Gliederung
1. Einleitung 3
2. Quellenkapitel 3
2.1. Die „Physica“ von Aristoteles 3
2.2. Die „Summa theologiae“ des Thomas von Aquin 5
2.3. Das „Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie“ von Paul Lorenzen 6
3. Hauptteil 6
3.1. Zufall bei Aristoteles 6
3.2. Zufall bei Thomas von Aquin 9
3.3. Zufall bei Paul Lorenzen 11
3.4. Die drei Zufallsbegriffe im Vergleich 13
4. Schluss 14
5. Anhang 15
5.1. Quellenverzeichnis 15
5.2. Literaturverzeichnis 16
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1. Einleitung
Zufall oder Schicksal, eine Thematik, die gar zu oft zu manch hitziger Diskussion und zu verbalen „Bierstubenschlägereien“ verleitet. In dieser Hausarbeit soll der Zufall in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden. Die Frage nach dem Zufall ist gleichzeitig die Frage danach, „was die Welt im Innersten zusammenhält,“. 1 Nicht nur Goethe beschäftigte sich mit dieser Frage, sondern seit der Antike wird dieses Thema bearbeitet und ist bis in die heutige Zeit noch nicht abgeschlossen. Aus diesem Grund existiert eine schier unendliche Vielfalt an Schriften. Es wurden drei Werke, die Physik des Aristoteles, die Summe der Theologie des Thomas von Aquin und das Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie von Paul Lorenzen ausgewählt, um sich dem Thema Zufall zu nähern. Das Ziel dieser Arbeit soll nicht sein, den Forschungsstand voranzutreiben, dazu sehe ich mich als Wahlbereichsstudent noch nicht in der Lage, sondern eine Interpretation der jeweiligen Textpassagen, um so zu einem eigenen Zufallsbegriff zu gelangen. Ebenfalls interessant erscheint mir der historische Aspekt und somit die Frage nach einem grundlegenden Wandel des Zufallsbegriffs. Aus diesem Grund und für ein besseres Verständnis der Sichtweisen halte ich es für notwendig, sich zunächst mit den jeweiligen Werken und Autoren in einem Quellenkapitel auseinanderzusetzen. 2 Dem schließt sich die jeweilige Darlegung der Zufallsvorstellung an und folglich der Versuch einer eigenen Auslegung des Zufalls.
2. Quellenkapitel
2.1. Die „Physica“ von Aristoteles
Obwohl Aristoteles schon zu seiner Zeit eine herausragende Persönlichkeit war, ist über sein Leben recht wenig bekannt. Es gibt zwar eine beträchtliche Anzahl von Viten, aber deren Historizität muss stark in Frage gestellt werden. Nicht nur durch die teils immense zeitliche Distanz, sondern auch durch starke pro- bzw. anti-aristotelische Haltungen der verschieden Autoren. So beschreibt z.B. Diogénes Laêrtios in „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“ aus dem Jahre 220 n. Chr. Aristoteles als schwach beinigen Mann mit kleinen Augen, der einer klaren Aussprache nicht mächtig wäre. 3 Aristoteles wurde 384 v. Chr. in dem ionischen Kleinstaat Stageira auf Chalkidike geboren.
1 Goethe, Johann, Wolfgang. Faust: der Tragödie erster und zweiter Teil. Hrsg. Merian-Genast, Ernst. Zürich 1982. V. 382 f.
2 Als angehender Historiker halte ich die Auseinanderzugsetzung mit der Quellenbasis für besonders wichtig, was in der heutigen Philosophie leider nicht immer die benötige Aufmerksamkeit erlangt, obwohl die Verortung im geschichtlichen Kontext immer von Bedeutung ist.
3 Vgl. Laertius, Diogenes. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Übers. v. Apelt, Otto. Hrsg. Reich, Klaus. Hamburg 1990³. Kap. V 1.
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Seine Familie stand in enger Verbindung zum makedonischen Herrscherhaus, da sein Vater Nikomachos Leibarzt der Königsfamilie war. Daher genoss der junge Aristoteles wahrscheinlich eine gute Ausbildung. Jedoch nachdem sein Vater früh verstarb, begab sich der 17-jährige 367 v. Chr. nach Athen, um an der platonischen Akademie zu studieren. Diese Akadamie könnte man vom Ausbildungsniveau her als Harvard der Antike bezeichnen, es war die beste Schule, die die bekannte Antike Welt zu seiner Zeit zu bieten hatte. Vermutlich nahm Aristoteles es aus diesem Grund heraus in Kauf, als Metöke, als Ausländer ohne politische Rechte, in Athen zu leben. Bis 347 v. Chr. studierte er bei Platon, Speusipp, Xenokratis und Eudoxos von Knidos. Er war über zwanzig Jahre, die er in Athen weilte, keineswegs nur Schüler, denn er hielt eigene Vorlesungen an der Akademie und verfasste schon die ersten Entwürfe seiner Ethik, Politik, Rhetorik, Fundamental- und Naturphilosophie. 384 v. Chr. eroberte der makedonische König Philipp II. die gesamte Chalkidike. Dies erschien den Athenern sicherlich als ernste Bedrohung und da die Familie des Aristoteles den Makedoniern nahe stand, hatte er mit Gewissheit darunter zu leiden. Als 347 v. Chr. Platon starb, verließ Aristoteles Athen und begab sich auf Wanderschaft. Unter anderem war er in dieser Zeit der Lehrer von Alexander dem Großen. Nachdem der Widerstand der alliierte Griechen gegen das makedonische Reich 335 v. Chr. mit Theben zusammenbrach, konnte Aristoteles wieder nach Athen zurückkehren, um sich seiner Forschung und Lehre weiter zu widmen. Jedoch kehrte er nicht an die Akademie zurück, sondern unterrichtete im Lykeion am Lykabettos. 4 Hier überarbeitete er vermutlich seine ersten Entwürfe, wertete seine Forschungsmaterialien aus und organisierte neue Forschungen. Aristoteles Werke lassen sich in drei Arten untergliedern: die exotorischen Schriften, welche sich an gebildete Laien außerhalb (gr. exo) der Schule richteten (z.B. Protreptikos); esotorische Werke oder auch Pragmatien, welche sich als professionelle Schriften an die Schüler innerhalb (gr. eso) richteten und als dritte Art sind die Sammlungen von Forschungsmaterialien zu nennen. Diese lassen sich wiederum in verschiedene Wissenschaftsrichtungen unterteilen, poetische, praktische und theoretische Wissenschaft. 5 In die Letztere fällt die Physik, welche neben der Fundamentalphilosophie (Metaphysik) und Ethik eines der Hauptwerke des Aristoteles darstellt. Die Physik liefert dem Leser Definitionen substanzieller Begrifflichkeiten, die zur Beschreibung der Natur und des alltäglichen praktischen Leben von Nutzen sind, so z.B. Raum, Ursache, Bewegung, Zeit und eben auch Zufall. Aristoteles benutzt bei seinen Ausarbeitungen zumeist eine systematische Vorgehensweise. Zunächst stellt er eine Frage und gibt
