schimpanse schon fünfundzwanzig Jahre unter
Zoobedingungen in einer Gruppe von Artgenossen integriert sein. (Vgl. kreuz
& quer Magazin vom 16. 09. 08, Prof. Huber)
Auch wenn ein Zoo heute nach modernen Erkenntnissen geführt wird,
kann er nicht die natürlichen Verhältnisse ersetzen und so für manche Wild-
tiere Grund sein, ihr Junges nicht anzunehmen und aufzuziehen, denkt man
an den kleinen Eisbären Knut als prominentesten Vertreter der jüngeren Ver-
gangenheit. Allerdings kann ein Zoo auch Hilfe sein, manche Tierarten vor
dem Aussterben zu bewahren.
Eine Art ,,Familienplanung" im Tierreich begegnet uns in vielfacher Form:
Hat eine Muttersau zwölf Ferkel, aber nur zehn Brustdrüsen, müssen zwei
Ferkel verstoßen werden. Meistens werden es auch die schwächsten sein, die
sich nicht rechtzeitig ,,ihre" Zitze gesichert haben.
Sonderbar scheint auch das Brutverhalten einer Tölpelart auf den Galapa-
gosinseln: Im Abstand von einer Woche werden zwei Eier gelegt. Das erste
Küken ist dann naturgemäß das stärkere und wirft das zweite Küken aus dem
Nest, das dann in der Hitze des Äquators jämmerlich zu Grunde geht. Sollte
aber dem älteren Küken etwas passieren, so bekommt das zweite Küken seine
Chance. So hat die Natur durch diese Vorgangsweise ein Sicherheitsventil für
das Überleben dieser Tölpelart eingebaut. Die Chance, dass mindestens ein
Junges unter diesen extremen Umweltbedingungen überlebt, ist so größer.
10
Fassen wir zusammen: Mangelndes Futterangebot, schwierige Umweltbe-
dingungen, Krankheit, Schwäche, Missbildungen verschiedenster Art oder ein
Abweichen von der Norm können - aber müssen nicht - im Tierreich Gründe
sein, ein Junges nicht aufzuziehen: Es wird entweder nach der Geburt ver-
nachlässigt, mangelhaft gefüttert oder sogar aus dem Nest geworfen. Unter
anderen sind es aber gerade auch diese Motive, die immer wieder Menschen
veranlassen, ihre Kinder auszusetzen oder gar zu töten.
So hat sich auch die Verhaltungsforschung mit dem Aggressionsverhalten
von Mensch und Tier befasst, in das natürlich das Aussetzen und Töten des
eigenen Nachwuchses fällt. Es zeigten sich Gemeinsamkeiten, aber auch Un-
terschiede. Man fand heraus, dass das Aggressionsverhalten bei Mensch und
Tier sehr ähnlich und genetisch determiniert ist und dass der Ausdruck das
,,Tier im Mensch" absolut berechtigt ist. Allerdings ist das Tier ein rein bio-
logisches Wesen, hingegen kann und soll der Mensch als ein soziales, psychi-
sches und biologisches Wesen sein Verhalten überdenken und Verantwortung
für sein Handeln übernehmen können. (Vgl. Ehrensperger 1998, 4, 5)
1.2 Das Aussetzen eines Menschen in prähistorischer Zeit
Wir können annehmen, dass die für das Tierreich angegebenen Gründe
auch für den Urmenschen galten. Da aber keine schriftlichen und nur sehr
spärliche archäologische Zeugnisse aus diesen frühen Zeiten existieren, kön-
nen wir hier nur Vermutungen über Aussetzungen anstellen. Mit der Entwick-
lung aus dem Tierreich zum homo sapiens spielte eine emotionale und soziale
Komponente bei diesen frühen Menschen sicher eine immer größere Rolle,
wie wir an Beispielen, die allerdings hauptsächlich erwachsene Individuen
betreffen, vermuten können. Sie zeigen, dass Menschen trotz Krankheiten
und Behinderungen weiter in ihrer sozialen Gemeinschaft verblieben und
nicht unbedingt gleich ausgesetzt wurden.
Pflegebedürftigkeit war bei den Neandertalern nicht unbedingt ein Grund,
einen Menschen aus der Gemeinschaft auszuschließen. Das zeigt uns die Pa-
läopathologie, die uns wertvolle Hinweise auf die Lebensweise früherer Kul-
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