Vorwort
WS 2010/11 an der Universität Heidelberg bei Prof. Christian Möller. Viele Diskussionen im und außerhalb des Seminars sind mit in die Arbeit eingeflossen. Ich habe Kierkegaard immer schon faszinierend gefunden, habe es aber während meines Studiums nie geschafft, mich näher mit ihm zu beschäftigen. Gerade am Ende meines Studiums erhielt ich die Gelegenheit dazu. Nun frage ich mich, wie ich überhaupt habe Theologie studieren können, ohne mich mit ihm befasst zu haben.
Zu Melancholie neigende Menschen so wie ich können sich wahrscheinlich besser in Kierkegaard hineinversetzen als andere Menschen. Tatsächlich beeindruckt mich der Ernst seiner christlichen Haltung und auch die Konsequenz und Schärfe seines Denkens. Nichtdestotrotz will ich nicht so in dieser Einsamkeit leben wollen wie Kierkegaard weil ich auch weiß, wie leidvoll das ist. Eine seiner größten Schwächen ist die Beziehung zu seinen Mitmenschen. Die Welt- oder Menschenbeziehung spielt tatsächlich in seinen Werken eine etwas untergeordnete Rolle. Da ist es nötig über ihn hinauszudenken und vor allem . Was aber die Gottes- und die Selbstbeziehung angeht, kenne ich keinen Philosophen und Theologen, der ihm das Wasser reichen könnte. Darin ist er mir Vorbild und die Beschäftigung mit ihm ist meiner Ansicht nach sowohl für Theologen als auch für Pfarrer, aber auch generell für Christen, äußerst lohnend und bereichernd.
Die Begeisterung für Kierkegaard wäre nicht so groß gewesen, wenn Herr Möller selber uns nicht immer wieder den Zugang zu ihm auch von der subjektiven, emotionalen Seite her ermöglicht hätte. Für seine Leidenschaft zu Kierkegaard und für das gemeinsame Lesen von
das gemeinsame laute Lesen und Besprechen seiner Schriften in vertrautem Kreise. Carsten, Helge und Johannes bin ich dankbar für manche Nachmittagsstunden im Morata Haus in Heidelberg sowie für intensive Diskussionen auf manchen längeren Zugfahrten!
Heidelberg, im April 2011
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Inhalt
Vorwort 3
1. Einleitung. 5
2. Biographischer Hintergrund 6
3. Spiel mit den Pseudonymen. 8
4. 10
4.1 Das Selbst-Verhältnis. 11
4.2 Die Verzweiflung. 14
5. 17
5.1 Kierkegaard als Philosoph 17
A) Missverhältnis in der Synthesis 18
B) Missverhältnis im Selbstverhältnis. 22
)C Missverhältnis im Gottesverhältnis. 27
5.2 Kierkegaard als Pädagoge. 32
5.3 Kierkegaard als Pastor 35
6. 41
7. Statt eines Schlusswortes. 44
8. Literaturverzeichnis. 49
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1. Einleitung
- führt zum Auftakt der Arbeit,
ständige Begleitung, wenn es um das Erfassen des Sünden- und Glaubensverständnisses bei Kierkegaard geht, ist die Habilitationsschrift von Prof. Dr. Christiane Tietz, die meiner Meinung nach zumeist die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Werk Kierkegaards zieht. Mit Fortlaufen der Arbeit habe ich bemerkt, dass man wollte man auch noch andere Schriften Kierkegaards stärker in die Arbeit mit hinein beziehen leicht über den Umfang einer Dissertation hinausgelangen könne. Auch so ist der Umfang dieser Arbeit schon etwas über das Ziel hinaus geschossen. Daher habe ich es aufgegeben alle nur erdenkliche Sekundärliteratur in die Arbeit aufzunehmen das hätte den noch zu vertretbaren Rahmen schier gesprengt. Ein wesentlicher Hauptteil dieser Arbeit ist das Erfassen des Sündenverständnisses doch damit wollte ich nicht stehen bleiben. Kierkegaard gibt meiner Meinung nach implizit Hinweise, in welche Richtung sein Werk führen soll: zum Glauben, d.h. zur Erlösung von der Verzweiflung und der Sünde. Ich habe mit guten Gründen die Freiheit genommen, ihn in diesem Sinne als Pädagogen und als Pastoren zu bezeichnen. Als eine kleine Spielerei betrachte ich den Exkurs zur Christologie. Im Schlusswort habe ich darauf verzichtet, die Arbeit nochmals zusammen zu fassen, stattdessen wollte ich natürlich aufgrund des erarbeiteten Sachverhaltes meine persönliche Meinung darlegen, weshalb die Beschäftigung mit Kierkegaard in unserer Zeit unerlässlich ist. Damit will ich auch klar und deutlich betonen, dass diese Arbeit nicht ein abschließendes Urteil über sein Werk ist, sondern mehr der Beginn einer weiterführenden Beschäftigung. Dazu ist sein Werk viel zu vielschichtig und facettenreich, als ich es mit meiner Arbeit habe zum Ausdruck bringen können. Letztlich fehlt es der Arbeit an Abgeklärtheit. Dass ich es trotzdem wage die Arbeit so abzugeben, hat letztlich damit zu tun, dass ich sie als ein einführendes Vorantasten in ein schwieriges Terrain verstehe, die notwendig ist, um überhaupt weiter voranschreiten zu können. Darin erfüllt sie eine wichtige Funktion und darum ist es legitim die Arbeit auch so zu belassen wie sie ist. Man möge mir verzeihen, dass ich nicht alle Details in der Arbeit sorgfältig zitiert und belegt habe. Vieles war für mich aber aus dem Seminar und aus meinen langjährigen theologischen Studien einfach so vertraut, dass ich den Leser mit unnötigen Zitatenbergen nicht belasten wollte. Das sei der Redlichkeit halber erwähnt.
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2. Biographischer Hintergrund
Es gibt wenige Schriftsteller (denn als solcher bezeichnete er sich in erster Linie 1 ), bei denen Person und Werk so eng beieinander liegen, wie bei Sören Kierkegaard. Daher ist es notwendig einen kleinen Blick in sein Leben zu werfen, um viele seiner Schriften verstehen zu können. Doch sei bereits hier schon die Warnung ausgerufen, die eigentlich bei der Beschäftigung mit Kierkegaards Werken nicht oft genug wiederholt werden kann: Seine Werke sind nicht psychologisch zu reduzieren. Es mag zwar für die Psychologie interessant sein, seine Schriften beispielsweise auf einen Vaterkomplex 2 zu reduzieren, doch für die eigentliche wie ich sie verstehe Beschäftigung mit Kierkegaard ist sie ohne Nutzen, wenn nicht gar schädlich da sie von der existenziellen Dimension des menschlichen Daseins wesentlich ablenkt. Kierkegaard spricht existenzielle Wahrheiten an, die für Menschen eine wesentliche Bedeutung haben, gerade auch wenn sie nicht mit den gleichen Problemen kämpfen müssen wie der Autor. Die Intensität seiner Schriften lässt sich wiederum aber nur verstehen, wenn man bedenkt, dass jede Faser seiner Schriften durchtränkt ist mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen jede Zeile trägt die Handschrift seines Lebens und jede Zeile ist bis aufs letzte durchdacht und durchlebt. Und gerade in seiner Subjektivität lassen sich herausfiltern, die uns alle angehen. Mit Nietzsche möchte ich sagen, dass Kierkegaard wahrlich 3
Was uns an Kierkegaards an sich langweiligem und unspektakulärem Leben interessiert, sind drei Dinge: seine geistige und geistliche Herkunft, sein Verhältnis zu seinem Vater und sein unglückseliges Verhältnis zu Regine Olsen. 4
Kierkegaard ist streng religiös im pietistischen Geist 5 erzogen worden. Sein Vater war ein frommer und arbeitsamer Kaufmann, der sich mit Fleiß vom armen Mann zum einen der
1 SCHRÖER, Kierkegaard 143; GW 33, 1-17.
2 WALTHER, Angst passim.
3 NIETZSCHE, Zarathustra
den Werken Kierkegaards liegt meiner Ansic
Wollte man Kierkegaard selbst als Meister sehen, dem man
nachfolgen sollte, hat man Kierkegaard verfehlt. Seine Leiden wirklich zu durchleben: das ist nicht gerade empfehlenswert. Wollte man aber meinen, Kierkegaard gehe uns nichts an, denn er schreibe ja nur über seine
beachtet zu werden.
4 Außer diesen drei prägenden Faktoren und Ereignissen seines relativ kurzen Lebens, neigt man mit
GARFF, Kierkegaard, passim.
6
reichsten Bürger Kopenhagens emporgearbeitet hatte. Im Hause Kierkegaard atmete man den Geist des Christentums und auch Sören wurde darin erzogen. Nach dem Tod der ersten Frau des Vaters Michael Pedersen Kierkegaard, heiratete er seine Haushälterin, die zum Zeitpunkt der Heirat bereits schwanger gewesen war. Diese Sünde des Fleisches sowie eine Verfluchung Gottes in einem unbedachten Moment, veranlasste den Vater an ein Fluch zu glauben, der sich auf brutale Weise zu äußern schien: fünf der älteren Geschwister Sörens sind als Jugendliche oder als junge Erwachsene gestorben. Sören meinte nun auch zeitlebens, von einem Fluch heimgesucht worden zu sein. Auf frappante Weise wird er auch wie sein Vater ein Schlüsselereignis erleben, das ihn sein gesamtes Leben prägen und auf ihn wirklich wie ein Fluch lasten wird. Wenn auch Sören die streng pietistische Erziehung seines Vaters als eine bedrückende Last empfunden hatte 6 , so lernte er von ihm doch eines: eine präzise Auffassungsgabe sowie eine ausgeprägte Phantasie auszubilden diese Gaben wird Sören in seinen zahlreichen Werken zum Besten geben. Wohl mehr auf Wunsch seines Vaters als aus innerer Überzeugung begann er Theologie zu studieren, seine innere Neigung lag aber vielmehr in der Philosophie und nicht zuletzt im Flanieren und im Dandytum. Das änderte sich im Jahre 1834 sowie im Jahre 1838 als seine Mutter bzw. sein Vater starb. Aus Pietät zu seinem Vater beschloss er Pastor zu werden und drängt auf die baldige Beendigung seines Studiums. Zwei Jahre später schloss er das Theologische Studium tatsächlich ab.
Doch für sein Leben war ein anderes Ereignis entscheidend: die Verlobung mit Regine Olsen. Etwas mehr wie ein Jahr später löste er die Verlobung mit Regine aber wieder auf. Es war zweifelsohne ein Skandal und eine emotionale Tragik: doch dass ein solches Ereignis Dreh-und Angelpunkt für nahezu alle Werke eines begabten Schriftstellers sein soll, war und ist wohl nicht nur für damalige Zeitgenossen mehr als nur verwunderlich. Doch genau darin lag das Entscheidende: Mit der Auflösung der Verlobung mit Regine begann seine schriftstellerische Laufbahn. Immer wieder schimmert diese Begebenheit durch seine Werke hindurch. Entweder/Oder ist als unmittelbare Reaktion auf diesen Vorfall hin zu verstehen. 7
5 Kierkegaard war mit Brorsen, Arndt, Tersteegen, Spener usw. bestens vertraut. Den Ernst seiner Theologie und den Ernst seiner Frömmigkeit hat er vom Pietismus gelernt. Vgl. SCHRÖER, Luther 245.
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ist es andererseits auch ganz sicher so, dass ein Mensch häufig gerade durch seine strenge Erziehung im Christentum in einem gewissen Sinn in Sünde stürzte, weil ihm die gesamte christliche Anschauung zu ernsthaft war, vor allem in einer früheren Zeit seines Lebens; dies aber kann ihm dann in einem anderen Sinn auch
7 Das Ironische an Entweder/Oder ist ja, dass er zwar mit dem Titel eine unhintergehbare Alternative zwischen einer ästhetischen Existenz A oder einer ethischen Existenz B aufreißt, Kierkegaard selbst aber in ein drittes tenz. Dieses Stadium soll die beiden Stadien auf einer höheren
Ebene integrieren und auflösen. Man kann es so sehen: Kierkegaard erkennt, dass er weder der ästhetischen
7
Dass Kierkegaard in Krankheit zum Tode so akribisch und penibel über die verschiedenen Stadien der Verzweiflung schreiben konnte, lässt sich diesem markanten Ereignis schulden. 8 Was genau in diesen beiden Jahren geschah und wie sie zu verstehen sind, entzieht sich letztlich einer genauen Kenntnis und Überprüfung. 9 Wichtig ist, dass er konsequent an der religiösen Existenz festhielt und sein Leben fortan dem Zölibat bzw. seiner Schriftstellerei widmete. Er sublimierte seine aus welchen Gründen auch immer gescheiterte Beziehung 10 mit Regine auf einer religiösen Ebene letztlich hat die Nachwelt diesem Scheitern viel zu verdanken: Kierkegaard hat uns mit einer beispiellos tiefschürfenden Reflexion auf das menschliche Dasein äußerst facettenreich beschenkt.
3. Spiel mit den Pseudonymen
Immer wieder machen Interpreten den Fehler, dass sie den pseudonymen Charakter vieler Schriften Kierkegaards übersehen oder missachten. Doch Kierkegaard hat sich bei der Wahl der Pseudonyme etwas gedacht. Dabei geht es weniger um die Frage, ob man bei den pseudonymen Schriften die Gedanken Kierkegaard zuschreiben darf oder nicht oder ob sich Kierkegaard selbst mit ihnen identifiziert hat oder nicht. Vielmehr gilt es festzumachen, dass
Existenz (Genuss der Liebe), noch der ethischen Existenz (Unauflösbarkeit der Ehe) genügen kann und somit bleibt ihm nur noch das religiöse Stadium als Lebensweise offen, die er aber aus Freiheit gewählt hatte (auch wenn mit beträchtlicher Zerknirschung). Fortan entschloss er sich ein Leben im Zölibat zu führen. GARFF, Kierkegaard 223. In Anbetracht der
beidseitigen Leiden, ist das definitiv eine richtige Frage. Sein Fehlverhalten lässt sich vielleicht allein darin rechtfertigen, dass er mit noch größerer Leidenschaft für Gott gelebt hat. Ob er diese Leidenschaft nicht auch mit ihr hätte teilen können?
9 Dazu gibt es Unmengen von Literatur und Erklärungsmöglichk
gegenseitige Vertrauen das Um und Auf einer Ehe war, war dieses Vertrauen aufgrund des Gegensatzes seiner Intellektualität und ihrer starken Sinnlichkeit von vornherein auf eine schwierige Probe gestellt. Er traute es ihr nicht zu, mit seiner Vergangenheit und seinen Ansichten angemessen umgehen zu können. Hier ein kleiner , die kleine Geschichten verdeckt. Das wollte ich nicht, dann wäre sie mein
Kebsweib geworden, da hätte ich sie lieber umgebracht. Aber hätte ich mich erklären müssen, so müßte ich sie einweihen in entsetzliche Dinge, mein Verhältnis zum Vater, seine Schwermut, die ewige Nacht, die zuinnerst brütet, meine Verirrung, Lüste und Ausschweifungen, die doch vielleicht in Gottes Augen nicht so himmelschreibend sind; denn es war doch Angst, die mich dazu brachte, in die Irre zu gehen, und wo sollte ich Zuflucht suchen, da ich wußte, oder ahnte, daß der einzige Mann, den ich wegen seiner Stärke und Kraft GARFF, Kierkegaard 227f.; TB 1, 306; Vgl. auch bei NIGG
weinend bei ihr; sie war der einzige Mensch, der seine Tränen gesehen hatte und sie zu trocknen versuchte. Er kam sich eine Ewigkeit zu alt für sie vor und meinte, ein Mensch mit einer solch abgründigen Schwermut dürfe niemals ein unbeschwertes, holdes Wesen, das noch halb Kinderspiel und halb Gott im Herzen habe, an sich binden. Er begann Überlegungen anzustellen, die alle in die Nähe der Selbstplagerei führten, deren er nicht
10 Um gegen seine Liebe zu ihr zu kämpfen, benahm er sich ihr gegenüber absichtlich wie ein Schurke. Innerlich ging e GARFF, Kierkegaard 225.