4 Dies ist eine Art frei zugängliches Gymnasium.
5 Vgl. zu Leben und Werk: Höffe, Otfried. Aristoteles. München 2006³. S. 13 ff. u. Düring, Ingemar. Aristoteles: Darstellung und Interpretation seines Denkens. Heidelberg 1966². S.1 ff.
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Definitionsvorschlägen anderer Wissenschaftler Raum. Danach begutachtet er diese kritisch und versucht die jeweiligen Probleme aufzudecken. Zu guter Letzt folgt eine eigene Definition, welche wiederum die Aussagen der Vordenker berücksichtigt und in Beziehung setzt.
2.2. Die „Summa theologiae“ des Thomas von Aquin
Die „Summa theologiae“ wurde von dem mit „doctor communis“ und „doctor angelicus“ betitelten Thomas von Aquin im Zeitraum von 1265-1272 verfasst. Thomas war wohl einer der bedeutendsten Theologen und Philosophen, die die Scholastik je hervorgebracht hatte. Bis heute sind seine Einflüsse in der christlichen Philosophie stark wahrnehmbar. Er lebte von 1224/25 bis 1274 und war von adligem Geblüt, jedoch als jüngster Sohn des Landulf von Aquin blieb ihm nur der Weg einer geistigen Ausbildung, welche mit dem Studium der „artes liberales“ und der Philosophie 1239 in Neapel begann und die sich, ab 1244 als Dominikanermönch, über Paris und Köln bis in das Jahr 1256 vollzog. In diesem Jahr erhielt der nun zweiunddreißig jährige Thomas die „licentia docendi“ und begann seine Tätigkeit als Magister. Thomas befasste sich selbstverständlich intensiv mit der Theologie, mit den Gedanken des Albertus Magnus, der in Paris und Köln sein Mentor war und mit dem Aristotelismus. Mit der Zeit wurde er gar einer der stärksten Verfechter der aristotelischen Philosophie. Thomas von Aquin hinterließ der Nachwelt eine unglaubliche Menge an Schriften, von denen sein Hauptwerk, „Summa theologiae“ wohl die wichtigste und bedeutendste Schrift darstellt. Sie ist in drei Teile gegliedert, wobei der dritte Teil unvollständig blieb. Im Zentrum dieses Werkes steht die Vermittlung der Gotteserkenntnis. Aus diesem Grund beschäftigt sich der erste Teil mit einer philosophisch-theologischen Gotteslehre, der zweite mit der Bewegung vernünftiger Wesen hin zu Gott und der dritte letztendlich mit Christus, welcher durch seine Menschwerdung der Weg hin zu Gott ist. 6 Bemerkenswert ist der systematische Aufbau von Hauptfrage, Titelfrage zum Artikel („Videtur quod vel non“), Argumente gegen die zu erwartende Antwort („Objectiones“), Gegenargument („Sed contra“), Antwort („Respondeo dicendum“) und danach die Lösungen zu den eingangs gestellten Problemen („Ad primum, Ad secundum...“). Die Summe der Theologie ist, wie der Name es verrät, ein hauptsächlich theologisches Werk, jedoch werden, um gewisse theologischen Theorien zu verteidigen oder um diese zu begründen, philosophische Argumente herangezogen. Dadurch gewinnt diese Schrift auch für Philosophen an Bedeutung. Es lassen sich in den drei Bänden immer wieder kleine
6 Vgl. zum Leben und Wirken von Thomas: Kettern, Bernd. Thomas von Auqin. In: BBKL. Herzberg 1996. Sp. 1324-1370. u. Forschner, Maximilian. Thomas von Aquin. München 2006. S. 11-36.
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Abhandlungen über philosophische Fragestellungen, wie Metaphysik oder Ethik finden und so auch zum Thema Zufall.
2.3. Das „Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie“ von Paul
Lorenzen
Paul Lorenzen wurde 1915 in Kiel geboren und studierte von 1933 bis 1938 Mathematik, Physik, Chemie und Philosophie in den Universitäten Kiel, Berlin und Göttingen, wo er bereits 1938 in der Mathematik promovierte. 1946 folgte die Habilitation ebenfalls in der Mathematik in Bonn. Lorenzen erhielt erst 1956 den Lehrstuhl für Philosophie in seiner Heimatstadt Kiel. Zunächst erlangte er internationalen Rang, indem er sich einen Namen in der konstruktiven Begründung der Mathematik gemacht hatte. In den darauf folgenden 50iger Jahren beschäftigte Lorenzen sich mit Sprach- und Wissenschaftstheorien und setzten dabei seinen Schwerpunkt auf die Logik, begrifflich deutliches Denken und einem methodisch geordneten Vorgehen im philosophischen Diskurs. Durch dieses Arbeitsgebiet trat er mit Wilhelm Kamlah in Kontakt, welcher ihm 1962 auf den Lehrstuhl der Philosophie in Erlangen verhalf. Hier entwickelten sie in Zusammenarbeit einen methodischen Konstruktivismus der Philosophie, heute als Erlanger Schule bekannt. 7 Sein systematisches Denken fasste Lorenzen 1987, sieben Jahre vor seinem Tod, im Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie zusammen. Diese Werk basiert auf dem Buch Normative Logic and Ethics von 1969 8 , welches wiederum in enger Zusammenarbeit mit Kamlah entstand. Das Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie ist als System von Grundbegriffen für Mathematik, Naturwissenschaft, Sozialwissenschaft und Geschichte aus einer technischen und ethischen Praxis heraus begründet. Es beinhaltet Lorenzens ganzes philosophische Denken kurz, prägnant und lehrbuchhaft zusammengefasst. 9
3. Hauptteil
3.1. Der aristotelische Zufallsbegriff
Mit dem Begriff des Zufalls, welcher neben der Schicksalsfügung zu bestehen scheint, beschäftigt sich Aristoteles im vierten bis sechsten Kapitel mit der Physik. Die Betrachtung dieser zwei Begrifflichkeiten, Zufall und Schicksalsfügung, geschieht unter dem Fokus der Ursachen, da Aristoteles darauf aufmerksam machte, dass als Ursache von einigen
7 Vgl. zu Leben und Wirken: Philosophisches Archiv der Universität Konstanz. Sammlung Paul Lorenzen. http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/philarchiv/bestaende/Lorenzen.htm
