Inhaltsverzeichnis
Vorwort 5
Einf ührung 9
Von der Peripherie ins globale Zentrum 13
1776 - eine Revolution verankert erstmals das Streben nach Glück / Vorbild Rom? / Die
Offenkundige Bestimmung des weißen Mannes / Die pazifische Gegenküste lockt /
Ausbau der Seeherrschaft / Der erste Sprung nach Europa scheitert / 1917 - eine zweite
Revolution mit globalem Anspruch / Kriegsplaner und Generalstabschef George Catlett
Marshall , Jr. / Kriegspläne Orange und Rainbow / Die zweite Chance in Europa Fuß zu
fassen / Warten auf den Ersten Schuß / Der 7. Dezember 1941 - ein Tag der Schande / US-
Br ückenkopf Europa
Vorzeichenwechsel nach dem Tod F.D. Roosevelts 32
Der Fanfarenstoß von Fulton / Vorzeichenwechsel / Open-Door -Politik in Osteuropa /
Einflussnahme im außereuropäischen Raum / Areas Of Responsibility (AOR) - Räumliche
Verantwortungsbereiche / Sicherung des europäischen Brückenkopfes / Kriegsplan
HALFMOON / Reaktionen auf die einseitige Währungsreform / Außenpolitische
Paradigmen der USA - Missionsgedanke und Kreuzzugsidee / Feindbilder und ihre tiefen
Ursachen / Amerika wird Teil Europas / Eine Blaupause für die Welthegemonie?
Strategien der Eindämmung und Befreiung 54
Eine zweite Atommacht verändert die weltstrategische Lage / Die irrationale Eskalation im
Korea -Krieg / Demokraten unterstützen republikanischen Präsidentschaftskandidaten / Erste
grundlegende Strategiepapiere 1950 -1961 / Einstimmung der US-Bevölkerung: Weißer
contra Roter Stern / USA setzen auf den antikommunistischen Südost-Eckpfeiler Türkei /
Einstieg in die Strategie der Massiven Vergeltung / Konzept der Vorwärtsverteidigung und
der Befreiungsidee / John F. Kennedy und die Raketenlücke / Die Kuba-Krise 1962 Zufälle
vermeiden den Atomkrieg / Im Propagandakrieg gegen die „Kommunisten“ werden die
Kriegsgefangenen instrumentalisiert.
Sch ärfen des atomaren Schwertes 84
Das nukleare Kriegstheater ( TheaterNuclearForce -TNF) nimmt Gestalt an / Strategie
der Flexiblen Erwiderung / Nukleares Schlachtfeld Europa / Mit Koffer- und
Rucksackbomben in die atomare Katastrophe / Ersteinsatzdiskussionen überdauern den
Kalten Krieg / Nun werden Memoiren geschönt / Verteidigungsalternativen /
Vertrauensbildende Maßnahmen / Geostrategisches Denken gewinnt Oberhand /"Nato-
Doppel -Beschluß" / Mit Reagan scheinen Träume wahr zu werden / Psychologische
Operationen (PsyOps) / Entwaffnungsschläge / 1983 - Höhepunkt des Kalten Krieges /
Strategic Defense Initiative (SDI) - Irrweg in den Krieg der Sterne / Reagans Obsession /
Operation Urgent Fury - Invasion auf Grenada / Able Archer Am Rand des atomaren
Krieges / Die Nachrüstung verschafft der Friedensbewegung Auftrieb / Die Fratze des Bösen
/ Widerstand gegen die Pershing-II-Raketen / Generale gegen Nachrüstung und für den
Frieden / Durch Pershing II-Abkoppelung der USA an Europa? / Risse in der Atlantikbrücke
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/ Positionen zur konventionellen Abrüstung 1986- 1989 / Neue Fronten - neue Kriege: Discriminate Deterrence / 1989 - Jahr der Veränderungen / SIOP-7 - Atomkriegsspiele in den USA / Die deutsche Wiedervereinigung befördert die Osterweiterung von NATO und EU.
Die dunkle Seite des Westens: inszenierter Terror und verdeckte Kriegführung ..................... 144
Andreotti bricht das Schweigen / Italiens bleierne Jahre / Terror - Teil der NATO-Strategie / Field Manual 30-31B - NATO-Handbuch für Operationen unter falscher Flagge? / Der geheime Krieg in Italien /Begrenzte Souveränität für Griechenland / Der geheime Krieg in der Türkei / Geheimaktivitäten in der Bundesrepublik Deutschland / Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 / Auch die Schweiz wird eingebunden / Resümee
Mit dem unsichtbaren Florett zum Welthegemon? .................................................................... 167
Die zwei Seiten der USA: Helfer und Hegemon / Regime-Chance als Option / Gründung der Agentur für internationale Entwicklung (USAID) / CIA-Operationen in der „Grauzone“ der Demokratie / Economic Hitman - Samurai im Wirtschaftskrieg / Das National Endowment for Democracy (NED) - ein Werkzeug des Kalten Krieges
Zusammenfassung und Ausblick ................................................................................................ 183
Personenregister ......................................................................................................................... 193
Anmerkungen ............................................................................................................................ 197
Abkürzungen ............................................................................................................................. 252
Bildverzeichnis ........................................................................................................................... 256
Literaturverzeichnis ................................................................................................................... 257
Dank ........................................................................................................................................... 269
Kurzbiografie ............................................................................................................................. 269
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Vorwort
Welche Metapher hätte Dostojewski, einer der bedeutendsten Autoren des 19. Jahrhunderts, erst für die Katastrophen des folgenden Jahrhunderts gefunden? Nach zwei Weltkriegen von unvorstellbaren Ausmaßen begann noch am Ende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der so genannte "Kalte Krieg" - gezeugt während des atomaren Paukenschlages von Hiroshima und Nagasaki im August 1945. Dieser erste und bisher einzige Kernwaffeneinsatz gegen zwei japanische Großstädte, in denen es keine wichtigen militärischen Ziele gab, ist weltweit im Bewusstsein verankert. Weit weniger bekannt sind die tatsächlichen Ziele und Motive. Erwünscht wurden von General Leslie Groves, dem militärischen Leiter des Manhattan Projekts, unbeschädigte Zielorte. Nur so meinte man, „die Gewalt der Bombe genauer bestimmen“ zu könnten. 1 Das heißt, mehr als 400.000 japanische Zivilisten wurden getötet, um die Wirkung der neuen Waffe am lebenden Objekt zu testen. Zum ersten Mal wurde darüber hinaus die zunächst überlebende Bevölkerung durch radioaktive Strahlung genetisch geschädigt. 2 Zutreffend sieht Detlef Bald, ehemaliger Hochschullehrer an der Bundeswehruniversität München, Hiroshima als „Metapher für Destruktivität und moralische Verwerflichkeit“. 3
In der Hochphase des Kalten Krieges lagen auf beiden Seiten in den wohl gefüllten, wohlgewarteten "Arsenalen der Endlösung" vielfache Overkill-Kapazitäten, während an Technologien zur Pasteurisierung der gesamten Biosphäre noch gearbeitet wurde. Mit den Erfahrungen der ersten und zweiten "Vorbereitungskriege", wurden die Menschen in Ost und West massenmedial auf die Gestaltwerdung brueghelscher Höllenfahrten und eines planetarischen Totentanzes vorbereitet.
In den monatlichen Übungen des Oberbefehlshabers der nuklearen Streitkräfte der USA - besser bekannt unter dem Namen "Raketenbedrohungskonferenz" - wurde der monströse nukleare Kriegsplan durchdekliniert: 12.500 Ziele in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes sollten von ca. 10.000 Kernwaffen angegriffen werden, „im schlimmsten Fall — und davon gingen wir immer aus — alle gleichzeitig“, 4 so General George Lee Butler, 1991 und 1992 Oberbefehlshaber des Strategischen Luft-kommandos und zugleich oberster Kernwaffenberater des US-Präsidenten. Noch in seiner Dienststellung als Oberbefehlshaber der nuklearen Streitkräfte der USA kam General Butler zu der Erkenntnis: „Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung aus Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil.“ 5 Um zu erkennen, dass die Kernwaffen eine Art biologischer Zeitbomben, deren Wirkungen Zeit und Raum überschreiten und die Erde wie auch ihre Bewohner auf Generationen hinaus vergiften und somit der Feind der Menschheit sind, hat General Butler einen langen Prozess durchmachen müssen. „Ich habe dreißig Jahre gebraucht, um die Karriereleiter so weit hochzusteigen, daß ich die Verantwortung und vor allem auch den Zugang zu Informationen hatte und mit Handlungen und Operationen konfrontiert war, die mein Verständnis dessen prägten, worum es bei der Fähigkeit zur nuklearen Kriegführung überhaupt geht. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß vieles von dem, woran ich glaubte, entweder falsch, höchst vereinfacht, außerordentlich brüchig oder einfach moralisch untragbar war.“ 6 Weiter kam General Butler zu der Einsicht, daß „die Anhäufung des Kernwaffenarsenals in einem geradezu grotesken Ausmaß, wie wir das in den fünfzig Jahren des Kalten Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erlebten, ebensosehr das Ergebnis von Furcht, Ignoranz und
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Gier, von Egoismus und Machtstreben, von Glücksspiel und Profitsucht war, wie die Folge der scheinbar so eleganten Abschreckungstheorien.“ 7
Der Autor hatte von 1964 bis 1976 als NATO-Soldat aufgrund seiner Stabsverwendung Einblick in den »General Defense Plan« mit seinen nuklearen Planungsvorgaben. Hier bereitete ihm vor allem der geplante Einsatz von "atomaren Landminen" und das damit verbundene »worst case scenario« schlaflose Nächte. Auf der Wehrkundetagung in München (24./25. Oktober 1970) hatte der Autor einen jungen Verteidigungsminister Helmut Schmidt erleben dürfen, der noch ohne jedwede Beschönigung die aktuellen Fragen der transatlantischen Sicherheitspolitik erörterte. Schmidt hatte damals auch noch nicht damit kokettiert, die atomaren Landminen ein Jahr zuvor verhindert zu haben. 8
Der Autor wurde nach seiner aktiven Dienstzeit bis 1989 zu Wehrübungen eingezogen. Hier nahm er in verantwortlicher Stellung an der letzten großen Heeresübung "Offenes Visier" teil. Ohne Verklärung und ohne Klischees möchte der Verfasser unter Hervorhebung der zeitlichen Zusammenhänge die Rolle der USA im Kalten Krieg mit den Wechselwirkungen amerikanischer »Befreiungspolitik« (Liberation Policy) und Moskaus »Griff nach der Weltmacht« beleuchten. Wenn auch noch viele Dokumente in London, Washington und Moskau für weitere Generationen unter Verschluss gehalten werden, so sind doch inzwischen englische und amerikanischen Archive nach und nach zur Benutzung freigegeben worden. So hat sich 1998 das Gerücht bestätigt, dass Churchill am 1. Juli 1945 im Rahmen der Operation »Unthinkable« mit 113 Divisionen die Sowjetunion angreifen wollte. Um das Phänomen »Kalter Krieg« zu verstehen, müssen überbrachte und häufig eingeschliffene Denkmuster mit den Polen »Gut und Böse« überwunden und die Strukturen »der Grauzone« herausgearbeitet werden. Den Versuch einer umfassenden Gesamtdeutung mit historisch fundierten Beiträgen zur Einordnung der ideologischen Dimension des Kalten Krieges hat Ernst Nolte 1974 gewagt. 9 Geprägt von persönlichen Erfahrungen und ausgestattet mit der Vorstellungskraft über das mögliche endzeitähnliche Schlachtfeld Europa, wandelte sich der Autor wie sein amerikanisches Vorbild - Kennedys Verteidigungsminister Robert S. McNamara - vom ehemaligen "kalten Krieger" zum Gegner dieser Kriegsplanungen.
Im Westen wurde diese ressourcenverschlingende Konfrontation von NATO (Nordatlantische Vertragsorganisation) gegen WVO "(Warschauer Vertrags Organisation) zum Kampf von "Gut gegen Böse" beziehungsweise "Demokratie gegen Diktatur" vereinfacht.
Heute räumt das Deutsche Historische Museum (DHM) der US-Expansion einen imperialistischen Charakter ein, jedoch nur soweit, „wie es die Partnerländer versäumten, entsprechenden Widerstand zu leisten und [eine] Gegenmacht zu bilden.“ 10 Angesichts des Vietnamkrieges mit seinen über zwei Millionen Toten ist dieser Satz blanker Zynismus.
Hinterfragenswürdig ist auch der Hinweis des DHM, dass die USA erst einmal von den Europäern zur politischen Präsenz im Nachkriegseuropa gedrängt werden mussten. Und erst recht soll die militärische Präsenz der USA in der integrierten NATO-Streitmacht das Ergebnis heftigen europäischen Drängens gewesen sein. Nur zögernd, spät und auch dann noch halbherzig sollen die amerikanischen Verantwortlichen diesem Drängen nachgekommen sein. Diese realitätsferne Version wird die Herren der Propagandaabteilung des Pentagons sehr zufrieden stellen.
Im Jahr 2010 lassen sich die strategischen Absichten der USA aus den Angaben im "Base Structure Review 2009" 11 ablesen. Von den 716 größeren US-Liegenschaften jenseits der US-Grenzen befinden sich 87 in Südkorea und 123 in Japan - doch 235 in Deutschland. Von den etwa 136.083 dauerhaft in Übersee stationierten US-Soldaten findet sich das größte Kontingent mit 54.120 Soldaten (weiter aufgezählt sind 8.488 Zivilisten und 30.919 Andere) in der Bundesrepublik - dem westlichen Einfallstor nach Eurasien. Bis zum Jahr 2013 soll auf dem US-Airfield Erbenheim das neue Europa-Hauptquartier der US Army entstehen. 12 68 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und nach 11 US-Präsidenten seit
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Harry Truman (1945-1953) sollen in einem amphitheaterähnlichen Einsatz- und Kampfführungszentrum die militärischen Geschicke Europas gesteuert werden. Den Grund für den Neubau erläuterte der Operationschef der USAREUR 13 , Brigadegeneral David G. Perkins: "Bisher ist das Hauptquartier der USAREUR weder dazu ausgelegt, noch technisch oder personell so ausgestattet, dass es als Kriegsführungs-Hauptquartier dienen könnte." 14
Hier stellt sich die Frage, warum gerade im bildungsbeflissenen Deutschland Geschichte so leicht manipulierbar ist. Die Antwort findet sich bei Friedrich Sieburg: weil „der Deutsche seine Geschichte weder kennt noch liebt“ 15 .
Er muss sie nicht lieben. Aber er sollte sie kennen! Nur dann lässt sich rechtzeitig ein Demagoge entlarven und somit der emotionalen Falle entfliehen.
In seinem Hauptberuf Pädagoge, möchte der Autor das Geschehen von allen Mythen entkleiden und zugleich vor einer Politik des "polemischen Stils" warnen. Den beteiligten Generationen in West und Ost will er helfen, ihre Koordinatensysteme zu überprüfen, um sie dann hoffentlich im Sinne eines besseren Verständnisses füreinander neu zu justieren. Der jungen Generation und den Erben des "Kalten Krieges" möchte er bewusst machen, dass der "Kalte Krieg" nur messerscharf an einer Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes vorbeigeschrammt ist. Erschreckend ehrlich hinterlässt uns Robert S. McNamara seine Botschaft:
Wir standen während der Kubakrise „so nah am nuklearen Abgrund wie nie zuvor. Und verhindert haben wir den atomaren Schlagabtausch nicht etwa durch ein gekonntes Management, sondern durch schieres Glück. Keiner von uns begriff damals wirklich, wie nahe wir am Rand der Katastrophe standen.“ 16
Wie ein Buchalter hat Carl Friedrich von Weizsäcker im "Kriegsbild 9" seiner Studie "Kriegsfolgen und Kriegsverhütung" 17 die Situation nach einem Atombombenangriff auf die Bevölkerungszentren akribisch beschrieben: „Die Hälfte der Bevölkerung der BRD ist tot, ein Viertel strahlenkrank. Mehr als der halbe Viehbestand vernichtet“. Nüchtern werden die Kapazitätsverluste zwischen 196 und 277 Mrd. DM berechnet. Erst dann folgt die Feststellung, dass zwischen 900.000 und 6 Millionen Menschen zu evakuieren sind. Die geistige Elite versagte angesichts dieses Endzeit-Szenarios ebenso wie ihre Vorgängergeneration im Dritten Reich. Dort war es nach Wolfgang J. Mommsen "zu einer weitgehenden Selbstaufgabe der intellektuellen Eliten gegenüber dem Regime" gekommen.
Die heutige Elite sollte immer wieder bedenken, dass Geschichte ein Produkt von Interpretationen ist. Die aktuelle Geschichtsschreibung ist im Glücksfall das Ergebnis einer allgemeinen und allgemeingültigen "Geschichte der Geschichte". Häufig wird die Hand des Schreibers jedoch von dem geführt, der auf der Seite des "Gewinners" steht. Nicht immer muss diese Darstellung der Realität entsprechen. Deshalb muss hinterfragt werden, ob das "Wissen" zu historischen Ereignissen nicht von Deutungsinstanzen geprägt ist, deren Objektivität eingeschränkt sein dürfte. Müssen nicht auch angesichts einer Presse, die Vielen als gleichgeschaltet erscheint, Alternativtheorien gesellschaftliche Relevanz bekommen?