8
die religiösen und ethischen Forderungen, die in pseudonymen Büchern formuliert werden, Kierkegaard bei weitem nicht erfüllen kann. Kierkegaard hinkt sozusagen diesen ideellen Personen hinterher (das gilt sowohl beim Ästhetiker als auch beim Ethiker in Entweder/Oder, bei Begriff Angst und bei KzT usw.), daher bevorzugt Kierkegaard auch nur die christlichen Predigten unter seinem Namen zu veröffentlichen, da es dort nicht um eine spezifische ideelle Lebensweise geht, sondern um die religiöse Existenz, mit der sich ja Kierkegaard seit der Auflösung der Verlobung identifiziert hat. In mancher Hinsicht gleicht er Paulus, der an seiner Autorität als Apostel und als Lehrer festhält, gleichzeitig aber immer wieder seinen
schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; [...] strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung -14). So sieht es auch Kierkegaard Anti-Climacus aber,
11 . So will auch Kierkegaard nach dem Ziel gelangen und nach dem christlichen Ideal streben, das Anti-Climacus auf schärfste Weise beschreibt daher soll die Herausgeberschaft Kierkegaards signalisieren, dass er sich den idealen Forderungen des Christ-Seins stellt, ohne selbst aber diesen Forderungen entsprechen zu können. Kierkegaard will ähnlich wie Jesus
ablenken und die Aufmerksamkeit auf erdichtete Figuren lenken, die nur der Möglichkeit nach existieren (und darin aber eine wichtige Funktion erfüllen!), aber nicht der Wirklichkeit nach. Er selbst wünschte gerne so zu leben und sein zu können und bringt dadurch diesen Personen Bewunderung und Achtung entgegen, da sie sich den Forderungen der ästhetischen, ethischen (Ästhetiker A und Ethiker B in Entweder/Oder) oder religiösen Lebensweise (Anti-Climacus, Vigilius Haufniensis,...) nach maximaler Intensität und Idealität (erfolgreich) stellen. Auch hier sehen wir ein Reflex auf die tragisch gescheiterte Beziehung mit Regine: er ist in jeder Hinsicht der Schuld verfallen und kann diese Schuld in keinster Weise schön reden. Die große Frage ist nun, ob Kierkegaard wenigstens die religiöse Existenz erfolgreich
ennt ausschließlich seinen Nicht-Glauben. Anti-Climacus ist daher jemand, der
den Glauben besitzt. Johannes Climacos war ein Mystiker, der ein einflussreiches Meditationsbuch verfasst t gelangen, d.h. er ist noch auf der
Suche nach Gott, auf der Suche nach Vollkommenheit Anti-Climacus jedoch braucht die Suche nach Gott nicht mehr, er hat ihn bereits gefunden und befindet sich quasi in der christlichen Vollkommenheit. Siehe dazu KzT 184, Anm. 152; LOUTH, Mystik 560.
9
leben kann. An der ästhetischen und ethischen Existenz ist er ja gescheitert. Er ist sich dessen bewusst, dass er die hohen Anforderungen des Christentums, nämlich Geist zu werden, nur mäßig erfüllt denn er war und ist aufgrund der gescheiterten Beziehung zu Regine verzweifelt und Verzweiflung ist Sünde. Das Ewige fragt ihn am Tag des Gerichts, nicht ob er tugendhaft gelebt habe, sondern ob er verzweifelt gewesen sei. Er hätte antworten müssen, ja ich war verzweifelt aher stand er immer in Gefahr auch an der religiösen Existenz zu scheitern. 12 Auch Regine gegenüber konnte er nur eines zeigen: er hat die Beziehung immer hätte er unter seinem eigenen Namen geschrieben, dann hätte er ihr dem war aber
offensichtlich nicht so). Kierkegaard machte sich während der Zeit zwischen Abfassung und Veröffentlichung von KzT Gedanken, ob er sie unter einem Pseudonym oder unter seinem eigenen Namen veröffentlichen soll. 13 Nicht zuletzt sind die Pseudonyme ein schöner und humorvoller literarischer Trick, um Demut zu signalisieren!
4. Kierkegaards Anthropologie
Kierkegaards Philosophie bzw. Theologie ist ohne seine Anthropologie nicht zu verstehen. Missverständlich wäre es aber, wenn man unter seiner Anthropologie 14 ein ausgereiftes System mit Wesenseigenschaften und besonderen Charakteristika des Menschen versteht, das das Mensch-Sein umfassend erklärt. Hauptwesensmerkmal ist es ja gerade, dass der Mensch sich nicht in eindeutige Kategorien hineinpressen lässt. Nach Kierkegaard würde das dem Menschen gerade seine Freiheit rauben, sich selbst in ein Verhältnis zu setzen. Was uns heute in der Philosophie oder in der Theologie mehr oder weniger selbstverständlich erscheint 15
12 Vgl. dazu KzT 24.
13 ei
gemeldeten Einschränkung, dass Kierkegaard nicht beansprucht, dem dargestellten Ideal zu entsprechen. Siehe dazu KzT 184 Anm. 152: zu seiner eignen Demütigung allen seinen Fleiß braucht, sein ganzes Denken bis zum Äußersten anstrengt, um die Forderungen der Idealität darzustellen gelingt es, so wird ja im gleichen Maße seine eigene Unvollkommenheit nur immer größer, die Schuld, in der er ist, immer (Hervorhebungen durch mich).
14
will. Vielmehr geht es ihm darum, wie sich der Mensch in seiner Existenz zu sich selbst verhält. Dass in weiterer Folge trotzdem dieser Begriff verwendet wird, liegt erstens daran, dass mir kein besserer Begriff einfällt, zweitens weil der Existenzvollzug des Menschen sich nur in dialektischen (!) Kategorien denken lässt und daher nicht eindeutig festzulegen sind. Gewisse Strukturelemente wie Verhältnis, Selbst, Verzweiflung müssen erläutert werden, damit man Kierkegaards Anliegen in KzT verstehen kann.
15 -
Existenz als Dasein, das nur über Existenzialien nicht aber über Kategorien definiert werden kann) erwähnt.
10
(nicht jedoch in den anderen Wissenschaften!), war aber noch zu Kierkegaards Zeiten
gewaltiges System verteidigen (gemeint ist die Phänomenologie des Geistes von Hegel). Doch was charakterisiert den Menschen nach Kierkegaard?
4.1 Das Selbst-Verhältnis
16 Der Mensch ist also
durch eine Polarität von Gegensätzen gekennzeichnet. Irgendwo zwischen den beiden Polen bewegt sich der Mensch. Die beiden Gegensätze stehen zueinander in einem Verhältnis (einer Synthesis), das der Mensch ist. Der Mensch ist die Einheit der beiden Pole. Der Mensch steht also in einem Spannungsverhältnis zu den beiden Polen und nimmt somit eine Stellung zwischen dem Tierreich (reine Endlichkeit) und Gott (Unendlichkeit) ein. Dieses Menschenbild ist also äußerst dynamisch. Der Mensch lässt sich weder als ein rein biologisches Wesen festlegen, noch kennt Kierkegaard die Unsterblichkeit eines Teilbereichs des Menschen, etwa der Seele. 17 Doch diese Feststellung reicht noch nicht aus.
Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch sich zu diesen bipolaren Existenzbedingungen 18 verhält, gleichsam in ein selbstreflexives Verhältnis eintritt. Hier führt Kierkegaard den Begriff des Selbst ein. Das Selbst tritt zur Synthesis in ein Verhältnis. Es verhält sich sozusagen zu sich selbst. Kierkegaard eröffnet somit eine doppelte Struktur des Menschen. Einerseits ist der Mensch ein Wesen, das ganz spezifische Existenzbedingungen aufweist (Kierkegaard nennt sie in KzT Endlichkeit-Unendlichkeit), andererseits ist der Mensch ein Wesen, das sich zu diesen Existenzbedingungen verhält, d.h. sich selbst in Bezug setzt zu diesen Existenzbedingungen. 19
Gegenwärtig erlebt man jedoch wieder eine kategoriale Festlegung des Menschlichen, die dem Menschen seine Freiheit auf noch dramatischere Weise rauben will 16 KzT 8.
17 Kierkegaard grenzt sich somit sowohl von rein physiologisch-psychologisch Beschreibungen des Menschen ab, als auch von rein metaphysischen.
18 Tietz führt diesen meiner Meinung nach treffenden Ausdruck für die den Menschen ausmachenden bipolaren Gegensätzen ein, die ständig dialektisch auf einander bezogen sind. TIETZ, Freiheit 34.
19 In weiterer Folge soll das Selbstverhältnis und das bipolare Verhältnis des Menschen klar unterschieden werden. Erstere soll als Selbst oder Selbstverhältnis bezeichnet werden, letztere als Synthesis. Ich greife damit eine sinnvolle begriffliche Unterscheidung von TIETZ, Freiheit 36 auf (die Kierkegaard in seinem Werk oft selber nicht macht). Zu bedenken ist dabei, dass die begriffliche Unterscheidung nicht zur wesenhaften Trennung von
11
) ist dabei nicht eine weitere Wesensbestimmung des
Menschen. Vielmehr ist das Selbst ein Ausdruck für das Verhältnis zur Synthesis, die eine Einheit ist von den genannten polaren Gegensätzen. Die Synthesis ist ja Wesensmerkmal jedes Menschen. Doch damit ist noch nicht gesagt, dass der einzelne Mensch auch diese Existenzbedingungen nachvollzieht, sich diesen Existenzbedingungen bewusst wird und sich diesen Existenzbedingungen stellt. Relevant werden diese Existenzbedingungen nicht dadurch, dass man sie in wie auch immer geartete Systeme presst und gewisser Weise intellektuell feststellt und sie dadurch eigentlich entschärft und (das was jedem Menschen angeht also unter Ausblendung des eigenen Selbst), sondern erst dadurch, dass der einzelne Mensch in ein Verhältnis (man könnte auch sag zu seinen eigenen Existenzbedingungen tritt. Sofern der einzelne Mensch bewusst wird, dass er dieser Mensch ist, hat er sich in ein Verhältnis zu dieser Synthesis gesetzt. 20 Nur in diesem Verhältnis zur Synthesis ist der Mensch Geist bzw. nur so hat er ein Selbst (und dementsprechend auch ein Selbst-Bewusstsein). Entscheidend ist auch, dass das Selbstverhältnis in den Kategorien von Bewusstsein und Wollen ausgedrückt wird. 21 Dieses en
ausmacht. 22 Der Mensch muss immer wieder seine Existenzbedingungen zu sich selbst Geist und zwar
in jedem Augenblick des Sich-zu-sich-selbst-Verhaltens. In dieser Tätigkeit des Geistes liegt ein aktives Moment inne. Diese Dynamik in Kierkegaards Anthropologie macht es so schwer, den Menschen in einem rein kategorialen System zu beschreiben. Mit der Beschreibung (und damit auch Festauf, denn das Selbst lässt sich gerade nicht festlegen weder begrifflich noch im existenziellen Vollzug. Das Selbst ist nichts Dauerhaftes, das man entsprechend analysieren, kategorisieren und systematisieren könnte. Trotzdem kann man auf die Verwendung des Begriffes Selbst bzw. Geist nicht verzichten. Das Selbst ist ein operativer Begriff, mit der man die Existenzstrukturen des Menschen verständlich machen kann. 23 Er ist notwendig, um dem
Synthesis und Selbstverhältnis führen darf. Im Existieren gibt es keine Synthesis ohne Selbstverhältnis und kein Selbstverhältnis ohne Synthesis. Während die Synthesis i
20 Was nach Kierkegaard de facto ja immer vorkommt (der Mensch kann nicht, nicht zu sich selbst verhalten), jedoch in unterschiedlicher Intensität.
22 Siehe TIETZ, Frei
D.h. der einzelne Mensch geht nicht in Be
12
dynamischen Charakter des Selbstverhältnisses Ausdruck verleihen zu können und um damit für die weitere Analyse der Verzweiflung arbeiten zu können. Durch die Nicht-Bestimmbarkeit versucht Kierkegaard die Unableitbarkeit des menschlichen Existierens zu gewährleisten. Was der Mensch aus sich selbst macht, bleibt letztlich im Verantwortungsbereich des einzelnen Menschen und in seiner Freiheit begründet. Allerdings so, dass der Mensch dabei seine spezifischen Existenzbedingungen berücksichtigen muss. Es ist keine voraussetzungslose Freiheit und der Selbst-Vollzug zum Geist hin, ist an Bedingungen geknüpft, über die der Mensch nicht verfügt.
Kierkegaards Anthropologie ist im Wesentlichen eine theologische. Kierkegaard entfaltet keine Anthropologie ohne das Woher des Menschen mit zu reflektieren. Denn die Synthesis (nicht das Selbst!) wird von einem Anderen 24 gesetzt und nicht vom Menschen. Es wird deutlich, dass mit dem Anderen Gott gemeint ist, d.h. die Synthesis ist von Gott gesetzt, zu der sich das Selbst dann verhält. Die Existenzbedingungen schafft sich der Mensch nicht selber, sondern er weiß sich darin von Gott abhängig. 25 Sofern sich der Mensch zu sich selbst verhält, verhält er sich auch automatisch zu Gott, da Gott die Synthesis gesetzt hat. Man kann sich nicht zu sich selbst verhalten, ohne sich Gott gegenüber zu verhalten. Setzt Gott das Selbst des Menschen oder die Synthesis? Kierkegaard selbst formuliert das eine oder das Ander Mal missverständlich, dass das Selbst, das sich zu sich selbst verhält, von Gott gesetzt ist. Doch es sollte klar sein, dass das Selbst keine Substanz ist, sondern ein Relationsbegriff, das das Selbst vollzieht. Das Selbst ist die Relation zu sich selbst als Synthesis. Daher kann Gott das Selbstverhältnis nicht schaffen, sondern nur die Synthesis, die je eigenen Existenzbedingungen des einzelnen Menschen. 26 Das Verhältnis zu sich selbst, ist aber ein aktives Geschehen des Menschen. Darin liegt ein Moment der Freiheit begründet. Hätte Gott das Selbstverhältnis gesetzt, so wäre das Selbst wieder determiniert und der Mensch hätte
mit dem Mensch Sein nicht ebenso wie mit dem Tier Sein, allwo das Exemplar stets weniger ist als die Art. Der Mensch zeichnet sich vor den andern Tierarten nicht allein durch die Vorzüge aus, die man gewöhnlich nennt,
24 Ein solches Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, ein Selbst, muß entweder sich selbst gesetzt haben, oder durch ein Anderes
25 Die Frage, wie nicht an Gott glaubende Menschen das akzeptieren können, ist eine durchaus berechtigte Frage, die weiter bedacht werden soll. Kierkegaard scheint das auch nicht zu interessieren, er setzt Gott für seine Anthropologie voraus und Gott setzt die Synthesis auch dann, wenn das der Mensch nicht glauben bzw. wahrhaben will. Man darf sich das ähnlich vorstellen, wie wenn der Pfarrer der Gemeinde verkündigt, dass Gott Schöpfer des Himmels und der Erde ist, samt allen Kreaturen. Mit dieser Glaubensaussage inkludiere ich ja die gesamte Menschheit prinzipiell mit ein, auch wenn mir bewusst ist, dass das nicht alle Menschen so glauben würden.
26 Die da wären Endlichkeit und Unendlichkeit. Zur näheren Unterscheidung der beiden Existenzbedingungen siehe weiter unten.
13
nicht die Freiheit, sich zu sich selbst verhalten zu können. Das muss deutlich gemacht werden, denn ansonsten verlöre Kierkegaards Menschenbild an Dynamik. Zudem wären die Momente der Verzweiflung unverständlich denn gerade dadurch, dass der Mensch die Verantwortung hat, zu sich selbst zu verhalten, mithin Geist zu werden, kann überhaupt so etwas wie Verzweiflung oder Sünde entstehen.
4.2 Die Verzweiflung
27 Gott schuf den Menschen
gleichsam mit spezifischen Existenzbedingungen (Endlichkeit-Unendlichkeit, usw.). Gott entlässt nun aber den Menschen, um sich zu dieser Synthesis zu verhalten. Der Mensch ist nun für die Aufrechterhaltung des Wohlverhältnisses verantwortlich. Gott mutet nun dem Menschen ungeheuerliches zu. Er soll für das rechte Wohlverhältnis in seinem Leben sorgen. Die Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit, zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, die der Mensch ist, soll der Mensch in seinem Selbstverhältnis aufrecht erhalten. 28 Wenn der Mensch aber für das Wohlverhältnis zu sorgen hat, besteht die Möglichkeit des Missverhältnisses. Der eine Teil der menschlichen Existenzbedingung kann auf Kosten des anderen stärker gewichtet werden. Der Mensch gerät sodann in ein Ungleichgewicht es entsteht ein Missverhältnis. Das Missverhältnis in der Synthesis entsteht nicht von selbst: Denn dann wäre ja die Synthesis schon ursprünglich in ein Missverhältnis gesetzt worden, was wieder heißen würde, dass der Mensch für das Missverhältnis nicht verantwortlich wäre. Die Tatsache jedoch, dass der Mensch aus diesem Wohlverhältnis ein Missverhältnis machen kann, ist zunächst ein ungeheuerlicher Vorzug des Menschen. Dem Menschen wird von Gott zugemutet für ein rechtes Wohlverhältnis sorgen zu können. Den Tieren fehlt die Synthesis überhaupt, sie sind wesenhaft Natur, d.h. Endlichkeit. Sie haben nicht die Verantwortung ihre (fehlende) Synthesis in ein Wohlverhältnis zu halten bzw. zu bringen. Folglich haben sie nicht die Möglichkeit des Missverhältnisses. Sie sind auf die eine Existenzbedingung der Endlichkeit festgelegt. 29 Hat der Mensch den Vorzug, für ein
27 Zum Folgenden siehe TIETZ, Freiheit 40-48. Schöpfungstheologisch besagt es, dass der Mensch ursprünglich in
schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. [...] Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es
28 TIETZ
Kosten seines polaren Gegenübers durchsetzen soll
29 -
Menschbesitzt einerseits Natur, ist aber nicht Natur.