8 Lorenzen, Paul. Normative Logic and Ethics. Mannheim u. Zürich 1969.
9 Vgl. Lorenzen, Paul. Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. Mannheim u.a. 1987. S. 9ff.
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Ereignissen allgemein hin der Zufall oder die Schicksalsfügung benannt wurden. 10 Ob dies nun stimme sei zu untersuchen, denn es gäbe Menschen, welche der Meinung seien, dass sich solche zufälligen oder schicksalhaften Ereignisse aus bestimmten Grundursachen herleiten. Als Beispiel dient der Gang auf den Markt, auf dem man zufällig einen Bekannten trifft, welchen man schon längst zu sehen begehrte. Die Grundursache wäre in diesem Beispiel das Einkaufen gehen auf den Markt und keinesfalls der vorsätzliche Gedanke, eben jenen Bekannten dort treffen zu wollen. Somit wäre alles, was sich so zufällig fügt, auf eine bestimmte Ursache zurückzuverfolgen. 11 Nun stellt sich uns aber die Frage, was denn da Zufall sei. Dies lässt sich wiederum am aristotelischen Marktbeispiel verdeutlichen. 12 Man ging auf den Markt um einzukaufen und dort begegnete man „zufällig“ seinem Schuldner, welcher gerade seine ausstehenden Schulden eintrieb. Das Zufällige in diesem Beispiel ist nicht der Gang auf den Markt, da ja dieser Handlung eine Ursache zu Grunde lag, sondern das Treffen mit dem Schuldner, jedoch dies ist nur als zufällig zu bezeichnen, wenn man nicht wusste, dass der Schuldner sich zum gleichen Zeitpunkt auf dem Markt aufhielt. Ersichtlich wird, dass der Zufall nur dann eintreten kann, wenn dieses Ereignis, das Treffen des Schuldners, auch auf eine andere Art und Weise hätte eintreten können, nämlich mit Vorsatz und ohne Zufall, ihn zu treffen. Von Zufall kann man ebenfalls nicht sprechen, wenn sich eben dieser Schuldner immer, in der Regel oder meistens, auf dem Markt aufhielt. Ebenso verhält es sich umgekehrt, wenn man sich selbst immer, in der Regel oder meistens, auf dem Markt aufhält. 13 An dieser Stelle wird ersichtlich, dass das zufällige Ereignis nicht nur von der eigenen Handlung abhängt, sondern eben auch von einer anderen Kausalkette. Um etwas als zufällig bezeichnen zu können, müssen folglich zwei Kausalketten in Beziehung 14 gesetzt werden. Die erste Kausalkette wären wir in diesem Beispiel selbst. Wir gehen auf den Markt aus irgendeinem Grund, zum Beispiel, aufgrund einer Anklage in einem Prozess. Die zweite Kausalkette stellt der Schuldner dar, welcher auf den Markt ging um seine eigenen Ausstände einzutreiben. Der Schnittpunkt dieser beiden Handlungen stellt somit den Zufall dar. An dieser Stelle muss noch eine Nebenursache bedacht werden. Wir selbst sind natürlich daran interessiert, das Geld von unserem Schuldner wieder zu bekommen, aber eben nicht just in diesem überraschenden Moment, als man auf dem Markt war, sondern die ganze Zeit
10 Vgl. Aristoteles: Physik: Vorlesung über die Natur. (Philosophische Schriften Bd. 6.) Übers. Theiler, Willy u. Zekl, Hans Günter. Bearb. v. Seidl, Horst. Darmstadt 1995. S. 34, 195b 48ff. Infolge nur noch Physik, II, 195b 48ff.
11 Physik, II, 197b 27ff.
12 Vgl. Physik, II, 196b 33- 197a 5.
13 Vgl. Physik, II, 196a 15ff. u. vgl. dazu Aubenque, Pierre. Der Begriff der Klugheit bei Aristoteles. Hamburg 2007. S. 75.