So soll die formale Darstellung - von den Konfliktparteien häufig theatralisch in Szene gesetzt -jenseits ihrer "offiziellen" Beschreibung „nach ihrer politischen Bedeutung, nach Hintergrundkonstellationen, nach Strategie und Effekten“ 18 befragt werden.
In diesem Sinn möchte das Buch zum besseres Begreifen der aktuellen Zusammenhänge beitragen und den heutigen Erben des "Kalten Krieges" und den "Akteuren" im "Krieg gegen den Terrorismus" helfen, Fehlwahrnehmungen zu erkennen und Zerrbilder gerade zu rücken. 19 Es will helfen, die eigenen Feindbildkonstruktionen, die für Propaganda und suggerierte mediale Weltbilder ein fruchtbarer Boden sind, zu hinterfragen.
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Dazu musste der Autor selbst auch Lernprozesse durchmachen, da der Versuch, die politisch eingefärbten Interpretationsmuster zu überwinden die Bereitschaft einschloss, auch die eigene politische Position in Frage zu stellen, soweit sie durch die erlebte Ära des Kalten Krieges mitgeprägt war.
Wolfgang Effenberger Seefeld im April 2011
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Einführung
Im ausklingenden 19. Jahrhunderts prophezeite Friedrich Nietzsche das Ende der kleinen Politik. Schon das nächste Jahrhundert würde den Kampf um die Erdherrschaft bringen und damit „den Zwang zur großen Politik.“ 1
Ebenso visionär entwarf im Jahr 1912 der US-amerikanische Autor Homer Lea 2 in seinem Buch die „Stunde der Angelsachsen“ ein faszinierendes Bild der kommenden Welt mit den USA als Nachfolger der britischen Weltmacht. Auf dem Weg zur planetarischer Herrschaft sah er zwei sagenumwobene Städte: „Manchmal erscheinen sie wie Triumphbögen, manchmal wie enge Pforten, durch die Nationen wie Individuen für immer verschwinden. Herat ist ein solcher Ort, Kabul ein anderer! In der ganzen Welt gibt es nicht zwei Orte, die ihnen an Bedeutung gleichen.“ 3 Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde bestimmt vom Kampf zweier politischer Systeme und war überschattet durch die Androhung der gegenseitigen atomaren Vernichtung. Dieser »Kalte Krieg« endete mit dem Triumph des Westens über den Kommunismus, in der Ent-Kolonisierung, der Globalisierung und nicht zuletzt in einem partisanenhaften Krieg mit militanten Islamisten. Die hegemoniale Supermacht USA wird wegen ihrer Stärke als übermächtig verstanden, was die Terroristen aus Schwäche zu unorthodoxen Methoden greifen lässt. 4
In seinem wissenschaftlichen Werk beschreibt der Potsdamer Professor Bernd Stöver die Jahre von 1946/1947 bis zu dem Tag, als über dem Kreml 1991 die rote Fahne eingeholt wurde, als die »Geschichte eines radikalen Zeitalters« 5 . Während Stöver dieses Thema vielschichtig abhandelt, bleibt sein amerikanischer Kollege, John Lewis Gaddis, der klassischen amerikanischen Perspektive verpflichtet: In seiner »Schurken- und Heldengeschichte des Kalten Krieges« geht die gefährliche Dynamik von der Sowjetunion - der Inkarnation des Bösen - aus, die Amerika überall einzudämmen versuchte. 6 Die Wurzeln dieses ideologischen Konfliktes gehen für Gaddis bereits auf 1917 - das Jahr der bolschewistischen Revolution - zurück.
Wie Gaddis polarisieren viele Autoren den Kalten Krieg - die UdSSR als gnadenloser Aggressor gegen die defensiv orientierten USA - und neigen in der geschichtswissenschaftlichen Betrachtung der Auffassung zu, die George E Kennan 1947 in seinem berühmten und anonym verfassten Aufsatz in Foreign Affairs präsentiert hatte: Die Sowjetunion sei auf weltweite Expansion verpflichtet, ein Erbe aus dem russischen Nationalcharakter, verstärkt durch die Ideologie des Marxismus-Leninismus. 7 Doch schon 1982 hatte sich Kennan von dieser Haltung distanziert und zeigte sich sehr gemäßigt in seinen Urteilen über den Kalten Krieg. 8
Ein schillernder Stichwortgeber rechter politischer Tendenzen im »Kalten Krieg« und auch in der heutigen Zeit ist der unter George W. Bush wieder zu Ehren gekommene Historiker und Ideologe James Burnham. Er datierte 1947 in seinem Buch "The Struggle for the World" den Beginn des Dritten Weltkrieges auf einen Tag im April des Jahres 1944, als die griechischen Streitkräfte in Alexandrien unter kommunistischer Führung meuterten. Während sich Hitlers Niederlage abzeichnete, stellte nach Burnham Stalin die Weichen für eine kommunistische Weltherrschaft. In der Tat konzentrierten bereits im Sommer 1944 die von Kommunisten geführten Partisanen ihre Angriffe nicht mehr auf die deutschen Truppen, sondern auf die rivalisierenden nichtkommunistischen Widerstandsbewegungen. 9 Bevor der junge Philosophieprofessor James Burnham zu einem Ideologen der amerikanischen Rechten wurde, war er Mitglied der trotzkistischen, also anti-stalinistischen und kommunistischen Socialist Workers Party. Erst der Abschluss des Nichtangriffspakts 1939 zwischen Stalin und Hitler, der sich anschließende Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der Roten Armee in Polen, sowie Stalins Angriff auf Finnland 1939 machten ihn zu einem entschiedenen Gegner der Sowjetunion. Burnham begann schließlich für die CIA zu arbeiten.
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Wohl nicht ganz zufällig wurde in den Vereinigten Staaten im September 1944 Friedrich von Hayeks Alarmruf »The Road to Serfdom« 10 veröffentlicht. Mit scharfer Logik und schneidender Ironie führt Friedrich A. von Hayek den Beweis, dass Sozialismus und politische Freiheit miteinander unvereinbar sind - geltend sowohl für den deutschen Nationalsozialismus wie auch für den russischen Sozialismus und jede Form des Kollektivismus. Von Millionen gelesen zerstörte Hayek laut Milton Friedman das Stereotyp, dass die Verteidiger der Marktwirtschaft nur Werkzeuge des Kapitals sein konnten und dass alle anständigen Leute Sozialisten zu sein hätten.
Nun erkannten führende militärische Kreise der USA Analogien zwischen der Hitler-Diktatur und dem Stalinismus und begannen einen künftigen Weltkrieg gegen die Sowjetunion für möglich zu halten, der als Krieg gegen einen »totalitären Aggressorstaat« umschrieben wurde. Dieser Krieg sollte daher ein »Kräftemessen zwischen Gut und Böse in einem Kampf auf Leben und Tod sein.« 11 Noch einigten sich die ungleichen Bündnispartner. Anfang Oktober 1944 konnte Churchill in Moskau Stalin für seine Balkanpläne gewinnen, die ein monarchistisches Griechenland vorsahen. Als die deutsche Besatzungsmacht Mitte Oktober Griechenland räumte, besetzten britische Soldaten Griechen-land. Gegen sie nahmen griechische Kommunisten, Sozialisten und Nationaldemokraten den Kampf für ein republikanisches Griechenland auf. Die Schlacht um Athen ging verloren, weil Stalin sich an das gegebene Versprechen hielt und ein Hilfeersuchen der griechischen KP am 16. Januar 1945 ablehnen ließ: »Die internationale Lage erlaubt keine Entsendung militärischer Hilfe.« 12
Wie kein anderes Ereignis im 20. Jahrhundert beendete der Zweite Weltkrieg die 400jährige Vorherrschaft West-Europas und stellte die Weichen für den Aufstieg der neuen Supermächte USA und UdSSR. Doch die sich revolutionär und weltweit vollziehenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen begannen bereits mit dem Ersten Weltkrieg, der nach G. F. Kennan als »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« verstanden wird. Während Ernst Nolte die Zeit von 1917 bis 1945 als den »Europäischen Bürgerkrieg« beschreibt, erkennt Hans-Ulrich Wehler diesen Abschnitt als das »Zeitalter der Extreme«, ja als zweiten »Dreißigjährigen Krieg«.
Hoffnung keimte auf, als am 26. Juni 1945 die Charta der Vereinten Nationen angenommen wurde. In der Präambel wurde zugesichert, die Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren die Grundrechte des Menschen zu achten. Für diese Zwecke wollte man Duldsamkeit üben und als gute Nachbarn in Frieden miteinander leben.
Trotz aller Bekenntnisse zur UNO ließen sich die Großmächte von ihren nationalen Interessen leiten und setzten in sicherheitspolitischen Fragen vornehmlich auf die eigene militärische Stärke und den Beistand von Verbündeten. In Artikel 51 der UN-Charta hatten sich die einzelnen Staaten ausdrücklich das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung vorbehalten. Zu diesem Zweck gründeten die USA in den Jahren nach 1945 ein Reihe von Regionalpakte, wie z.B. der Pazifik-Pakt zwischen Australien, Neuseeland und USA (ANZUS, 1952), die Südostasiatische Vertragsorganisation (Southeast Asia Treaty Organization, SEATO, 1954), oder der sog. »Bagdadpakt« 13 . In diesem Kontext ist auch die Gründung der von den USA geführten Nordatlantik-Vertrags Organisation (NATO) und der von der Sowjetunion kontrollierten Warschauer Vertrags Organisation (WVO) 14 zu sehen. Über die militärische Bündnispolitik hinaus konnten die USA aufgrund ihrer aktiven Rolle nach Kriegsende zahlreiche internationale Wirtschaftsabkommen (GATT) schließen und internationale Organisationen (IWF, Weltbank) gründen. Damit waren die Weichen für ein offenes und liberales Weltwirtschaftssystem im Sinne der frühen »Open Door«-Doktrin gestellt. Aus der gesamten Vorgehensweise lässt sich die Trinität amerikanischer Außenpolitik seit 1898 ablesen: ökonomisch durch die »Open Door«-Doktrin, geopolitisch durch die erweiterte »Monroe«-Doktrin und pseudo- 15 durch die »Manifest Destiny«- Doktrin. Als Überbau steht das Sicherheitsdenken einer Seemacht, die zu allen Zeiten die Kon-
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trolle über die gegenüberliegenden Küsten erzwingen will. Dieses Denken ist fast ausschließlich bei den amerikanischen Eliten mit angelsächsischen Wurzeln zu finden. Kontinentaleuropäern ebenso Amerikanern im Mittleren Westen ist es fremd. Die amerikanischen Politiker, die nicht die Strategie einer Seemacht verinnerlicht haben, werden fälschlicherweise als Isolationisten diffamiert.
So gesehen hat seit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in die Weltpolitik 1917 und der zeitgleichen russischen Oktoberrevolution kein Entscheidungskampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus, Pluralismus und Totalitarismus, liberal-demokratischem und staatssozialistischem System stattgefunden. Diese Gegensätze wurden jeweils für die drei großen Doktrinen der Vereinigten Staaten instrumentalisiert.
Aus Unkenntnis oder Absicht prägte die Literatur über den Kalten Krieg zwei einander widersprechenden Grundauffassungen: die in der westlichen Literatur zunächst dominierende »traditionelle« 16 These vom sowjetischen Expansionismus als Ursache der Auseinandersetzung und der »revisionistischen« 17 These vom ökonomischen Imperialismus der USA als zentralem Faktor der Weltpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg. Beide Thesen werden in vielerlei Variationen angeboten, beide leiden aber auch darunter, dass sie nicht hinreichend empirisch belegt, dafür um so mehr emotional beladen sind 18 .
Daneben war die amerikanischen »Grand Strategy« nach 1945 von einem führenden britischen Geostrategen, Sir Halford Mackinder, beeinflusst worden. Im Sommer 1943 beschwor er das atlantische Bündnis, die Bedeutung des eurasischen »Herzlands« zu berücksichtigen. Als Herzland definierte Mackinder Zentralasien mit der Region um das kaspische Meer -das geographische Zentrum des euroasiatischen Kontinents. Damit wird für Mackinder Geographie zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. 19
Den Lesern von Foreign Affairs, der Hauszeitschrift des Council of Foreign Relations, schärfte er ein: »… wenn die Sowjetunion aus diesem Krieg als Eroberer Deutschlands hervorgeht, dann wäre es die größte Landmacht der Welt«, 20 die dann Eurasien und die Welt dominieren könnte. Für Mackinder gehörte auch die Kontrolle über Osteuropa zum grundlegenden Element für eine globale Vorherrschaft der USA. Mackinders Analyse führte der amerikanische Geograph Nicholas J. Spykman weiter. So wundert es nicht, dass nach dem Zweiten Weltkrieg US-Sicherheitsplaner in der Sowjetunion die fundamentale Bedrohung der US-Sicherheitsinteressen sahen. Zur Abwehr einer sowjetischen geographischen und ideologischen Expansion wurde zunächst die Politik der Eindämmung (»containment policy«) eingeführt.
Zweifellos - und für Viele nicht leicht nachzuvollziehen - war der Kalte Krieg zu einem erheblichen Teil eine US-amerikanische Strategie zur Kontrolle der Nachkriegs-Weltordnung. Dabei wurden ein feindliches Russland und ein feindliches China instrumentalisiert, um den militärischen Schutz der USA durch die NATO und durch verschiedene asiatische Verteidigungsbündnisse zu etablieren. 21 Hellseherisch sagte bei Kriegsende James Burnham Amerikas Rolle voraus: »Die USA bilden den Kern einer der großen zukünftigen Supermächte. Von ihrer kontinentalen Basis aus sind sie dazu berufen, in der Auseinandersetzung mit den anderen Supermächten die Weltmacht zu erringen.« 22
Während Anfang der 60er Jahre die Europäer gebannt auf Berlin blickten, gab es bereits für Präsident John F. Kennedy mit Indochina einen zweiten Brennpunkt im Kalten Krieg. Im Rahmen der geostrategischen Vorgaben eine zwangsläufige Entwicklung, denn die Vereinigten Staaten definieren sich als eine pazifische wie auch als atlantische Macht. Zugleich wollte Kennedy dem Ostblock beweisen, dass dessen Theorie von den „gerechten Befreiungskriegen“ in der Praxis zu nichts führt. So verstanden, praktizierte er in Vietnam das Gegenteil der "assiven Vergeltung", unter deren Schutz Berlin damals stand, nämlich die "subkonventionelle" Vergeltung gegen kommunistische Expansion
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durch Guerilla-Terror. 23 Doch schon Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson entschied sich mit seiner Tonking-Lüge vom 4. August 1964 für einen massiven Kriegskurs.
Beim Kampf gegen den Vietcong waren die Amerikaner seinerzeit auch in den Nachbarländern Kambodscha und Laos militärisch aktiv, um zu verhindern, daß die roten Pathet-Lao-Rebellen in Laos an die Macht kamen. Insgesamt fielen auf das kleine Land über zwei Millionen Tonnen Bomben - mehr als die alliierten Luftflotten im Zweiten Weltkrieg über Deutschland abwarfen. 24
Um die amerikanische Öffentlichkeit, US-Alliierte und vor allem die Sowjetunion nicht unnötig her-auszufordern, erklärte das Pentagon die verheerende Kampagne in Laos zur geheimen Kommandosache. Nicht die US-Streitkräfte, sondern der Geheimdienst führte anfangs die Regie in dem unerklärten Krieg im "Land der Elefanten". In dieser unheilvollen Atmosphäre reifte der Entschluß der US-Militärs zum punktuellen Einsatz chemischer Waffen. Das klägliche Scheitern in Indochina zwang zur Zurückhaltung bei Militäreinsätzen und ließ die Konturen eines US-Imperiums vorläufig in den Hin-tergrund treten.
Als Ende Dezember 1979 die alten Herren des Politbüros der KPdSU die sowjetische Armee nach Herat und Kabul marschieren ließen, ahnte Moskau nicht, dass mit dieser Invasion der Niedergang des sowjetisch-eurasischen Imperiums eingeläutet wurde.
Zur Beratung außenpolitischer Fragen rief die US-Regierung im Jahr 1987 Samuel Huntington in eine Strategiekommission. 25 Dort empfahl er, sich von dem alten "Hauptfeind Kommunismus" zu lösen und den Konflikten in der so genannten Dritten Welt mehr Bedeutung beizumessen. Diese Feststellung krönte Huntington in seinem folgenden Buch "Kampf der Kulturen". Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Kabul ging das »Reiches des Bösen« unter und ein neues Menetekel tauchte auf: der von Huntington vorhergesagte Kampf der Kulturen mit dem Feindbild des fundamentalen Islamismus.
Gleichzeitig verbreiteten sich im US-Verteidigungsministerium die Revolutions-Ideen militärischer Angelegenheiten (Revolution in Military Affairs RMA). 26
Mit den modernen Marschflugkörpern sahen sich die USA wieder in der Lage, großräumige Militäroperationen durchzuführen. Mit geringem Risiko konnte jetzt die feindliche Luftabwehr neutralisiert werden. So wurden bereits mit Beginn der Operation Desert Strom erstmals 35 "intelligente" Raketen vom Typ AGM-86 ALCM (Air Launched Cruise Missile) von B-52 Bombern aus auf Bagdad und Mosul gestartet. Stolz verkündete George H. Bush nach dem Sieg über Saddam Hussein den Beginn einer "New World Order". 27
Heute nutzen die USA Europa als den westlichen Brückenkopf Eurasiens. Vom Hauptquartier Stuttgart-Vaihingen aus wird Europa als das größte der fünf US-Kommandos (EUCOM) geführt. Alle militärischen US-Einsätze im mittleren Osten wie in Zentralasien - und somit auch in Afghanistan - werden über das Rhein-Main-Gebiet abgewickelt.