14
rechtes Wohlverhältnis in seiner existenziellen Spannung zu sorgen, so ist die Wirklichkeit 30 Gerät der
Mensch in eine Schieflage, in ein Ungleichgewicht, so leidet darunter der Mensch, da er seine wesenhafte Bestimmung, ein Wohlverhältnis in der Synthesis zu haben, verfehlt. Kierkegaard
(wenngleich ein Tier affektiv missgestimmt
sein kann). Verzweiflung ist nur beim Menschen möglich. Hier soll festgehalten werden, dass Verzweiflung in erster Linie nicht ein Affekt, eine Missstimmung ist. Sie ist auch von der
Relation zu den Existenzbedingungen steht und keine emotionale Eigenschaft des Menschen (wiewohl sie sich natürlich in Affekten äußern kann). Verzweiflung ist eine Zwie-spalt des Menschen, ein Auseinanderbrechen von wesenhaften Grundstrukturmomenten des Menschen, die zueinander gehören. Verzweiflung ist ein Ausdruck für ein Ungleichgewicht im Menschen, das sich zerstörerisch und selbstverzehrend (ohne das Selbst aber zerstören oder verzehren zu können) auf den Menschen auswirkt. Im Begriff Verzweiflung ist die Entzweiung wesenhaft angedeutet. Sofern der Mensch nicht mit sich selbst in eins ist, ist er verzweifelt. 31
Doch die Verzweiflung betrifft auch noch eine andere Ebene des Menschen. Haben wir gesagt, dass Verzweiflung ein Missverhältnis in der Synthesis ist, so unterliegt auch das Verhältnis zu sich selbst (d.h. zur Synthesis), das das Selbst ist, einem Missverhältnis. Das Missverhältnis tritt nun unter den Bestimmungen des Bewusstseins und des Wollens auf. Das kann sich nach Kierkegaard auf dreifache Weise erfolgen: verzweifelt sich nicht bewusst sein ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung), verzweifelt nicht man selbst sein wollen und verzweifelt man selbst sein wollen. 32 Jedes Missverhältnis in der Synthesis entspricht auch einem Missverhältnis im Selbst: hier ist aber der Grad der Intensität das Entscheidende.
30 g verzweifeln zu können; und dennoch ist es nicht nur das größte
31 Vgl. dazu TIETZ
20). Tatsächlich bezeichnet der Begriff aber zunächst und vor allem eine bestimmte strukturelle Beschaffenheit
Verzweiflung ist also nicht als ein psychologischer Zustand unter anderen möglichen gefaßt, der das Selbst
32 Vgl. dazu auch den Leitsatz zum Ersten Abschnitt, KzT 8.
15
Da das Selbstverhältnis auch einem Gottesverhältnis 33 entspricht, gibt es auch eine
Entscheidend ist, dass auch im Gottesverhältnis das Selbstverhältnis eine Rolle spielt. Auch
Verzweiflung darstellen.
Mit dem Titel des Buche
34 ist. Aus dieser Bestimmung wird deutlich, dass die Verzweiflung weder aus Beobachtung der menschlichen Natur, noch aus der Reflexion ableitbar ist. Die Verzweiflung also die Krankheit zum Tode ist somit eine Kategorie des Christentums und lässt sich nur aus ihm her verstehen. Auch daran wird schon deutlich, dass die Verzweiflung unmöglich eine rein anthropologische Bestimmung sein kann, die vom Christentum bzw. von der christlichen Theologie absehen kann. Wer dennoch KzT für nicht-theologische Ansichten verwendet, mag zwar kreativ mit Kierkegaard umgehen, doch muss er sich dessen bewusst sein, dass er sich außerhalb der Intentionen Kierkegaards bewegt. Christlich verstanden gibt
ist der Tod, der wirklich das Letzte bedeutet und das ist die Verzweiflung und nur insofern ist Verzweiflung Krankheit zum Tode. Doch der letzte Tod ist zugleich auch so beschaffen, dass damit die Verzweiflung nicht zu Ende ist, sondern eben noch weiter fortbesteht (Krankheit zum Tode). Dadurch steigert sich die Verzweiflung: Der Verzweifelte kann nicht sterben, die Hoffnung auf ein Ende (den Tod) gibt es nicht 35 , denn das Ewige im Selbst kann nicht sterben. 36 37 , so wenig kann die Verzweiflung das
Ewige töten. Die Ohnmacht des Menschen ist die Selbstverzehrung, bei der sich das Selbst
33 Da die Synthesis von Gott gesetzt ist. Verhält sich das Selbst zu sich selbst, verhält es sich auch zu Gott. Es ist nur die Frage, ob die Synthesis sich des Vor-Gott-Seins bewusst ist oder nicht. Mithin ist das Gottesverhältnis eine Frage der Erkenntnis (des Bewusstseins), nicht der Wirklichkeit. Freilich für den Menschen selbst, ist es von großer Bedeutung, ob er sich vor Gott weiß oder nicht.
34 Diese Wendung stammt aus Joh 11,4. Kierkegaard sieht deutlich, dass bei der Auferweckung des Lazarus
Christus, der die Auferstehung und das Leben ist (Joh 11,25) am Grabe gestanden ist und laut verkündet, dass
Verzweiflung und die Sünde. Vgl. KzT 5-7.
36 Eine natürliche Krankheit kann den Tod des Leibes bedeuten. Die Krankheit zum Tode kann aber nicht den Tod des Ewigen im Menschen (die Unendlichkeit der Synthesis, auf die hin Gott den Menschen ursprünglich geschaffen hatte) bedeuten. Das Selbst kann nicht wie der Leib sterben. Daher besteht die Verzweiflung fort
37 KzT 14, Anm. 10. Kierkegaard bezieht sich dabei auf ein Gedicht des dänischen Dichters Johannes Ewald.
16
sich nicht verzehren kann (oder anders ausgedrückt: der Mensch verzweifelt in der Verzweiflung umso mehr, als er sie nicht loswerden kann auch nicht durch den natürlichen Tod.) 38
5.1 Kierkegaard als Philosoph
39 So heißt der
Untertitel von KzT. Es wäre angemessen gewesen, Kierkegaard hier als Psychologen statt als Philosophen darzustellen. Doch unser Verständnis von Psychologie ist eine andere wie das von Kierkegaard. Psychologie beschäftigt sich mit der psyché, den menschlichen Verhaltensweisen, sofern sie nicht auf rein physiologische Triebe oder Reize zurückgeführt werden. Wir haben aber bereits festgestellt, dass Kierkegaard Verzweiflung mitnichten als reine affekthafte Verstimmung versteht, sondern als ein Strukturmerkmal des menschlichen Geistes (pneuma). Verzweiflung ist eine Krankheit des Geistes, nicht die der Seele. Sie fällt somit eigentlich unter die philosophische Betrachtung, die das Ganze des menschlichen Selbst im Blick hat und nicht unter die psychologische Betrachtung, die nur einen Teilbereich der menschlichen Verhaltensweisen unter die Lupe nimmt. 40
suggeriert ja, dass es einer Heilung von dieser schrecklichen Krankheit bedarf, mithin eines (fachkundigen) Arztes bedarf. Der Arzt darf einerseits nicht der Gefahr erlegen, eine rein fachwissenschaftliche Analyse der Krankheit vorzunehmen, die fernab von der Not des Kranken im Krankenbett geschieht, andererseits muss er darauf achten, dass er die Krankheit gut kennt, eine richtige Diagnose der Krankheit vornimmt, um sie heilen zu können. Die beste Absicht zu heilen nützt nichts bei einer falschen Diagnose. Diese doppelte Struktur kommt im [Wissenschaft] zur Erbauung und Erweckung
endlich sterben zu können. Spätmittelalterliche Gerichtsdarstellungen geben uns ein lebendiges und anschauliches Bild davon, was hier Kierkegaard in vergeistigter Form beschreibt. Entscheidend ist hier auch, dass die Verzweiflung nicht ein Erleiden von äußerlichen Qualen bedeutet, sondern, dass es um eine
39 KzT 1.
40 So auch RINGLEBEN
würde solche Erörterungen heute wohl ehe
missverständlich, handelt es sich doch eigentlich um eine theologisch inspirierte Anthropologie.
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[Besorgnis um den Kranken] 41 Eine rein
theoretische Lehre, die nur den Wissensdrang befriedigt und den Bezug zur Lebensrealität
ist für Kierkegaard wichtig hervorzuheben. 42 So versuchen wir auch Kierkegaard gerecht zu
Aspekt), als auch die Besorgnis für den an der Verzweiflung Erkrankten spüren zu lassen, mithin Möglichkeiten aufzuzeigen, um den Kranken aus seiner Verzweiflung zu heilen und zu befreien (Kierkegaard als Pädagoge und als Pastor).
Die Diagnose beinhaltet die Analyse der Verzweiflung, der Krankheit des Geistes. Wie schon erwähnt gibt es drei zu unterscheidende Ebenen der Verzweiflung, die allesamt Missverhältnisse anzeigen (da der Mensch wesentlich ein Verhältnis ist): Missverhältnis in der Synthesis (A), Missverhältnis im Selbstverhältnis (B) und Missverhältnis im Gottesverhältnis (C). Wie bereits erwähnt ist dies eine Unterscheidung in intellectu, nicht in realiter.
A) Missverhältnis in der Synthesis
Die Synthese aus Endlichkeit und Unendlichkeit ist die Synthesis, was ein Verhältnis zwischen den beiden Existenzbedingungen darstellt. Indem sich die Synthesis aber zu sich selbst verhält, vollzieht sie diese Existenzbedingungen in Freiheit, was durch die dialektischen Begriffspaare Möglichkeit und Notwendigkeit angedeutet wird. Endlichkeit/Unendlichkeit und Möglichkeit/Notwendigkeit sind deutlich zu unterscheiden, sie bedeuten nicht dasselbe. 43 Die Differenz besteht im Sein der Synthesis und im Werden der Synthesis. Beide lassen sich nicht von einander trennen, denn nur was etwas ist, kann werden und werden kann nur etwas, was ist. 44 In Anlehnung an Aristoteles kann man hier auch von Akt (Werden) und Potenz
42
43 So RINGLEBEN, Krankheit135 Anm. 195, der bei Möglichkeit- - Unendlichkeit)und subjektiver Analyse (Möglichkeit-
solcher subjektiven Betrachtung, d.h. so, so wie sie vom Selbst erfahren werden und in seinem Bewußtsein e Unterscheidung
An-Sich-Sein und Für-Sich-Sein führt in die Irre (135), denn hier wird gerade noch nicht reflektiert, ob es für den Einzelnen bewusst ist oder nicht. Die Frage des Bewusstseins ist immer gekoppelt an den je Einzelnen. Hier wird lediglich gefragt, was sich bei jedem Menschen abspielt, unabhängig ob sie dem Einzelnen bewusst ist oder nicht.
44 Indes ist ein Selbst jeden Augenblick, in dem es da ist, im Werden, denn das Selbst der Möglichkeit
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(Sein) sprechen. 45 Endlichkeit und Unendlichkeit sind somit Seinsweisen des Menschen, die im Modus der Möglichkeit bzw. der Notwendigkeit konkret (d.h. wirklich, aktuell) werden.
46 Die Unendlichkeit ermöglicht dem Menschen den Abstand zu seinem So-Sein des faktischen Selbst. 47 Die Synthese von Möglichkeit und Notwendigkeit ermöglicht in 48 ist)
die Selbstwerdung des potentiellen Selbst (Einheit von Endlichkeit/Unendlichkeit) zum konkreten Selbst. Die Synthesis ist somit die Einheit vom potentiellen und vom konkreten (d.h. wirklichen, aktuellen) Selbst. Begrifflich präzisiert Kierkegaard die Unterscheidung zwischen dem potentiellen und dem aktuellen Selbst. Der Mensch ist Endlichkeit und Unendlichkeit, der Mensch hat aber Möglichkeit und Notwendigkeit. 49 Die Synthesis ist von Gott gesetzt. Die gelungene Synthesis ist das von Gott gesetzte Selbst, das wir mit Tietz das wollen. 50 In der Synthesis kann es nun zu Missverhältnissen kommen, die näher präzisiert werden sollen.
1. Missverhältnis unter der Bestimmung Endlichkeit-Unendlichkeit
Da die Synthesis ein dialektisches Verhältnis ist zwischen den Gegensätzen Endlichkeit und Unendlichkeit, gibt es im Falle des Missverhältnisses zwei Weisen der Verzweiflung: entweder es mangelt an Endlichkeit oder an Unendlichkeit. 51
45 Vgl. die Entelechielehre von Aristoteles, die von Kierkegaard rezipiert worden ist. Aristoteles meint mit dem Dynamis-Energeia Konzept, dass im Werden eines naturhaften Prozesses das Sein sich erkenntlich macht. 46 TIETZ, Freiheit 64.
47 TIETZ
48 KzT 25.
49 TIETZhabe Notwendigkeit, aber sei
25 und 32. Dagegen meint RINGLEBEN, Krankheit 43, Anm. 35 die beiden Begriffe Sein und Haben
ist aber, dass sie nicht zu trennen sind, da die Synthesis immer beide Aspekte besitzt (sowohl die Seinsbeschaffenheit als auch deren Realisierung). Insofern liegt in der von Gott gesetzten Synthesis auch ein Moment der Freiheit inne, insofern, als der Mensch die Freiheit hat, dieses von Gott gesetzte Synthesis zu realisieren oder eben auch nicht, was aber Verzweiflung bedeutet.
50 TIETZ, Freiheit 64.
indem man auf das i
Analyse einer der entscheidendsten Stärken Kierkegaards. Er bleibt nicht bei einer Seite stehen, sondern kann er Einseitigkeiten bewusst vermeiden (die in
realiter ja nicht vorkommen), ohne aber dadurch Tiefe zu vermissen. Deswegen ist (zum Glück) Kierkegaard auch so schwer festzulegen.
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1.1 Verzweiflung der Unendlichkeit ist der Mangel an Endlichkeit Durch das Medium der Verunendlichung, der Phantasie oder der phantastischen Reflexion, entfernt sich der Mensch je mehr und mehr von seinem faktischen Selbst und verliert sich in der Unendlichkeit. Er kehrt nicht zu sich selbst wieder zurück, um konkret zu werden. Kierkegaard unterscheidet dabei ein phantastisches Gefühl (abstrakte Empfindsamkeit), eine phantastische Erkenntnis (große Erkenntnisse ohne Selbsterkenntis) und einen phantastischen Willen (große Vorsätze und Entschlüsse werden gefasst, ohne sie je auszuführen). Der so Verzweifelnde fühlt, reflektiert und will den Menschen nur abstrakt haben und kehrt nicht zurück zum konkreten Menschen. Es kann so weit von sich wegführen, dass das
1.2 Verzweiflung der Endlichkeit ist der Mangel an Unendlichkeit
Mensch hat sich in der Endlichkeit so eingerichtet, dass er nicht erkennen will, dass er von Gott ursprünglich zur Unendlichkeit hin geschaffen worden ist. 52 Solch ein Mensch richtet sich erfolgreich in der Welt und in der Zeitlichkeit ein. Ihm merkt man die Verzweiflung keinesfalls an und gerade deshalb ist diese Art der Verzweiflung besonders gefährlich, denn dadurch wird er weder von sich aus, noch von anderen dazu ermutigt werden, etwas an seinem Verzweifeltsein zu ändern, da die Welt ihm in seinem Verhalten recht gibt. Hat sich der Phantast in der Unendlichkeit sein Selbst verloren oder vergessen, so hat der Bornierte gar
54
2. Verzweiflung gesehen unter der Bestimmung Möglichkeit-Notwendigkeit Die Synthese aus Möglichkeit und Notwendigkeit besagt, dass der Mensch nur dann er selbst ist, wenn er es in Freiheit wird (Möglichkeit) bzw. dass der Mensch nur dann er selbst wird, 55
52 TIETZ, Freiheit 59. Sie bezeichnet dieses von Gott geschaffene Selbst
er
den Vorwurf ein, dass er dem Egoismus das Wort redet. Die wahre Selbstbezogenheit beinhaltet immer auch die Gottesbezogenheit und darin auch die Bezogenheit zu anderen Menschen. Egoismus sieht wie im Falle des Bornierten von einem Gottesverhältnis ab und sucht lediglich seinen eigenen Vorteil in einer behaglich und gemütlich eingerichteten Welt. Dem kapitalistischen Menschenbild, wonach der Mensch lediglich auf seine eigenen Bedürfnisse und Interessen schaut bzw. schauen soll, wird hiermit deutlich eine Absage erteilt. 54 KzT 30. 55 TIETZ
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(Notwendigkeit). Bewegt sich der Mensch in der Seinsweise der Endlichkeit und der Unendlichkeit vom (faktischen) Selbst weg bzw. zum Selbst wieder hin, so ist die Synthese
zur Synthese von Endlichkeit und Unendlichkeit aus. 56
2.1 Verzweiflung der Möglichkeit ist Mangel an Notwendigkeit
Der Möglichkeit nach wird der Mensch etwas, aber nicht er selbst. Ihm fehlt die Notwendigkeit, dieses Selbst zu werden. So verliert sich dieser Mensch in lauter Möglichkeiten, die aber nicht auf das eigene Selbst zielen. Da die Wirklichkeit die Einheit
gehorchen, sich zu beugen unter das Notwendige im eigenen Selbst, unter das was man die 57 Kierkegaard unterscheidet noch zwei Formen der
Verzweiflung der Möglichkeit: begehrend/verlangend und schwermütig/phantastisch.
