Universität Tübingen Institut für Erziehungswissenschaft
Hauptseminar „Arbeitsweltbezogene Jugendhilfe“ SS 1999
Seminararbeit
von
Markus Raschke
Inhaltsverzeichnis:
1. EINLEITUNG 2
2. DIE MODERNE ARBEITSGESELLSCHAFT. 4
2.1. Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft 4
2.2. Charakterisierung der modernen Arbeitsgesellschaft. 5
2.3. Problematisierung: die Doppelgesichtigkeit der modernen Arbeitsgesellschaft 6
2.4. Krise der Arbeitsgesellschaft von der Objektseite gesehen. 7
2.5. Krise der Arbeitsgesellschaft von der Subjektseite gesehen. 9
2.6. Krise der Arbeitsgesellschaft - Fazit 11
3. SOZIALE ARBEIT IN DER MODERNEN ARBEITSGESELLSCHAFT 11
3.1. Sozialarbeit als Funktion der (Lohn-)Arbeitsgesellschaft. 12
3.2. Die Vergesellschaftung von Erziehung im Kontext der Lohnarbeitsgesellschaft:
Entstehung der Sozialpädagogik 14
3.3. Sozialarbeit als Vermittlungsinstanz zwischen System und Lebenswelt. 15
3.4. Sozialarbeit als Normalisierungsarbeit. 16
3.5. Alternative Handlungsorientierungen für die Soziale Arbeit 16
4. ZUSAMMENFASSUNG: ANFORDERUNGEN EINER ARBEITSWELTBEZOGENEN
(JUGEND-) SOZIALARBEIT. 17
LITERATURVERZEICHNIS. 18
1
1. Einleitung
Die Arbeitslosigkeit Jugendlicher ist auch am Ende des 20. Jahrhunderts und nach über 50 Jahren wirtschaftlicher Entwicklung Deutschlands zu einer der führenden Industrienationen der Erde nach wie vor ein weithin ungelöstes Problem. Wenn auch die schwierigsten Zeiten der Jugendarbeitslosigkeit hierzulande nunmehr überschritten sind, und das Problem nicht mehr dieselbe politische Brisanz besitzt wie etwa während der 1980er Jahre, so heißt das nicht automatisch, dass Wirtschaft und Politik diesen Sachverhalt im Griff haben. Das 100.000-Stellen-Programm der 1998 neu angetretenen Bundesregierung beispielsweise stellt nicht nur mit einem Schlag die Problematik erneut ins - alsbald wieder verlöschende -Rampenlicht des Medieninteresses, sondern es vermittelt eben auch den irreführenden Eindruck, dass mittels einer pompösen Sofort-Maßnahme eine so komplexe Angelegenheit eben mal nebenbei vom Tisch gewischt werden könnte.
Die Feststellung, dass Jugendarbeitslosigkeit - wie übrigens Arbeitslosigkeit im allgemeinen - eine strukturelle und nicht bloß konjunkturelle Frage darstellt, gehört heute zwar unter Sozialwissenschaftlern weitestgehend zum Gemeingut, ist aber unter Politikern nach wie vor nicht wirklich ins Unterbewusstsein durchgesickert, was allein schon der Begriff „Stellen“-Programm der bereits angesprochenen Politik zeigt. Dies ist vielleicht sogar verständlich, reduziert doch eine konjunkturbezogene Interpretation des Problems dessen Dringlichkeit und hängt den Level der erforderlichen Anstrengungen zu einer erfolgreichen Bekämpfung niedriger, als wenn die verfestigten Strukturen infragegestellt und verändert werden müssen.
Diese strukturelle Komponente muss allerdings nicht nur die Politik und die Wirtschaft in der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit berücksichtigen, auch die sozialpädagogischen Anstrengungen werden damit konfrontiert. Arbeitsweltbezogene Sozialpädagogiktraditionell Jugendberufshilfe genannt - wird dadurch zugleich aber auch in ihrem Selbstverständnis tangiert, insofern nämlich die Partner ihrer Arbeit in erster Linie nun mal nicht die Verursacher oder Verfüger über diese Strukturen sind, sondern deren Opfer. Diese Stellung der Sozialen Arbeit hat Michael Galuske als ein fortwährendes „Orientierungsdilemma“ beschrieben, insofern Soziale Arbeit eben grundsätzlich mit der Vermittlung zwischen System und Lebenswelt beauftragt sei. 1
1 Vgl. Galuske, Michael: Das Orientierungsdilemma. Jugendberufshilfe, sozialpädagogische Selbst-
vergewisserung und die modernisierte Arbeitsgesellschaft, Bielefeld 1993, S. 97-101.
