Thema
Einheit über alles!? Parteien im Dilemma zwischen politischen Idealen und realpolitischen Kompromissen am Beispiel der Debatte der Liberalen um das Indemnitätsgesetz 1 vom 03. September 1866. Erarbeitet auf Grundlage einer quellenkritischen Analyse zweier Reden von Rudolf Virchow und Eduard Lasker.
Erkenntnisleitende Fragestellung
Wieso stellt ein Teil der Liberalen 1866 sein Ideal von Freiheit zurück und stimmt für das Indemnitätsgesetz?
Kernanliegen
Die SuS erkennen, dass sich die Liberalen 1866 in einem Dilemma zwischen der Bewahrung von politischen Idealen und einem realpolitischen Kompromiss befinden. Sie beurteilen, welche Auswirkung die Spaltung der Deutschen Fortschrittspartei auf die liberale Bewegung hat (historisches Sachurteil).
Stellung der Stunde im Reihenkontext
[…]
10. Stunde: Wirtschaftliche Einigung!? Der Deutsche Zollverein 11. Stunde: „Wie der deutsche Michel die Nachtmütze wegwirft.“ Die Revolution von 1848 12. Stunde: Klein- und Großdeutsche Perspektive 1848 13. Stunde: Klausur
14. Stunde: Rückgabe und Besprechung der Klausur 15. Stunde: Verfassungskrise 1862 16. Stunde: Einheit über alles!? 17. Stunde: Krieg als Mittel der nationalen Einigung!? 18. Stunde: Reichsgründung 1871 […]
1 Juristische Entlastung der preußischen Regierung gegenüber dem Verfassungsbruch von 1862.
Didaktische und unterrichtsmethodische Entscheidungen
Ausgehend von dem historischen Gegenstand ist für die Sachanalyse Folgendes festzustellen. Der Liberalismus wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts das „dynamischste Zugpferd für die Sache der demokratischen politischen Mitbestimmung“. 2 Die von der Militärführung und König Wilhelm I. initiierte Heeresreform stieß seit 1860 auf Ablehnung der Liberalen. Wilhelm I. und die Militärs umgingen in der Folge das parlamentarische Budgetrecht. 3 Ministerpräsident Bismarck handelte fortan gegen die Mehrheit im Parlament und nahm den offenen Verfassungsbruch sowie die Konfrontation mit den Liberalen in Kauf. 4 Nach den militärischen Erfolgen gegen Dänemark und Österreich, legte Bismarck dem Parlament am 03. September 1866 den Entwurf eines Indemnitätsgesetzes vor, das den Verfassungsbruch nachträglich legalisieren sollte. In der Folge zerfiel die Partei in zwei Lager. Die Nationalliberalen (seit 1867) waren überzeugt, nur bei einer Unterstützung der Regierung ihre politischen Ziele erreichen zu können. „Die neue Formel lautete jetzt `Über die nationale Einheit zur Freiheit´.“ Für die Fortschrittlichen hingegen stand weiterhin fest: „Ohne Freiheit keine Gemeinsamkeit mit einem autoritären Staat.“ 5 Letztlich gelang es der liberalen Bewegung nicht, ihre Vorstellungen in Hinblick auf eine freiheitlich- demokratische Verfassung durchzusetzen. Dies lag einerseits an der Uneinigkeit ihrer Repräsentanten, andererseits an den gegensätzlichen ideologischen Positionen der Flügel. 6 „Es gehört zum Doppelgesicht der deutschen Nationalstaatsgründung, dass einerseits die konservativ-hegemonialen Tendenzen Preußens 1870/71 endgültig und längerfristig zum Erfolg kamen. […] Andererseits wurde der Nationalstaat gegen die rechtskonservative Opposition und zur selbstbewussten Genugtuung der Nationalliberalen als ein nationaler Verfassungsstaat gegründet.“ 7
Der Unterrichtsgegenstand wird durch die Richtlinien und Lehrpläne legitimiert. Inhaltlich lässt sich dieser im Zeitfeld 2 „Das lange 19. Jahrhundert (1776-1918)“ im Handlungs- und Kulturraum 2 „Deutsche Geschichte“ verorten. 8 Einen weiteren Rahmen zur inhaltlichen Orientierung bieten die zentralen Prüfungsanforderungen für das Abitur in Geschichte. 9 Die vorliegende Stunde rückt exemplarisch innenpolitische Entwicklungen, die
2 Castner 36.
3 Vgl. Elisabeth Fehrenbach, Verfassungsstaat und Nationsbildung 1815-1871, Enzyklopädie Deutscher
Geschichte (Bd. 22) München: Oldenbourg, 2007, S. 62.
