zumindest in einem Teil der Individuen das Erbe des Sozialismus gegenwärtig sein könnte und somit auf die (neue) Gesellschaft zurückwirkt.
Kann Europa davon ausgehen, dass hier in kurzer Zeit ein Nationenbewusstsein entstand? Gibt es ein supranationales Bewusstsein, ein Denken als (EU) BürgerIn? Bezeichnet sich der griechische, deutsche, österreichische,… Mensch als EuropäerIn? Wird diese Bezeichnung EuropäerIn erst in einem größeren Kontext schlagend, etwa dann wenn der europäische Mensch seinen Kontinent verlässt?
Europa steht also nicht losgelöst von den anderen Kontinenten da, ist in seiner „Gesamtheit“ zudem ein Teil des Weltgeschehens, somit auch ein Teil des zweiten Ereignisses, der Krise des Nahen Ostens. Kann Europa von der Annahme ausgehen, dass es vor einem durchschlagenden Missverhältnis zwischen wirtschaftlich-finanziellem Engagement und politischem Einfluss der EU auf den Nahen Osten steht? Wie auch davon ausgehen, dass gesellschaftliche (Miß)Verhältnisse des Nahen Ostens nach Europa (mit)importiert werden? Balibar weist in einem seiner Interpretationsmodelle jedenfalls auf das Ensemble eines euroarabischen Europas hin. Ich denke hier den Faktor Ökonomie mit, was auch eine von Etienne Balibars Hypothesen darstellt und zwar dass die Idee des politisch-wirtschaftlichen Kleineuropas nicht umsetzbar ist u.a. da die „europäische Einigung“ auf dem Gleichgewicht der verschiedenen Ländern basiert, jedoch mit dem vorhandenen Ungleichgewicht der Macht und zudem noch mit den unterschiedlichen Interessen nicht zurechtkommt (Balibar 2000: 108).
Die Wiedervereinigung Deutschlands als drittes genanntes Ereignis eröffnet mir eine Flut an Fragestellungen. Die Verwendung des Begriffs Wiedervereinigung zweifelt offensichtlich nicht an, dass eine Einigung jemals bestand.
Anhand all dieser knappest angerissenen Bewegungen scheint die Klärung der Frage „Wer ist fremd, wer ist einheimisch?“ in weite Ferne zu rücken. Ich sehe einen Prozess, welcher sich bestenfalls in der Einleitungs/Sortierung/phase befindet. Baut sich hier -in einer Analogie -, nicht zuletzt durch die eklatante Verschiebung des (politischen) Kräfteverhältnisses, ein unaufhaltsamer auf Europa zurollender Tsunami erst auf? Die Neuordnung der äußeren Grenzen scheint abgeschlossen. Gibt es ein gemeinsames Zusammenleben über die Gesetze
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hinaus? Wonach ich frage: Gibt es Europa in der Realität? Anders gefragt. Wird der Koloss standhalten und eine europäische Union erschaffen?
Bringt dieser Umbruch - wie Balibar meint -, eine neue Spaltung, einen neuen Rassismus, hervor? Er stellt zwei Interpretationsmodelle auf. Das erste beinhaltet eben das Ensemble eines euro-arabischen (muslimischen) Europas, das zweite ein (ex)sowjetisch-euroöstliches Europa. Beide Modelle scheinen für sich jeweils mindestens so stark wie die europäische Einheit. Balibar sieht darin die Entstehung von „instabile[n] komplexen ethno-sozialen Gruppen“. Er ortet die Begrenztheit von Einheit in eben dieser Vervielfachung der Nationalität bzw. des Nationalgefühls. In einer Umkehrung der Vergangenheit sieht er darin die Probleme der Welt anhand Europas aufgezeigt und verweist in einer weiteren Verkleinerung auf den Brennpunkt Deutschland nach der Wiedervereinigung (Balibar 2000: 109f).