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Von der Peripherie ins globale Zentrum
Eine Revolution verankert erstmals das Streben nach Glück
Am 4. Juli 1776 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit. Nach den Ideen von John Locke wurde die naturrechtliche Gleichheit und Freiheit eines jeden Menschen postuliert sowie das Streben nach Glück (Persuit of Happiness) verankert - das galt jedoch nur für wohlhabende Weiße, nicht für Indianer und Sklaven samt freier Nachfahren. Diese Demokratie gründete sich nach Alexis de Tocqueville auf dem doppelten Boden von Genozid und Sklaverei. 1 Nach langwierigen Verhandlungen konnte die Verfassung 1789 verabschiedet werden. Damit konstituierten sich die Vereinigten Staaten als erste wirkliche Republik der Geschichte. Ein komplexes Geflecht der gegenseitigen Machteinschränkungen und -kontrollen (»checks and balances«) sollte für ein Gleichgewicht der politischen Kräfte sorgen.
Unangreifbar - im Schutz zweier Ozeane - expandierte die junge USA in aller Freiheit gefahrlos in ein riesiges Machtvakuum. Militärisch turmhoch überlegen, konnte es sich ohne Rücksicht auf die Ureinwohner, das spanisches Kolonialreich samt Nachfolgestaaten fast grenzenlos in »God's own country«, nur dem Gesetz eigener Interessen folgend, ungehemmt und hemmungslos ausdehnen.
Dagegen wurde der freie Handel und die Freiheit der Meere durch Piraterie empfindlich gestört. Nachdem 1793 elf amerikanische Handelsschiffe auf diese Weise verloren gingen, erließ der US-Senat auf Bitte Washingtons im März 1794 ein Gesetz zum Bau von sechs Kriegs-Fregatten. 2 Zweifellos sollte die aufzubauende US-Marine auch zum Schutz der jungen Nation vor feindlichen Absichten Englands und Frankreichs aufgebaut werden. Am 21. Oktober 1797 lief die US-Fregatte Constitution - das älteste dienstbare Kriegsschiff der Welt 3 - vom Stapel. Offiziell sollte sie für den freien Handel über die Weltmeere den »Verheerungen« der Piraten in internationalen Gewässern Einhalt gebieten. Schon ein Jahr später schützte die USS-Constitution amerikanische Handelsschiffe zwischen den Westindischen Inseln vor den Angriffen der Piraten. Doch die größte Gefahr lauerte an der Nordafrikanischen Küste, wo vor allem die Berberpiraten für Angst und Schrecken sorgten. Waren sie früher an der Ladung selbst interessiert, so bevorzugten sie nun die Erpressung von Lösegeldern für Schiffe und Mannschaften, sowie informelle Tributzahlungen der betroffenen Nationen. Darunter hatte besonders die Handelsmarine der jungen und militärisch noch schwachen USA zu leiden. Zwischen 1801 und 1805 konnte die Piraterie im »Ersten Barbareskenkrieg« zwischen Tripolis und der erfolgreichen US-Marine weitgehend eingedämmt werden. Als 1812 die USA in der Absicht, Kanada zu erobern, Großbritannien den Krieg erklärte, wurde am 11. August des gleichen Jahres die britische Brigg Lady Warren von der US-Fregatte Constitution auf den Grund geschickt. Nur wenige Tage später traf die britische Fregatte Guerriere vor der Küste von Neuschottland das gleiche Schicksal. Mitte September fiel die englische Flotte nach der Schlacht am Eriesee komplett in die Hand der Amerikaner. Das Ziel, Kanada den Briten zu entreißen wurde jedoch verfehlt. 4 Daneben ging auch der Kampf gegen die Berberpiraten weiter. Aber erst um 1830 sollte mit der Eroberung Algeriens durch Frankreich dieses Unwesen gewaltsam beendet werden. 5 Über zwei Jahrzehnte hatte der Kongreß fast ein Viertel seines Budgets als Tribut an Beys in Algier, Tunis und Tripoli gezahlt. 6
Das schnelle territoriale Wachstum der amerikanischen Nation wurde weithin als Beweis für die Überlegenheit eines mythischen Konstruktes gesehen: gemeint sind die angelsächsischen Wurzeln - aber auch die normannischen sollten nicht übersehen werden. 7 Diese befähigten, so Jefferson, ein »Empire der Freiheit« hervorzubringen und für Freiheit und Wohlstand auf den amerikanischen Kontinent und der ganzen Welt zu sorgen. 8
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Seit der amerikanischen Revolution verband sich der »amerikanischen Traum« von der individuellen Freiheit und eines unbeschränkten materiellen Wohlstandes mit der Vorstellung, ein auserwähltes Volk zu sein und daher auch das Recht und die Pflicht zu haben, die eigene Lebensweise in andere Länder zu exportieren. An dieser Idee hat bereits Benjamin Franklin, Mitunterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung Ende des 18. Jahrhunderts, mitgewirkt. Doch unter dem Mantel dieses »Missionarismus« geht bis heute ein kaum gezügelter Weltherrschaftsanspruch einher.
Vorbild Rom?
So verwundert es nicht, dass bereits unter Washington sich die welthistorische Sonderstellung dieses Empire als römisch modifiziertes »Imperium Americanum« darstellt: Bei seiner Gründung 1790/91 war das idyllisch am Potomac liegende Washington D.C. ebenso klein und unscheinbar wie Rom im Jahr 509 v.Chr., das sich anschickte auf dem Capitol, einem der sieben Hügel des alten Roms, den Jupiter-Tempel zu vollenden. Und von diesem geistigen und religiösen Zentrum aus wurde mit dem Willen ein Imperium zu errichten die Kriegs- und Eroberungspolitik Roms geplant und umgesetzt. Von der römischen Kulturleistung beeindruckt, wurde die Planung des amerikanischen Machtzentrums dem französischen Militäringenieur Pierre-Charles L´Enfant übertragen. Nach einer ausgetüftelten Geometrie durchzogen vom Capitol (Kongress) und Weißen Haus (Präsidentensitz) aus breite Straßen sternförmig die Stadt, die für einen Großstaat mit 50 Bundesstaaten und 500 Millionen Einwohnern geplant war: in seiner Dimension das alte Rom übertreffend.
Die hochragende Kuppel des dem Pantheon nachempfundenen Capitols ziert ein Fresco ähnlich denen bayerischen Barockkirchen. Von Engeln sicher geleitet scheint Gott in den Himmel aufgefahren zu sein. Doch der zwischen den Göttinnen der Freiheit und des Sieges auf einem Schwert gestützte Unsterbliche ist weder Gott noch ein römischer Imperator, sondern ein demokratisch gewählter, durch und durch irdischer Staatschef: George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Durch den Senat als »Leuchtturm für die erniedrigte und unterdrückte Menschheit« weisen sich die USA nach Konstantinopel als »Drittes Rom« aus. Bewusst wurden weitere äußere Attribute der römischen Tradition entnommen. Im Staatswappen prangt ein imperialen Adler, der ein Bündel Blitze samt Friedenspalme in den Fängen hält, unter sich die Weltkugel mit dem lateinischen Motto »Novus Ordo Seclorum« (»Neue Weltordnung«), der römischen Reichsideologie aus Vergils »Aeneis« verkürzt nachempfunden. 9
Eine weitere Erbschaft wurde von Washington angetreten: Das weltweite Eintreten für Menschenrecht, Freiheit und Demokratie steht in direkter Verbindung zu den Römern als Boten von »Humanitas«. Diese ließen sich dafür feiern, den »Barbaren« Menschlichkeit, Zivilisation und Kultur geschenkt zu haben. Ebenso befriedigt, wie heute die westliche Welt zur Kenntnis nimmt, wenn afghanische Frauen die Burka ablegen, waren die Römer beim Anblick ihrer Toga tragenden Vasallen.
Die »Offenkundige Bestimmung« des »weißen Mannes«
Begleitet von einer ständigen Gefahr für die Siedlungen in der apalachischen Grenzregion führte die religiöse Erweckung 10 zu einem Gefühl nationaler Identität. Aus dem Mythos dieser »Wilden Grenze« prägte John O'Sullivan 1845 eine amerikanische »Lebensraum-Theorie« 11 , die Ideologie der »Offenbaren Bestimmung« (manifest destiny) 12 mit der »Last des weißen Mannes« (white man´s burden). Durch göttliche Vorsehung bestimmt seien die Vereinigten Staaten aufgerufen, »sich für die freie Entwicklung der sich jährlich vermehrenden Millionen über den Kontinent auszubreiten.« 13
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Dagegen sah Josiah Strong in dieser Doktrin eher eine geopolitische Bestimmung - die Kreation eines Weltimperiums: Amerika sollte das größte aller Imperien werden: »andere Nationen würden sich an der Wiege des jungen Westimperiums ebenso anschicken, wie sie es mit ihren Geschenken an der Wiege von Jesus taten.« 14
Daneben entwickelte sich der Glaube, eine von Gott auserwählte und von der Geschichte bestimmte Nation zu sein, mit dem Auftrag, die Welt vom Bösen zu befreien. Der Traum vom gerechten Imperium erhielt alttestamentarischen Bezug als »amerikanisches Israel« und verschmolz als »Neues Jerusalem« zu »God's Own Country« der unbegrenzten Möglichkeiten.
Die betörenden Verheißungen von Freiheit und menschlichem Glück im Herzen, setzten sich die »Frontiers« kampfesmutig immer neue Grenzen. Erfolgreich konnten sich diese Pionier ihrer überlegenen Waffen bedienen. Dank der eigenen Güte sollte die überlegene Kultur - gemeint sind Freiheit und Kapitalismus - in den Rest der Welt getragen werden, wenn nötig mit Gewalt. Der Glaube an die göttliche Vorsehung wurde somit zum Inhalt einer Mission, eines Kreuzzuges, in dem zunächst die Ureinwohner verdrängt und ausgerottet wurden. Noch predigt die New Christian Right« diesen Glauben an die Vorsehung - die Folgen sind nicht zu übersehen.
Seit 1845 hatte sich der Terminus der »Offenbaren Bestimmung« 15 als »informelle Doktrin« und zugleich als Ergänzung der 1823 offiziell verkündeten »Monroe-Doktrin« 16 durchgesetzt. Mit dem Schlagwort »Amerika den Amerikanern« wurde 1845/48 Texas den Mexikanern in einer Kombination von ökonomischer Infil-tration, pseudodemokratischer »Revolution« nebst bewaffneter Intervention abgenommen. Somit ist Texas ein klassisches Beispiel für die Untergrundarbeit, »die es während der frühen amerikanischen Expansion bereits gab - für die Unterminierung fremder Souveränität, die Herausbildung einer Separatistenbewegung, schließlich die gewaltsam erkämpfte Abtrennung.« 17
Nicht zuletzt durch die geographische Ausdehnung des Südens spitzten sich die Interessengegensätze zwischen den »Pflanzerstaaten« und dem industrialisierten Norden zu und führten 1861 in einen vierjährigen Bürgerkrieg - einen mit modernsten Waffen geführten Krieg, wie ihn die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Über 600.000 Opfer waren zu beklagen - bis heute mehr als in allen nachfolgenden Kriegen zusammen. Nach der schweren Niederlage von Gettysburg hatte Lincoln geschickt die Kriegsziele des Nordens mit der Sklavenfrage verbunden. In Wirklichkeit dürfte es eher um die Vorherrschaft des »mobilen Kapitals« von Industrie und Banken gegenüber des »immobilen Kapitals« der Pflanzer gegangen sein.
Als Folge des Bürgerkrieges setze in den 70er und 80er Jahren eine große Depression ein. Ein Strafgericht unter General Sherman hatte den Süden streckenweise verwüstet, während der Norden seine industrielle Überproduktion nicht mehr absetzen konnte. Auch hatte die staatliche Zensusbehörde 1890 den Abschluss der Siedlungspolitik verkündet. So richteten sich die Blicke der Industriellen nach Übersee, um dort Ventile für den Produktionsüberschuss zu finden. 18
Nun wurde der Außenpolitik mit starkem Nachdruck die Aufgabe zugewiesen, als Ersatz neue Märkte jenseits der Landesgrenzen sicherzustellen und »die historische Frontier zu einer 'New Frontier' in Übersee gewissermaßen zu verlängern.« 19
Daraus entwickelte sich ein formeller Imperialismus, der weniger auf Kolonien zielte, sondern eher auf eine ökonomische Expansion zielte und daher eine »Politik der Offenen Tür« favorisierte. »Sie wurde als 'Offenhalten der Außenmärkte' und Sicherstellung 'gleicher und liberaler Handelsmöglichkeiten' definiert.« 20 Diese Zielsetzung ist auch heute noch ein Segment amerikanischer Außen- und Militärpolitik.
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Dank der von Gott vorgegebenen Bestimmung besaßen die Amerikaner den entscheidenden Rechtsanspruch auf den Raum, und konnten sich dadurch leichten Herzens über die Rechte anderer hinwegsetzen. In Kombination mit der »Monroe Doktrin« setzt die pseudo-religiöse »Manifest Destiny Doktrin« eine fast evangelikale Erklärung des geopolitischen Entwurfs zur Eroberung und Unterjochung von Räumen voraus:
Die Verwandlung Lateinamerikas in eine US-Halbkolonie - 1895 vom damaligen Außenminister Olney in einer Note an die britische Regierung mit den bemerkenswerten Worten umschrieben, dass »die Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Kontinent praktisch souverän und ihre Befehle Gesetz sind«. 21 Das war häufig für die betroffenen Völker dieser Hemisphäre kaum weniger drückend als die direkte Kolonialherrschaft des europäischen Typs. 1898 wurde mit dem Krieg gegen Spanien dieser missionarhafte »Beglückungsanspruch« auf die ganze Welt ausgedehnt.
Auch das von den USA außerhalb Lateinamerikas verfochtene Prinzip der »offenen Tür« - 1899 offiziell für China verkündet - war lediglich formal »anti-kolonialistisch«. Man wollte so nur verhindern, dass andere Mächte das profitable Geschäft der Ausplünderung fremder Völker für sich reservierten.
Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten Frederick Jackson Turner, Brooks Adams und Admiral Alfred T. Mahan die intelligente Begründung der amerikanischen geopolitischen Doktrin ausformuliert und von drei Komponenten flankiert: a) die »Manifest Destiny Doktrin« als »theologische«, b) die »Monroe-Doktrin« als geopolitische und c) die »Open-Door-Doktrin« als die ökonomische Komponente.
Diese drei Säulen expansionistischer Weltanschauung sollten für nachfolgende Generationen Richtschnur werden, schreibt der amerikanische Historiker William Williams. 22 Nur so ist für ihn die imperiale amerikanische Expansion im 20. Jahrhundert zu verstehen. Die Umsetzung begann zielstrebig unter Theodore Roosevelt und wird entsprechend modifiziert bis heute fortgesetzt.
Die pazifische Gegenküste lockt.
Kaum hatten die Frontiers die pazifische Küste erreicht, wurde alles unternommen, um den Pazifik nach römischen Vorbild zum »US-Mare-Nostrum« zu machen. 23
Zwischen 1852 und 1854 kreuzte im Auftrag des US-Präsidenten Millard Fillmore das Ostindien-Geschwader unter Commander Matthew Galbraith Perry vor der japanischen Küste und erzwang die Öffnung der japanischen Häfen. 24 Die Japaner hatten »keinerlei Möglichkeiten, ihr Land gegen auch nur eine einzige unserer Kriegsfregatten zu verteidigen«, 25 so zeitgenössische Publikationen und weiter: »Das Tor zur Sonne« musste sich öffnen, denn »Die Zeit ist gekommen dank der Vorsehung Gottes.« 26
Dann wurden die wichtigen »Sprungbretter« zur Gegenküste des Pazifiks - 1867 Midway, 1878 West-Samoa und 1897 Hawaii annektiert. Im Februar 1898 reichte die Explosion des US-Kriegsschiffes Maine im Hafen von Havanna als Vorwand für den Krieg gegen Spanien, 27 den die USA schnell für sich entscheiden konnten. Spätestens mit der Annexion von Guam und den Philippinen verloren die USA ihre Unschuld: ein erster »Schritt auf dem Wege zu einem ausgreifenden territorialen Imperialismus.« 28
Dagegen blieben Kuba - bis auf Guantanamo - und Puerto Rico zwar formal unabhängig, stand aber außen-, militär- und wirtschaftspolitisch unter US-amerikanischer Vormundschaft. Diese Territorien wurden nicht zuletzt in dem Bestreben »eingegliedert«, um ein Netz von Kohlen-, Kabel- und Marinestationen zu einem zusammenhängenden Handelswegenetz auszubauen. So verwundert es auch nicht, dass der älteste Nachrichtendienst der USA 1882 aus der Marine hervorging: das »Office of Naval Intelligence -ONI« (Amt der Marineaufklärung).
Damit waren die Voraussetzungen für eine Seemacht erfüllt, denn Seemacht ist nach Alfred Thayer Mahan (1840-1914) ein Produkt aus Flotte und seestrategischer Position. 29 Ein weiteres Axiom lässt
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sich aus der Geschichte der Seemächte ableiten: Nichts ist beständiger als der schnelle Wechsel von Bündnissen.
