Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Rhetorische Erziehung in den Jesuitenschulen 4
2. 1. Die ´eloquentia sacra - Antike Tradition und jesuitische
Waffenbildlichkeit 4
2. 2. Traditionelle und frühneuzeitliche Rhetoriken und ihre
Bedeutung für die Schulen der Gesellschaft Jesu 7
2. 2. 1. copia verborum et rerum 7
2. 2. 2. Progymnasiata-Sammlungen 8
2. 2. 3. Der humanistisch-philologische Typus 9
2. 2. 4. Der Erweiterungstypus 9
2. 2. 5. Rhetorik-Dialektiken in der Tradition Rudolf Agricolas 11
2. 3. Rhetorische Ausbildungspraxis an den Jesuitenschulen 12
2. 3. 1. Ars (Theorie) 13
2. 3. 2. Imitatio (Nachahmung) 14
2. 3. 3. Exercitatio (Übung) 14
3. Zusammenfassung 16
4. Bibliographie 18
2
1. Einleitung
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Rhetorik in den Schulen der ´Societas Jesu` (Gesellschaft Jesu). Da die Bedeutung der Rhetorik sich im Laufe der Geschichte des Ordens stetig verändert und mit der Zeit - im Zuge der Ablösung des Lateinischen durch das Deutsche - immer mehr schwindet, beschränkt sich die vorliegende Untersuchung auf die Blütezeit des Jesuitenordens im 16. und 17. Jahrhundert.
Aus dem Bereich der Rhetorik wird ein Schwerpunkt auf der Bedeutung und Vermittlung der Eloquenz innerhalb des Erziehungssystems der Jesuiten liegen. Auf die Vermittlung der Eloquenz wurde in den Jesuitenschulen unter dem Schlagwort ´eloquentia sacra` großen Wert gelegt. Dieser besonderen Stellung der Eloquenz vor dem historischen Hintergrund der Gegenreformation und der Glaubenskämpfe soll der erste Teil dieser Arbeit gewidmet sein. Danach soll die Frage nach den theoretischen Rhetorikmodellen, mit denen die Jesuiten arbeiteten untersucht werden. Hierzu eignet sich besonders eine Betrachtung der Rhetoriklehrbücher, die das jesuitische Erziehungssystem beeinflussten und aus denen sich die sogenannte Jesuitenrhetorik entwickelte. Abschließend soll die Unterrichtspraxis unter rhetorischen Gesichtspunkten beleuchtet werden.
3
2. Rhetorische Erziehung in den Jesuitenschulen
2. 1. Die ´eloquentia sacra` - Antike Tradition und jesuitische Waffenbildlichkeit Da die Rhetorik im Allgemeinen - und die Eloquenz im Besonderen - im Unterricht an den Gymnasien und Kollegien des Jesuitenordens einen großen Stellenwert einnimmt, ist es nicht nur legitim, sondern notwendig, zunächst die Gründe für diese herausragenden Stellung zu betrachten. Dieses kann aber nur vor dem historischen Hintergrund erfolgen.
1540 von Ignatius von Loyola mit dem Ziel, den Seelen beizustehen (ayudar las animas) gegründet, ist die Gesellschaft Jesu […] „zwischen dem ´Tridentinischen Konzil` (1545-63) und der Aufklärung der katholische Kommunikationsorden schlechthin“ 1 [...]. In dieser Eigenschaft hatte sich der Orden zur Aufgabe gemacht, im Zuge der Gegenreformation den Katholizismus in Europa zu festigen und gleichzeitig durch Missionierung in der Welt zu verbreiten. Eine wichtige Stütze für die Verwirklichung dieser hochgesteckten Ziele bildeten die ordenseigenen Gymnasien und Kollegien. In ihnen kam neben Grammatik, Dialektik und Philosophie vor allem der Rhetorik eine überragende Stellung zu. Die Rückbesinnung auf antike Bildungsideale ist jedoch keine Entwicklung, die erst mit der Gründung der Jesuitenkollege einherging. Zuvor hatten sich bereits die Humanisten wieder auf den Geist der Antike besonnen und trieben in Anlehnung an deren Ideale die Erarbeitung eines neuen Menschenbildes voran. Im Zuge dieser Bestrebungen traten sie auch der geringschätzigen Behandlung der Rhetorik, die während des Mittelalters lange Zeit heftiger Kritik ausgesetzt gewesen war, vehement entgegen. Poesie und Beredsamkeit, so war man der Auffassung, seien die Zierde des Altertums. Der Mangel an Eloquenz sei gar Schuld an allen Übeln in der Bildung und den Sitten des Klerus, über welchen auf allen Konzilien und Reichstagen geklagt werde. Mit der Eloquenz würden auch Weisheit und Tugend, die mit jener unzertrennlich verbunden seien, ihren Einzug halten 2 .
1 F. M. Eybl: Jesuitenrhetorik. In: Gert Ueding (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen
1998. Band 4, S. 717 ff.
2 Vgl.: Georg Mertz: Über Stellung und Betrieb in den Schulen der Jesuiten. Heidelberg 1898, S. 4
4
Diese hohe Wertschätzung der Eloquenz findet sich, neben allgemeinen Übereinstimmungen zwischen den Lehrplänen an humanistischen und jesuitischen Bildungseinrichtungen, auch an den Schulen der Jesuiten. Deshalb wurde vielfach angenommen, dass die Ordensmänner das Schulwesen der Humanisten lediglich nachgeahmt hätten. Georg Mertz verweist angesichts dieses Vorwurfs auf die Vorrede zum jesuitischen Ausbildungskodex „ratio studiorum“ (1586) 3 . Hier werden Parallelen in der Bildungskonzeption keineswegs bestritten, sondern damit erklärt, dass sowohl der Gründer der Gesellschaft Jesu, Ignatius von Loyola, als auch bekannte humanistischprotestantische Schulmänner, wie zum Beispiel der Straßburger Johannes Sturm (1509-1589), Produkt der geschichtlichen Entwicklung des abendländischen Schulwesens seien. Beide hätten in den wissenschaftlichen Metropolen der damaligen Zeit, nämlich der Universität in Paris - bzw. der ihr nachempfundenen Löwener Universität - ihre akademischen Grade erlangt und in Folge dessen sei es nicht weiter verwunderlich, wenn die „ratio studiorum“ und der Sturmsche Schulplan gewisse Gemeinsamkeiten aufwiesen. Schließlich gingen doch beide in allgemeinen Umrissen auf den Pariser Typus zurück.
Endgültig wird sich die Frage, ob die Jesuiten das humanistische Bildungsprogramm ursprünglich nur übernommen hatten, oder ob es sich um eine unabhängige Entwicklung handelt, kaum klären lassen. Interessanter als die Tatsache formaler Übereinstimmung in den grundsätzlichen Unterrichtsmethoden ist jedoch, warum sich die Jesuiten wieder der Antike, namentlich der Rhetorik zuwendeten, obwohl diese doch lange Zeit von weiten Teilen der katholischen Kirche verteufelt wurde. Zwar spricht manches dafür, dass sich das Bildungskonzept der protestantischen und der jesuitischen Schulen parallel entwickelte. Es ist allerdings auch denkbar, dass die Humanisten durch die Wiederentdeckung des antiken Bildungskanons eine Bewegung in Gang gesetzt hatten, die weder vom Papst in Rom, noch von den Jesuitenpatres aufgehalten werden konnte. Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, musste man den Gegner mit seinen eigenen
3 Mertz [2], S. 6.
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Arbeit zitieren:
Michael Lux, 2004, Rhetorische Erziehung in den Jesuitenschulen, München, GRIN Verlag GmbH
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