4 Vgl. Castner 36.
5 Castner 36.
6 Vgl. Castner 36.
7 Fehrenbach 70.
8 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Geschichte 26.
9 Vgl. Schulministerium NRW (Hrsg.), Vorgaben zu den unterrichtlichen Voraussetzungen für die schriftlichen
Prüfungen im Abitur in der gymnasialen Oberstufe im Jahr 2012: Vorgaben für das Fach Geschichte, online
unmittelbar mit der Frage nach der Gestaltung der nationalen Einheit verknüpft sind, in den Fokus. 10 Die Richtlinien fordern, dass die SuS „Einsicht in Interessen und Konflikte als Ausgangspunkt für Entscheidungen und Veränderungen“ 11 erhalten. Dem wird die vorliegende Unterrichtsstunde gerecht, indem sie das politische Dilemma der Liberalen zum zentralen Stundenthema macht.
Ausgehend von den Lernvoraussetzungen der Lerngruppe, die ich seit dem im
Rahmen des selbständigen Ausbildungsunterrichts begleite, ist insgesamt festzustellen, dass es sich um einen engagierten Kurs handelt, der sich rege und mit guten Beiträgen am Lernprozess beteiligt. Auf Grundlage der vorangegangenen Stunde ist anzunehmen, dass in Bezug auf die sachbezogenen Voraussetzungen der Lerngruppe die Vorbehalte der Liberalen gegenüber dem Verfassungsbruch von 1862 bekannt sind. In der vergangenen Woche haben einzelne SuS gefehlt. Diesen wurden die zentralen Lerninhalte und Materialien auf der digitalen Lernplattform der Schule zur Verfügung gestellt. 12 An diese Voraussetzungen anknüpfend soll im Einstieg der Stunde in einem ersten Schritt „Vorwissen abgesichert, aufgegriffen und Lernfortschritt ermöglicht“ werden. 13 Dementsprechend sind die SuS aufgefordert, die Einstellung der Liberalen gegenüber der Indemnitätsvorlage, zunächst auf Grundlage der historischen Situation von 1862, zu antizipieren. Gehen die SuS von einer ablehnenden Haltung der Liberalen gegenüber dem Verfassungsbruch durch die Regierung von 1862 aus, erzeugt die Verabschiedung des Indemnitätsgesetzes 1866 und damit die Legitimierung der verfassungsfeindlichen Handlungen eine kognitive Dissonanz. 14 Auf dieser Grundlage erhalten die SuS, gemäß der von den Richlinien geforderten Schülerorientierung, die „Möglichkeit im Unterricht […] Fragebedürfnissen zu folgen“ 15 . Methodisch erfolgt der Einstieg im Unterrichtsgespräch, so dass die Entwicklung einer historischen Fragestellung durch alle SuS aktiv mitgestaltet und nachvollzogen werden kann. 16 Die Erarbeitungsphase dient der Schulung der von den Richtlinien geforderten „Analyse und Interpretation schriftlicher Quellen“ als Kompetenz historischen Denkens und
verfügbar unter http://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/ abitur-gost/fach.php?fach=12
(abgerufen am 15.10.2010).
10 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Vorgaben für das Fach Geschichte.
11 Ministerium für Schule und Weiterbildung, Geschichte 47.
12 Online verfügbar unter http://lmg.moodleschule.de (abgerufen am 28.10.2010).
13 Ministerium für Schule und Weiterbildung, Geschichte 49.
14 Alternativ wäre denkbar, dass die SuS Gründe für eine abweichende Haltung der Liberalen antizipieren. Es
würde als erkenntnisleitende Fragestellung resultieren: Wie ist die Haltung der Abgeordneten gegenüber der
Gesetzesvorlage?
15 Ministerium für Schule und Weiterbildung, Geschichte 50.
16 Vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Geschichte 48.
Arbeit zitieren:
2011, Unterrichtspraktische Prüfung Geschichte: Einheit über alles!? , München, GRIN Verlag GmbH
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