Ausbau der Seeherrschaft
Begeistert studierte der damalige Marineminister Theodore Roosevelt und spätere US-Präsident die seestrategischen Schriften des Flottenoffiziers Alfred T. Mahan. Darin wurde konsequent ein zusammenhängendes System von Stützpunkten und Niederlassungen zur Versorgung der Handelsflotte ge-fordert. Zugleich sollte auch der weltweite Einsatz der Kriegsmarine ermöglicht werden, um der »Open-Door-Politik« Nachdruck verleihen zu können. Nur so waren nach Mahan die Produktionsüberschüsse im Außenhandel abzusetzen. Für diese Märkte brauchte man keine Kolonien, sondern »liberale« und freundlich gesinnte Länder. Andererseits mussten andere Mächte gehindert werden, innerhalb amerikanischer Interessensphären Koloniebesitz zu erwerben. Geostrategisch forderte Mahan, dass die USA die Gegenküsten sowohl des Atlantischen als auch des Pazifischen Ozeans beherrschen müssten, um den Status einer überlegenen Seemacht zu erlangen.
Mahans Theorie - erfolgreich in der US-Außen- und Militärpolitik umgesetzt - ist bis heute eine in Kernpunkten gültige Geostrategie.
Nun wollte die junge Seemacht mit der Politik der »Offenen Tür« die Zukunftsmärkte im Fernen Osten sichern. Dazu half ein US-Expeditionskorps im Jahr 1900 den Boxeraufstand in China niederzuschlagen und machte damit die Unterschiede zum antiken Vorbild deutlich: War das »Imperium Romanum« eine mit starker Flotte ausgestatte Land- und Kontinentalmacht, so entwickelten sich die USA zu einer globalen Seemacht - einer Staatsform, die sich nach Thukydides auf ihre Überlegenheit zur See stützt. Als Krönung seiner Präsidentschaft ließ US-Präsident Theodore Roosevelt die neue Schlachtflotte, die »Great White Fleet«, von Anfang Dezember 1907 bis Februar 1909 Seemacht demonstrierend um die Erde dampfen. 30
Vierzehn Tage nach Beginn des Ersten Weltkrieges konnte der Panama-Kanal Pazifik und Atlantik verbinden und die bis dahin getrennten Flottenteile der US-Marine jederzeit schlagkräftig vereinen. Dadurch war Washington zu einer ebenbürtigen neuen Weltmacht geworden. 31
Im Gegensatz zum römischen Reich beruht die globale Macht der USA nicht ausschließlich auf weltweiten Annexionen. Anstatt erzwungener Assimilierung bevorzugen die USA - so wie die Minoer als erste Seemacht die Ägäis beherrschten und deren Nachfolger 32 - eine Fülle von abhängigen Klientelstaaten und den osmotischen Druck des »American way of life« als US-Variante seiner »mission civilisatrice«. 33
Der erste Sprung nach Europa scheitert.
Wie schon seine Vorgänger im Amt war der ein Jahr vor Beginn des Weltkriegs zum Präsidenten gewählte Woodrow Wilson überzeugt, dass »unsere Industrie (...) aus allen Nähten platzen wird, wenn sie nicht einen freien Absatzweg zu den Märkten der Welt findet.« 34
Für den Absatz wichtiger Kriegsgüter an Frankreich und Großbritannien sorgte trotz Neutralitätserklärung der Erste Weltkrieg. Die frühe Entscheidung gegen Deutschland mag nicht zuletzt daran gelegen haben, dass die deutsche Industrie die schärfste Konkurrentin der USA auf den Weltmärkten war. Zudem fehlten den einflussreichen deutschen Junkern jedes »liberale« Verständnis. Sie hatten für hohe Schutzzölle gesorgt, um ihr eigenes Getreide auf dem Binnenmarkt absetzen zu können.
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Schon Ende 1916 hatte sich der einflussreiche Journalist Walter Lippmann 35 den Bemühungen britophiler Kreise angeschlossen, Präsident Wilson von der Not-wendigkeit eines amerikanischen Kriegseintritts auf der Seite der Entente zu überzeugen. In einem wahrhaft epochalen Artikel über den Ruf der Welt nach einer neuen, »westlich-atlantischen« Wertegemeinschaft stellte Lippman am 17. Februar 1917 das Ziel des Round Table der amerikanischen Öffentlichkeit vor - eine Atlantic Community als ideale Grundlage für den Wilsonschen Liberalismus und Ausgangspunkt für eine Liga des Friedens: »An den Ufern des atlantischen Ozeans ist ein fest geknüpftes Interessengeflecht entstanden, das die westliche Welt verbindet. Britannien, Frankreich, Italien, sogar Spanien, Belgien, Holland, die skandinavischen Völker und Pan-Amerika sind im großen und ganzen in ihren tiefsten Bedürfnissen und ihren tiefsten Absichten eine einzige Gemeinschaft. Sie teilen ein gemeinsames Interesse für den Ozean, der sie vereinigt.« 36
»Wir freuen uns, jetzt«, so US-Präsident Woodrow Wilson in seiner Kriegs-erklärung an Deutschland am 2. April 1917, »für den endlichen Frieden und für die Befreiung der Völker, mit Einschluss des deutschen, zu kämpfen für die Rechte der großen und kleinen Nationen und für das Vorrecht der Menschen, überall ihre Art zu leben.« 37
Nebenbei erwähnte Wilson auch die wundervollen und herzerfrischenden Dinge, welche sich in den vorangegangenen Wochen in Rußland ereignet hatten. 38 In Wirklichkeit sei das russische Volk von jeher demokratisch veranlagt gewesen und träte nun in den partnerschaftlichen Kreis derjenigen Nationen, die in der Welt für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden kämpften. Es sei nun ein »fit partner« für eine künftige »league of honor« nach Kriegsende. 39
Von diesem Ziel schien das deutsche Volk noch weit entfernt. So wurden in den USA die Aufführungen deutscher Musik bzw. Opern verboten, Straßen, Gebäude oder auch Städte mit deutschen Namen umbenannt, deutsche Denkmale umgestürzt und deutsche Bücher verbrannt. Auch der amerikanische Sprachschatz musste befreit werden: Aus Sauerkraut wurde »Liberty cabbage«, und aus den »German measles« wurde »Liberty measles«. Die Nachfahren deutscher Einwanderer, mit über 40 Millionen die größte Gruppe 40 , verstanden den Wink und sind heute in den USA im Gegensatz zu vielen kleineren Volksgruppen völlig angepasst und nicht mehr wahrnehmbar.
Dabei hatte nur vier Jahre zuvor der Gelehrte Wilson im Geleitwort zur deutschen Ausgabe seines Werkes »Der Staat« festgehalten: »Das amerikanische Volk verdankt der geistigen Befruchtung durch Deutschland so viel, dass es einem jeden Amerikaner nur große Genugtuung bereiten kann, wenn auch Werke amerikanischer Autoren in Deutschland Verbreitung und Anerkennung finden.« 41 Darin schreibt Wilson begeistert über die nationale Einigung als Folge des deutsch-französischen Krieges von 1870-71 und die glänzenden Erfolge der Preußen in diesem Kampfe, »der im Interesse des deutschen Patriotismus gegen französische Unverschämtheit geführt wurde«. 42 Objektiv schildert Wilson in der nachfolgenden Untersuchung der europäischen Gesellschaftssysteme die positiven Seiten Deutschlands und Preußens. 43
Vor diesem Hintergrund erscheint der weitere Punkt in Wilsons Kriegserklärung, die Welt müsse für die Demokratie sicher werden, nicht sonderlich stichhaltig. Waren doch bis dahin die USA kaum als internationale Vorreiter für Demokratie und Selbstbestimmungsrecht in Erscheinung getreten. Auch war die Gegnerschaft zum Kolonialismus in erster Linie ein nicht unwichtiges Kampfinstrument gegen die Kolonialmächte. Der Seemacht USA ging es immer um die Sicherung von Handelswegen und Märkten. So ließ man in Lateinamerika regelmäßig die eigenen Truppen zugunsten reaktionärer Regimes von Großgrundbesitzern eingreifen, sofern sie ihr Land als Markt für amerikanische Waren zur Verfügung stellten. Und als Kolumbien bei der Frage des Baus eines Kanals zwischen Atlantik und
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Pazifik von seinen souveränen Rechten nicht den »richtigen« Gebrauch machte, wurde 1903 kurzer-hand ein Aufstand genau in dem Gebiet inszeniert, wo der Kanal geplant war. Es entstand ein USabhängiger Staat namens Panama, dessen erste Amtshandlung die Übergabe des für den Bau benötigten Landstreifens an die USA war.
Trotz der fehlenden Vorbildfunktion wurde zur Legitimation für den Kriegseintritt gegen die feudalen Mittelmächte der demokratische Hut aufgesetzt. Dabei hatte Wilson keine Hemmungen, sich auch mit dem Zarenreich zu verbünden - ein Land dem »gegenüber das kaiserliche Deutschland mit seinem nach allgemeinem Wahlrecht gewählten Reichstag fast ein demokratischer Musterknabe war.« 44 Somit könnte der wahre Kriegsgrund weitaus profaner gewesen sein. Vor einer drohenden Revolution in Russland und einem Sieg des deutschen Kaiserreiches wären die amerikanischen Kriegsdarlehen 45 an die Entente höchst gefährdet gewesen - mit ungeahnten Folgen für die Wall Street und hier vor allem des Bankhauses Pierpoint J. Morgan.
Zu diesem Zeitpunkt war, dank einer schützenden Insellage, eines enormen Reichtums an Bodenschätzen und einer klugen revolutionären Verfassung ein - von vielen noch unbemerkt - auch nach außen machtvoller Staat entstanden. Er war in der Lage, den Kriegseintritt von Kuba, Honduras, Guatemala, Panama, Haiti, Costa Rica und Nicaragua mit zweifelhaften Mitteln zu erzwingen und Brasilien und weitere südamerikanische Republiken mit Revolutionen und inneren Wirren zu bedrohen, falls sie sich nicht dem Krieg gegen Deutschland anschließen würden. 46
Doch nach dem Krieg zerbrach Wilsons Vision einer Friedensliga. Der US-Kongreß lehnte die Pariser Friedensverträge sowie die Satzung des Völkerbunds ab. Die USA zogen sich auf die andere Seite des Atlantiks zurück, das Vorhaben, eine »Atlantic Community« zu schaffen, war im ersten Anlauf gescheitert.
Daraufhin wurde am 5. Juli 1920 in London das »Royal Institute of International Affairs« 47 (RIIA) in Anlehnung an Round Table gründet. In der hauseigenen Zeitschrift International Affairs konnten die politischen Ziele und Thesen nachgelesen werden. Ein Jahr später entstand in New York das amerikanische Pendant des RIIA, das private »Council on Foreign Relations« (CFR) mit der Hauszeitschrift Foreign Affairs.
In zaristischen Russland lagen die Dinge anders. Als Landmacht verlor es im Russisch-japanischen Krieg von 1904/05 nicht nur den einzigen Stützpunkt Port Arthur, sondern auch die Flotte. Den anfänglichen Erfolgen gegen Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich folgte im Ersten Weltkrieg bald ein zermürbender Stellungskrieg, der 1917 nicht nur die Front, sondern auch die Moral des russischen Soldaten zusammenbrechen ließ.
Die zweite Revolution mit globalem Anspruch.
Dieser Umstand machte die Zeit reif, nach der amerikanischen Revolution eine zweite Revolution mit globalem Anspruch folgen zu lassen.
Als nach russischer Zeitrechnung am 25. Oktober 1917 Lenin und Trotzki mit ihrer bolschewistischen Partei die Staatsmacht eroberten und gemäß den Vorgaben von Marx die »Diktatur des Proletariats« 48 installierten, ging ein Beben durch die blutdampfende Welt. In diesem Beben erkannte Clara Zetkin die »entscheidende Weltwende der Menschheitsgeschichte, kündete ein revolutionäres Geschehen von tieffurchender Tragweite.« 49
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Dem stimmt Eric Hobsbawm zu, wenn er schreibt: »Die Oktoberrevolution brachte die gewaltigste Revolutionsbewegung der modernen Geschichte hervor« und bescheinigt ihr ein sehr viel stärkeres und globaleres Echo als der französischen Revolution. 50
Von der Liebe zu Marx und dessen "Kommunistischen Manifest" durchdrungen, begannen sogar kritische Marxisten im übrigen Europa Lenin als Führer der russischen Revolution zu lieben. Gemäß den letzten Zeilen des Manifestes »Proletarier aller Welt vereinigt Euch!« sollte Lenin Führer der Weltrevolution werden: »Der Sozialismus kündigt sich an, wird angeführt von einem Herold, dem Sozialismus würdig«. 51
Die Grundsätze der sozialistischen Revolution - schon ein halbes Jahrhundert zuvor von Marx und Engels niedergelegt - verlangten die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die Sicherung des materiellen Lebens aller Menschen. Für immer sollte die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sowie die Teilung der Gesellschaft in Klassen abgeschafft werden. Am Ende dieses utopischen Zieles sollte die Befreiung der Menschheit vom Kapitalismus und ihr Übergang zum Sozialismus stehen. 52
Diese Umgestaltung war, wie Marx und Engels schrieben, nur mittels »despotischer« Eingriffe in bisheriges Recht möglich ist. Mit der »proletarischen Revolution« musste der feudale und bürgerlichen Herrschaftsapparat zugunsten der Diktatur des Proletariats zerschlagen werden. Janusköpfig musste nun die neue Herrschaft der Arbeiterklasse für die Werktätigen demokratisch und gleichzeitig für die bisherige Bourgeoisie diktatorisch sein. Damit war für die Anhänger des Marxismus eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen: als verhohlen religiöse Botschaft sollte die gesamte Menschheit ähnlich den Zielen des Christentums oder des Islams materiell erlöst werden.
Nach den Vereinigten Staaten war nun auch die Sowjetunion im Verlauf einer Revolution entstanden. Die jeweils zugrundeliegenden Ideologien sollten im 20. Jahrhundert als Leitfaden für die gegensätzlichen Weltbilder der »freien« und der »sozialistischen Welt« dienen. Wilson wie Lenin ähnelten sich in ihrem missionarischen Eifer, und beide glaubten an die universale Anwendbarkeit ihrer Theorien sowie an ihren langfristigen und unvermeidlichen Erfolg. 53
Der globale Anspruch beider Ideologien wird von dem amerikanische Historiker Gaddis nachgewiesen. 54 Doch damit erschöpfen sich auch schon die Übereinstimmungen. Beide mögen noch als Kontinentalstaaten mit Grenzen von gewaltiger Länge wahrgenommen werden, doch diese Ähnlichkeit trügt. Während die USA von Atlantik und Pazifik umschlossen wird und die Nachbarn Mexiko und Kanada bestrebt sind, in Frieden zu leben, musste sich die Sowjetunion entlang seiner eurasischen Landgrenze in langen Kriegen gegen Deutsche, Türken, Chinesen und Japaner wehren. Während der Versuch Russland, zur Seemacht aufzusteigen, scheiterte, konnten die Vereinigten Staaten ihr Produkt von Flotte und strategischen Stützpunkten ständig mehren.
Im Interesse des US-Kapitals und häufig zum Unglück der Völker Lateinamerikas führten die USA auch vor dem Zweiten Weltkrieg immer wieder bewaffnete Interventionen durch, die in der Regel zur Installation von einheimischen Diktatoren führten. Im Land selbst konnten die Bürger der USA trotz vorausgegangener Sklaverei, der nahezu vollständigen Ausrottung der Ureinwohner Amerikas und anhaltender Rassen-, Geschlechter- und Sozialdiskriminierung mit Recht behaupten, in einer der freiesten Gesellschaften der Welt zu leben. 55 Dagegen hatte sich die Sowjetunion unter Stalin zum autoritärsten Land der Welt entwickelt. Während amerikanische Zeitungen die wirtschaftliche Stabilität des sowjetischen Fünf-Jahres-Planes lobten, ließ Walter Lippmann Stalin im linksliberalen Blatt New Republic als Demokrat erscheinen. Stalin sei kein Diktator wie Mussolini, denn er könne von der Partei jederzeit abgesetzt werden. 56
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Am 17. November 1933 verkündete Roosevelt die diplomatische Anerkennung der Sowjetunion. Um diesen amerikanisch-sowjetischen Annäherungsprozess nicht zu stören, hatte das State Department Weisung erhalten, die Nachrichten von der stalinistischen Terrorwelle, die seit 1932 in der Ukraine und Südrußland raste und mehreren Millionen Menschen das Leben kostete, nicht überzubewerten. 57 Weil im Rahmen der weltpolitischen Konstellation eine bilaterale Annäherung opportun erschien, waren die USA durchaus bereit waren, von ihren eigenen politischen Prinzipien abzurücken - ein Vorgang der immer wieder zu beobachten ist.