2.2 Verzweiflung der Notwendigkeit ist Mangel an Möglichkeit
Die Möglichkeit ist die Freiheit das zu werden, was man ist. Fehlt diese Freiheit, so ist dem Verzweifelten alles Notwendigkeit. Ihm fehlt die Luft zum Atmen (der Atem der Freiheit). 58 Wie bei der Unendlichkeit ist auch bei der Möglichkeit der Gottesbezug entscheidend. Der Glaubende weiß und vertraut darauf, dass bei Gott alles möglich ist. 59 Auch wenn menschlich gesehen der Untergang des Glaubenden gewiss ist, so schöpft der Glaubende noch Hoffnung auf eine Möglichkeit der Rettung, denn Gott kann die Realitäten durchbrechen. In Bezug zu Gott vermag er noch zu atmen, d.h. beten, auch wenn ihm menschlich gesehen keine Möglichkeit mehr zur Rettung offen steht. Demgegenüber will der, der an keine Möglichkeit mehr glaubt, sich in seiner Verzweiflung einrichten. 60 Der Determinist und der Fatalist glauben an Gott der Notwendigkeit nach. Hilfe durch eine an und für sich unglaubliche
56 KzT 32; TIETZfrei etwas zu werden, ist immer meine Möglichkeit, trennt
mich also nicht von mir selbst; und die Notwendigkeit, nur ich selbst werden zu können, gibt als Ziel das
57 KzT 33; Vgl. TIETZwird zwar, aber er wird nicht er selbst
58 In diesem Abschnitt bietet Kierkegaard entzückende Beispiele seines bildhaften Redens: Er vergleicht die Möglichkeit mit den Vokalen und die Notwendigkeit mit den Konsonanten. Fehlen die Konsonanten ist es nur ein kindisches unverständliches Lallen, fehlen die Vokale bleibt man letztlich stumm. Theologen müssen da automatisch an die hebräische Schrift denken, die eine Konsonantenschrift ist. Erst die Vokale beleben die stummen Buchstaben, allerdings so, dass die Vokale immer einen Spielraum von Möglichkeiten offen lassen. Weiter vergleicht Kierkegaard die Möglichkeit mit dem Sauerstoff und Notwendigkeit mit dem Stickstoff. Um atmen zu können, muss man immer ein Gemisch aus beiden einatmen können, sonst erstickt man.
59 Gen 18,14; Luk 1,37; Math, 19,26
60 Shak Siehe KzT 35.
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Möglichkeit kommt für sie nicht in Betracht. Sie sind geistverzweifelt. 61 Der Spießbürger bzw. der Triviale glaubt nur an das Wahrscheinliche und an das Berechnete, so fehlt es ihm an die Möglichkeit zu glauben. Der Spießbürger ist verzweifelt in Geistlosigkeit, merken tut er das erst, wenn das Dasein mit seinen Möglichkeiten ihm einen Strich durch seine Alltagsvorstellungen macht.
B) Missverhältnis im Selbstverhältnis
Streng genommen ist die Verzweiflung nur dann gegeben, wenn sie bewusst wird, d.h. sie ist im Selbstverhältnis angesiedelt. Jede bewusste Verzweiflung entspricht zwei Momenten der Verzweiflung in der zweifachen Synthesis. Die Verzweiflungs- und Bewusstseinsformen 62 Je mehr Bewusstsein, umso größer die Verzweiflung. Je
größer aber die Verzweiflung ist, umso näher liegt auch die Erlösung. Daher ist das Verhältnis zwischen Verzweiflung und Bewusstsein ein dialektisches Verhältnis. 63
Drei Arten der Verzweiflung können im Selbstverhältnis auftreten: Verzweifelt nicht bewusst zu sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung), verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen und verzweifelt man selbst sein wollen. Die erstere ist eigentlich streng genommen
können. Doch er beschloss aufrecht zu bleiben und seinen Weg weiter zu gehen. Wäre er Fatalist gewesen, so
im Trotzdem!
das der Mensch abschreiten muss, um zur Erlösung zu kommen. Je nach Anlage des Menschen können manche Stufen auch wegfallen bzw. können übersprungen werden. Zudem ist die Dauer der einzelnen Stufen keinesfalls festgelegt. Die Stufenfolge findet nur insofern Berücksichtigung, als sie Momente der Intensität darstellt: Zwischen der reinen Unschuld (Minimum an Bewusstsein) und dem Teufel (Maximum an Bewusstsein) vollziehen sich die einzelnen Intensitätsgrade der Verzweiflung. Kierkegaard fragt nicht, inwiefern Kinder bzw. geistig Behinderte verzweifelt sein können. Da sie aber nicht die volle Verantwortung für das Wohlverhältnis der eigenen Synthesis tragen können, können sie nicht im strengen Sinne verzweifelt sein. Trotzdem dürfen sie nicht als reine Natur betrachtet werden (und in diesem Sinne nach Kierkegaard als Tiere), sondern die Keime der Entwicklung zu einem Geist, müssen bedacht werden. Kindern und geistig Behinderten Verzweiflung im Sinne einer zu verantwortenden Tätigkeit zuzusprechen, wäre etwas wider den guten Geschmack. Vgl. aber dazu AUGUSTINch das Kind
zeigte, wie den zwischen einer Verzweiflung, die vollkommen unwissend darüber ist daß sie es ist, und einer Verzweiflung, die vollkommen dessen sich bewußt ist es zu sein. Allermeist ist sicherlich der Zustand des
63 Zugleich soll auch der Zusammenhang zwischen Bewusstsein und Verzweiflung bedacht werden. Die Verzweiflung wird intensiver, je mehr Bewusstsein von der Verzweiflung vorhanden ist, d.h. je mehr das Selbst eichen Maße, in dem ein Mensch die wahrere Vorstellung
von Verzweiflung hat, falls er dennoch in ihr bleibt, und in dem gleichen Maße, in dem er deutlich sich dessen bewußt ist verzweifelt zu sein, falls er dennoch in der Verzweiflung bleibt, in dem gleichen Maße ist diese
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keine Verzwe
(und die Verzweiflung lässt sich nicht stellvertretend an andere Menschen delegieren). Am e
dialektische Bestimmung der Verzweiflung im Bewusstsein unterscheiden. Ist Cesare nicht Cäsar geworden, dann verzweifelt er am eigenen Selbst und will sein Selbst loswerden: Er will verzweifelt nicht er selbst sein wollen. D.h. er will nicht die von Gott gesetzte Synthesis (das wahre Selbst) sein wollen. Wäre Cesare Cäsar geworden, dann verzweifelte er gleichfalls am eigenen Selbst, denn er wollte eine andere Synthesis, als die er von Gott gesetzt worden ist (das wahre Selbst) sein wollen. In beiden Fällen lehnt er das von Gott gesetzte Selbst (also das wahre Selbst) ab und aus diesem Grunde ist er verzweifelt. Daher kann die Verzweiflung auf von Gott gesetzte Selbst] sein
64 Das verzweifelte Wollen ist immer bezogen auf das selbst, das von Gott nicht gesetzt worden ist. Daher sind verzweifelt nicht man selbst sein wollen und verzweifelt man selbst sein wollen eigentlich zwei Seiten derselben Medaille. 65 Hat sich das Selbst durchgerungen, sein wahres Selbst (das von Gott gesetzt ist) zu wollen, kann von Verzweiflung nicht mehr die Rede sein. 66 D.h. auch, dass in der Formel verzweifelt man
gerade realisiert wird und das vom wahren Selbst (das in einem Wohlverhältnis steht) zu unterscheiden ist. Wie das Verhältnis zwischen einem realisierten Selbst in der Verzweiflung und dem wahren Selbst aussieht, ist eine Frage, wie die Erlösung konkret zu denken ist.
Wollen eine Bestimmung des Geistes ist. Daher ist das Wollen vielmehr als ein bloßer Wunsch. Zudem muss bedacht werden, dass das Wollen bezogen ist auf das Selbst, das eine zweifache Synthesis ist aus Endlichkeit/Unendlichkeit und Möglichkeit/Notwendigkeit. Letztere Synthese deutet die Realisierung des Selbst an. Daher ist mit dem Wollen (bzw. Nicht-Wollen - je nachdem was gewollt bzw. nicht-gewollt wird) des Selbst (wie immer dieses Selbst auch aussieht) immer auch schon das Vollziehen des Selbst mitgedacht. Wollen des Selbst ist daher immer auch eine Realisierung des Selbst (oder zumindest das Streben nach Realisierung des Selbst). Dieses Wollen ist nun verzweifelt.
64
65 Dass die beiden Formen der bewussten Verzweiflung noch in sich differenziert werden, bedeutet aber auch, dass sie nicht einfach gleichgesetzt werden können.
er nicht ist (denn das Selbst sein wollen, das er in Wahrheit ist [= das wahre Selbst], ist ja das gerade Gegenteil TIETZ, Freiheit 45.
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1. Verzweifelte Unwissenheit, ein Selbst zu haben
Der Mensch ist sich seiner Verzweiflung nicht bewusst. Da er nichts von seinem Selbst weiß, weiß er auch nichts von seiner Verzweiflung. Der Unwissende lebt nur rein im Sinnlich-Seelischen, er geht also in den Kategorien des Angenehmen und Unangenehmen auf.
67 Wiewohl die Intensität der Verzweiflung hier am geringsten ist, umso mehr ist es aber wahr, dass er am weitesten entfernt ist, die Verzweiflung zu überwinden können. Sie ist zudem die allgemeinste Form der Verzweiflung in der Welt, da sich die meisten Menschen kaum Gedanken über den Geist machen. Die Geistlosigkeit der Heiden ist noch insofern besser als die der Christen, als dass sie zum Geist hin bestimmt sind, während die Christen vom Geist abgefallen sind. 68 Die Geistlosigkeit weiß nichts von einer Verantwortung vor Gott und vor sich selbst, sodass das Heidentum auch leichtfertig über den
derart aus dem Dase 69
2. Verzweifelt nicht man selbst sein wollen (Verzweiflung der Schwäche) 2.1 Verzweiflung über das Irdische oder über etwas Irdisches 2.1.1 Verzweiflung in der reinen Unmittelbarkeit
Der in der reinen Unmittelbarkeit lebende Mensch lebt rein in den Kategorien des Sinnlich Angenehmen und des Sinnlich Unangenehmen. Er unterscheidet sich in nichts von dem, der unbewusst verzweifelt ist. Mit dem Unterschied, dass es bei ihm zur Verzweiflung durch ein Widerfahrnis von außen kommt, was einen tiefen Einschnitt in den gewohnten Gang seines Lebens bedeutet. Von innen kommt keine Verzweiflung, da er nicht reflektiert. So kann er sich nicht zu einem Selbst durchringen und er merkt nicht, dass die wahre Verzweiflung erst dort liegt, wo es etwas mit ihm selbst zu tun hat. Er meint, er sei verzweifelt und er ist es auch, doch er ist nicht so verzweifelt, wie er es versteht, denn er sieht nicht, dass die Verzweiflung eigentlich etwas mit seinem Selbstverhältnis zu tun hat. Verändern sich die Lebensumstände wieder zum positiven, kommt wieder Leben in ihm auf und er lebt weiter
67 KzT 42.
68 Kierkegaard ist als Kritiker des sich seines selbst vergessenen Christentums bekannt geworden. An solchen und ähnlichen Passagen tritt der scharfe Tadler der geistlosen Verhältnisse seiner Zeit uns meisterhaft entgegen (und man möchte ergänzen: auch unserer geistlosen Verhältnisse).
69
großartigen Leistungen pauschal verurteilen würde, da dort nichts als Verzweiflung gefunden werde. Denn das Heide - religiösallerdings ist das Heidentum Verzweiflung, denn sie hatten kein Bewusstsein dafür, vor Gott zu stehen und Geist zu sein.
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wie bisher. Verändern sie sich nicht, so verzweifelt er weiterhin. 70 In dieser Verzweiflung will er
gesprochen werden, denn er weiß noch nichts davon. Er meint das Selbst wie etwas Äußerliches (wie ein Gewand) auswechseln zu können.
2.1.2 Verzweiflung in der Unmittelbarkeit mit etwas Reflexion
Beginnt der am Unmittelbaren Verzweifelte etwas zu reflektieren, entdeckt er, dass er für die Verzweiflung auch verantwortlich ist, also dass er ein Selbst hat. Er merkt, dass er etwas dem rein Äußeren Verschiedenes ist. Doch er schaudert vor der Unvollkommenheit des Selbst und vor der darin verborgenen Verzweiflung zurück. Allerdings kann er dieses Selbst auch nicht mehr so schnell vergessen und so hofft er, dass sein Selbst von selber sich verändere, bis es den Zustand erreicht, den es im Unmittelbaren gehabt hatte (und damit meint er fälschlicherweise auch die Aufhebung der Unvollkommenheit des Selbst). Verändert sich sein Selbst nicht von selbst, so versucht er sich in das tätige Leben zu schmeißen und richtet sich dort ein. Nach und nach vergisst er das Selbst und bei gesellschaftlichem Erfolg kommt ihm die Frage nach einem Selbst sogar irgendwann ziemlich lächerlich vor. 71 Von der einstmaligen Verzweiflung redet er wie von einer zeitweiligen Krise [am besten noch in der Jugend], die er nun Gott sei Dank überwunden habe. 72 Hier spricht Kierkegaard von der Seele, denn er hätte sich wohl das eine oder das andere Mal gewünscht, seine Regine einfach
seiner tragischen Liebe zu ihr, war das aber auf keinen Fall möglich. Daher suchte Kierkegaard seine Rettung bei Gott und nicht beim Vergessen. Eine bewusstseinsmäßige Potenzierung der Verzweiflung tritt insofern ein, wenn der über etwas Irdischem Verzweifelnde mittels Phantasie und Reflexion so weit gelangt, über das Irdische in seiner Gesamtheit zu verzweifeln.
70 TIETZ, Freiheit 75 beschreibt treffend die eigentliche Verzweiflung bei dem so oberflächlich Verzweifelten sei
71 der Jahre findet er es
dann beinahe lächerlich, besonders wenn er in guter Gesellschaft ist mit anderen tüchtigen und tätigen Männern. [...] In der Christenheit ist er Christ (ganz und gar in dem gleichen Sinne wie er im Heidentum Heide wäre und in Holland Holländer), einer von den gebildeten Christen. Die Frage nach der Unsterblichkeit hat ihn
72 Kierkegaard holt zu einem längeren Exkurs über die Illusion der Jugend, die Hoffnung ist und über die Illusion des Alters, die Erinnerung ist, aus. Verzweiflung gehört also mitnichten nur zur Jugendzeit, die man mit der Zeit überwindet, sondern betrifft das ganze Leben eines Menschen, unabhängig von Alter, Weisheit, Bildung, Stand, Geschlecht usw.