14 In unserem Fall eine Ort-Zeit-Beziehung der zwei Handlungsstränge.
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nebenher, dies ist ein vorsätzlicher Wille, bedingt durch die planende Vernunft. Nicht der Erhalt des Geldes ist der Zufall, sondern die Begegnung auf dem Marktplatz in jenem Moment stellt die Zufallsaktion dar, keiner von beiden Parteien hatte damit gerechnet, den anderen zu diesem Zeitpunkt dort anzutreffen. Wir sehen also, dass unsere Handlung ein bestimmtes Ziel verfolgt, eine andere irreale Ereigniskette legt sich gewissermaßen parasitär darüber, da diese keine eigenes Handlungselement inne hat und kein tatsächliches Ziel verfolgt. Somit tritt diese irreale Ereigniskette ohne zuweisbaren Grund auf und ist gänzlich unbestimmt. 15 Dennoch besteht rein hypothetisch die Möglichkeit, dass diese eine eigene Handlung darstellen könnte. Daraus ergibt sich eine notwendige Substantialität und eine zufällige Akzidenz. Die Substantialität ist der fassbare Grund eines Prozesses, also die tatsächlich zu Grunde liegende Kausalkette, welche jedoch die Chance eine parasitären Existenz bieten muss, d.h. sie muss einen Spielraum für begleitende Möglichkeiten bieten. 16 Akzidenz ist in diesem Sinne als Mitgegangenes zu verstehen. 17
Widmen wir uns nun Dingen, denen der freie Wille zur Entscheidung fehlt 18 . Als Beispiel führt Aristoteles hier ein Pferd an, welches zufällig aus dem Stall kam und so einem Unglück entging oder auch ein Schemel, welcher so umfiel, dass man darauf Platz nehmen konnte. 19 Das Pferd kam jedoch nicht aus dem Stall, um dem darauffolgenden Unglück zu entgehen und der Schemel fiel nicht um, damit jemand auf ihm Platz nehmen konnte. Folglich liegen die Ursachen dieser Ereignisse außerhalb und stehen mit dem Ergebnis, welches wir glauben zu erkennen, in keiner Kausalbeziehung. Somit sind diese Ereignisse nach Aristoteles als zufällig zu bezeichnen.
Zufällig erscheint für uns also nur das, was auch einem scheinbaren Zweck dienlich sein könnte. Zum Beispiel ein Stein löst sich aus einer Felswand und erschlägt jemanden. Natürlich ist der Stein nicht gefallen um jemanden zu erschlagen, jedoch hätte er niemanden getroffen, dann wäre es doch wohl lediglich ein physikalisches Ereignis aufgrund von Erosion o.ä., welches wir dann nicht als zufällig beschreiben würden. Sehr treffend hat Wolfgang Wieland dies als „Als-Ob-Teleologie“ bezeichnet. Ein Zweck wird erreicht, obwohl dieser nicht von dem Ereignis gewissermaßen beabsichtigt wurde, sondern wir sprechen dem Ereignis eine Zweckdienlichkeit zu. 20
15 Vgl. Physik, II, 196b 13-15. u 197a 9f.
16 Vgl. Physik, II, 196b 22f.
17 Vgl. Aubenque. 2007. S. 80ff.; Bubner, Rüdiger. Die aristotelische Lehre vom Zufall: Bemerkung in der Perspektive einer Annäherung der Philosophie an die Rhetorik. In: Kontigenz. Hrsg. Graevenitz, Gerhart u. Marquard, Odo. München 1998. S. 11f. u. Wetz, Franz, Josef. Die Begriffe „Zufall“ und „Kontingenz“. In: Kontigenz. Hrsg. Graevenitz, Gerhart u. Marquard, Odo. München 1998. S. 28ff.
18 Zu diesen „Dingen“ gehören bei Aristoteles alles Unbelebte, Tiere und kleine Kinder vgl.: Physik, II, 197b 10f.
19 Vgl. Physik, II, 197b 21ff.
20 Vgl.: Wieland, Wolfgang. Die aristotelische Physik: Untersuchungen über die Grundlegung der
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Fassen wir also kurz zusammen, Zufall ist für Aristoteles jenes, was aus einer gewollten Handlung unabsichtlich nebenher entsteht. Zufall ist demnach der bloße Name für ein Ereignis, dessen Ursache wir nicht immer sehen oder auch verstehen können und so dem Ereignis einen für uns sinnvollen, aber dennoch imaginären Zweck zusprechen.
3.2. Zufall bei Thomas von Aquin
Zweimal schenkt Thomas dem Zufälligen im ersten Teil der „Summa theologia“ explizit, aber nur kurz Beachtung. Das erste Mal findet sich der Begriff „contingere“, welches eben unseren Zufall meint 21 , in der Frage „De scientia Die“ Artikel „Utrum scientia Dei sit futurorum contingentium“ 22 und das zweite Mal in der Frage „Quid intellectus hominis cognoscat in rebus corporalibus, et materialibus“ Artikel „Utrum cognoscat contingentia“. 23 Zunächst stellt Thomas fest, dass „contingens“ offenbar von zwei Seiten aus betrachtet werden kann. An sich, seinem Dasein in der Wirklichkeit nach und anhand seiner Ursachen. Wenn Zufall an sich in der Wirklichkeit ist, dann muss es etwas Gegenwärtiges sein, dem es nicht beliebig ist zu sein oder nicht zu sein, sondern es muss einem von beidem entsprechen. Als vergleichendes Beispiel führt Thomas das Sehen einer Person an, wenn diese mir nun gegenüber sitzt nehme ich sie wahr, jedoch wenn nicht, dann kann ich sie nicht sehen. Daraus schlussfolgert er, dass der Zufall in diesem Sinne unfehlbar einer sicheren Erkenntnis unterliegen müsste.
Betrachtet man nun den Zufall nach seinen Ursachen, dann tritt für Thomas zu Tage, dass es etwas Zukünftiges und somit nicht direkt festgelegt sei, da ein „Ja“ oder ein „Nein“ ihm zu Grunde liege. Daher kann Zufall nicht mit Gewissheit einer Erkenntnis unterliegen. Ich denke, mit Zukünftigem meint Thomas an dieser Stelle die Einsicht in die Ursächlichkeiten eines Ereignisses, da es zunächst geschehen muss und die Frage nach den zu Grunde liegenden Ursachen, erst danach statt findet, ergo in der Zukunft, darüber können wir mit Gewissheit keine Aussagen geben. Weiterhin meinte Thomas, dass jemand, der denkt, er könne anhand von Ursachen eine zufällige Wirkung erkennen, lediglich eine Vermutung einer Erkenntnis hat, aber keine im eigentlichen Sinne.
Naturwissenschaft und die sprachlichen Bedingungen der Prinzipienforschung bei Aristoteles. Göttingen 1992³. 259 ff.