Den «Überfall Italiens auf Abessinien und die Intervention deutscher 58 und italienischer Streitkräfte im sogenannten spanischen Bürgerkrieg« 59 nahm US-Präsident Franklin Delano Roosevelt zum Anlass, am 5. Oktober 1937 seine berühmte »Quarantäne-Rede« zu halten: »Völker stacheln andere Völker, die ihnen nichts zuleide getan haben, zum Bürgerkrieg an und greifen dann in diesen Bürgerkrieg mit bewaffneter Macht ein [...] ohne irgendwelche Rechtfertigung werden Zivilisten, einschließlich Frauen und Kinder, rücksichtslos durch Bomben aus der Luft dahingemordet.« In blumiger Sprache vergleicht Roosevelt die Feinde der Freiheit und des Friedens mit einer Epidemie. Darauf hinweisend, »dass sich die Seuche der Gesetzlosigkeit in der Welt ausbreitet« 60 , gab er den friedliebenden Nationen den Hinweis, dass als Maßnahme gegen die Ausbreitung einer Epidemie das Gemeinwesen eine Quarantäne über die Kranken verhängt. Kein Land könne der internationalen Anarchie dadurch entrinnen, »dass es sich isoliert oder neutral verhält.«
Obwohl Roosevelt mit dieser scheinbar harmlosen Metapher eine im Kern brisante Aussage entschärft hatte, erkannten nur wenige darin eine versteckte Kriegserklärung - doch viele die Abkehr von der bisherigen amerikanischen Neutralitätspolitik: Somit musste eine Aufrüstung die Folge sein. 61
Andere jedoch empfanden diesen moralischen Appell vor dem Hintergrund der nur sechs Monate zurückliegenden US-Intervention in Puerto Rico als reine Heuchelei. Um den Kolonialstatus dieser Insel zu erhalten, hatte US-Militär am 21. März 1937 in Ponce eine patriotische Demonstration zusammenschießen lassen. 62
Zwischen den Zeilen hätten sich die Japaner angesprochen fühlen können. Waren doch nur drei Monate zuvor, am 7. Juli 1937, japanische Armeen in China eingefallen und führten diesen Krieg mit Härte und Entschlossenheit. Die japanischen Truppen werden China erst nach der Kapitulation vom 8. September 1945 verlassen.
Als am 11. Dezember 1937 auf dem Jangste das amerikanisches Kanonenboot Panay, das Amerikaner aus Nanjing (Nanking) evakuiert und 3 US-Öltanker im Geleit hatte, von japanischen Flugzeugen versenkt wurden, nimmt Roosevelt die japanische Entschuldigung und Entschädigung vorbehaltlos an. 63 Mit Rücksicht auf die US-Bevölkerung sollen die USA um fast jeden Preis aus den überseeischen Konflikten herausgehalten werden. Oder diente alles nur einem Täuschungsmanöver, um von einem Vorstoß gegen Japan abzulenken? Diesen Eindruck sollen die Botschafter Deutschlands und Italiens bekommen haben, als sie beim State-Department wegen der Quarantäne-Rede vorsprachen. 64
Nicht angesprochen brauchte sich Josef Stalin zu fühlen. Seit 1935 raste ein Terrorwelle durch die Sowjetunion, der jegliche Opposition des kommunistischen Diktators zum Opfer fiel. Waren Roosevelt Stalins blutige Säuberungswellen entgangen?
Im August 1936 waren nach dem ersten Schauprozess in Moskau vierzehn führende Mitglieder der innerparteilichen Opposition hingerichtet worden. Es folgte die Erschießung des legendären Bürger-
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kriegsgenerals und nunmehrigen Marschall Tuchatschewski mit endlosen Reihe von Befehlshabern aus Armee und Flotte. 65
Nach Andrej Sacharow wurden allein zwischen 1936 und 1939 mehr als 1,2 Millionen Mitglieder der Partei verhaftet. Nur 50.000 kamen wieder frei, die anderen wurden bei Verhören totgequält, erschossen, oder kamen in Lagern um. 66
Eine interessante Erklärung für Roosevelts gespaltenes Wahrnehmungsverhalten überliefert George F. Kennan. Als der Stab der Botschaft in Moskau von den stalinistischen Säuberungen berichtete und eine Tyrannei enthüllte, die noch schrecklicher war als die der Zaren, schrieb Präsident Roosevelt »die Berichte als das Produkt einer in seinen Augen typischen Mentalität des steifen auswärtigen Dienstes zu«. Da er sich von diesen Enthüllungen nicht beunruhigen lassen wollte, schloss Roosevelt die russische Abteilung des Auswärtigen Dienstes, löste ihre Bibliothek auf und zwang ihren Chef zum Rücktritt. 67
1939 vegetierten 2,5 Millionen »Systemfeinde« in den Gulags 68 , um dort bei hoher Mortalität Zwangarbeit zu verrichten. »Die Verfolgungsmaschinerie, die Stalin in den dreißiger Jahren mit aller Kraft wüten ließ« 69 , so sein Biograf Wolkogonow, erzeugte insgesamt ungefähr 9 Millionen Opfer. Hinzuzuzählen sind noch die Toten im Feldzug gegen die Kulaken und der damit verbundenen Hungersnot von 1932/33, der sechs bis acht Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. 70 Für den amerikanischen Historiker Rudolph J. Rummel ist die Ursache der Säuberungen in der Ideologie des
Marxismus zu suchen: im Besitz der absoluten Wahrheit kenne er zwischen den Polen »das Gute« (Kommunismus) und »das Böse« (Kapitalismus/Feudalismus) keine Kompromisse. 71 Um eine »bessere Welt« zu verwirklichen, musste zunächst die sozialistische Diktatur des Proletariats aufgerichtet und alle Feinde - ob rechts oder links stehend - ausgeschaltet werden 72
Hitler-Stalin-Pakt
Zur Überraschung der Weltöffentlichkeit - insbesonders des US-Präsidenten Franklin D. Rooseveltunterschrieben nach nur achttägigen Geheimverhandlungen Josef Stalin und der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop am 23. August 1939 in Moskau den als »Hitler-Stalin-Pakt« bekannten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. 73
Hatte Hitler seine in »Mein Kampf« niedergelegten Prinzipien - die Kampfansage an die jüdischbolschewistische Sowjetunion - mit dem Arrangement seines Todfeindes aufgegeben? Oder brauchte er nur einen Bündnispartner für den geplanten Krieg gegen Polen und Rückenfreiheit für die zu erwartenden Kriegserklärungen aus Paris und London?
In Washington hielt Roosevelt neutrales Verhalten für verwerflich und war bereit, militärisch zu intervenieren, um totalitäre Systeme, besonders das deutsche, zu Fall zu bringen - die Sowjetunion gehörte für ihn nicht dazu. Der deutsche Geschäftsträger in Washington telegrafierte am 28. August 1939 an das Auswärtige Amt: »Bei Kriegsausbruch wird das Neutralitätsgesetz [von 1937], das schon heute Voraussetzungen für Maßnahmen zugunsten Englands und Frankreichs schafft, zunächst pro forma in Kraft gesetzt, später entweder aufgehoben, abgeändert oder umgangen werden.« 74 Stand doch die amerikanische Bevölkerung einer wiederholten Kriegsteilnahme in Europa ablehnend gegenüber.
Dank der Komplizenschaft mit Stalin konnten deutsche Truppen am 1. September 1939 von Westen her nach Polen einfallen. Zwei Tage später erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg und Franklin Delano Roosevelt - im Gegensatz zu seiner »Quarantäne-Rede« - vier Tage später die
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Neutralität. Am 17. September später rückte von Osten her die Rote Armee nach Polen ein. Doch Hitlers Konzept, Polen entlang der Linie San-Weichsel-Warschau-Kolno zu teilen 75 , schlug Stalin aus. Die Rote Armee blieb weiter ostwärts auf der Linie Grodno-Brest-Litowsk-Przemyśl stehen, ein Grenzverlauf zwischen Polen und der Sowjetunion, der als Curzon-Linie 76 in die Geschichte eingegangen ist. Nach ethnischen Gesichtspunkten hatten die Alliierten auf Vorschlag des britischen Außenministers Curzon diese Linie am 8. Dezember 1919 festgelegt.
Von Frankreich ermuntert und den Traum von Großpolen vor Augen, war das Polen Josef Pilsudskis in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Russland eingefallen, wobei die Verbände des polnischen Generals Rydz-Smigly bis Kiew vorstießen und Teile Weißrußlands und der Ukraine okkupierten. 77 Der am 18. März 1921 in Riga erzwungene Friedensschluss - die Sowjets waren durch die Konterrevolution geschwächt - verlegte die polnische Ostgrenze über 200 Kilometer ostwärts. Nach polnischer Quellen umfasste die Bevölkerung zwischen der Curzon-Linie und der nunmehrigen polnischen Ostgrenze etwa 6 Millionen Ukrainer und Weißrussen, etwa 1,4 Millionen Juden und nur etwa 1,5 Millionen Polen. 78 Neben dieser Annexion hatten polnischen Truppen unter General Lucjan Żeligowski am 9. Oktober 1920 die litauische Hauptstadt Wilna handstreichartig genommen. Anschließend wurde die gesamte Region Vilnius in das polnische Staatsgebiet »eingegliedert«.
Auch im Süden und Westen griffen polnische Verbände das tschechische Olsagebiet sowie die Oberschlesische Region an. 79 Über den Verbleib Oberschlesiens sollte eine Volksabstimmung entscheiden. In sehr gespannter Atmosphäre bei einer Wahlbeteiligung von 97% votierten 59,6% der Oberschlesier für einen Verbleib bei Deutschland, 40,4% für Polen. Ein überraschend negatives Abstimmungsergebnis für Polen. Auch die oberschlesischen Juden hatten sich mit leidenschaftlichem Eifer für Deutsch-land entschieden. Sogar jüdische Kranke und Greise haben sich unter großen Opfern und Beschwerden auf den Weg in ihre Heimatorte gemacht, »um, oft unter Gefahren für Leib und Leben, ihrer vaterländischen Pflicht zu genügen!« 80
Dieser für Polen überraschende Misserfolg führte unmittelbar zum dritten polnischen Aufstand, in dem Korfantys Kampftruppen den beanspruchten Teil Oberschlesiens besetzten und die strategische Schlüsselstellung Annaberg zu weiteren Überfällen nutzten. Während Frankreich die Aufständischen unterstützte, duldete England die Bildung von deutschen Freiwilligentruppen. 81
Am 21. Mai 1921 konnten diese Freikorpssoldaten nach blutigen Gefechten den Polen ihre stärkste Befestigung in Oberschlesien entreißen. Zur Beilegung der Kämpfe wurden britische Einheiten nach Oberschlesien entsandt. Gegen das Abstimmungsergebnis schlug am 20. Oktober die Völker-bundskommission auf Betreiben Frankreichs das ostoberschlesische Industriegebiet mit seinen Kohle-, Blei- und Zinkgruben und rund einer Million Einwohnern zu Polen - damit hatte Deutschland insgesamt über 70 Prozent seiner Energieressourcen verloren.
In diesem expandierten Polen gehörte nun fast ein Drittel der 36 Millionen Einwohner nationalen Minderheiten an, »unter anderem der ukrainischen (etwa 14 Prozent), jüdischen (etwa 9 Prozent) und deutschen (etwa 3 Prozent)«. 82
Am 28. September 1939 folgte auf den »Hitler-Stalin-Pakt« der »Grenz- und Freundschaftsvertrag« zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. In geheimen Zusätzen wurden die Einflusssphären festgelegt 83 : Im Austausch gegen mittelpolnische Gebiete bis zur Curzon-Linie akzeptierte Hitler die sowjetische Kontrolle über die Staaten des Baltikums, das östliche Rumänien bis zur Donau (Bessarabien) sowie Finnlands.
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Am Tag des deutschen Einmarsches in Polen hatte Roosevelt den 58jährigen Brigadegeneral George Catlett Marshall von seinem Posten als Chef der Kriegsplanung abberufen und ihn zum Armeestabschef und Viersterne-General ernannt - über die Köpfe von 20 Generalmajoren und 14 dienstälteren Brigadiers. Eine ungewöhnliche Ernennung, die in Marshalls Organisationstalent und seiner Treue zum Dienstherrn eine Erklärung findet.
Kriegsplaner und Generalstabschef George Catlett Marshall, Jr.
Bereits im Grundschulalter soll Marshall mit Vorliebe Soldat gespielt und Befehle erteilt haben. Dazu ließ er seine Klassenkameraden Holzgewehre schultern und im Schulhof umhermarschieren. Im Sommer 1898 hatte der 17jährige George sein Erweckungserlebnis: Die vom Spanisch-Amerikanischen Krieg aus den Philippinen heimkehrenden Soldaten der 10. Pennsylvania Volunteer Infantry wurden in Marshalls Heimatstadt Uniontown/ Pennsylvania als Helden empfangen und ihnen zu Ehren eine Parade abgehalten.
»Es war eine grandiose Demonstration des Stolzes einer amerikanischen Kleinstadt auf ihre jungen Männer und des Enthusiasmus ob ihrer Erfolge«, erinnerte sich Marshall, um dann den Stellenwert zu unerstreichen: »Erst Jahre danach haben die meisten von uns begriffen, dass es viel mehr war. Es bedeutete den Eintritt Amerikas in die Welt jenseits der Ozeane.« 84 Dieses frühzeitige Begreifen globalstrategischer Zusammenhänge wird Marshall in die höchsten militärischen und politischen Stellen befördern.
Als Oberleutnant Marshall 1914 zu Manöver auf den Philippinen weilt, öffnen sich - zwei Wochen nach Beginn des Ersten Weltkrieges - erstmals die Schleusentore des Panama-Kanals: Die strategische Voraussetzung, um die US-Kriegsflotten des Pazifiks und des Atlantiks nun schnell und schlagkräftig vereinen zu können. Bis zum amerikanischen Kriegseintritt beteiligte sich Marshall sowohl an der Ausbildungsplanung als auch an der Vorbereitung militärische Operationen.
Während im Frühjahr 1917 Delano Roosevelt als rechte Hand des Marineministers Josephus Daniels die »United States Navy Reserve« mobilisierte, dirigierte Hauptmann Marshall in verantwortungsvoller Position die 1st US-Infantry-Division über den Atlantik nach Frankreich. Hier wurde Marshalls Organisationstalent und seine Fähigkeit als Ausbilder erkannt, was eine Verwendung in der Etappe nach sich zog. So blieb ihm ein Frontkommando erspart.
In den Jahren der großen Depression wollte Roosevelt - nunmehr US-Präsident - mit seinem New Deal die Wirtschaft erneuern. Zu seinen Lieblingsprojekten gehörte das »Civilian Conservation Corps« (CCC), in dem 250.000 arbeitslose Männer gemeinnützigen Arbeitsdienst nach dem Motto versahen: harte Arbeit in der Gemeinschaft und Dienst am Land. Mit der Aufsicht über diesen Arbeitsdienst betraute der Kongreß die Armee, was bei vielen Offizieren auf wenig Gegenliebe stieß. Nicht so bei Marshall. Im September 1933 unter Roosevelt zum Oberst befördert, gründete Marshall 19 »workcamps« im Süden der USA und übernahm im Nordwesten die Aufsicht über 35 weitere Lager.
Im Jahr 1934 fand Marshall Verwendung als stellvertretender Kommandeur der Infanterieschule in Fort Benning/Georgia. Hier führte er junge Offiziere in die Taktik eines modernen Krieges ein, wobei seine vorausschauende Ausbildung visionär auf die kommenden Kriegszenarien zugeschnitten war. So verwundert es nicht, dass er 1936 zum Brigadegeneral befördert, um als Chef der Kriegsplanung seine Erkenntnisse auf höhere Ebene umzusetzen.
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Bis heute verknüpfen Historiker die eigentlichen Militärplanungen der USA für einen Krieg gegen Deutschland und Japan 85 mit den Ereignissen des Jahres 1939 86 , da ab diesem Zeitpunkt die Sicherheitsinteressen der USA berührt schienen.
Dieser verbreiteten historische »Weisheit« widerspricht vehement Colonel Henry S. Gole in seinem Buch »The Road to Rainbow« 87 mit bisher nicht widerlegten Beweisen. Gole, in Soldaten- wie Historikerkreisen anerkannt, focht als Infanterist in Korea, diente als Offizier in Vietnam, als Militärattaché in Deutschland und als Stabsoffizier im Pentagon. So wundert es auch nicht, dass als Mitverleger die »Association of the U.S. Army« fungiert.
Für dieses Buch recherchierte Gole in den Archiven des »American Military Institute«. 88 Dabei sichtete er vor allem die Dokumente der Klassen 1934-1940 des Army War College, wobei er die enge Verbindung zwischen »War College« und »Army General Staff« - der späteren »War Plans Division« - nachweist.
Die grundlegenden Konzepte der Alliierten Strategie im Zweiten Weltkrieg konnten aber auch schon in dem 1960 erschienen Buch »Command Decisions« 89 nachgelesen werden. Im Kapitel eins »Germany First« zeichnet der US-Historiker Louis Morton, Universitätsrektor und Oberstleutnant, die Kriegspläne von 1919 bis 1938 nach und gibt der ab 1938 erfolgten strategische Anpassung Konturen.
Kriegspläne »Orange« und »Rainbow«
Im strategische Denken der US-Militärplaner sind nicht zuletzt die Einflüsse der Frontier, die Geopolitik und Maritime Strategie von Alfred T. Mahan verinnerlicht. Daneben wurde von den Offizieren in den 20er- und 30er-Jahren auch J.F.C. Fuller, Clausewitz und Colmar von der Goltz gelesen.
Die US-Interessen vor und während des Ersten Weltkrieges reflektierend, planten die US-Militärstrategen in einem Krieg mit den Achsenmächten und Japan ihre Hauptanstrengungen zielstrebig auf Europa zu richten, wobei Deutschland zuerst besiegt werden müsse. 90 Aus dieser Einschätzung heraus war ein einzigartiges Strategiekonzept entwickelt worden, niedergelegt in den »RAINBOW«-Plänen 91 .
Der gegen Japan zwischen 1924 und 1938 entwickelte Kriegsplan »ORANGE« 92 sah anstatt einer Landung, Isolation und Störaktionen vor.