25
2.2 Verzweiflung am Ewigen oder über sich selbst
Erkennt der über etwas Irdischem Verzweifelnde, dass er eigentlich über sein eigenes Selbst verzweifelt, tritt eine Potenzierung des Bewusstseins ein. Kierkegaard nennt diese Verzweiflung eine Verzweiflung über die eigene Schwachheit, denn er verzweifelt am Ewigen im Selbst, das er wegen seiner Schwäche nicht sein will. 73 Entscheidend nun ist es, dass das Verzweifeln nicht mehr etwas Äußerliches ist (auch wenn das Äußerliche der Anlass zur Verzweiflung sein konnte), sondern dass es aus dem Inneren des Menschen kommt. Er bleibt bei der Erkenntnis seiner eigenen Schwachheit stehen und vertieft sich darin. Er kann seine eigene Schwachheit nicht eingestehen, doch diese Schwachheit gehört zum faktischen Selbst, zu seiner Endlichkeit, daher will er nicht das von Gott gesetzte selbst sein. 74 So hat er ein Wissen um sein Selbst, doch dieses Wissen wird verdrängt, verschlossen und wird niemandem anvertraut, da es eines Eingeständnisses der eigenen Schwäche bedarf. Dialektisch gesehen zeigt sich, dass die Schwäche nur die Kehrseite des Stolzes, des Trotzes ist. Er ist zu stolz, vor Gott sich zu demütigen und seine Schwäche einzugestehen und anzunehmen. 75 So wird er entweder versuchen aus dieser Verschlossenheit auszubrechen um sein Selbst in Ausschweifungen zu vergessen (was ihm aber nicht gelingt) oder er wird ein Leben führen in Verschlossenheit und Einsamkeit bis zur Gefahr des Selbstmordes.
3. Verzweifelt man selbst sein Wollen (Verzweiflung des Trotzes)
War die Verzweiflung über die eigene Schwäche eine Verzweiflung am Ewigen, so ist die Verzweiflung aus Trotz die Verzweiflung mit Hilfe des Ewigen, ein verzweifelter Missbrauch des Ewigen. Das Selbst will sich von der Macht, die es gesetzt hat, losreißen. Die Verzweiflung des Trotzes entzündet sich nicht an etwas Äußerlichem, sondern kommt direkt vom Selbst her (daher liegt die Verzweiflung eine Stufe höher wie bei der Schwäche). Er will nicht in der konkreten Form (d.h. das wahre Selbst) er selbst sein, sondern in der abstrakten Form, er will die Grenzen des konkreten Selbst überwinden. Er will sein Selbst gleichsam
3.1 Handelnd verzweifelt man selbst sein wollen
Das verzweifelte Selbst will sich selbst experimentierend schaffen, es fehlt ihm aber an letztem Ernst und ist eigentlich nur Schein. Denn es geht ihm nicht um das Selbst, das von
73
74 TIETZ
75
26
Gott gesetzt worden ist, sondern um ein Selbst, das er selber konstruieren will (ein hypothetisches Selbst). 76
3.2 Leidend (dämonisch) verzweifelt man selbst sein wollen
Wenn etwas Konkretion in den Selbstentwurf des Selbst kommt, kann sich eine Schwierigkeit in den Weg stellen: an dieser Inkonsequenz will er festhalten, da es angeblich zu seinem selbst gehört und er will ja er selbst sein (auch mit allen Höllenqualen will er selber sein). Er lässt sich nicht helfen, denn dann müsste er sein selbst konstruiertes Selbst aufgeben. Diese Art von Verzweiflung ist rein geistig und innerlich, äußerlich lässt sich das nur an seiner Gleichgültigkeit gegenüber äußeren Dingen erkennen. Sein Verständnis des Daseins ist ein Protest gegen das Dasein und da das Dasein schlecht ist, will er auch schlecht sein, zum Zeugnis für das schlechte Dasein. Er ist stolz auf sein Protest und er genießt gewisserweise die höhere Art von Erkenntnis, die er gegenüber anderen Menschen hat, nämlich, dass das Dasein etwas Schlechtes ist. Daher will er das Leiden auch nicht aufgeben. Er will leidend er selbst sein. Und das ist Verzweiflung.
C) Missverhältnis im Gottesverhältnis
Da die Synthesis von Gott gesetzt ist, verhält sich das Selbstverhältnis gleichzeitig auch zu Gott. Entscheidend dabei ist, ob das Selbst sich dessen bewusst ist oder nicht. Die Stufenfolge von der unbewussten Verzweiflung zur bewussten Verzweiflung der Schwäche und des Trotzes führt zu einem qualitativ neuem Bewusstsein: nämlich das Bewusstsein zu haben, vor r
wird deutlich, dass der Unterschied zwischen der Verzweiflung und der Sünde nur eine Frage des Bewusstseins (also der Erkenntnis) ist (nämlich die vor Gott zu stehen) nicht aber der Sache nach ist. 78
77 Die Synthesis besteht ja aus Endlichkeit und Unendlichkeit. Die Unendlichkeit in der Synthesis ist ja daraufhin bestimmt, mittels der Phantasie zu Gott zu kommen. Desgleichen ist die Möglichkeit, das selbst zu realisieren, die Freiheit, die in Gott begründet ist. Entscheidend ist eigentlich nur in welcher Richtung sich der Mensch seiner bewusst ist: Ist für ihn das Selbst gar nicht bewusst, ist für ihn das Selbst vor sich selbst bewusst oder ist
78 Insofern ist es etwas missverständlich, wenn RINGLEBEN, Krankheit 211 von dem ersten Abschnitt als
im ersten Abschnitt geht es um die Verzweiflung vor sich selbst, im zweiten Abschnitt geht es um die Sünde vor Gott. Wesentlich sind sie aber dasselbe. Man kann an den beiden Begriffen festhalten, sofern man nicht in die Versuchung gerät, sie voneinander stärker trennen zu wollen. Letztlich gehören sie wesenhaft zusammen. Ein
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Was zeichnet aber das Gottesverhältnis aus? Vor Gott wird das Selbst zu etwas ganz Hatte beim Selbstverhältnis der Mensch nur sich selbst als Maßstab und Ziel, so gewinnt das Selbst ungeheuerlich an Wert hinzu, sobald es Gott unmittelbar als Maßstab und Ziel hat. Je mehr Gottesvorstellung im Gottesverhältnis liegt, umso mehr gewinnt auch das Selbst an Wert. Zu Gott kann sich der Mensch grundsätzlich auf zweifache Art und Weise verhalten: entweder im Glauben oder im Zustand des Ärgernisses. Glauben und Ärgernis sind bezogen auf die Botschaft. Im Evangelium kommt Gott als Mensch zu den Menschen. Das ist die Grundbotschaft des Evangeliums. Dass der Schöpfer des Himmels und der Erde als kleines Kind zu den Menschen gekommen ist, 79 Diese Botschaft ist der Vernunft an sich nicht zugänglich. Sie muss anders angenommen werden, nämlich im Glauben. Doch die Botschaft, da sie das Absurde ist, beinhaltet die Möglichkeit des Ärgernisses. Ärgernis meint hier, dass der Mensch diese frohe Botschaft sich nicht gönnen will. 80 Er vertraut nicht darauf, dass Gott so nahe zu ihm kommen will. Das Ärgernis ist daher die Voraussetzung für den Unglauben und für die Sünde, denn es deutet auf ein Missverhältnis im Gottesverhältnis hin. Sünde kann eigentlich nur im Wissen um die Botschaft entstehen. Daher ist Sünde nicht Unwissenheit, sondern ein bewusstes Missverhältnis. Jede bewusste Sünde setzt Wissen, was denn Sünde sei, voraus. Sünde kann daher nicht Unwissenheit sein, sondern sie liegt im Wollen begründet. 81 Sünde ist damit die bewusste Entscheidung vor Gott, nicht das von Gott gesetzte Selbst sein zu wollen. 82 So sollte es nun klar sein was Sünde und was Verzweiflung ist: Die bewusste Verzweiflung vor Gott ist Sünde. Die Verzweiflung ist die bewusste Verzweiflung ohne ein bewusstes Verhältnis zu
Spitzensatz der reformierten Dogmatik bringt meiner Meinung nach die Verzahnung der beiden Verhältnisse
verdient und wahr und zuverlässig ist, umfaßt im Grunde zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere CALVIN, Institutio I.1,1. Es sollte somit klar
sein, dass es im ersten Abschnitt nicht um eine anthropologische Grundlage geht, auf dem dann der
bzw. Theologie geht. Sie ist daher nicht voraussetzungslos, d.h. sie ist nicht aus der reinen Betrachtung des Menschen heraus entstanden. 79 KzT 82.
80 Ärgernis ist Neid zu sich selbst. Gönnt sich der Mensch im Neid einem anderen Menschen nicht das Glück zu,
Engherzigkeit vermag sich nicht das Außerordentliche zu gönnen, das Gott ihm zugedacht hat; so nimmt er
81 Vgl. TIETZweiß, dass das, was er tut (nämlich
sein Verzweifeln mit dem Gedanken an Gott), Sünde ist, und er dennoch weiter sündigen will. Sünde ist für
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83 Damit ist auch schon deutlich, wie die Sünde (und auch die Verzweiflung) überwunden werden kann: durch den Glauben. Der Gegensatz zur Sünde ist nicht Tugend, gute Taten oder Moral, sondern Glaube. Gottes- und Selbstverhältnis gehören zusammen, sodass Glaube auf die Überwindung der Sünde und zugleich der Verzweiflung 84
Regeln und Gebote vorgibt, die zu befolgen sind, ohne dass es zu einer Auseinandersetzung der eigenen Persönlichkeit mit den ethischen Geboten führt. Das Gottesverhältnis ist wesentlich auch Selbstverhältnis. Es gibt daher kein Wohlverhältnis zu Gott und zugleich ein Missverhältnis zu sich selbst. Genauso gibt es kein Wohlverhältnis zu sich selbst und zugleich ein Missverhältnis zu Gott. Daher: Wer gegen Gott sündigt, sündigt auch gegen sich selbst. 85 Sünde ist die Potenzierung von Verzweiflung. Auch im Gottesverhältnis gibt es verschiedene
Der Glauben ist der Sünde Ende. Wenn man aber nicht glaubt, bleibt man im Zustand der Sünde. Die Ewigkeit verlangt Folgerichtigkeit und Konsequenz das gilt für den Glauben als auch für die Sünde. Eine einzelne Sünde durchbricht den Glauben und der Mensch verharrt von nun an im Zustand der Sünde, bis sie vom Glauben wieder aufgehoben wird. 86 Die Sünde wächst aber mit jedem Augenblick, aus der man nicht herauskommt, d.h. jede unbereute Sünde ist eine neue Sünde und jeder Augenblick, den sie unbereut bleibt, ist neue Sünde. So entsteht ein Kontinuum, ein Zustand der Sünde. Die einzelnen Tatsünden sind dann eigentlich e ist. 87 Daher nützt
83 Weder TIETZ, Freiheit 97 noch FISCHER, Subjektivität und Sünde 105 haben daher Recht. Wird sich der Christ dessen bewusst was Sünde ist, weiß er auch, dass seine bisherige Verzweiflung eigentlich Sünde war (nur war er sich dessen nicht bewusst) (gegen Tietz). Der natürliche Mensch kann nicht sündigen, sondern nur verzweifeln (gegen Fischer), da ihm das (rechte christliche) Gottesverhältnis nicht bewusst ist. In diesem Sinne kann Kierkegaard behaupten, dass das Heidentum nur die Schuld kennt, nicht aber die Sünde. Das Heidentum weiß sich nicht vor Gott verantworten zu müssen.
84 KzT 79.
85 TIETZ
86 Das gleich gilt auch umgekehrt. Der Glaube durchbricht den Zustand der Sünde und bleibt wesentlich ein Kontinuum. Allerdings ist ihr Zustand immer auch kritisch. Man kann wieder abfallen, sofern man wieder von den Wegen Gottes abkehrt.
87
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es auch nichts, wenn man die einzelnen Taten betrachtet. Die wahre Sünde liegt bereits vor den einzelnen sündigen Taten. 88 Der Zustand der Sünde ist das Entscheidende.
1. Die Sünde, über seine Sünde zu verzweifeln
Auf einer höheren Stufe des Bewusstseins verzweifelt der Sündige über den eigenen Zustand der Sünde. Die Sünde ist der Bruch mit dem Guten und die Verzweiflung über die Sünde ist der bewusste Bruch mit der Reue, die aus dem Zustand der Sünde herausführen könnte. 89 Er will nichts von Gnade und Reue hören und will im Zustand der Sünde verharren. Von außen hat es den Anschein, als ob dieser Mensch seine Sünde sehr zu Herzen nehme und daher eine tiefe Natur sei, doch in Wahrheit ist er einem gewissen Stolz und Trotz verfallen. Wenn er
[den] versteckter[n] 90 Damit zeigt er an, dass er auf die bisherigen Leistungen stolz war, dass es versteckte Selbstliebe war, da er die Gnade sich selber zugestanden hat und nicht Gott und er meint, die Sünden selber verzeihen zu können und dass Gott ihm die Sünden nicht mehr vergeben könne. So zeigt er keine wahre Reue der Sünde gegenüber (denn dann würde er auf das Ende der Sünde drängen wollen), sondern will im Zustand der Sünde verharren. 91
2. Sünde, an der Vergebung der Sünden zu verzweifeln
Hier geht es um das Bewusstsein unmittelbar vor Christus zu sein, der die Sünden vergibt. So gesehen gibt es hier (bezogen auf das Sündersein) auch zwei Arten von Verzweiflung: Die Verzweiflung der Schwäche, die Ärgernis genommen hat an der Vergebung der Sünden und sie nicht wagt zu glauben. Und die Verzweiflung des Trotzes, die Ärgernis genommen hat an der Vergebung der Sünden und sie nicht glauben will. Im Gottesverhältnis ist die Zuordnung von Schwachheit und Trotz umgekehrt wie im Selbstverhältnis. Verzweiflung aus Trotz
88 TIETZ
hat der Sünder selber kein Bewusstsein; er achtet immer nur auf seine punktuellen Einzelsünden und
diesem Fall nicht, dass das Problem wesentlich im Wollen begründet ist, nicht im Tun. Der Sündige hat sein Wollen auf den falschen Gegenstand hin gerichtet.
89 zweiflung über die Sünde] will mit dem Guten nichts zu schaffen haben, nicht so schwach sein, daß sie zwischendurch einmal auf eine andre Rede lauschte. Nein, sie will nur sich selber vernehmen, nur mit sich selber zu schaffen haben, sich in sich selber verschließen, ja, sich innerhalb noch einer Umhegung mehr einschließen, und sich durch die Verzweiflung über die Sünde sichern gegen jeglichen Überfall oder
90 KzT 112.
91 KzT und Trost ist das, dessen er am
wenigsten bedarf, weshalb denn auch die ungeheuren Mengen von Trostgründen, welche die Seelsorger
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bedeutet demnach, verzweifelt nicht man selbst sein wollen 92 und Verzweiflung aus Schwachheit bedeutet, verzweifelt man selbst sein wollen. 93 Ärgernis zu nehmen an der Vergebung der Sünden wird in der Welt als ein Zeichen von Genialität und tiefer Natur verstanden. Die Ablehnung der Sündenvergebung schaut nach einem Konfrontationskampf des Menschen mit Gott aus und man meint, Gott damit auf den Leib rücken zu können. Doch darin offenbart sich das Dialektische: Je näher man Gott rücken will, umso weiter entfernt man sich eigentlich von ihm. Je weiter man von Gott sich entfernt, umso näher kommt man ihm. 94 Also ist das einzig richtige Verhalten zur Sündenvergebung: Demut und Glauben (also mithin Glauben an die Vergebung der Sünden). Doch auch das Ärgernis (nicht an die Vergebung der Sünden zu glauben) hat etwas Dialektisches. Die Möglichkeit des Ärgernisses ist ein Moment des Glaubens selber. Geistlosigkeit ist es, nicht Ärgernis nehmen zu können (oder Gleichgültigkeit). Doch Ärgernis nehmen ist wiederum Sünde, denn es soll ja geglaubt werden und nicht Ärgernis genommen werden. 95 Die Kategorie des Ärgernisses ist wichtig, denn sie schützt den qualitativen Unterschied zwischen Gott und dem Menschen: Es ist die Sünde, die den Unterschied zwischen Gott und Menschen ausmacht, nachdem Gott in Christus Mensch geworden ist. 96 Dabei gilt es zu beachten, dass der Mensch als Einzelner gesehen werden soll und nicht durch das Denken in einen Menschenbegriff subsummiert werden darf. Denn der einzelne Mensch lässt sich nicht denken. Es ist die Kategorie der 97 Der Gottesbezug
macht den Menschen als Einzelnen sicher. Es ist allein das Gottesverhältnis, das den Menschen aus der Masse der Menschen heraushebt, das den Menschen auch gegen spekulative Oberbegriffe und vor Verallgemeinerung schützt. Der Einzelne ist der Gegenbegriff zur Menge und zur Masse. Doch Einzelner ist m
92 Also verzweifelt nicht dieser Sünder sein wollen, dem Christus die Vergebung zusprechen will. Er will nicht dieser Sünder sein.