21 „Contingens“ wird von Bernhart etwas umständlich mit „Freifällig“ übersetzt, als sinnvollere Übersetzung von „contingere“ - im wörtlichen Sinne - erscheint mir jedoch „zu teil werden“ oder „widerfahren“. Aus diesem Grund halte ich es für notwendig eine lateinische Ausgabe synchron zu verwenden. Deutsche Ausgabe: Thomas von Aquino. Summe der Theologie: Erster Band: Gott und Schöpfung. Übers. u. kom. v. Bernhart, Joseph. Stuttgart 1954³. Lateinische Ausgabe: Thomas von Aquin. Divi Thomae Aquinatis, Ordinis Praedicatorum, doctoris angelici, a Leone XIII. P. M. gloriose regnante catholicarum scholarum patroni coelestis renunciati: Summa Theologica: Editio altera romana ad emendatiores editiones impressa et noviter accuratissime recognita: Pars Prima. Rom 1894.
22 Sum. th. I 14, 13c.
23 Sum. th. I 86, 3c.
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Diese Sicht der Dinge ist damit zu begründen, dass nur Gott allein totale Einsicht in die Ursächlichkeiten hat und nur er weiß mit Gewissheit, wie jedes Eine von sich selbst wirklich vorhanden ist. Dabei erkennt, laut Thomas, diese göttliche Instanz nicht nur die Abfolge der Ereignisse, sondern er nimmt alles auf einmal wahr. Dies ist damit zu begründen, dass Gott sich in der Ewigkeit 24 befindet und diese wiederum alles sphärenartig umschließt, unter anderem eben auch die Zeit. Somit hat Gott eine Art „Totalansicht“ von allem und ist dazu befähigt, alles auf einmal zu erkennen, d.h. für Gott kann es keinen Zufall geben, nur für uns erscheint es als zufällig.
Thomas betont außerdem, dass alles von Gott Gewusste mit Notwendigkeit besteht, vergleichbar mit der Tatsache, dass alles von uns Gewusste mit Notwendigkeit besteht. An dieser Stelle taucht die Metapher des Wanderers auf. Der Wanderer, der dem Weg folgt, ist nie in der Lage, diesen in seiner Gesamtheit zu überblicken. Er sieht immer nur ein Teilstück und weiß somit nicht, was ihn nach der nächsten Kurve erwartet. Begibt man sich aber auf einen Turm oder eine Anhöhe, dann könnte man den Streckenverlauf und jenes, was einen auf diesem erwartet, sehen. Ein passender Name für diesen Aussichtspunkt erscheint mir die „Warte Gottes“ , welche von uns im jetzigen Sein nicht betretbar ist. 25 In der zweiten Erwähnung des Zufalls meint Thomas, dass das Zufällige, so wie es zufällig geschieht, mit den Sinnen wahrgenommen wird, da der Zufall einer gewissen Stofflichkeit unterliegt. Vom Verstand wird der Zufall nur als Notwendigkeit oder alleinige Bedingung wahrgenommen, somit ist für Thomas nichts so zufällig, dass es nicht in irgendeiner Weise etwas Notwendiges in sich trägt. Z.B. Sokrates läuft, dies kann zwar ein zufälliges Ereignis sein, aber wenn man laufen will, dann muss man sich bewegen. Also ist die Bewegung für den Laufenden eine Notwendigkeit und somit an sich nicht mehr so zufällig. 26 Ich interpretiere Thomas folgendermaßen: Den Zufall kann man offenbar erkennen, da er einem widerfährt, jedoch meine jemand, der Zufall sei wirklich und nicht nur scheinbar, dann stellt er die Allmacht Gottes in Frage und würde Blasphemie begehen, da ein religiöses Weltbild eine Art „Masterplan“ besitzt. Somit ist der Begriff Zufall einfach unpassend, denn das Zufällige ist auf die Unkenntnis des göttlichen Willen zurückzuführen und sollte besser als Schicksal bezeichnet werden. Dieses Schicksal (Fatum) ist deutlich vom Zufall an sich zu trennen. Nur aufgrund des Erkennens der unteren Ursachen erscheint es als zufällig und willkürlich, da diese unteren Ursachen immer zu den oberen Ursachen in Beziehung gebracht werden müssen, wird das Ereignis zu etwas Beabsichtigtem und kann
24 Vgl. zu Ewigkeit: Sum. th. I 10, 2-4c.
25 Vgl. Sum. th. I 14, 13c.
26 Vgl. Sum. th. I 86, 3c.
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nicht mehr als etwas Zufälliges in Betracht gezogen werden. 27 Ein Beispiel um dies zu verdeutlichen: Ein Gutsbesitzer schickt zwei seiner Knechte zur Arbeit aus und beide wissen von dem Auftrag des jeweils anderen nichts. Sie treffen sich am Ort der Arbeitsverrichtung und haben das Glück, diese zu zweit zu verrichten. Für die Knechte erscheint dies als zufälliges Glück, jedoch steckt hinter diesem scheinbaren Zufall ein konkreter Auftrag des Gutsherren, der aus irgendwelchen Gründen wollte, dass die Arbeit zu zweit erledigt wird, aber es nicht für notwendig hielt, dies den Knechten mitzuteilen. Wir sehen also, wenn man die unteren Ursachen zu den oberen in Beziehung setzt und dieses Beziehungsgefüge erkennt (z.B. der eine Knecht teilt den Befehl des Gutsherren dem anderen mit), dann wird doch wohl kaum jemand von Zufall sprechen. Somit ist für Thomas alles auf eine voraus ordnende Ursache zurückzuführen, welches ich als „göttliches Kausalprinzip“ bezeichnen möchte in dem es keinen Zufall geben kann, denn darin folgt alles einem Sinn und einem Zweck. 28 Ich komme zu dem Schluss, dass es für Thomas den Zufall an sich nicht gibt, es ist lediglich ein Begründungsversuch des Unbegründbaren und ist somit auf fehlende Einsicht in die Kausalzusammenhänge zurückzuführen. Zufällige Ereignisse werden somit falsch bezeichnet, denn sie sind im eigentlichem Sinne Schicksalsfügungen.