Waren bis 1934 Planspiele nur mit einem Kriegsgegner üblich, ging man jetzt von Kriegsallianzen auf beiden Seiten aus. Mit bemerkenswerter Voraussicht wurden Kriegsszenarien entworfen, in denen die USA und ihre Alliierten in einem gleichzeitigen »Zwei-Ozean-Krieg« die Nazi-Bündnisse und Japan niederwarfen.
Dabei konnten die Planer auf die Erfahrungen über den komplexen und zeitaufwendigen Prozess einer totalen Kriegsmobilisierung aus dem Ersten Weltkrieg zurückgreifen. Folgerichtig erkannten die Planer des War College die Chancen der riesigen US-Ökonomie. Diese Ökonomie würde es den USA ermöglichen zu überleben, solange der Krieg nur lange genug dauern würde. Bei einer erfolgreichen Mobilisierung würde sogar der Sieg sicher sein. 93
Nicht die Einnahme der Japaner von Nanking, sondern der Beitritt Italiens im November 1937 zum deutsch-japanischen Gegenstück der kommunistischen Internationale, dem Anti-Kominternpakt, machte angeblich den Planern deutlich, dass ein Krieg nicht auf Japan und den USA begrenzt bleiben
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könnte. Drohungen oder direkte Angriffshandlungen seitens der Achse »Berlin-Rom-Tokio« in Europa und Asien wurden jetzt für möglich gehalten.
Während am 29. September 1938 der englische Premier Chamberlain das »Münchner Abkommen« 94 als »Paper of Peace« feierte, beauftragte Präsident Roosevelt das Militär, der Bedrohung amerikanischer Interessen und Sicherheit im Atlantik und Pazifik durch einen deutsch-italienischen Angriff in Europa und einer simultanen japanischen Expansion im Fernen Osten entgegenzutreten. 95 Die RAINBOW-Pläne 1 bis 4 ließen noch offen, ob der Krieg gegen die Achsenmächte und Japan gleichzeitig oder nacheinander geführt werden sollten, sah der RAINBOW-Plan Nr. 5 die Entsendung bewaffneter US-Streitkräfte in den Ostatlantik sowie auf den afrikanischen oder europäischen Kontinent vor, um die endgültige Niederlage Deutschlands oder Italiens herbeizuführen.
Gemäß diesen Plänen besetzten die USA zur Sicherung der Nordatlantik-Route am 10. Mai 1940, dem Tag des deutschen Angriffs auf Frankreich, Grönland. Am Morgen des 17. Juni - fünf Tage vor dem Waffenstillstand in Frankreich - sprach General Marshall in seinem Stab das Problem einer schnellen Hilfe an. Neben defensiven Aktionen im Pazifik sollten die Hauptanstrengungen im Atlantik liegen, wobei besondere Bedeutung der Alliierten Flotte beigemessen wurde. 96 Größte Befürchtungen sah man in einer Übernahme der nach Nordafrika geflohenen französischen Flotte durch die Deutschen.
Churchill konnte am 3. Juli die amerikanischen Bedenken zerstreuen. In Abstimmung mit der »Operation Grasp«, bei der alle in britischen Gewässern befindlichen französischen Schiffe gekapert und beschlagnahmt wurden, startete am frühen Morgen des gleichen Tages die »Operation Catapult«. Nachdem das im algerischen Mers-el-Kébir ankernde Gros der französischen Flotte die Übergabe verweigerte, wurde es erbarmungslos zusammengeschossen. 1297 französische Marinesoldaten fanden den Tod. 97
Der beunruhigten amerikanischen Nation versprach Roosevelt während der Wahlkampagne von 1940 immer wieder: »Your boys are not going to be sent into any foreign wars.« 98 Doch zugleich ließ Roosevelt das amerikanisch-britische Flottenbündnis ausbauen und den Frontstaaten benötigte Waffen und Ausrüstung leihen.
Das führte zwangsläufig in eine Abhängigkeit, die Roosevelt nutzen konnte, um sein Konzept des »Neuen Krieges« auch ihnen gegenüber durchzusetzen. In diesem neuen Krieg ging es nicht mehr darum, außenpolitische Ziele mit möglichst kurzen Feldzügen zu erreichen, sondern mit friedlichen und militärischen Mitteln einen strategischen Krieg über lange Zeiträume zu führen.
Die zweite Chance in Europa Fuß zu fassen
Am 22. Juni 1941 drang die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion ein. »Deutschland überfiel unser Land nicht im Alleingang,« so der ehemalige sowjetische Botschafter in der Bundesrepublik, Valentin Falin: »Dahinter stand das Potential praktisch des gesamten besiegten West- und Mitteleuropas. Schulter an Schulter mit der Wehrmacht drangen Truppen aus Italien, Ungarn, Rumänien, Finnland, Spanien, der Slowakei und Kroatien bei uns ein.« 99
Nachdem Wilson sein Hauptkriegsziel, der Festsetzung der USA an der atlantischen Gegenküste verfehlt hatte, so schien dieser Krieg den USA eine erneute Gelegenheit zu geben. Nur wenige Tage nach dem deutschen Überfall besetzten amerikanische Truppen Island und bauten die Insel zu einem Stützpunkt und einer Nachschubbasis aus.
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Während sich Roosevelt in der amerikanischen Öffentlichkeit als Gegner eines Kriegseintritts ausgab, suchte er die Konfrontation mit Deutschland. Doch zur Wahrung der moralischen Autorität als Friedensmacht sollte der Gegner den »ersten Schuß« abfeuern. Unter Umgehung der vom Kongress verhängten Einschränkungen ließ Roosevelt die von den USA beanspruchte Sicherheitszone im Atlantik immer weiter nach Osten ausdehnen.
Zum Abschluss der »Atlantischen Charta« sangen am 14. August 1941 die Matrosen des vor Neufund-land liegenden Schlachtschiffes Prince of Wales den Choral »Vorwärts christliche Soldaten, das Kreuz des Heilands zieht uns voran«. In der Tat erschien der von Roosevelt und Churchill verfasste Text sehr christlich. Es sollten keine territorialen Veränderungen mehr vorgenommen werden, die nicht im Einklang mit dem Willen der Völker stehen. Nach der endgültigen Zerstörung der Nazi-Herrschaft 100 sollte ein Frieden es allen Völkern ermöglichen, innerhalb ihrer Grenzen in Frieden zu leben und allen Menschen in allen Ländern ein Leben frei von Not zu gewährleisten.
Während ein paar auf Effekt angelegte Phrasen die »Nazi-Tyrannei« verurteilten, so Valentin Falin, traf Tokio überhaupt kein einziger Vorwurf. 101 Weniger christlich war, dass sich für die Opfer der Aggression kein einziges Wort der Solidarität fanden. Am gleichen Tag bestätigte der US-Präsident das Projekt »Georg«. Es zielte darauf ab, den Boden für einen Umsturz gegen Hitler vorzubereiten.
Zu den Kritikern der Atlantik-Charta zählten in den USA neben manchen deutsch-freundlichen Politikern vor allem Cordell Hull, der einen Konflikt zwischen Deutschland und den USA ablehnte, während John Foster Dulles Kontinentaleuropa als föderale Gemeinschaft mit einem »desintegriertem« Deutschland reorganisieren möchte. Zusätzlicher Widerstand erfolgte von der »Kommission zur Er-forschung der Grundlagen eines gerechten und dauerhaften Friedens«.
Warten auf den »Ersten Schuss«
Im August 1941 ordnete Admiral Stark, Chef der Seeoperationen, aktiven Geleitschutz zwischen Nordamerika und Island an. Bald entwickelte sich zwischen den deutschen Seestreitkräften und Roosevelts »Neutralitätspatrouillen« ein »Katz- und Maus-Spiel«, das am 4. September zu eskalieren drohte. Der US-Zerstörer Greer heftete sich auf die Fährte des deutschen U-Boots 652 und funkte unentwegt die Position von U-652 an die Briten. Das U-Boot setzte sich mit einem Torpedo zur Wehr und der Zerstörer antwortete mit Wasserbomben.
Während am 11. September Roosevelt den Angriff des U-Bootes brandmarkte und Schießbefehl auf alle »Angriffsdrohungen« der Mittelmächte gab, unterzeichneten General Marshall und Admiral Stark eine strategische Lagebeurteilung, die nun den Kriegseintritt der USA für notwendig ansah. 102 Auch eine weitere Reihe von immer ernsteren Flottenzwischenfällen führten nicht zu dem ersehnten »ersten Schuss« von deutscher Seite aus: »zu Roosevelts maßloser Enttäuschung erneuerten Hitler und Dönitz nach jedem dieser Vorkommnisse ihre Befehle an die U-Boot-Kommandanten, die amerikanischen Seestreitkräfte auf keinen Fall anzugreifen.« 103
Die atlantische Vordertür schied als Kriegseintritt vorerst aus. Nun musste die pazifische Hintertür aufgeschlagen werden.
Mit der Absicht, Japans Kriegsmarine einschränken, verhängten die USA am 1. August 1941 ein Ölembargo gegen Japan. Zuvor hatte man die japanischen Vermögen in den USA eingefroren. Während Roosevelt die amerikanischen Luftstreitkräfte auf den Philippinen massiv verstärken ließ, 104 wurden
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Japan für den Fall der Einstellung ihrer militärischen Expansion in Südost-Asien günstige Bedingungen angeboten. 105
Die folgenden Tokioter Beschlüsse konnten nur wenige Tage danach von der amerikanische Funküberwachung in Klarschrift vorgelegt werden:
Aus ihnen ging zweifelfrei hervor, dass Japan Vorbereitungen zur südlichen Expansion in Gang setzt und einen Krieg zur Brechung der englisch-amerikanischen »Einkreisung« vorbereitet, wobei ein Krieg gegen die UdSSR ausgeschlossen wurde. 106
Am 20. November 1941 suchte Japan das Einvernehmen mit den USA. Doch diese lehnte Japans Verlangen nach Anerkennung des gegenwärtigen Zustandes in Ostasien ab. Fünf Tage später lief ein japanischer Flottenverband zum Angriff aus.
Der 7. Dezember 1941 - ein Tag der Schande
Oberst Rufus S. Bratton war dem Generalstabschef (Chief of Staff) General George C. Marshall als Leiter des fernöstlichen Abschnitts der Abwehr (G-2) im War Department in Sicherheitsfragen direkt verantwortlich und äußerst gebildet: Im Gegensatz zu Marshall, der nur ein Kadetten-College besucht hatte, war Bratton Westpointabsolvent, hatte in Japan die Sprache erlernt, um als US-Offizier an der japanische Militärakademie studieren zu können.
In den frühen Morgenstunden des 7. Dezember 1941 entschlüsselte Colonel Bratton eine Meldung der Japaner über deren geplanten Überraschungsangriff auf Pearl Harbor.
Diese Meldung soll unverzüglich der Generalstabschef erhalten. Doch Bratton zögert, denn er fühlt instinktiv, dass er für dieses Telefonat einen vertrauenswürdigen Zeugen braucht. Dazu bat er um 6 Uhr (Washingtoner Zeit) den befreundeten Oberst James Compton in sein Dienstzimmer. Dieser soll die Gespräche mit seinem Vorgesetzten mithören. Bratton verlangt General Marshall, doch ihm wird nur mitgeteilt, das dieser nicht erreichbar sei. Über Stunden wiederholt Bratton seine Anrufe. Letztlich wird im mitgeteilt, dass Marshall das sonnige Winterwetter ausnutzend, etwas länger als sonst in den Wäldern bei Fort Myers auf dem jenseitigen Potomac-Ufers spazieren reite. Angewidert legte Bratton den Hörer mit der sarkastischen Bemerkung auf, dass dieser Ritt ebenso in die Geschichte eingehen würde, wie der vom legendären Minute-Men und Meldereiter Paul Revere zu Zeiten des Unabhängigkeitskrieges (»I am going to make this the famous horse-back ride since Paul Revere«). 107 In der Tat sollte der Ritt des Generals noch größere Geschichte schreiben.
Erst um 11.25 Uhr Washingtoner Ortszeit trifft Marshall in seinem Büro im War Department ein. Die wartenden Offiziere stimmen darüber ein, dass ein Angriff im Pazifik ungefähr gegen 13 Uhr Ortszeit zu erwarten sei. Nun entschließt sich Marshall, die pazifischen Stützpunkte zu warnen.
Dazu stehen dem Generalstabschef drei rasche Nachrichtenmittel zur Verfügung: »das Scrambler-Telefon auf dem Schreibtisch des Dienstzimmers, eine der großen Marinestationen oder der FBI-Sender.« 108 Doch Marshall bedient sich keiner dieser Möglichkeiten und lässt den codierten Warntext als Telegramm ohne jegliche Priorität über die Western-Union um 12.17 Uhr abschicken. 109 Mit über vier Stunden Verspätung, nachdem die letzten Bomben gefallen waren, traf es bei Admiral Husband E. Kimmel auf Hawaii ein. Dieser warf es nach dem Lesen direkt in den Papierkorb.
Hätte General Marshall um 11.25 Uhr telefoniert - bei bevorstehendem Angriff kann ein Verschlüsselung ohnehin entfallen -, so wäre binnen einer Viertelstunde die Verbindung hergestellt gewesen und es hätte noch immer eine Warnzeit von einer Stunde und 20 Minuten zur Verfügung gestanden. Ein
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Prioritäts-Radiogramm hätte mit Verschlüsselung weniger als eine halbe Stunde gedauert 110 . Die Gründe, die Marshall später angab, warum er nicht zum Telefon griff und das Telegramm als »low priority messages« von einer zivile Telegraphenagentur übermitteln ließ, erscheinen mehr als fadenscheinig. General Marshall konnte auf sicherem Wege nach Hawaii telefonieren, ohne dass man dafür die Western Union brauchte. Normalerweise hätte man eine solche Warnung auf mehrfachem Wege durchgegeben.
Die Wahl einer schnellen Übermittlung hätte die Katastrophe von Pearl Harbor weitestgehend vermeiden können. Diese Stunde Vorwarnzeit würde ausgereicht haben, die volle Abwehrbereitschaft herzustellen und den Gegner aufzuklären. Damit hätten die Jäger in den Luftkampf dirigiert und das Flugabwehrfeuer effektiv organisiert werden können. Eine erfolgreiche Abwehr lag im Bereich des Möglichen! Auf Pflichtversäumnis im Dienst war also in jedem Fall zu erkennen, wenn nicht mehr. Der Bannstrahl sollte bald die »Schuldigen« treffen, die Befehlshaber in Oahu von Marine und Armee - Admiral Husband Kimmel und General Walter Short. 111
Zwölf Tage vor diesem Tag der Infamie, wie sich Roosevelt ausdrücken wird, vertraute Kriegsminister Henry L. Stimson nach der Kabinettsitzung seinem Tagebuch an: »The question was how we should manoeuvre them [the Japanese] into the position of firing the first shot without allowing too much danger to ourselves; it was a difficult proposition«. 112 Diese Strategie verfolgte auch General Marshall. 113 In einem Befehl vom 27. November 1941 an General Short heißt es: »If hostilities cannot ... be avoided, the United States desires that Japan commit the first overt act.« 114 Weitere Beweise untermauern die Absicht der Vereinigten Staaten, Japan in den ersten Schuss hineinzumanövrieren 115 . Diese Haltung wird durch Roosevelt selbst bestätigt. Nachdem er am Vorabend des japanischen Angriffs die von der Funküberwachung aufgefangenen ersten Teile der Note aus Tokio gelesen hatte, bemerkte er: »This means war.« 116
So kann es kaum wundern, dass die Katastrophenmeldung aus Pearl Harbor Roosevelt und dessen Mitarbeiter weder bestürzen noch erschüttern konnte. Präsidentenberater Hopkins notierte nach der gegen ein Uhr anberaumten Konferenz: »Die Stimmung war nicht allzu gespannt; ... wir alle ... waren der Überzeugung, dass letzten Endes Hitler der Feind sei...; dass wir früher oder später doch in den Krieg hätten eintreten müssen und dass Japan uns nun die Gelegenheit dazu verschaffte.« 117 Noch in den späten Nachmittagstunde des 7. Dezembers unterzeichnete der Präsident und Oberbefehlshaber von Armee und Marine die äußerst detaillierte, fünfseitige Proklamation Nr. 2525 118 . In ihr ist das Vorgehen der in Amerika oder in befreundeten Ländern lebenden "Feinde" mit japanischer Herkunft festgelegt. Bereits in den Abendstunden verhafteten FBI und Marine-Geheimdienst einige hundert legal in den USA lebende Japaner und Deutsche sowie amerikanischer Bürger japanischen und deutschen Ursprungs. 119
Unter dem Eindruck des »Ereignisses der immerwährenden Schande«, wie Roosevelt die Vorgänge in Pearl Harbor mit den 2326 getöteten Amerikanern treffend bezeichnete, proklamierte der Kongress am 8. Dezember den Kriegszustand mit Japan. Die einzige Gegenstimme kam von der mutigen Repräsentantin von Montana, Jeannette Rankin. Sie hatte auch schon gegen den US-Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg gestimmt.