2
Aufgabe dieser Arbeit ist es, sich mit einer näheren Bestimmung und Problematisierung dieser Vermittlungsfunktion der Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit auseinanderzusetzen. Dazu ist eine Klärung erforderlich, welche sowohl im Hinblick auf die betroffenen Subjekte als auch in Bezug auf die gegebenen Strukturen zur „Standort“-Bestimmung heutiger Arbeit und Arbeitslosigkeitsbekämpfung verhilft. Daher geht es im ersten Teil dieser Arbeit zunächst um eine Betrachtung der modernen Arbeitsgesellschaft und ihrer Eigenschaften als der umfassenden Grundlage und des spezifischen Kontextes heutiger arbeitsweltbezogener Jugendhilfe. Dabei geht es bereits um die Vermittlung zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und der individuellen Seite derselben, d.h. um die Frage, welche Auswirkungen dieser gesellschaftliche Rahmen auf den einzelnen Menschen hat. Im zweiten Teil folgt dann die Auseinandersetzung mit Aufgabe und Rolle von Sozialer Arbeit unter den Bedingungen der modernen Arbeitsgesellschaft, um dadurch ihre Möglichkeiten aufzuzeigen. Dabei gilt es insbesondere, den Vermittlungscharakter sozialer Arbeit herauszuarbeiten. Das vorliegende Referat bezieht sich hierzu im Wesentlichen auf die Thesen und Positionen Michael Galuskes überblicksartiger und umfassender Arbeit zum Thema. 2
2 Vgl. Galuske, Michael: Das Orientierungsdilemma. Jugendberufshilfe, sozialpädagogische Selbst-
vergewisserung und die modernisierte Arbeitsgesellschaft, Bielefeld 1993. Den theoretischen Teil
dieser Arbeit (S. 14-149) für das Seminar in seinen Grundzügen und Thesen aufzubereiten und als
„Hintergrundinformation“ einzubringen war ja die Aufgabenstellung des hier ausgearbeitet
vorliegenden Referats. Dieser wird etwa auch in der Rezension von H. Effinger als „Überblick zur
Bedeutung gesellschaftlicher Lohnarbeit in der aktuellen Theoriedebatte Sozialer Arbeit“ (S. 111)
qualifiziert. Der Rezensent kreidet aber auch -und m.E. zurecht- Redundanzen und Überfrachtung
von Bezügen an (S. 110). Die Leserfreundlichkeit, welche H. Arnold und W. Schröer dem Buch
attestieren, kann ich folglich kaum nachvollziehen.
3
2. Die moderne Arbeitsgesellschaft
Die moderne Arbeitsgesellschaft ist - wie bereits der Begriff zum Ausdruck bringt - kein ahistorisches Phänomen, sondern Ergebnis eines umfassenden Entwicklungsprozesses, welcher die Konstitution der jeweiligen Gesellschaft als solcher zum Kennzeichen hat. Dies zeigt folgender Überblick:
2.1. Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft
Im griechisch-römischen Verständnis war Arbeit das, was diejenigen leisteten, die ‘unterhalb des Vollbürgerstatus’ lebten (also bspw. Sklaven u.a.). Der Bürgerstatus wurde über die Einhaltung von Tugenden definiert. Vom christlichen Verständnis her ist Arbeit als ‘Mitschöpfertum’ dagegen auf alle Menschen bezogen, wenn auch die vita activa der vita contemplativa gegenüber klar nachrangig bleibt. Ein Bruch tritt erst mit Martin Luther auf, der die ‘weltliche Arbeit’ aufwerten möchte. In Johannes Calvins Prädestinationslehre avanciert dann der berufliche Erfolg zum Kennzeichen religiöser Erwählung. Arbeit behält aber zunächst seinen religiösen Charakter, so dass Profitstreben allein keine zentrale Bedeutung bekommt. Das bedeutet, dass die Reformation zwar ein kapitalistisches Leistungsethos grundlegend ermöglicht, ohne es zu verursachen. 3 Bei John Locke geschieht dann eine Verknüpfung von Arbeit mit dem Erwerb von Besitz bzw. Besitzrechten; diese Verknüpfung wird von Adam Smith erweitert: Arbeit führt zu Besitz und dieser zu Glück. Im geschichtlichen Verlauf ergibt sich also - so das Resümee Hannah Arendts - ein „Aufstieg der Arbeit von der untersten und verachtetsten Stufe zum Rang der hochgeschätztesten aller Tätigkeiten“ 4 .
Mit diesem Wandel des Wertbewusstseins geht auch eine Transformation menschlicher Verhaltensmuster und -orientierungen einher, so dass die Erfordernisse der neuen Produktionsstrukturen internalisiert werden. In der Agrar- und Handwerksgesellschaft gängige Verhaltens- und Arbeitsweisen werden in der Industriegesellschaft zum Armutsrisiko: Besonders im Verlagswesen wird die am Output orientierte Entlohnung zum Instrument der Durchsetzung disziplinierten und selbstgesteuerten Arbeitens; im Manufakturwesen erzeugt die Komplexität massenhafter synchronisierter
3 Vgl. Galuske (1993), S. 16.
4 Zitiert nach Galuske (1993), S. 17.
4
Arbeit zitieren:
Markus Raschke, 2000, Das Verhältnis von moderner Arbeitsgesellschaft und Sozialer Arbeit - ein Orientierungsdilemma, München, GRIN Verlag GmbH
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