3.3. Zufall bei Paul Lorenzen
Paul Lorenzen sieht sich selbst außer Stande die Phänomene der Physik mit einer Beweisführung durch Wörter zu begehen. Für ihn kommt es nicht auf die Gegenstände an sich an, das heißt auf die konkreten Geschehnisse und Dinge, sondern er benutzt Elementarsätze, um die Gegenstände zu besprechen. Diese Orthosprache hat den Vorteil, dass seinen Betrachtungen und Ergebnissen eine gewisse Universalität verliehen wird. Er benutzt somit statistische Beschreibungen anstatt der klassischen Beschreibung der Physik. Direkt lässt sich bei Lorenzen der Zufall nicht fassen, er ist vielmehr in seine Wahrscheinlichkeitstheorie eingeflochten. Dabei erfolgt die Orientierung des Zufall. 29 Wahrscheinlichkeitsbegriffes am Den Grundsatz für Lorenzens
Wahrscheinlichkeitstheorie bilden zunächst die Axiome von Kolomogorov. 30 1. 0 ≤ p(A) ≤ 1, p(A) stellt die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A dar. 2. p(Ω) = 1 , Ω stellt ein sicheres Ereignis dar.
27 Vgl. zum Schicksal Sum. th. I 116,1-4c.
28 Scheinbar taucht hier der aristotelische Teleologieglaube auf, jedoch unter einem göttlichen Kontxt.
29 Lorenzen verfolgt bei seinen Analysen einen sehr komplexen logisch-mathematischen Weg, welcher hier aus Platzgründen nicht im Einzelnen dargestellt werden kann. Vgl.: Lorenzen: 1987. S. 218-225.
30 Kolmogorov, Andrej, Nikolaevič. Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Berlin 1933.
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3. Die Ereignisse A und B schließen sich aus, p(A ˅ B) = p(A) + p(B). Für Lorenzen gilt nun:
Ist p(A) = 1, dann ist A(x), welches eine gewisse Aussageform oder Menge darstellt, notwendig.
Ist p(A) = 0, dann ist A(x) unmöglich. Für 0 ≤ p(A) ≤ 1 ist A(x) also Kontingent.
Die Wahrscheinlichkeitstheorie 31 sieht hier ihren Ansporn zu untersuchen, ob sich A(x) mehr 1 oder 0 nähert. Je mehr sich A(x) der 1 nähert, desto mehr wird aus Kontingenz eine Notwendigkeit. Das heißt, je wahrscheinlicher ein Ereignis, umso ähnlicher ist es der notwendigen Wahrheit.
Entnimmt man nun einer Population ein Element, eine Stichprobe x, dann kann man sagen, dass A(x) als Vorhersage mit der Wahrscheinlichkeit p(A) gelten kann. Dabei muss A(x) zufällig der Menge entnommen werden. Ein weiteres wichtiges Faktum ist die relative Häufigkeit, denn gemäß des Gesetzes der großen Zahlen nähert sich das Eintreten eines zufälligen Ereignisses A(x) bei höherer Stichprobenanzahl der Wahrscheinlichkeit stabiler an. 32 Eine zufällige Entnahme bzw. ein zufälliges Ereignis ist nach Lorenzen ein Ereignis, welches durch einen Zufallsgenerator erzeugt wurde, zum Beispiel durch einen Würfel. Der Zufallsgenerator muss dabei gewissen Eigenschaften und Regeln unterliegen, um einen Zufall zu generieren.
1. Eindeutigkeit, das Gerät gibt eine von endlich vielen Aussageformen als Ergebnis an (Eı,... Em).
2. Ununterscheidbarkeit, kein Ereignis A lässt sich durch kausale Begründung von einem anderen Ereignis B in seiner Entstehung unterscheiden. 3. Wiederholbarkeit, nach jedem Versuch befindet sich das Gerät in der gleichen Lage wie vor dem Versuch. 33
Dabei gibt Lorenzen selbst zu bedenken, dass es keine „vollkommenen“ Zufallsgeneratoren gibt, da sich Zufall an sich nicht erzeugen lässt, jedoch unter den beschriebenen Normen erscheint ihm die Benutzung als realisierbar. 34
Wichtig für uns ist nun, dass Lorenzen vor jedem Versuch mit einem Zufallsgenerator eine
31 Vgl. zur Wahrscheinlichkeitsrechnung: Hogben, Lancelot. Mathematik für alle: Einführung in die Wissenschaft der Zahlen und Figuren. Übers. v. Pleus, Hildgard. 2001 Köln. S. 486-536. u. Rohwer, Götz; Pötter, Ulrich. Wahrscheinlichkeit: Begriff und Rhetorik in der Sozialforschung. Weinheim 2002. S 23-32.
32 Vgl. Lancelot. 2001. S. 498.
33 Vgl. Lorenzen. 1987. S. 219. u. Lorenzen, Paul. Eine konstruktive Deutung des Dualismus in der Wahrscheinlichkeitstheorie. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie: Journal for General Philosophy of Science. Vol. 9, No. 2. 1978. S. 256ff.
34 Ich denke das Problem ist hierbei, dass ein Lernen und Üben ausgeschlossen werden muss und dass bei der Verwendung eines Zufallsgenerators über die Beschaffenheit des Prozesses, der die Ergebnisse erzeugt, keine grundlegenden Aussagen gemacht werden dürfen.
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grundlegende Elementaraussage über das Ergebnis Eμ(x) für μ = 1, …, m anstellen kann und zwar, dass dieses Kontingent ist. D.h. es ist mit unserem Kausalwissen vor dem Versuch nicht zu begründen, warum eben dieses Ergebnis von endlich vielen anderen eintritt. Über Eμ(x) weiß man nach Lorenzen sogar mehr als nur, dass es Kontingent ist, er spricht hier von von einer „absoluten Kontingenz“ ergo Zufall. 35 Daraus entsteht offenbar eine zweifache Bedeutungsebene von zufällig, die eine bezieht sich auf den Entstehungszusammenhang, bedingt durch den Zufallsgenerator und die andere auf die Beschaffenheit bzw. Erscheinungsform der Ergebnisse im Sinne einer Unregelmäßigkeit. Erzeugt man z.B. durch einen Würfel folgende Zahlenreihe: 1 3 5 ; 2 4 6 ; 6 3 6 , dann erscheinen die ersten zwei Sequenzen als regelmäßig (z.B. im Sinne von gerade und ungerade), die letzte Sequenz jedoch als unregelmäßig. Die Bezeichnung zufällig bezieht sich hierbei nicht nur auf die Erzeugung durch einen Zufallsgenerator, sondern auch auf die Beschaffenheit der Sequenz.