»Mächtige und findige Gangster haben sich zusammengetan, um gegen das ganze Menschengeschlecht Krieg zu führen«, geißelte am 9. Dezember Roosevelt in seiner Rundfunkansprache die deutsche und japanische Unmoral und versprach, »die Urheber dieser Verbrechen der verdienten Strafe zuzuführen«, und »unsere Kraft ebenso für das künftige Wohl der Menschheit wie gegen das derzeitige Böse einzusetzen.« 120
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Vergeltung für Pearl Harbor fordernd, stand wie in den vielen Kriegen zuvor eine amerikanische Generation im Krieg und übte den Schulterschluss. 121 Das ließ bei einigen auch Argwohn und Misstrauen aufkommen und nach den Hintergründen des schrecklichen Ereignisses forschen. Als Parallele drängte sich die Explosion des US-Kriegsschiffes Maine im Hafen von Havanna auf, die 1898 zielgerichtet in den amerikanisch-spanischen Krieg führte. 122
General Marshall, so urteilte das »Army Pearl Harbor Board of Investigation«, hätte Hawaii bereits am 6. Dezember und wiederum am 7. Dezember unterrichten oder entsprechende Befehle erteilen müssen. 123 Außerdem wurde auf die geltenden Regeln verwiesen, nach denen die Warnung gleichzeitig über den Marine- und den FBI-Sender und über das »scrambler«-Telefon 124 hätten weitergegeben werden müssen. Der Frage, ob Marshall nur die Befehle Roosevelts ausführte 125 , durfte nicht nachgegangen werden. Ein Generalstabschef, der die Bedeutung derartiger Nachrichten nicht erkennt und nicht in der Lage ist, gefährdete Truppen rechtzeitig zu warnen, wird im Regelfall vor ein Kriegsgericht gestellt. Keineswegs bleibt er im Amt und steigt in die höchsten Staatsämter auf. So bliebt nur eine Erklärung übrig: Marshall war ein treuer Diener seines Herrn.
US-Brückenkopf Europa
Nur wenige hatten den nun folgenden Stimmungsumschwung in der amerikanischen Bevölkerung für möglich gehalten und kaum jemand rechnete mit der Entschlossenheit Roosevelts, die Herrschaft über beide Ozeane und deren Gegenküsten zu erringen. Am 6. Juni 1944 war es soweit.
Im Rahmen der Operation »Overlord« landete die 1. US-Armee an den Stränden Utah bei Sainte-Mère-Ėglise und Omaha bei St. Laurent. Vom Anblick der gewaltigen Landungsarmada überwältigt, erinnert sich US-Captain Anthony Duke: »Bei Gott, ich werde niemals das Gefühl der Stärke vergessen - Stärke die darauf wartete, freigesetzt zu werden -, das in mir aufstieg, als ich die langen, endlosen Kolonnen von Schiffen sah, die Richtung Normandie fuhren.« 126 .
Schnell konnten die Alliierten ihren Brückenkopf in der Normandie ausbauen und damit eine feste Basis für einen weiteren Vormarsch nach Osten, Richtung Deutschland, schaffen. Paris wurde am 25. August befreit. Nachdem am 7. März 1945 die US-Truppen den Rhein bei Remagen überschritten, konnten sich bereits am 25. April Amerikaner und Russen in Torgau an der Elbe die Hände schütteln. Keine vierzehn Tage später war der Krieg in Europa beendet und die USA hatten über den Atlantik hinweg an der stärkeren Gegenküste, in der Heimat der ehemaligen europäischen Weltmächte, Fuß gefasst.
Im Gegensatz zu 1918 war nun die US-Administration in der Lage, in Westeuropa als Hegemon aufzutreten. Beträchtliche Kontingente der USA-Streitkräfte standen in Westdeutschland, Österreich und Italien sowie nur Wochen später in Japan, Korea, China und Nordafrika. Von den 484 USA-Militärstützpunkten befanden sich 256 im Pazifikraum, während die anderen 228 im Gebiet Karibik-Nordafrika-Westeuropa lagen. 127
Von Kampfhandlungen verschont, erlebte die US-Wirtschaft eine beträchtliche Kriegskonjunktur. Dadurch prägte sich ein Militär-Industrie-Komplex aus, der bis heute einen maßgeblichen Einfluss auf die Politik der USA ausübt. Die USA verfügten über die Hälfte der Schiffstonnage und brachten mehr als die Hälfte der Welt-Industrieproduktion auf den Markt.
Von den weltweiten Goldreserven besaßen die USA beinahe zwei Drittel im Wert von 20 Milliarden Dollar. Auf dieser Basis konnten die USA im vereinbarten System von Bretton Woods mit dem US-
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Dollar als Leitwährung festlegen. Dazu wurde als Instrument der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (Weltbank) gegründet. 128 Die Kolonialmächte England und Frankreich waren dagegen geschwächt und Deutschland als Konkurrent ausgeschaltet - wobei sich der Besiegte zum willfährigen Bündnispartner entwickeln wird. Gleichzeitig war die Sowjetunion nicht nur unabhängig geblieben, sondern sogar gestärkt aus dem Krieg hervor gegangen - wenngleich unter gewaltigen Opfern. 129 Sie besaß die Chance zu einer sozialistischen Entwicklung und hatte ihren Einflussbereich nach Osteuropa ausgedehnt.
Quasi als Testament hatte Roosevelt im März 1945 den Kongreß in seiner letzten Botschaft überzeugen wollen, dass von einer gewissenhaften Einhaltung der Vereinbarungen von Teheran und Jalta »die Geschicke der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt für Generationen voraus« abhängen. Es gäbe keinen Zwischenweg, betonte er. »Wir müssen die Verantwortung für die internationale Zusammenarbeit übernehmen, widrigenfalls würden wir Verantwortung für einen neuen globalen Konflikt tragen.« 130
Von diesem Geist getragen, kam es am 26. Juni 1945 in San Francisco - noch vor dem Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki - zu einer Um- bzw. Neugründung des Völkerbundes in die Vereinten Nationen durch die Staaten, welche die Erklärung der Vereinten Nationen vom 1. Januar 1942 unterzeichnet hatten. Zusätzlich waren die Länder eingeladen, die den Achsenmächten den Krieg erklärt hatten. 131 In einer Feindstaatenklausel wurde den Kriegsgegnern Deutschland und Japan im Falle einer aggressiven Politik militärische Interventionen angedroht. 132
Ganz im Sinne Roosevelts, der am 12. April 1945 an einem Schlaganfall verstorben war, hält die Charta der Vereinten Nationen an dem Ziel fest, »den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren«. Dazu sollen wirksame »Kollektivmaßnahmen« ergriffen werden, um eine »Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen«. Als Maßnahme kann der Sicherheitsrat sowohl eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Isolierung als auch den Einsatz von See-, Luft- und Landstreitkräften vorsehen. 133 Im Gegensatz zum Völkerbundsrat gilt nun das Mehrheitsprinzip mit der Einschränkung, dass ein Veto der Siegermächte USA, Großbritannien, Rußland und China eine Resolution verhindern kann. Damit war nicht nur die von den USA erträumte »One-World«-Regierung, sondern auch Mackinders Vision einer amerikanischen »Grand Strategy« mit dem Kampf um das »Herzland« in weite Ferne gerückt.
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Vorzeichenwechsel nach dem Tod F.D. Roosevelts
Der Fanfarenstoß von Fulton
Wie ein Fanfarenstoß ging am 5. März 1946 die von Churchill im amerikanischen Fulton gehaltene Rede um die Welt. Viele verstanden sie als Manifest des Kalten Krieges und den Beginn eines Kreuzzuges gegen den Kommunismus.
Dozierend forderte der Ex-Premier, aus der Geschichte Lehren zu ziehen. Hatte der Versuch einer Koexistenz mit dem Nationalsozialismus zum Krieg geführt, sollte dieser verhängnisvolle Fehler nun vermieden werden. Halb Europa sei von der Sowjetunion mit seinem Eisernen Vorhang abgeschnitten worden. Angesichts der drohenden neuen totalitären Gefahr müssten sich alle Demokratien zusammenschließen. Warum wurde »gerade Winston Spencer Churchill damit beauftragt«, fragt sich Valentin Falin, »die bisher geheimen Absichten öffentlich zu artikulieren?« 1
Die Antwort Falins lautet: In der gesamten angelsächsischen Welt ließe sich kaum ein anderer Politiker finden, der den Russenhass derart umfassend und zügellos verkörperte. 2
Churchill war zwar Pragmatiker, aber natürlich nicht emotionslos. Bereits im letzten Kriegsjahr verstärkten sich seine Zweifel am Kriegsbündnis mit der UdSSR. Zur Beschwichtigung Stalins ließ Truman am 26. Mai 1945 den früheren amerikanischen Botschafter in Moskau, Joseph Davies, nach London reisen. Im Gespräch soll Churchill laut Davies grundsätzliche Kritik am Gedanken der bedingungslosen Kapitulation geäußert haben, denn ohne diese Forderung hätte er schon längst mit Hitler Frieden schließen können. 3 Verwundert erwiderte Davies, dass Churchill jetzt vor der Welt bereit sei zu erklären, »dass er und Großbritannien einen Fehler gemacht hätten, indem sie Hitler nicht unterstützten ..« 4
Konsequent im Denken, hatte Churchill wenige Wochen vorher den Kriegsplan für die Operation »Das Undenkbare« (Unthinkable) in Auftrag gegeben. Der ausgearbeitete Plan zur militärischen Unterwerfung der Sowjetunion wurde am 22. Mai vom Chief of Staff, Generalleutnant Sir Hastings Lionel Ismay übergeben und am 8. Juni 1945 und 11. Juli 1945 ergänzt. Als erster Termin für den Angriff wurde der 1. Juli 1945 festgelegt. Geplant war der Einsatz von britischen und US-Truppen. Aufgrund der hohen zahlenmäßigen Übermacht der russischen Armee beabsichtigte man außerdem die Wiederbewaffnung von ca. 100.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht. 5
Dieses Vorhaben drang sogar bis nach Dresden und veranlasste Victor Klemperer zum Tagebucheintrag: Nach Gerüchten seien die wenige Monate zuvor aus Thüringen abgezogenen Amerikaner zurückgekehrt und in der britischen Zone würde bereits die Armee gegen den Osten mobilisiert. 6
Um diesen Gerüchten entgegenzutreten, hatte das US-Militäramt bereits am 26. Mai 1945 Flugblätter in Umlauf gebracht. 7 Es wird bestätigt, dass ehemalige Wehrmachtsangehörige ihre Bereitschaft erklärten, freiwillig in die amerikanische Armee einzutreten, sollten die USA Russland den Krieg erklären.
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Churchills Konzeption entsprach dabei sogar einer Position Trumans vom Juni 1941: »Gewinnen die Deutschen, so soll den Russen geholfen werden, gewinnen aber die Russen, so soll man den Deutschen helfen - mögen sie einander umso mehr umbringen.« 8
So wundert es nicht, dass sich auch im Kongreß am 15.April l945 eine Mehrheit fand, die »Deutsch-land zu einem Bollwerk gegen Russland« konditionieren wollte. 9
Einige US-Abgeordnete sprachen damals schon vom dritten Weltkrieg mit Deutschland als Brückenkopf.
Folgerichtig schlug am 23. April 1945 der frischgebackene US-Präsident Truman seinen politischen und militärischen Beratern vor, einen Schlussstrich unter die Anti-Hitler-Koalition zu ziehen, da inzwischen die USA Japan auch ohne Assistenten zur Kapitulation zwingen kann. Folgerichtig wurde am 11. Mai die Waffenhilfe über das »Land-Lease-Abkommen« aufgekündigt und bereits am nächsten Tag die Lieferungen abrupt eingestellt. Mit der Ladung für die Sowjetunion ausgelaufene Schiffe wurden auf See gestoppt und zurückbeordert.
Diese Entwicklung war durchaus vorauszusehen. Anfang Januar 1945 hatte Roosevelt dem »sozialistischen Waffenbruder« das Gesuch um Kredithilfe für die Beseitigung der immensen Kriegszerstörungen abgelehnt. Und einen Monat später setzte Roosevelt auf der Krimkonferenz dem sowjetischen Interesse an einer Vereinbarung über gegenseitig zu respektierende Einflußsphären seine Vorstellung von einer von Freihandelsinteressen geeinten Welt entgegen.
So überrascht es nicht, dass Truman weitere Unterstützung ausgerechnet vom einem engen Freund Roosevelts, dem ehemaligen stellvertretenden Außenamtschef Joseph Grew erfuhr. In dessen Memo-randum vom 19. Mai 1945 an Truman wurde Roosevelts politische Erbe mit der Forderung: »Wenn es in der Welt etwas Unabwendbares gibt, so ist das ein Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion«. 10
Die Kollision sollte gesucht werden, »bevor Russland mit seinem Wiederaufbau fertig ist und sein riesiges militärisches, wirtschaftliches und territoriales Potential entwickelt hat«. 11 Parallel zur erfolgreiche Erprobung von Kernwaffen im Bundesstaat Nevada - von Truman als »die USA-Visitenkarte für heute und für ewig« 12 deklariert - lief die Arbeit der Vereinigtes Stabschefs (JCS) an einer neuen Militärdoktrin der Vereinigten Staaten auf Hochtouren.
Angesichts der sich nun anbahnenden »Kollision« zwischen den Großmächten USA und Sowjetunion bestand für die US-Stabschefs Bedarf an präzisen Informationen über militärische Ziele wie Flugplätze, Kraftwerke, Ölraffinerien, Rüstungsfabriken, etc. und denkbare Anflugrouten für kernwaffentragende Fernbomber. Da diese Informationen bei den ehemaligen Nachrichtensoffizieren der Wehrmacht zu finden waren, wurden diese »Talente mit Osterfahrung« und möglichst eigenem Informantennetz zunächst nach Camp King in der Nähe von Oberursel gebracht. Unter ihnen auch der ehemalig Gene-ralmajor Reinhard Gehlen, in der Wehrmacht Chef der Nachrichtenabteilung »Fremde Heere Ost«. Zusammen mit einer kleinen Gruppe seiner engsten Mitarbeiter wurde er von der Liste der Kriegsgefangen gestrichen 13 - der Anfang einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der United States Army. 14
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Mit der Atombombe in den Kalten Krieg
Am 16. Juli 1945 - einen Tag vor Beginn der Potsdamer Konferenz - formte sich über der Wüste von New Mexico eine düstere Wolke, die bald die Form eines Pilzes annahm. Disee erste Kernwaffenexplosion fand zur Erbauung Gottes unter dem Codenamen »Trinity« statt und steht für die Dreieinigkeitslehre des Christentums: Gott Vater, Gott Sohn (Jesus Christus) und Gott Heiliger Geist. Sollte hier mit dem neuen Massenvernichtungsmittel der ehemals christliche Stalin beeindruckt werden? Vermutlich ja, denn Präsident Truman hatte schon am Vorabend des ersten amerikanischen Kernwaffentests seinen Beratern unmissverständlich erklärt: »Wenn die [Atombombe] explodiert - und ich denke, sie wird -‚ so habe ich zweifellos einen Hammer gegen jene Burschen [wobei die Russen gemeint waren].« 15
Drei Tage später wurde die amerikanische Militärpolitik grundlegend revidiert. Am 19. Juli hatte der USA-Generalstab die Arbeit am Projekt JCS-1496 mit der Zielrichtung abgeschlossen, dass die beste Verteidigung präventive Schläge gegen den potentiellen Gegner seien. Und der Feind, so war sich der an der Konferenz teilnehmende US-General Henry Arnold bewusst, würde Rußland sein. 16 Als US-Präsident Truman am 22. Juli 1945 von Potsdam aus mit ausdrücklicher Billigung von Churchill den Einsatz der ersten Atombomben gegen Japan anwies, 17 da ignorierte er nicht nur die Warnungen beteiligter Atomwissenschaftler, sondern auch die Ablehnung dieses Einsatzes der Bombe gegen Japan durch einen so hohen Militär wie General Dwigt D. Eisenhower. 18
Während der Konferenz soll Präsident Truman Homer Leas Bestseller von 1912 "The Day of the Saxon" gelesen haben. Im Vorwort der deutschen Ausgabe erging an die deutschen Leser die Aufforderung, angesichts der verheerenden Niederlage und des Triumphs der angelsächsischen Mächte endlich Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. 19 Für die noch immer "uneinsichtigen" Japaner hielten die angelsächsischen Lehrmeister noch eine besondere Lektion bereit.
Nach Konferenzende wurde am 6. August »Little Boy« - eine 20-Kilotonnen-Uranium-Bombe - über Hiroshima abgeworfen und drei Tage später explodierte über Nagasaki »Fat Man« - eine 22-Kilotonnen Plutonium-Bombe.
In seiner Radioansprache vom 9. August erklärte Truman, dass die USA die Atombombe gegen diejenigen eingesetzten, die sich gegen alle internationalen Gesetze der Kriegsführung gestellt haben. „Wir haben die Waffe genutzt, um das Leben von Tausenden und Tausenden von jungen Amerikanern zu retten.“ 20
Die Opfer der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki lösten beim US-Präsidenten keine Schlafstörungen aus, wie er selbst bekannte. Und die japanischen Toten, so der gottesfürchtige Präsident, seinen eben nur "Savages" gewesen, Wilde also, mit denen die Amerikaner schon immer kurzen Prozess gemacht hätten. In seinen Memoiren versucht Truman die Verantwortung auf General Marshall abzuwälzen: „General Marshall sagte mir, dass eine Invasion mit Marine, Luft- und Bodentruppen eine halbe Million Tote unter den amerikanischen Soldaten fordern würde.“ 21
Zweifel am Einsatz hegten dagegen der Kriegsminister Henry L. Stimson und sein Stellvertreter John McCloy, und der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, General Dwight D. Eisenhower, äußerte dem Kriegsminister Stimson gegenüber seine schwerwiegenden Bedenken. „Erstens glaubte ich, Japan wäre bereits besiegt, sodass der Atomwaffeneinsatz völlig unnötig wäre, und zweitens, war ich der Meinung, unser Land sollte es vermeiden, die Weltöffentlichkeit dadurch zu schokkieren. Das Argument, der Atombombenabwurf würde vielen amerikanischen Soldaten das Leben retten, halte ich nicht für legitim.“ 22 Der Kampf im pazifischen Raum hatte in den dreieinhalb Kriegsjahren 120.000 amerikanische Soldaten das Leben gekostet. Mit welcher Begründung konnte General Marshall für den Angriff auf das waidwunde, geschlagene und von allen Versorgungsmöglichkeiten
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abgeschnittene japanische Kernland angesichts der drückenden Materialüberlegenheit der US-Streitkräfte den Verlust von 500.000 amerikanischen Soldaten veranschlagen?