93 Er will verzweifelt dieser Sünder sein, dem aber die Vergebung der Sünden nicht gelten kann. Vgl. dazu KzT 114; Für beide Fälle gilt TIETZ
94 Das kann nur als Stolz bzw. Demut verstanden werden. Meint der Mensch durch Stolz auf eine Ebene mit Gott gestellt zu werden, ist er in Wahrheit weit weg von Gott. Demütigt sich der Mensch vor Gott durch Bekenntnis seiner Sünden (Reue), wird er von Gott angenommen und ist in seiner Nähe. In diesem Sinne vgl.
95 Die Vergebung der Sünden ist ein Ärgernis für den Menschen. Die Pharisäer haben gewisser weise angemessen reagiert und doch war ihre Reaktion Sünde. Die Pharisäer haben die Zumutung erkannt, die darin liegt, Sünden zu vergeben, denn es ist für den menschli
96 Damit wehrt sich Kierkegaard ge-Mensch-
Projektionstheorie Feuerbachs. So wahr es ist, dass Gott dem Menschen äußerst nahe gekommen ist, so wahr ist es, dass der Mensch durch die Sünde weit von Gott getrennt ist.
97 Der Sünde Ernst ist ihre Wirklichkeit in dem Einzelnen, ob du es bist oder ich; spekulativ soll man
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denn der Unterschied zu Gott bleibt dadurch gewahrt. So wie die Sünde qualitativ von Gott verschieden ist, so ist die Vergebung der Sünden qualitativ vom Menschen verschieden. Sünden kann allein Gott (bzw. Christus) vergeben. So soll der Einzelne entweder die Sündenvergebung glauben oder Ärgernis daran nehmen. Doch Ärgernisnehmen ist Sünde, Verzweiflung aus Schwäche und aus Trotz.
3. Die Sünde, das Christentum ausdrücklich aufzugeben, es für Unwahrheit zu erklären Diese Sünde ist die Sünder wider den Heiligen Geist. War die Taktik des Sünders gegen Gott bisher defensiv eingestellt (Beharren im Zustanden der Sünde) bzw. ein Angriff auf Gott, bei dem klar war, dass Gott trotzdem irgendwie der stärkere war (Verzweiflung über Vergebung der Sünden), so geht nun der Sünder in den offenen Angriff gegen Gott über, indem er die Botschaft des Christentums leugnet oder für Unwahrheit erklärt. Hier geht es um die positive Form des Ärgernisses. Je nach Grad der Phantasie unterscheidet Kierkegaard drei Stufenfolgen des Ärgernisses: In der niedrigsten Form ohne Phantasie und Leidenschaft hat er
Seine Haltung ist die der Gleichgültigkeit gegenüber dem Faktum, dass Gott Mensch geworden ist. In der zweiten Form hat er genug Phantasie um zu erkennen, dass die angemessene Form des Verhaltens auf die Botschaft der Glauben wäre, doch er verharrt lieber im Starrsinn des Ärgernisses und drückt sich vor einer endgültigen Entscheidung. In der dritten (positiven) Stufe hat er volle Phantasie, doch sie zielt auf die Ausrottung der Botschaft oder leugnet das Paradox des Christus: entweder meint er, dass Christus kein wirklicher Mensch war (Doketismus) oder dass er kein Gott war (Rationalismus).
5.2 Kierkegaard als Pädagoge
Kierkegaard konstatiert nicht nur die hoffnungslose Verlorenheit des Menschen im Zustand der Verzweiflung und der Sünde. Er verbindet damit eine ganz spezifische Absicht: er möchte die verschlafene Christenheit seiner Zeit aufwecken und erbauen. Bevor aber die christliche Botschaft erbaulich sein kann, muss der Mensch erschüttert werden. Und wahrlich, eine
können. Er will den natürlichen Menschen zum Schrecken erziehen, damit er für das Erbauliche der Botschaft bereit sei. Nicht umsonst vergleicht er den natürlichen Menschen mit einem Kind, der sich vor den falschen Dingen im Leben schreckt. Das, wovor das Kind sich schreckt, ist für den erwachsenen Mann ein Scherz. Desgleichen fürchtet sich der natürliche
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Mensch nicht vor dem Entscheidenden und Unbedingten der Christ aber schon und zwar vor der Krankheit zum Tode, mithin die Verzweiflung bzw. die Sünde. 98 So wie das Kind zum Erwachsenen Menschen erzogen werden muss, soll der natürliche Mensch zum Christen Das rechtfertigt Kierkegaard als Pädagogen zu bezeichnen.
Philosophie, sondern auch der Pädagogik. Kierkegaard hat von Sokrates zeitlebens mit Hochachtung gesprochen.
Für Sokrates ist klar: niemand tut freiwillig das Unrechte (oudeis hekon hamartanei). 99 Es ist nur die Unwissenheit was denn das Gute sei, weshalb der Mensch auch das Unrechte tue. Gelänge er zur Einsicht, was die Tugend sei, dann würde er diese Tugend auch tun. Letztlich ist das sokratische Konzept der Sünde ein klar aufklärerisches: es gibt das Gute im Menschen, es ist nur durch Unwissenheit und Verblendung verdunkelt. Ein Lehrmeister (bzw. eben ein Pädagoge) muss die Menschen (und insbesondere die Jugend, denn sie sei noch für solche Lehren empfänglicher) zur Erkenntnis des Guten erziehen. 100 Das geschieht indem der Lehrmeister den Jüngling durch geschicktes (dialektisches) Fragen zum Antworten reizt. Das vermeintliche Wissen um die Tugend soll dem Einsehen der eigenen Unwissenheit weichen. Sokrates` Gesprächspartner Menon vergleicht Sokrates mit einem Zitterrochen, der betäubende Wirkung auf den Befragten ausübt. 101 Sokrates wehrt sich gegen den impliziten Vorwurf den Gesprächspartner nur betäuben zu wollen: er meint, dass er selber nicht wisse, sei. Sokrates will aber die vermeintliche Selbstsicherheit des Menschen destruieren, um so Platz zu schaffen für eine höhere Art von Erkenntnis. Die sokratischen Gespräche führen letztlich zur Aporie. 102 Im Menschen muss Raum geschaffen werden für die
98 KzT 6.
99 HAGER us auf das Gute als das für ihn Nützliche (und letztlich
KRANZ
Merkmal von Ausgezeichnetsein und Vortrefflichkeit. In dieser ursprünglichen Bedeutung ist Tugend also ein Leistungsvermögen, ein Wert, ein Vorzug und eine Auszeichnung, die nicht nur Menschen, sondern auch
101 KRANZ, Platon. Menon 33. [80a]
102 HAGERmmer wieder wird so Sokrates selbst, aber vor allem der Gesprächspartner falscher Behauptungen, ungenügender Definitionen, widersprüchlich behaupteter Zusammenhänge überführt (der technische Ausdruck für dieses Verfahren ist derjenige des elenchos; Sokrates geht als Elenktiker vor), und alle
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Empfänglichkeit der Wahrheit. Der Schutt an unhinterfragten und verfestigten Unwahrheiten muss zuerst beiseite geschafft werden. Das ist notwendigerweise mit Anstrengung und Unbehagen verbunden. Der Mensch bleibt lieber im gewohnten Zustand der Unwahrheit. Das Herausführen aus dieser Unwahrheit ist Aufgabe der sokratischen Pädagogik bzw. der Maieutik.
Um ähnliches geht es Kierkegaard. Er will die Christen wachrütteln aus ihrer Selbsttäuschung, er will sie in ihrer vermeintlichen Selbstsicherheit betäuben. Das geschieht
Der Mensch soll sich seiner wahren Sünde, die strukturell tiefer liegt im Menschen als all die Tatsünden, bewusst werden. Es geht um Bewusstmachung und um Aufdeckung einer Tiefenschicht im Menschen. Insofern decken sich die Anliegen Kierkegaards mit denen des Sokrates. Beide Male geht es um die Erschütterung der bisherigen Lebensgewohnheiten und Lebensklugheiten: hier täuschen sich die Me ret, dort
täuschen sich die Menschen selbst in der Meinung gute Christen und sündlose Menschen zu sein. Erst soll der Mensch frei gemacht werden von den Lügen, mit denen sie ihr Leben bisher ummantelt haben. Dann erst sind sie bereit für das entscheidende: bei Sokrates die Wahrheit bzw. die Tugend und bei Kierkegaard der Glauben bzw. das Bewusstsein des Selbst, das von Gott gesetzt ist. Die Erschütterung des Menschen ist eine erzieherische Notwendigkeit. Daher weist Kierkegaard mit seinen Schriften immer wieder auf die Missverhältnisse im Menschen hin: sei es auf die Verzweiflung in KzT oder auf die Angst bei der Erörterung der Erbsünde Dass die Menschen das natürlich nicht gerne gehört haben und hören, soll uns nicht verwundern: Sokrates musste seine Provokationen mit dem eigenen Leben bezahlen, Kierkegaard war zeitlebens Außenseiter und war Opfer von Verleumdungen und Schmutzkampagnen. 103
Einen entscheidenden Unterschied zwischen Kierkegaard und Sokrates gibt es aber dennoch und darin liegt auch ein wesentlicher Unterschied der Pädagogik begründet. Während für Sokrates klar ist, dass auf die rechte Einsicht über Gut und Böse auch das rechte Tun folge, liegt für Kierkegaard das Grundübel weit tiefer: die Erkenntnis ist zwar wichtig, aber das Wollen folgt nicht immer der Erkenntnis, d.h. die rechte Handlung wird trotz besserer Einsicht nicht ausgeführt. Das Wollen gehorcht der Einsicht nicht gleich und lässt Stück für Stück die Zeit verstreichen, bis die Erkenntnis sich den niederen Instinkten wieder anpasst.
Sätze werden so lange auf ihre Fundiertheit untersucht, bis man entweder zu einem unanfechtbaren Resultat gelangt oder bis das Gespräch ohne Ergebnis in einer Ausweglosigkeit (aporia
103 Als glänzender Satiriker teilte er natürlich aber auch gerne selber aus.
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Letztlich siegen die niederen Instinkte im Menschen. 104 Die Sünde kann somit nicht in der Unwissenheit liegen, denn dann wäre ja die Sünde unbewusst. Denn Sünde wird es erst, wenn sie bewusst ist. Bei Sokrates kann es keine Sünde geben: denn in der Unwissenheit weiß der Mensch nicht, dass er sündigt und im Wissen, sündigt nach Sokrates der Mensch nicht so gesehen kann es bei Sokrates keine Sünde geben. So kennt das Heidentum keine Sünde, das Christentum aber erkennt die Sünde im Willen. Zu dieser Erkenntnis will Kierkegaard die Christen erziehen.
5.3 Kierkegaard als Pastor
1. Kierkegaards Ziel ist Glauben, nicht Verzweiflung
Kierkegaard als Philosoph deckt die Missverhältnisstrukturen im Selbst- und im Gottesverhältnis auf. Kierkegaard als Pädagoge will den Menschen wachrütteln aus ihren Sünden und sie der Sündhaftigkeit überführen. Kierkegaad als Pastor will den Menschen die Gnade Gottes verkünden, die in der Vergebung der Sünden liegt und die im Glauben angenommen werden soll. Im Folgenden soll betrachtet werden, was bei Kierkegaard
das Geleit - 105 intendiert waren. Dabei ist
Glauben und hie und da macht er Andeutungen, doch eine systematische Entfaltung dessen, was der Glaube nun für den Menschen bedeutet, wird hier nicht vorgenommen. Dies lässt sich nur ex negativo durchführen. 106 Aus der Beschreibung des Krankseins lässt sich erahnen, was dann Gesundsein bedeuten kann. Zudem hat Kierkegaard ursprünglich weitere zwei Bücher verfassen wollen, die thematisch zu KzT das Pendant gewesen wären: die Heilung von dieser Krankheit ist möglich. 107 Insofern scheint dieses Vorgehen gerechtfertigt zu sein.
104
mehr und mehr die Oberhand; denn ach, das Gute muß sogleich getan werden, sogleich, wenn es erkannt ist
106 Vgl. TIETZn, an denen er sich ausrichtet, auch ansetzt, um
TIETZ, Freiheit 28. Vgl. dazu auch die einleitenden Bemerkungen
von Kierkegaard, wonach KzT eine erbauliche Lektüre sein soll und zudem mit einem Krankenbericht des Arztes vergleichbar sein soll, das letztlich zu einer Therapie (= Heilung) der Krankheit führen soll.
35
2. Was ist der Glaube?
Nachdem Kierkegaard lang und breit die verschiedenen Stufen der Verzweiflung und der Sünde reflektiert hat, stellt sich die Frage, wie man aus ihr wieder herauskommt. Entscheidend ist eine wesentliche Unterscheidung, die die Richtung der Veränderung angibt: Der Gegensatz zu Sünde (und damit auch der Verzweiflung) ist nicht Tugend, gute Werke oder sonstiges, sondern schlicht und einfach der n 108 Es ist also der Glaube, der den Menschen wieder in ein Wohlverhältnis bringt. Hat es geheißen, dass im Zustand der Verzweiflung der Mensch verzweifelt nicht er selbst bzw. verzweifelt er selbst sein will, so muss für den Zustand des Glaubens eine neue Formel gefunden werden. Im Zustand des
[Bewusstsein], und indem es es selbst sein will [Wollen], gründet sich das Selbst durchsichtig
Glauben wird das Selbst sich des eigenen Grundes einsichtig, nämlich Gottes. Das trübe Wasser, das den Grund des eigenen Lebens verdunkelt, wird im Glauben glasklar. Zum Glauben hin wird man geführt durch die Verzweiflung, denn die Verzweiflung ist dialektisch: Je mehr Verzweiflung, umso mehr Bewusstsein von sich selbst, umso näher am Glauben. Man befindet sich auf dem Weg zu Gott. In Kierkegaards 110
verdeutlicht er den Unterschied zwischen dem Fern- und dem Nahe-Sein vor Gott. Während der Pharisäer sich mit anderen verglichen hatte und damit sich nicht allein vor Gott wusste, hat der Zöllner allein sich selbst und Gott im Blick gehabt. Obwohl er seinen Blick niederschlagen ließ, d.h. sein Blick war auf seine Sünden gerichtet, so war er mit dem Ruf
klagte sich an und bekannte und bereute seine Sünden. So wurde er emporgehoben zu Gott. So ging er im Glauben gerechtfertigt nach Hause, während der Pharisäer so aus der Synagoge gegangen ist, wie er gekommen ist. Bei ihm geschah keine Veränderung, weil er nicht auf seine eigenen Sünden geschaut hat, sondern auf die der anderen. Glauben bedeutet hier mithin von sich selbst abzusehen und alles von Gott zu erhoffen, insbesondere die Vergebung der eigenen Sünden, d.h. die Aufhebung der eigenen Verzweiflung. Ähnlich doch auch bei seiner
108
ist eine zum Teil heidnische Betrachtung, welche sich an einem bloß menschlichen Maßstabe genügen läßt, welche eben nicht weiß, was Sünde ist, daß nämlich alle Sünde vor Gott ist. Nein, der Gegensatz zu Sünde ist 109 KzT 134.
110 Im folgenden GW 24/25, 147-154.
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111 . Sie hat viel geliebt, weil sie sich viel gehasst hat. Das
schwerste sei die Sünde ganz offen vor Gott zu bekennen. Die Sünde ist listig und sie will immer nur die Halbwahrheit offenlegen. Doch vor Gott muss man alles offen bekennen, denn er sieht alle Verzweiflung. Die Sünderin hat deswegen viel geliebt, weil sie den Heiland, weil sie ihre Rettung mehr geliebt hat, als ihre Sünden. Viele Menschen lieben in ihrer Verzweiflung ihre Sünden noch immer, weil sie verzweifelt stolz auf ihre Verzweiflung sind. Die Vergebung der Sünden wäre aber nicht mehr ihr Werk. Dazu müssten sie sich demütigen und anerkennen, dass sie zu nichts mehr in der Lage sind, als allein alles von Gott zu erhoffen und zu erbeten. Simon ist brüskiert über das Verhalten Jesu, dass er solch eine Sünderin bei einem Festessen zu sich lässt. Doch Jesus erkennt, dass sie alle anderen Hoffnungen auf Vergebung und Errettung aus ihrem Elend aufgegeben hat und allein von ihm alle Vergebung erhofft. Daher hat sie auch keine falsche Scham und Scheu. Sie schämt sich ihres Weinens nicht, denn sie sind echt und vor dem Heiland kann man sich nicht verstellen. Daher wird sie gerechtfertigt, weil sie ihr Heiland mehr geliebt hat als ihre Sünden. Sie hat also starken Glauben gezeigt.
aber die Gefahr des Rückfalls.