Lorenzen führt seine Analysen mit dem Thema Häufigkeit weiter, denn die Wahrscheinlichkeit wird erst durch die Hinzunahme einer relativen Häufigkeit beschreibbar. Da sich jedoch Zufall im Selben nicht wiederholen lässt und der Zufallsbegriff und dessen Entstehung offen gelegt wurde, erscheint es für unsere Thematik wenig sinnvoll, seinen weiteren Überlegungen zu folgen. Fassen wir an dieser Stelle das Wichtigste zusammen. Zufall ist für Lorenzen ein generiertes Ereignis durch einen Zufallsgenerator. Dieser ist ein von Menschenhand gefertigtes Artefakt für ein Verfahren mit dem Ereignis, einen gewissen Typ unter fest gesetzten Normen erzeugen zu können. Diese erzeugten Situationen sind unvorhersehbar und unbeeinflussbar, da ein Üben und Lernen hierbei ausgeschlossen werden muss und können somit nach der Definition von Lorenzen als zufällig beschrieben werden. 36
3.4. Die drei Zufallsbegriffe im Vergleich
Die über 2000-jährige Betrachtung des Problems Zufall, exemplarisch dargestellt anhand der griechischen Antike, des scholastischen Hochmittelalters und der Moderne des 20. Jahrhunderts hat gezeigt, dass die Definition gewissen Änderungen unterlag. Aristoteles gab zwar zu, dass es den Zufall im Denken gebe, dieser jedoch nicht real existiert. Dabei versucht er bemerkenswerterweise die griechische Theologie auszuklammern. Dies war selbstverständlich bei Thomas nicht zu erwarten, jedoch schien er die Grundgedanken des Aristoteles mit einzubeziehen. Für ihn ist der Zufall ebenfalls eine falsche Bezeichnung
35 Lorenzen. 1987. S. 220.
36 Vgl. zu Zufallsgeneratoren: Rohwer, Pötter. 2002. S. 78-83 u. 97-101.
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eines Ereignisses durch Menschen, denen die Einsicht fehlt und somit aus Unwissenheit. Thomas identifiziert den Zufall als Schicksal, denn zufällige Ereignisse kann es in der Theologie nicht geben, da diese das thomistische Glaubenssystem zu Fall bringen und eine göttliche Instanz in Frage stellen würden. Beide Autoren haben somit einen „scheinbaren“ Zufall extrahiert, welcher sich nur im Kopf als Denkmuster manifestiert. Lorenzen beschreitet einen ganz anderen Weg. Seine Definition von Zufall möchte keine Welt erklären oder beschreiben, sondern sie hat einen direkten praktischen Bezugspunkt. Dieser Bezugspunkt ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung, welche sich am Zufall orientiert. An dieser Stelle sei bemerkt, dass dies keineswegs ein Gedankengang war, der im 20. Jahrhundert entstand. Pascal und Fermat setzten bereits im Jahre 1654 den Grundstein der Wahrscheinlichkeitsrechnung in einer Korrespondenz über Wetten in einem Glücksspiel. 37 Einige Jahre später tritt bereits eine Art mathematische Risikorechnung auf, denn die Philosophical Transactions der Royal Society veröffentlichte im Jahr 1693 eine Sterblichkeitstabelle auf Grundlage der Sterbe- und Geburtsraten der Stadt Breslau zum Nutzen eines aufkommenden Versicherungswesen. 38 In dieser Tradition ist der Zufallsbegriff von Lorenzen zu verorten. Hier ist ein grundlegender Wandel der Perspektive festzustellen, das Ziel ist es scheinbar nicht mehr Zufall an sich zu erklären, da dieses Unterfangen keinem Sinn folgt 39 , sondern ihn in die Praxis und in ein Kalkül einzubeziehen, um so einen entsprechenden Nutzen daraus ziehen zu können, denn das Basale in der Welt bildet in der konstruktivistischen Sicht die Praxis.
4. Schluss
Den Schluss dieser Arbeit möchte ich nicht einer allgemein üblichen Zusammenfassung widmen, da das vorherige Kapitel dieses Zweck bereits erfüllte, sondern meiner eigenen Vorstellung von Zufall Raum bieten. Zunächst stelle ich fest, dass es in der rein physischen Natur keinen Zufall geben kann, denn hierbei handelt es sich lediglich um das Aufeinandertreffen zweier Kausalketten, wobei der Schnittpunkt allgemein hin als Zufall betitelt wird. Nimmt man nun an, dass es eine zwar endliche, aber unüberschaubare Menge von Kausalketten gibt, welche sich wiederum in einem endlichen dreidimensionalen Raum befinden, dann muss man davon ausgehen, dass diese sich mit Notwendigkeit irgendwann
37 Vgl. Pascal, Blaise; de Fermat, Pierre. Der Briefwechsel zwischen Pascal und Fermat von 1654. In: Oeuvres de Fermat. Hrsg. Tannery, Paul; Henry, Charles. Bd II. Paris 1894. In: Die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie von den Anfängen bis 1933: Einführungen und Texte. Hrsg. Schneider, Ivo. Darmstadt 1989.
38 Halley, Edmond. An Estimate of the Degrees of the Mortality of Mankind, Drawn from Curious Tables of the Births and Funerals at the City of Breslaw; With an Attempt to Ascertain the Price of Annuities upon Lives. In: Philosophical Transactions Vol. 17. 1693. S. 596-610.