Warum aber hat US-Präsident Truman, trotz der Bedenken des höchsten US-amerikanischen Militärs, diesen menschenverachtenden Einsatzbefehl gegeben? Zielte die atomare Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis viel weniger auf die Kapitulation Japans, als darauf, den Weltherrschaftsanspruch der USA für die Nachkriegszeit — besonders der Sowjetunion gegenüber — deutlich zu machen?
Wie sich der maßgebend am Bau der ersten Atombombe beteiligte Physiker Leo Szilard erinnerte, hatte der damalige US-Außenminister Byrnes bereits Anfang Juni 1945 wörtlich erklärt: „Wir brauchen die Bombe weniger um Japan zu besiegen, als darum in Europa ein leichteres Spiel mit Rußland zu haben.“ 23 So scheint alles für die Richtigkeit der Einschätzung Patrick Blacketts zu sprechen, der wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu dem Schluss kam, „dass der Abwurf der Atombomben nicht so sehr der letzte Akt des zweiten Weltkrieges war als vielmehr eine der ersten größeren Operationen im Kalten diplomatischen Krieg gegen die Sowjetunion“ 24 Immer wieder müssen die Fragen nach den wahrhaftigen Gründe für die historisch beispiellosen Kriegsverbrechen von Hiroshima und Nagasaki zu gestellt werden. Vor allem deshalb, weil sich bis heute an der Rechtfertigung oder Verurteilung dieser atomaren Vernichtungseinsätze diejenigen scheiden, die einen Nuklearkrieg prinzipiell für führbar halten oder ihn prinzipiell ablehnen.
Schon damals waren beide Abwürfe bei den US-Militärs höchst umstritten. Heftige Kritik kam auch aus Kirchenkreisen. 25 Angesicht der grausamen Folgen bat John Foster Dulles zusammen mit dem Präsidenten des "Federal Council of the Churches of Christ", Truman am 9. August um mehr "Zurückhaltung". 26
Selbst manchen gestandenen US-Militär wie der persönliche militärischer Berater des Präsidenten, Admiral William D. Leahy 27 , oder auch General Eisenhower, erschienen im Rückblick die Entscheidung zum Abwurf nicht nur militärisch völlig sinnlos, „sondern darüber hinaus als der Abschied von den hohen moralischen Ansprüchen der US-Politik.“ 28 Als besondere Infamie erschien es vielen damals wie heute, dass die Atombomben vornehmlich japanische Zivilisten töteten, die Bevölkerung nicht vorgewarnt wurde und nach dem bereits erfolgreichen Demonstrationsabwurf eine zweite Atombombe auf Nagasaki fiel. 29
Neben den moralischen Bedenken war der Öffentlichkeit klar geworden, dass die USA nun über einen "dicken Knüppel" zur "Neuordnung" der Welt verfügten.
Vorzeichenwechsel
Während gegen Ende August bereits eine »Strategische Karte einiger Industrieregionen Russlands und der Mandschurei« mit einer Liste mit 15 sowjetischen Städten als erstrangigen auftaucht, wird unter Leitung des Generals Leslie R. Groves die Produktion von den erforderlichen Atombomben auf den Weg gebracht. Im Oktober 1945 beauftragte Präsident Truman General Eisenhower mit der »Operation Totality« 30 (JIC 329/1) - ein hypothetischer Plan für einen umfassenden Krieg mit der Sowjetunion. Mit 20 bis 30 Atombomben sollte ein Überraschungsschlag gegen 20 sowjetische Städte 31 geführt werden. 32
Dazu wurden zeitgleich systematische Spionageflüge über dem sowjetischen Territorium aufgenommen. In dieser gespannten Atmosphäre führte USA-Außenamtschef James Byrnes ein ausführliches Gespräch mit Stalin. Nach seiner Rückkehr teilt Byrnes am 30. Dezember 1945 der amerikanischen
36
Öffentlichkeit mit, dass er nach den Gesprächen in Moskau begriffen habe, dass »ein gerechter Frieden in der amerikanischen Auffassung dieses Wortes erreichbar ist.«
Das brachte den Präsidenten auf, der am 5. Januar 1946 seinen Außenamtschef wieder auf Kurs brachte. »Alles, was Sie da zusammengeredet haben, ist Unsinn. Wir brauchen keinen Kompromiss mit der Sowjetunion. Was wir brauchen, ist eine Pax Americana, die zu 80 Prozent unseren Vorstellungen entsprechen wird.« 33
Und für diese »Pax Americana« wurden Strategiepläne entwickelt. Die nachfolgende Einsatzkarte erschien am 30. Januar 1948 in den US-News und wurde sicherlich auch in der sowjetischen Botschaft in Washington mit Erstaunen zur Kenntnis genommen.
Die endgültige Rückkehr zum antikommunistischen Feindbild scheint mit dem 8.000 Worte umfassenden »Langen Telegramms« von George F. Kennan 34 zusammenzufallen. Anscheinend beeindruckt von Stalins Rede vom 8. Februar 1946, in der das kapitalistische System als Todfeind der sozialistischen Welt bezeichnet wurde 35 , führte vierzehn Tage später der interimistische Geschäftsträger der Moskauer US-Botschaft mit seiner Analyse über die »Grundzüge des sowjetischen Verhaltens seit Kriegsende« in die sowjetische Denkweise ein:
»Die UdSSR lebt immer noch inmitten feindseliger, kapitalistischer Einkreisung, mit der es auf die Dauer keine friedliche Koexistenz geben kann... Die kapitalistische Welt ist voll innerer Konflikte, die
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im Wesen des Kapitalismus liegen. Diese Konflikte sind durch friedlichen Ausgleich nicht lösbar...Die inneren Konflikte des Kapitalismus führen unvermeidlich zu Kriegen...« 36
Weiter wies Kennan in seinem Kabelbericht auf die Existenz einer grundsätzlich aggressiven sowjetischen Außenpolitik hin. 37 Die Sowjetunion werde versuchen, die äußeren Grenzen zu erweitern 38 und die westlichen Demokratien auf jede erdenkliche Weise zu schwächen. Zudem sei der Weltkommunismus ein bösartiger Parasit, so Kennan, »der sich nur noch von erkranktem Gewebe ernährt«. Somit könne es nur die Auseinandersetzung geben. Daher müsse es die unabdingbare Aufgabe der »US Grand Strategy« sein, die sowjetische Expansion zu stoppen 39 .
Vorerst sollte das Sowjetsystem ins Stottern kommen und zu einer »Selbstreinigung« gezwungen werden. Dazu wäre es notwendig, der UdSSR wirtschaftliche, politische und psychologische Schwierigkeiten zu bereiten - ohne »in einen großen militärischen Konflikt zu flüchten.« 40 Kennans Feststellungen wurden nicht nur dankbar aufgegriffen, sondern verschafften auch der Truman-Administration eine Legitimation für die fortan nach innen wie außen demonstrierte antikommunistische Härte. 41
Keine vierzehn Tage später hält Churchill seine berühmte Rede in Fulton, wo er erstmals öffentlich von einem »Eisernen Vorhang« (»iron curtain«) spricht, der »von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria« den europäischen Kontinent teile. Dieses geteilte Europa würde nicht die notwendigen Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden bringen. 42 Hier hatte Churchill erstmals die geographische Trennung der sich herausbildenden beiden großen Blöcke sowie die Qualität dieser trennenden Grenze beschrieben, an der sich später alle europäischen Einsatzplanungen der NATO orientieren werden.
Churchill hatte in dieser mit der Regierung der USA abgestimmten Rede offen zu einem »Kreuzzug gegen den Kommunismus« aufgerufen sowie ein langfristiges Programm für die amerikanisch-britische Weltherrschaft angedeutet: »nicht nur für die gegenwärtige Zeit, sondern für das kommende Jahrhundert« 43 . Dazu forderte er einen amerikanisch-britischen Militärblock. Diese Thesen entwickelte Churchill am 19.September 1946 in Zürich mit Blick auf Europa und die künftige Rolle Großbritanniens weiter und schlug den »Bau der Vereinigten Staaten von Europa« vor. Darunter verstand er den antisowjetischen Zusammenschluss der bürgerlichen Staaten Europas unter britischer Führung — einschließlich der westlichen Besatzungszonen Deutschlands. 44
Die starke Hervorhebung einer sowjetischen Bedrohung half, die Abgeordneten des US-Kongresses auf eine Bewilligung von Krediten in Milliardenhöhe für Großbritannien einzustimmen. »Dem Wesen der Sache nach stellten Mr. Churchill und seine Freunde in England und in den Vereinigten Staaten den nicht Englisch sprechenden Nationen eine Art Ultimatum«, erkannte Stalin in einem Prawda-Interview vom 13. März, um dann die anglo-amerikanische Zielrichtung aufzuzeigen: »Erkennt ihr unsere Herrschaft freiwillig an, so wird alles in Ordnung sein, im entgegengesetzten Fall ist der Krieg unvermeidlich.« 45
Scheitern der »Open-Door«-Politik in Osteuropa
Trotz vergleichsweise niedriger handelspolitischen Interessen in Osteuropa wollten die amerikanischen Führungseliten auch in diesem Raum nicht auf eine Politik der Offenen Tür verzichten. Da diese Politik in Deutschland, Italien, Griechenland, China, Korea und Japan mit der Förderung kapitali-stisch-autoritärer und meist militant antisowjetischer Kräfte Hand in Hand ging, musste die Sowjetunion ihre Sicherheitsbedürfnisse tangiert sehen. Trotzdem versuchte die Truman-Administration mit einer Reihe von Pressionsversuchen die offene Tür für Osteuropa doch noch zu erzwingen: sogleich
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nach Kriegsende wurden alle Lieferungen aus dem Pacht- und Leihgesetz abrupt gestoppt, in Potsdam Reparationen aus der deutschen Produktion in der für den Wiederaufbau der zerstörten Sowjetunion erforderlichen Größenordnung verweigert und im Mai 1946 alle Reparationslieferungen aus der amerikanischen Besatzungszone eingestellt.
Mit dem Marshall-Plan im Juni 1947 wurde ein Investitions- und Liberalisierungsprogramm für Gesamteuropa auf den Weg gebracht. Es sollte nicht nur die ökonomische Basis für ein amerikanisches »informal empire« auch in Osteuropa legen, sondern sich auch in seinen politischen Folgewirkungen gegen die sowjetischen Herrschaft richten. Mit dem Plan von Bernhard Baruch - er beriet schon F.D. Roosevelt - gedachte man das Atomwaffenmonopol auf Jahrzehnte hinaus zu sichern.
Als sich die Sowjetführung gegen diese Pressionsversuche als resistent erwies, begnügte sich die amerikanische Führung mit der Konsolidierung der »Pax Americana« in der nichtkommunistischen Welt. Seit Anfang 1946 wurde die Teilung Deutschlands und Europas systematisch betrieben. Widerstände noch verbliebener »Isolationisten« im amerikanischen Kongress wurden nun vom weltweiten Expansionswillen der Sowjetunion überzeugt und in die »Neue Ordnung« mit einbezogen: so konnte mit der Truman-Doktrin 1947 der Marshall-Plan politisch durchgesetzt, während der Berliner Blockade 1948/49 das NATO-Bündnis aus der Taufe gehoben und im Koreakrieg ab 1950 der innenpolitische Vektor im westlichen Lager nachhaltig nach rechts verschoben werden. Die Konturen des Ost-West-Gegensatzes waren nun für jedermann sichtbar.
In einer Rede vor Mitgliedern der US-Militärregierung und den Ministerpräsidenten aus der Amerikanischen Besatzungszone trug am 9. Juni 1946 im Stuttgarter Staatstheater der amerikanische Außenminister Byrnes die Grundsätze der amerikanischen Besatzungspolitik in Deutschland mit neuer Entschiedenheit vor. Besonderes Gewicht erhält diese zukunftsweisende Rede vor allem durch die Erklärung, dass sich die USA möglicherweise noch lange in Europa engagieren würden.
Im gleichen Monat nimmt der Kriegsplan »PINCHER« Gestalt an. Nun sollen 50 Atombomben auf 20 sowjetische Städte abgeworfen werden. 46
Begleitet wurden diese Pläne von umfangreichen Atomtests im Bikini-Atoll. Über 200 Schiffe und 42.000 Mann nahmen am 1. Juli 1946 am Test »Able« teil. Von einer B-29 wurde eine in der Luft detonierende Atombombe inmitten auf 75 im Zielgebiet verankerte Kriegsschiffe abgeworfen. 47 Noch im gleichen Monat wurde im Versuchstest »Baker« eine Unterwasserdetonation durchgeführt. Weitere Versuche folgten bei dem Eniwetok-Atoll. Alles diente nur einem Ziel: Die Komponenten einer Atomdetonation zu erfassen, die da sind: Lichtblitz, Druck- und Sogwelle sowie radioaktive Strahlung. 48 Anhand der Schadensbilder bei den überlebenden Tieren, die man vorsorglich auf die Schiffe im Zielgebiet verteilt hatte, konnten nun Schutzmaßnahmen entwickelt werden.
Kennans Analysen und Folgerungen fanden sich ein gutes Jahr später in einer der bedeutendsten außenpolitischen Doktrinen der USA wieder: der so genannten Truman-Doktrin. Am 12. März 1947 richtete der amerikanische Präsidenten an den Kongress eine Botschaft mit der Verpflichtung, alle freien Völker gegen den Druck totalitärer Regime zu unterstützen. »Ich bin der Ansicht«,so Truman, »dass wir den freien Völkern beistehen müssen, ihr eigenes Geschick auf ihre Weise zu bestimmen.« Dieser Beistand sollte in erster Linie in Form von wirtschaftlicher und finanzieller Hilfe gewährt werde. Auch sollten keine Veränderungen des Status quo unter Verletzung der Charta der Vereinten Nationen durch Methoden des Zwanges oder auf dem Umweg der politischen Durchdringung zugelassen werden.»Die freien Völker der Welt sehen auf uns, dass wir sie bei der Erhaltung ihrer Freiheiten unterstützen«. 49
39
Mit dieser Botschaft verkündete Truman gleichzeitig einen neuen, nach Ernst-Otto Czempiel »allgegenwärtigen«, 50 US-Sicherheitsbegriff.
Nur knapp einen Monat später, am 21. April 1947, sah die Studie des eigens zur Koordinierung der Hilfe geschaffenen »State-War-Navy Coordination Committee« (SWNCC) eine Mischung aus Wirtschafts-, Finanz- und Militärhilfe vor, die durch politisch-ideologische Hilfestellung ergänzt werden sollte. 51
Seit Kriegsende hatten die Abwehrexperten der Stabschefs bis zu diesem Zeitpunkt gemeldet: »Die Sowjetunion stellt keinerlei unmittelbare Gefahr dar. Ihre Wirtschaft und ihr Arbeitspotential sind im Krieg erschöpft worden«, und weiter schrieben die Analytiker: »Folglich wird sich die UdSSR in den nächsten Jahren auf die Wiederherstellung im Inland konzentrieren und sich begrenzte diplomatische Ziele setzen«. 52
Noch standen in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Rumänien bürgerliche Politiker ihren Ländern vor: Edvard Beneš, Ferenc Nagy, Petru Groza. In Ungarn funktionierte sogar bis 1947 der von Horthy hinterlassene Beamten- und Gerichtsapparat. Die Verhältnisse zwischen diesen vom Sozialismus bedrohten Ländern war nicht unbedingt freundschaftlich. Beneš hatte die Rolle der Polen und der Ungarn bei der Zerstückelung der Tschechoslowakei im Zuge des Münchener Abkommens nicht vergessen, genauso wie die Polen es Jan Masaryk, dem ersten Präsidenten der CSR, nicht verziehen hatten, dass er den Waffentransit verweigerte, als Pilsudski im Jahre 1920 seinen Marsch auf Kiew und Moskau unternommen hatte.
Angesichts der Polarisierung im aufziehenden Ost-West-Konflikt kamen in Rumänien die Kommunisten an die Macht, in Ungarn ebenfalls, und in Polen ging eine »Hexenjagd« auf Kommunistenfeinde los. Während sich Tito in Jugoslawien kämpfend dem Einfluss Stalins entzog, waren Frankreich und Italien auf dem Weg, kommunistisch zu werden. Damit drohte der Verlust der soeben gewonnenen atlantische Gegenküste. Für die USA kam es nun darauf an, die an der Peripherie des neuen Sowjet-Imperiums grenzenden Regionen wirtschaftlich abzusichern, um sie somit antikommunistisch zu stabilisieren. 53 Die Medien nehmen das Thema dankbar auf. So erschien am 16. Juli 1948 in den US-News nachfolgende Abbildung
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Wolfgang Effenberger, 2011, Das amerikanische Jahrhundert - Teil 1, München, GRIN Verlag GmbH
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