Mir drängt sich in diesem Bezug auf Europa das Bild einer Matrjoschka, einer russischen Puppe, auf. Gleich der Matrjoschka birgt Europa die anderen Länder in sich. Wobei die Gesamtheit der Welt Europa in sich bewahrt. Und so keines für sich steht, weder politisch noch wirtschaftlich.
Es ist einer der Gedanken Balibars, „....dass von allen europäischen Ländern vielleicht gerade Deutschland das Land ist, das sich in den schärfsten Formen mit der Krise der »Nation«-Form konfrontiert finde[t]“ (http://www.uni-muenster.de). Die Wiederherstellung zu „einem einzigen deutschen Volk“ zeigt auch für mich in musterhafter, veranschaulichender Weise die Situation und die Nöte einer europäischen „Gemeinschaft“ weil sich hier Deutschland - ganz wie Europa auch - die Frage gefallen lassen muss, ob, wann und wie eine deutsche Nation bestand. Auch in der Geschichte (zumindest bis vor Bismarck) war Deutschland zwar gekennzeichnet durch die gemeinsame Sprache, aber nicht durch ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
So mutet mir übertragen auf einen ganzen Kontinent, welchen noch nicht einmal die Sprache eint, die Klärung der Frage „Wer ist fremd, wer ist einheimisch?“ vom heutigen Stand als nahezu unbewältigbar an.
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Zumale das Vorwissen über die Ausgrenzung, also die Stigmatisierung von Menschen, folglich die willkürliche Schaffung von Fremden und Einheimischen, eben der Rassismus in Europa, im europäischen Phänomen der antisemitischen Vergangenheit fußt. Balibar meint, dass die Wiederherstellung des Nationalismus den Antisemitismus belebt und sich nun in einer Verdichtung oder Überlagerung auf Menschen arabisch-islamischen Ursprungs manifestiert.
Für Balibar liegt die Antwort, warum der Rassismus in neuer Form entsteht, in der Vergangenheit. Es bedarf der Aufdeckung der strukturellen Grundlagen des neuen Rassismus. Viele Untersuchungen gibt es zur sozioökonomischen Basis (Balibar 2000: 111ff). Diese zeigen, dass „gewisse AusländerInnen" oft als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden, da sie aufgrund ihrer Herkunft anderen rechtlichen Bedingungen unterliegen als andere Ausländerinnen. Dies teilt die Menschen in Klassen. Einerseits sind grenzüberschreitende Personen- und Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union ein Kernelement der EG Freiheitsrechte. Personen- und Arbeitnehmerfreizügigkeit (Anmerkung Buchhart: für die/den „privilegierten“ AusländerIn) bedeuten hier das mögliche oder tatsächliche Überschreiten der Grenzen von Sprach-, Kultur- und Religionsgemeinschaften. Ethnische und rassistische Diskriminierungen (Anmerkung Buchhart: z.B. für Menschen aus Nicht-Mitgliedsstaaten oder der sogenannten 3. Welt) behindern tendenziell die Ausübung von Personen- und Arbeitnehmerfreizügigkeiten innerhalb der Europäischen Union und verhalten sich damit kontraproduktiv zur intendierten Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes und den damit erhofften ökonomischen Effekten. (http://www.fb4.fh- frankfurt.de). Diese Willkürlichkeit ist ein Merkmal von Rassismus.
Wobei der britische Rassismusforscher Robert Miles sich bezüglich der Aspekte von „Rassismus“ einer Definition bedient in der er Rassismus als Praxis sieht. Ein somatisches Merkmal, z.B. die (schwarze) Hautfarbe, wird willkürlich ausgewählt und darauf aufbauend, werden Menschen mit diesem Merkmal gleichartige Charakteristika... zugewiesen. Robert Miles trennt den ideologischen vom praktischen Rassismus. Er nimmt diese Trennung vor, um den Begriff „Rasse“ klar zu machen (Miles 2000: 23).
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Arbeit zitieren:
Irene Buchhart, 2010, Neuer Rassismus in einem neuen Europa, München, GRIN Verlag GmbH
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