Man bewegt sich dann von Gott weg und bleibt in der Sünde. Allein durch Umkehr wird wieder ein Verhältnis zu Gott ermöglicht. Der Sünder darf und muss die Vergebung der Sünden, die Gott ausgesprochen hat, für sich annehmen das gelingt jedoch nur, wenn er erkennt, dass er im Zustand der Sünde sich befindet und dass er nur aus der Vergebung her leben und glauben kann. An der Vergebung der Sünden soll er kein Ärgernis nehmen, sondern die Vergebung der Sünden demütig annehmen und sich Gott unterordnen. Das wird ihn von seiner Sünde befreien. Die Missverhältnisse in der Synthese, im Selbst- und Gottesverhältnis werden durch den Glauben wieder zu einem Wohlverhältnis aufgelöst. Der Blick zu Gott wird wieder frei. In der Durchsichtigkeit wird der Weg zu Gott frei.
3. Selbstannahme
Die Synthesis, die von Gott gesetzt ist, besteht aus Endlichkeit und Unendlichkeit und wird in der Synthese von Möglichkeit und Notwendigkeit zur Realisierung gebracht. Entscheidend nun ist es, wie sich das Selbst zu sich selbst verhält. Das Selbstverhältnis ist eine aktive Tätigkeit des Geistes, die nicht von Gott bedingt ist. Daher trägt er auch die Verantwortung für das Wohlverhältnis. Sofern die Verzweiflung im Glauben aufgehoben ist, verhält sich das
111 GW 24/25, 155-163.
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Selbst zu sich selbst (also der Glauben ist immer etwas bewusstes es gibt keinen unbewussten Glauben) und zwar so, dass das Selbst das von Gott gesetzte Selbst (= Synthesis) sein will. Man kann daher auch von einer Selbstannahme oder Selbstbejahung (= das von Gott gesetzte Selbst sein wollen) sprechen. Doch diese Selbstannahme und Selbstbejahung muss differenziert betrachtet werden. 112
4. Wie schaut das Selbst im Glauben aus?
seiner konkreten
Beschaffenheit anzunehmen. Es geht nicht darum, das Missverhältnis annehmen zu wollen oder zu müssen. Es geht auch nicht darum, das eigene Selbst vor Gott zu verleugnen. Vielmehr geht es gerade darum, dass sich das Selbst vor Gott als von Gott geschaffen annimmt. Das kann das Selbst aber nur deshalb tun, weil Gott das Selbst annimmt. Selbst-Annahme bedeutet daher prinzipiell ein Zweifaches: einerseits, dass Gott die Synthesis des Menschen annimmt und dass das Selbst seine eigene Synthesis annimmt. 113 Im Glauben geschieht beides zugleich. 114 . Nicht ein Menschentyp
Selbst, das von Gott geschaffen wurde. Dieses von Gott original geschaffene Selbst wünscht sich mittels der Phantasie ein Verhältnis zum Unendlichen aufzubauen und gleichzeitig wendet es sich an die konkreten Aufgaben im Hier und Jetzt, denn es weiß sich als ein endliches Wesen. Zur Realisierung der Synthesis aus Endlichkeit und Unendlichkeit braucht es die Freiheit, die dialektisch sich unterscheidet in Möglichkeit und Notwendigkeit. Ohne Freiheit kann keine Selbstannahme möglich sein.
Was ist aber mit den offenkundigen Schwächen des Menschen? Kierkegaard hat die Verzweiflung, nicht man selbst sein wollen als die eigentliche Form für alle Arten der Verzweiflung verstanden. Daher ist es eine entscheidende Frage, wie man mit den eigenen Schwächen umgeht. Schafft man sie anzunehmen, ist man der Verzweiflung ein Stück weit ittelbar
115 . Es soll unterschieden werden zwischen Werk und Person. Die Person, also das
114 TIETZ, Freiheit 59.
115 TIETZ, Freiheit 79.
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Selbst, soll angenommen werden, trotz den vorhandenen Schwächen der Werke. Das Selbst soll das Irdische (also die Schwächen) nicht so zu Herzen nehmen, dass er darüber über das eigene Selbst verzweifelt. Denn die Werke des Menschen sollen besser werden, dazu ruft ja Gott schließlich auf. Es soll nach Vollkommenheit gestrebt werden. Doch Voraussetzung für das Streben nach Vollkommenheit ist der Glaube, mithin also der Zustand, in der es keine 116 müssen zuerst so
angenommen werden, dass das Selbst bejaht wird, ohne aber meinen zu wollen, damit ein perfektes Selbst zu haben. Es soll deutlich werden, dass das eigene Selbst angenommen werden soll, ohne aber die eigenen Werke als vollkommen anzusehen. Nach klassischer paulinischer und lutherischer Theologie heißt hier die Annahme der eigenen Schwächen die die Sünde wird rechtfertigt, sondern
der Sünder. Ist der Sünder aber gerechtfertigt, kann er sich mit seinen Sünden nicht abfinden. Er wird sie hassen und er wird aus Dankbarkeit und aus Freude ein gottgefälliges Leben führen wollen. Die Reformatoren, insbesondere calvinischer Provenienz, prägten für das
Heiligung nur aufgrund der Rechtfertigung möglich ist. Nur wenn sich der Sünder selbst angenommen hat und im Glauben ist, kann er seinen Willen dem Willen Gottes anpassen. Vor der Rechtfertigung dreht sich alles nur um sich selbst und der Wille fokussiert sich auf die falschen Dinge. In der Verzweiflung dreht sich der Mensch nur um seine eigene Achse. Freilich es ist nicht ausgeschlossen, dass der Gläubige nach der Rechtfertigung erneut in die Sünde fällt, d.h. seinen Glauben verliert. 117
Gibt es im Glauben ein Wohlverhältnis im Selbstverhältnis und zugleich ein Missverhältnis in der Synthesis? Nein. Das Missverhältnis in der Synthesis ist nicht von Gott gewollt er hat nicht das Missverhältnis gesetzt. Missverhältnis in der Synthesis bedeutet ja ein Ungleichgewicht in den Existenzbedingungen des Menschen. Das geheilte Selbst kann nicht sein Ungleichgewicht wollen, sondern nur sein Gleichgewicht, so wie es von Gott geschaffen worden ist. 118 Wollte der Glaubende sein Missverhältnis wollen, ist er verzweifelt, also wäre
116 KzT 54. Interessant hier ist es, dass Kierkegaard von Schwierigkeiten und Vorzügen redet. Auch die Gaben des Menschen gehören zum Selbst dazu, die angenommen werden müssen. Man muss auch die Vorzüge als die seinigen annehmen können und man muss auch sich von ihnen distanzieren können, um nicht vorschnell mit ihnen sich zu identifizieren. Vgl. TIETZ, Freiheit 80.
117 D.h. eben nicht, dass er nicht sündige Werke tun wird. Auch der glaubt, ist nicht vollkommen. Aber er ist vollkommen vor Gott aber nicht aufgrund der Werke, sondern aufgrund des Glaubens an Jesu Christi, das im Glauben angenommen wird.
Möglichkeit und Notwendigkeit. Er bejaht, dass sich kein polares Element auf Kosten des anderen durchsetzen
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er mitnichten im Glauben. Glauben heißt somit auch gleichzeitig, dass der Mensch zu 119 gelangt. Das Wohlverhältnis in der Synthesis ist aber immer ein Strukturmoment des je einzelnen Selbst. Somit lässt sich von außen nicht objektiv bestimmen, wie das Wohlverhältnis im Einzelfall auszuschauen hat. Das kann nur das einzelne Selbst vollziehen. 120 So ist es auch klar, dass die Synthesis, die von Gott gesetzt worden ist, auch nichts Statisches ist, bei der immer schon festgelegt ist, wie die einzelnen Existenzbedingungen konkret zueinander sich verhalten sollen. Erinnern wir uns daran, dass die Synthesis erst durch die Dialektik der Freiheit (Möglichkeit und Notwendigkeit) wirklich wird. Daher ist die Selbstannahme bzw. die Selbstbejahung im Sinne von Tietz nicht nur eine Sache des Denkens, sondern auch eine der Wirklichkeit, mithin des Wollens und des Vollziehens. 121 Das Wohlverhältnis der Synthesis und das Wohlverhältnis im Selbstverhältnis als auch im Gottesverhältnis ist im Glauben nicht nur als Vorstellung da (der Begriff
5. Das Leben des Christen: Dynamik zwischen Glauben und Sünde
Der Christ steht immer in der Dynamik zwischen Glauben und Sünde. Freilich, je mehr der Christ sich im Glauben einübt, umso klarer und freudiger wird er auch darin bleiben wollen. Umso weniger lässt er sich durch äußere Umstände erschüttern. Doch der Christ weiß aus Erfahrung, dass er sofern er wieder auf die eigenen Leistungen etwas einbildet leicht wieder aus dem Glauben fallen kann. Daher wird er sich wie der Mönch Luther für sich sagen
darf. Damit findet das Missverhältnis zwischen den Elementen der Synthesis ein Ende
nicht ausdrücklich zur Fragestellung, ob Bejahen lediglich so viel wie Akzeptanz des wirklichen Selbst bedeutet (die ja auch im Missverhältnis stehen kann) oder ob Bejahen schon ein Wohlverhältnis voraussetzt. Meiner Meinung nach kann es eigentlich nur heißen: Das Missverhältnis in der Synthesis wird im Glauben zu einem Wohlverhältnis. Der Glaube ist ja immer bezogen auf ein Inhalt: man glaubt an die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus. Das impliziert schon ein Gottesverhältnis. 119 KzT 9; Vgl. dazu die berühmte Wendung des AUGUSTINUS
120 Daher ist Verzweiflung auch wesentlich von allen (!) anderen seelischen und leiblichen Krankheiten, Unglücksfällen, Schicksalsschlägen usw. zu unterscheiden. Was für den einen Anlass zur Verzweiflung werden
auch der Tod nic
solche ideale Zuspitzung ist in Reinform selten anzutreffen, aber das Christentum kennt das Ideal des rend sie
aber in sich selbst durch den Glauben ein inneres Gleichgewicht gefunden haben, das aller solchen Vorstellungen Lügen straft. Nicht die äußeren Umstände sind es, die darüber entscheiden, ob ein Mensch verzweifelt ist oder nicht. Es ist immer die innere Haltung entscheidend. der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem
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das ganze Leben der Gl Meiner Meinung nach hat die lutherische Theologie und lutherische Frömmigkeit diesen Aspekt des Christ-Seins äußerst vernachlässigt. Die reformatorische Lehre der Rechtfertigung allein aus Gnaden diente als bequemer Polstersessel für Pfarrer und für Gemeindeglieder. Doch die tägliche Umkehr und die täglich notwendige Entscheidung Gott gehören zu wollen und sein tagtägliches Leben in Gott gründen zu wollen sie findet in der gegenwärtigen theologischen und kirchlichen Praxis kaum eine Anwendung. Dabei ist es doch so wie mit der ehelichen Liebe: das Ja-Wort bei der Eheschließung ist die Voraussetzung für alles kommende. Ohne dieses Ja kann gar nichts gelingen. Doch wenn die Liebenden sich dann im Leben nicht darum bemüht sind, füreinander da zu sein und das Ja im Leben Tag für Tag zu verwirklichen dann erkaltet die Liebe. Dass Glaube auch mit Arbeit und Hingabe verbunden ist, wird meist übersehen. Und diese Hingabe ist doch wie die Hingabe der Liebenden eine Freude, die keine andere Entsprechung finden kann. Freilich bedeutet das auch viel Mühen, Leid und Schmerz. Und von nichts anderem spricht hier Kierkegaard. Kierkegaard selbst hat die eheliche Liebe nicht gelebt und nicht kennen gelernt. Er wäre bestimmt ein guter Ehemann für sie gewesen. Doch seine Liebe und Leidenschaft zu Gott war noch größer. Es ist müßig darüber nachzudenken, was geschehen wäre, wenn sie zusammen geblieben wären. Ob er auch dann so viele Bücher geschrieben hätte? Ob er so viel Einfluss auf die Philosophie und auf die Theologie gehabt hätte? Jedenfalls verlor er seine Liebe zu Regine Zeit seines Lebens nie. Er wäre mit ihr bestimmt glücklicher gewesen. Doch entscheidend war seine Hingabe, die er so oder so gezeigt hat.
6. Exkurs
Es war viel vom Selbst, von Verzweiflung und vom Glauben die Rede. Mich interessiert nun, wie Jesus Christus, Grund und Inhalt des christlichen Glaubens, im Rahmen dieses Werkes zu verorten ist. Ich gebe zu, dass der kommende Abschnitt etwas spekulativ bleibt. Ich sehe diese Vorüberlegungen eher als ein Anstoß weiter in diese Richtung zu denken. Als Theologe ist es meiner Meinung nach wichtig, sich auch den spekulativen Denkprozessen sich nicht zu verweigern, auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer aus dem Leben gegriffen ist. Doch über welche andere Person in der Menschheitsgeschichte soll so viel nachgedacht werden als über Jesus Christus? Wir werden nicht zu einer befriedigenden Lösung kommen, doch es besteht ein Reiz, ihn näher kennen zu lernen. Das soll in den Bahnen erfolgen, die
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Kierkegaard steht ganz in der Tradition der altkirchlichen Bekenntnisse. Das ökumenische Konzil von Chalcedon formulierte die entscheidenden christologischen Dogmen. Kernsentenz ist die Bestimmung, dass Jesus Christus in einer göttlichen und in einer menschlichen Natur sich offenbarte. Der göttlichen Natur nach hat er Gott als seinen Vater, der menschlichen Natur nach hat er die Jungfrau Maria als Mutter. Diese beiden Naturen beziehen sich so zueinander, dass sie unvermischt und ungetrennt sind. Man darf die Naturen nicht einfach unbedacht vermischen und man darf die beiden Naturen nicht einfach unbedacht voneinander trennen. 122
Ist Jesus Christus wahrer Mensch, so muss seine Synthesis von Gott gesetzt worden sein. Ist Jesus Christus wahrer Gott, so muss er sich selbst gesetzt haben. Beides kommt also bei ihm vor. Da das Bekenntnis lautet, dass Jesus Christus ohne Sünde gelebt hat, so ist folgendes vorauszusetzen: Jesus Christus konnte der Möglichkeit nach verzweifeln, der Wirklichkeit nach war er aber nie verzweifelt. In der Gestalt des Fleisches bestand stets die Möglichkeit der Sünde: doch er widerstand den Versuchungen. 123 Nur dadurch konnte er anderen Menschen helfen und nur dadurch konnte er die Menschen erretten. Weshalb? Da er allein die tatsächliche Macht der Sünde kannte. Die Menschen, die in den Versuchungen auf der Strecke bleiben, lassen sich von den Sünden betrügen. Christus überwand aber die Versuchungen. D.h. nur er allein wusste über das wahre Ausmaß der Versuchungen. Und daher kannte er die wahre Macht der Sünde. Hätte er gesündigt, wäre er auf eine Ebene mit den Menschen geraten und er hätte in nichts helfen können, da sowohl er als auch der Mensch in der gleichen Verzweiflung sich befunden hätten. Es soll ja schließlich darum gehen, dass Gott den herausziehen kann, der im Schlamm der Sünde versunken ist. Das geht nur dann, wenn Jesus auf einem sicheren Boden steht, sprich ohne Sünde ist. Hätte er sich aber auf die Welt nicht eingelassen, so wäre er der Gefahr fern geblieben, so hätte er dann auch nicht helfen können. Er musste bei den Menschen sein. Er musste die Versuchungen und die Leiden der Menschen kennen, sonst wüsste Gott nicht, was es heißt Mensch zu sein.
Jesus Christus war der Möglichkeit nach verzweifelt, aber nicht der Wirklichkeit nach. So hatte er stets ein Wohlverhältnis in der Synthesis, zu sich selbst und zu Gott, auch wenn sein insbesondere in den Stunden der Versuchung: in
122 WICKHAM, Chalkedon 672.
123 Zu-146.
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der Wüste, in der Auseinandersetzung mit seinen Gegnern (aber auch Freunden), im Garten
man es so nennen will. 124 Aber in diesem Heroismus lag keine übernatürliche Kraft dahinter, sondern der eigentliche Heroismus war sein Akt der Liebe, der Hingabe und des Glaubensgehorsams. Auch hier muss klar und deutlich sein: wir können nicht auf die
Beispielsweise gehört Zorn ja in der mittelalterlichen Tradition zur Todsünde. Als Jesus aber die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hatte, zeigte er Emotionen, die man getrost als Zorn bezeichnen kann. Der Unterschied liegt aber darin, dass der Zorn in der Sünde aus Verzweiflung (d.h. aus einem Ungleichgewicht im Selbst- und Gottesverhältnis) resultiert, während der Zorn im Glauben aus einem Wohlverhältnis heraus resultiert. Obwohl sie äußerlich gesehen ähnlich sein können, so sind die beiden Handlungen qualitativ grundverschieden. Es ist der Glaube allein, der den kleinen aber unendlich bedeutenden Unterschied ausmacht.