39 Vergleichbar mit der Frage, warum und ob eine Gerade aus unendlich vielen Punkten besteht.
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treffen müssen. Geht man weiter vom Kausalprinzip aus 40 , dann lassen sich beide Kausalketten erklären, ebenso wie das Aufeinandertreffen dieser Beiden. So kann man rein theoretisch und physisch den Wurf einer Drei beim Würfelspiel erklären (Haltung der Hand, kinetische Bewegungsenergie, Luftdruck und -widerstand, Reibung, Rotation usw.). Dies ist freilich so nicht umzusetzen, da uns entsprechende Messinstrumente und Selbstkontrolle fehlen, aber hypothetisch-theoretisch besteht die Möglichkeit. Somit komme ich zu dem Schluss, dass die physische Welt im Innersten durch Kausalzusammenhänge determiniert ist. Hierbei ist zu postulieren, dass die menschliche Freiheit in der rein physischen Welt nicht existent ist, sondern sich nur im Geist, also im Denken, manifestiert. Nur losgelöst von naturalistischen Einflüssen ist das menschliche Wesen, meiner Ansicht nach, als frei zu begreifen. Da es nun in der physischen Welt keinen Zufall gibt, wir ihn aber dennoch als etwas wahrnehmen, muss dies noch begründet werden. Ich denke einerseits ist dies durch die „Als-Ob-Teleologie“ von Aristoteles zu begründen und andererseits durch unsere zwar große, aber dennoch begrenzte Auffassungs-und Verarbeitungsleistung. In diesem Sinne ist die Annahme eines Zufalls eine dogmatische Annahme, die jedoch notwendig ist, da es den menschlichen Geist vor Überlastung schützt, vergleichbar mit einem Überhitzungsschutz eines Computers. Es erscheint als nicht sinnvoll, jeder Ereigniskette im Leben nach zu gehen und diese zu ergründen, deshalb sagt der Geist uns gewissermaßen, es war Zufall oder auch Schicksal. Somit ist es für mich unsinnig zu behaupten, dass es keinen Zufall gäbe, da wir ihn tatsächlich wahrnehmen, aber er ist in der physisch-stofflichen Welt nicht vorhanden, er kann nur in der Verbindung Mensch mit der physischen Außenwelt auftreten.
5. Anhang
5.1. Quellenverzeichnis
Aristoteles: Physik: Vorlesung über die Natur. (Philosophische Schriften Bd. 6.) Übers. Theiler, Willy u. Zekl, Hans Günter. Bearb. v. Seidl, Horst. Darmstadt 1995. Goethe, Johann, Wolfgang. Faust: der Tragödie erster und zweiter Teil. Hrsg. Merian-Genast, Ernst. Zürich 1982.
Halley, Edmond. An Estimate of the Degrees of the Mortality of Mankind, Drawn from Curious Tables of the Births and Funerals at the City of Breslaw; With an Attempt to Ascertain the Price of Annuities upon Lives. In: Philosophical Transactions Vol. 17. 1693.
Kolmogorov, Andrej, Nikolaevič. Grundbegriffe der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Berlin 1933.
Laertius, Diogenes. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Übers. v. Apelt, Otto. Hrsg. Reich, Klaus. Hamburg 1990³.
40 Ein Problem in meiner Überzeugung stellt das Münchhausen Trilemma dar, auf das ich zur Zeit leider nicht genau eingehen kann.
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Lorenzen, Paul. Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie. Mannheim u.a. 1987. Pascal, Blaise; de Fermat, Pierre. Der Briefwechsel zwischen Pascal und Fermat von 1654. In: Oeuvres de Fermat. Hrsg. Tannery, Paul; Henry, Charles. Bd II. Paris 1894. In: Die Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie von den Anfängen bis 1933: Einführungen und Texte. Hrsg. Schneider, Ivo. Darmstadt 1989. Thomas von Aquin. Divi Thomae Aquinatis, Ordinis Praedicatorum, doctoris angelici, a Leone XIII. P. M. gloriose regnante catholicarum scholarum patroni coelestis renunciati: Summa Theologica: Editio altera romana ad emendatiores editiones impressa et noviter accuratissime recognita: Pars Prima. Rom 1894. Thomas von Aquino. Summe der Theologie: Erster Band: Gott und Schöpfung. Übers. u. kom. v. Bernhart, Joseph. Stuttgart 1954³.
5.2. Literaturverzeichnis
Aubenque, Pierre. Der Begriff der Klugheit bei Aristoteles. Hamburg 2007. Bubner, Rüdiger. Die aristotelische Lehre vom Zufall: Bemerkung in der Perspektive einer Annäherung der Philosophie an die Rhetorik. In: Kontigenz. Hrsg. Graevenitz, Gerhart u. Marquard, Odo. München 1998.
Düring, Ingemar. Aristoteles: Darstellung und Interpretation seines Denkens. Heidelberg 1966².
Forschner, Maximilian. Thomas von Aquin. München 2006.
Hogben, Lancelot. Mathematik für alle: Einführung in die Wissenschaft der Zahlen und Figuren. Übers. v. Pleus, Hildgard. 2001 Köln. Höffe, Otfried. Aristoteles. München 2006³.
Kettern, Bernd. Thomas von Auqin. In: BBKL. Herzberg 1996. Sp. 1324-1370. Lorenzen, Paul. Eine konstruktive Deutung des Dualismus in der Wahrscheinlichkeitstheorie. In: Zeitschrift für allgemeine Wissenschaftstheorie: Journal for General Philosophy of Science. Vol. 9, No. 2. 1978. Lorenzen, Paul. Normative Logic and Ethics. Mannheim u. Zürich 1969. Rohwer, Götz; Pötter, Ulrich. Wahrscheinlichkeit: Begriff und Rhetorik in der Sozialforschung. Weinheim 2002.
Wetz, Franz, Josef. Die Begriffe „Zufall“ und „Kontingenz“. In: Kontigenz. Hrsg. Graevenitz, Gerhart u. Marquard, Odo. München 1998.
Wieland, Wolfgang. Die aristotelische Physik: Untersuchungen über die Grundlegung der Naturwissenschaft und die sprachlichen Bedingungen der Prinzipienforschung bei Aristoteles. Göttingen 1992³.
Philosophisches Archiv der Universität Konstanz. Sammlung Paul Lorenzen. http://www.uni-konstanz.de/FuF/Philo/philarchiv/bestaende/Lorenzen.htm (zuletzt eingesehen am 31.01.2011, 12:46)
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Pierre Köckert, 2011, Der aristotelische Zufallsbegriff im Vergleich zu Thomas von Aquin und Paul Lorenzen, München, GRIN Verlag GmbH
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