Er glaubte unentwegt an Gott, der sein Selbst gesetzt hat. Und letztlich glaubte er auch an sich selbst, da er ja auch sich selbst gesetzt hat. Der Mensch hingegen hat zwar im Glauben Selbstvertrauen, aber dieses Selbstvertrauen gründet sich unter keinen Umständen auf sich selbst, sondern allein auf Gott.
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7. Statt eines Schlusswortes
Was soll uns ein einsamer Philosoph und Theologe aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus einem Provinzstädtchen am Rande des Weltgeschehens heute noch sagen wollen? Weshalb ist es eine Beschäftigung mit Sören Kierkegaard überhaupt der Mühe und des Aufwandes wert?
Da ist einerseits das historische Interesse: Sören Kierkegaard gilt als eines der bedeutendsten Wegbereiter des Existenzialismus und der Existenzphilosophie. Sie sind ohne Kierkegaard nicht vorzustellen. Nietzsche, Heidegger, Sartre, Camus um nur wenige aber die bedeutendsten zu nennen haben entscheidende Anregungen von ihm bekommen und sein Leben und Denken entscheidend weitergeführt wenn auch unter anderen Vorzeichen und mit anderen Konsequenzen. Sofern man sich für die historische Genese der Existenzialphilosophie interessiert und dieses Interesse ist es wert führt kein Weg an Kierkegaard vorbei.
Doch da gibt es auch noch ein anderes und meiner Meinung nach viel wichtigeres Interesse, weshalb eine Beschäftigung mit Kierkegaard nicht nur für beachtenswert befunden werden soll, sondern geradezu für eine Gesellschaft wie die unsere unbedingt wichtig ist. Mag man ihn nun als Philosophen bezeichnen oder auch als Pädagogen und als Pastor (wie ich es tue) er selbst sah sich übrigens als ein
seltenes Polizeitalent an 125 eines ist er ganz gewiss: er ist äußerst umstritten und ungeliebt. Wie soll man denn auch Polizeitalente lieben? Sofern er überhaupt unter unseren Zeitgenossen bekannt ist, sind diejenigen, die ihn kennen, von ihm meist angewidert und angeekelt. Hängt es vielleicht damit zusammen, dass Kierkegaard wie kein anderer den Menschen ihre Sünden in ihrer ganzen Tiefendimension aufdeckt und ihn mit diesen schonungslos und unverblümt konfrontiert? Unsere gegenwärtige Gesellschaft will unter keinen Umständen auf ihren Optimismus und Fortschrittsglauben verzichten. Darin liegt vor allem die Angst zugrunde, einzugestehen, dass man die letzten Jahrhunderte auf dem falschen Weg gegangen ist. Was will man dann von einem Schwarzmaler und Miesepeter? Die Welt
tiefsinniger Geist, ein Seher, Prophet, nein ich bin, mit Verlaub, ich bin ein im seltenen Grade ausgeprägtes SCHRÖER, Luther 242.
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läuft auf einen Abgrund zu (Fukushima zeigt uns das nur allzu deutlich!), aber den Spaß will sie sich nicht nehmen lassen.
Doch weshalb hält Kierkegaard den Menschen ihre Fehlverhalten und ihre Sünde vor? Macht er das aus reiner Misanthropie, wie viele Menschen meinen? In Wahrheit denkt Kierkegaard viel zu hoch vom Menschen. Gerade weil er den Menschen als etwas Außergewöhnliches und
und wir sind geneigt zu sagen unserer Zeit. Wir sehen den Menschen heutzutage als ein rein biologisches und triebhaftes Wesen an, als ein Wesen, das von seiner Gesellschaft ganz abhängig ist, als ein Wesen, das nur zur Bedürfnisbefriedigung da ist, als ein Wesen, das rein egoistisch seinen eigenen Interessen nachgeht usw. Kierkegaard verweigert sich dieser Festlegungen: zu solchen Bestimmungen ist der Mensch nicht geschaffen worden. Dagegen setzt Kierkegaard als schonungsloser Kritiker dieser defizitären und inferioren Beschreibungen des Menschen direkt beim Einzelnen an heute würden wir sagen beim
in Wahrheit und in Wirklichkeit 126 unmodische Begriffe wie
Geist und Seele längst abgeschafft hat, dort setzt Kierkegaard gerade an. Nicht physiologische bzw. neurologische Prozesse bestimmen den Menschen, sondern der Mensch selbst ist Geist, der für sein Leben Verantwortung trägt. Kierkegaard kennt die Determiniertheit des Menschen, doch er bleibt dabei nicht stehen. Er kannte bereits im 19. Jahrhundert die Gefahren einer solchen Denkweise: wird der Mensch als eine
Bedürfnisbefriedigungsmaschine gesehen, so lassen sich wunderbar Produkte zum Konsumieren verkaufen. Wird der Mensch als ein Konglomerat an neuronalen Prozessen begriffen, so lässt er sich bei Fortschreiten der Forschungen gezielt im Sinne einer Selbstoptimierung und Leistungssteigerung manipulieren. Es sollte eigentlich jeden vernünftigen und gesunden Menschen erschrecken oder zumindest nachdenklich machen, dass unsere Gesellschaft so viel Geld in diese Wissenschaften steckt und noch stolz von deren Zukunftsträchtigkeit schwärmt. Welche Einstellungen und Haltungen offenbaren diese emsigen Aktivitäten? Wozu das alles gut ist, diese Frage wird eigentlich nicht mehr gestellt bzw. die Antwort stillschweigend vorausgesetzt: Der Mensch soll in den Griff zu bekommen sein, dieses Wesen soll für wirtschaftliche Zwecke kontrolliert und optimiert werden. Diese dämonische Dummheit greift wie eine Krankheit um die Welt. Und genau da setzt
ihrer Forschungen zu machen. Konfrontieren wir doch Mal diesen Anspruch mit der Selbstaussage Jesu in Joh Leben
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Kierkegaard an. All unsere globalen Probleme die heutzutage kein ernstzunehmender Mensch mehr in Frage zu stellen wagen sollte sind eigentlich Folgen einer tiefer liegenderen Ursache. Wir haben vergessen, was und zu welchem Zweck wir hier auf Erden sind. Wir
Frage beantworten. Dass sie nur einzelne Aspekte des menschlichen Daseins beantworten können, scheint niemanden wirklich zu stören. Man lässt sich beruhigen und in irgendwelche Erklärungen einlullen und damit ist gut. Diese Dreistigkeit nennt Kierkegaard Verzweiflung. Heute ist es modisch von der Depression zu sprechen, doch auch in der Therapie von Depressionen oder von Lebensproblemen verweist man auf Medikamente und auf teure psychiatrische Behandlungen. Kierkegaard nennt sie Sünde. Außerhalb der Kirche gibt es nur Verkehrs- und Diätsünder. Alles andere wird als etwas längst Unwichtiges und Vergangenes abgetan. Der Mensch aber krankt an der Verzweiflung und an der Sünde. Und die viel größere Krankheit ist es, diese Krankheit bequem zu verneinen und zu bagatellisieren. Und gibt es Menschen, die auf diese Krankheit aufmerksam machen, so werden sie gebrandmarkt, wie auch Kierkegaard nur allzu häufig pathologisiert wurde und wird. Unsere Gesellschaft krankt in Wahrheit deshalb am meisten, weil sie aus Angst, Faulheit und schlichtweg aus Dummheit sich dieser Krankheit nicht stellt. Stattdessen sucht sie verzweifelt nach Lösungen, die ohne Heilung von dieser Krankheit nicht zu finden sind.
Heili
die Kirche hat ihre Aufgabe darin zu sehen, die Menschen über diese Krankheit aufzuklären und den Menschen die Heilung aufzuzeigen. Die dialektische Theologie der 20er und 30er Jahre mit Karl Barth und Rudolf Bultmann an der Spitze rezipierten zwar Kierkegaard und entwickelten für sich ein erneutes prophetisches Verständnis nach den Zeiten der bequemen Anbiederungen des Kulturprotestantismus an den herrschenden Zeitgeist. Ein echter Aufbruch fand in der Kirche statt. Und dieselben behielten auch Recht gegenüber dem Nationalsozialismus, da sie auch einer der wenigen waren, die erkannten, welcher Geist sich hinter dem Schein verbarg. Auch die Philosophie war mit Heidegger zu dieser Zeit von einem Aufbruch geprägt, die wesentliche Impulse von Kierkegaard mitgenommen hatte. 127 Doch von diesem Aufbruch ist in der gegenwärtigen Theologie so gut wie gar nichts zu spüren. An
127 Der allerdings auch auf falsche Gleise geriet.
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der existenziellen Radikalität Kierkegaards wird Anstoß genommen 128 , während sich die gegenwärtige Theologie in reine Beschäftigung mit der Historizität zu versinken droht. Aber gerade dadurch, dass die Existenzphilosophie und die dialektische Theologie mit ihren Paradoxien und Abgründen aus der Mode gekommen sind (sie seien zu düster und zu pessimistisch für eine zukunftsoptimistische Welt und damit unverständlich), konnte man sich umso bequemer an den herrschenden Zeitgeist anpassen. Damit hat sie aber kein Salz mehr um die fade und geschmacklose Gesellschaft mit der biblischen Botschaft zu würzen. Und auch dort wo die Kirche scheinbar ihre prophetische Stimme erhebt (etwa in Fragen der Toleranz zum Islam oder in Fragen der Menschenrechte) offenbart sie nur ihre Seichtheit und ihre Konformität mit einem bestimmten Flügel des gesellschaftlichen Mainstream. Die Kirche durchdenkt zwar vieles, aber sie hat kein existenzielles Denken. So lange bis die Kirche sich weigert die Abgründe des menschlichen Existierens zu durchleben, so lange wird sie notwendigerweise nicht aus ihrem eigenen reichen und unerschöpflichem Fundus schöpfen können. So wird sie immer seicht und irrelevant daher reden und die Menschen verwerfen
Kirchenaustritte und allgemeines Desinteresse). So lange sich die Kirche nicht ganz und gar mit allem was sie ist und hat, sich auf Gott einlässt, ihr eigenes Siechtum erkennt, wird sie aus ihrer Krise nicht herauskommen können. Und hierin ist jeder einzelne Christ zur Verantwortung gezogen: nicht nur die Bischöfe, die Oberkirchenräte, die Pfarrer oder die Theologen. Jedem Christen ist die gleiche Last aufgetragen aber jedem ist auch die gleiche Freude im Glauben zugesagt.
Freilich ein Kierkegaard hatte es mit seinen Ansichten damals nicht leicht und hätte es heute noch viel weniger. Denn die Welt und die Kirche ist seither noch lauter und oberflächlicher geworden wenigstens gab es im 19./20. Jahrhundert noch einzelne herausragende Persönlichkeiten, die sich mit Kierkegaard produktiv und auf existenzielle Weise auseinandergesetzt haben ich erkenne in der Gegenwart aber kaum einen nennenswerten Mann oder Frau, die in diesem Geiste prophetisch auftauchen würde (der insgeheim verborgene Wunsch mancher Zeitgenossen, doch eine stärkere Führerpersönlichkeit oder doch endlich nach einer stärkeren Verbindlichkeit zu leben [etwa Islamismus, Fundamentalismus,...] mit gleichzeitigem Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit ist eigentlich nur die Kehrseite der Seichtheit).
128 Wie überhaupt in der gegenwärtigen Theologie der biblischen Radikalität mit einer Mischung aus Skepsis, Angst und Unwissenheit begegnet wird. Das zeugt von einer deutlichen Desorientiertheit und von einem mangelnden Einlassen auf die Anstößigkeit der biblischen Überlieferungen.
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Doch gerade weil Kierkegaard sein Leben nicht einfach und selbstvergessen gelebt hat, will sich die Kirche aus Angst oder aus lauter Bequem nicht auf die von ihm gewonnenen
(evangelische) Kirche leider nicht auf. Da ist es nicht zu verwundern, dass auch Luther auf ähnliche Weise rezipiert wird. Er ist sehr bequem für den Protestantismus, weil er die notwendige Arbeit der Buße und des Sich-Ängsten bereits erledigt hatte und die Kirche
noch einmal zu vollziehen (denn unsere Gesellschaft und noch vielmehr unsere Kirche braucht Umkehr!) igten verkommen. Unsere Gegenwart bietet Ängste genug, es gibt gute Gründe umzukehren. Wenn die Kirche fortfährt nur ein bestimmtes Segment an gesellschaftlichem Denken zu bedienen (Kampf für Menschenrechte und Toleranz als wesentliche Inhalte kirchlichen Denkens), dann wird sie mit dieser Gesellschaft zugrunde was denn sonst heißt - - - doch
richtig anders denken kann man auch nur dann, wenn man anders lebt (oder es zumindest versucht)! Nur wenn die Kirche den Mut entwickelt anders zu denken und anders zu leben
Nietzsche) zu denken, nur dann ist auch die Gesellschaft vor ihrem eigenen Untergang gefeit. Ich glaube an die prophetische Dimension der Kirche und ich glaube, dass die Kirche sie weithin zugunsten der Bequemlichkeit aufgegeben hat (Prophetie ist in einer lauten Welt nicht zwangsläufig laut und mächtig, vielmehr kann die Stimme wie Sigmund Freud es gesagt hatte diese leisen Stimmen vernehmen nur erschütterte und von der Kakophonie der lauten Welt gereinigte Herzen, vielleicht ist es Aufgabe der Kirche die Menschen einzustimmen auf die leisen und bedachten Stimmen der Propheten, zu denen ich Kierkegaard auf alle Fälle zählen mag).
Wir brauchen das Salz auf unsere Wunden, das Kierkegaard auf Grundlage der biblischen Botschaft zu würzen versteht. Das tut weh und schmerzt, aber für unsere Heilung ist es gut und notwendig.
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8. Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Sören KIERKEGAARD, Gesammelte Werke, hg. und übers. von Emmanuel HIRSCH-Hayo GERDES-Hans Martin JUNGHANS, 36 Abt. in 26 Bde. (Gütersloh ³1985-1986) (zit. als GW).
Sören KIERKEGAARD, Krankheit zum Tode, hg. und übers. von Emmanuel HIRSCH, in: GW 24/25 Abt. (Gütersloh 1985) (zit. als KzT).
Sören KIERKEGAARD, Gesammelte Werke. Die Tagebücher. 5 Bde. (Düsseldorf-Köln 1962-1974) (zit. als TB).
AUGUSTINUS, Bekenntnisse. Lateinisch und Deutsch, eingeleitet, übersetzt und erläutert von Joseph BERNHART (Frankfurt am Main 1987).
Johannes CALVIN, Unterricht in der christlichen Religion. Institutio Christianae Religionis, übersetzt und bearbeitet von Otto WEBER (Neukirchen-Vluyn ²2009).
Friedrich NIETZSCHE, Also sprach Zarathustra, in: Kritische Studienausgabe 4, hg. von Giorgio COLLI-Mazzino MONTINARI (München-New York 1980).
Sekundärliteratur
Hermann FISCHER, Subjektivität und Sünde. Kierkegaards Begriff der Sünde mit ständiger Rücksicht auf Schleiermachers Lehre von der Sünde (Itzehoe 1963).
Joakim GARFF, Sören Kierkegaard (München 2004)
Fritz-Peter HAGER, Art. Sokrates (470-399 v.Chr.). TRE 31 (2000) 434-445.
Margarita KRANZ, Platon. Menon. Griechisch/Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Margarita KRANZ (Stuttgart 1994).
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Andrew LOUTH, Art. Mystik II. TRE 23 (1994) 547-580.
Joachim RINGLEBEN, Die Krankheit zum Tode von Sören Kierkegaard. Erklärung und Kommentar (Göttingen 1995).
Henning SCHRÖER, Art. Kierkegaard, Søren Aabye (1813-1855). TRE 18 (1989) 138-155.
Henning SCHRÖER, Kierkegaard und Luther, in: Kerygma und Dogma 30 (1984) 227-248.
Christiane TIETZ, Freiheit zu sich selbst. Entfaltung eines christlichen Begriffs von Selbstannahme. Forschungen zur systematischen und ökumenischen Theologie (FsöTh) 111 (Göttingen 2005).
Werner WALTHER, Die Angst im menschlichen Dasein: eine psychologische Betrachtung über die Angst: aufgezeigt am Leben und Werk Sören Kierkegaards (München 1967)
Lionel R. WICKHAM, Art. Chalkedon. TRE 7 (1981) 668-675.
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Gergely Csukás, 2011, Sören Kierkegaard: Philosoph - Pädagoge - Pastor, München, GRIN Verlag GmbH
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