Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Einleitende Hintergrundinformationen 3
2.1 Das Matthäusevangelium 3
2.2 Umwelt des Matthäus 4
2.3 Einordnung von Mt 28,16-20 in den Kontext des Evangeliums 5
3. Analyse der Bibelstelle 6
3.1 Erzählerische Einleitung (Mt 28,16-18a) 7
3.2 Manifest des Auferweckten (Mt 28,18b-20) 9
3.2.1 Das Vollmachtswort (Mt 28,18b) 9
3.2.2 Der Sendungsauftrag (Mt 28,19.20a) 10
3.2.3 Die Verheißung (Mt 28,20b) 11
4. Bedeutung 12
4.1 Hinweise im Matthäusevangelium auf die Weltvölkermission 13
4.2 Auslegungsmöglichkeiten 15
4.2.1 Die inklusive Deutung 16
4.2.2 Die exklusive Deutung 17
4.3 Wirkungsgeschichte 19
5. Überblick Judenmission 19
5.1 Von den Anfängen bis zum Zweiten Weltkrieg 20
5.2 Das Zweite Vatikanische Konzil 21
5.3 Aktuelle Diskussionsfelder 21
6. Fazit 23
7. Literaturverzeichnis 24
1
1. Einleitung
„poreuqe, ntej ou= n maqhteu, sate pa, nta ta. e; qnh( bapti, zontej auv tou. j eiv j to. o; noma tou/ patro. j kai. tou/ ui` ou/ kai. tou/ a` gi, ou pneu, matoj” (Mt 28,19; BGT). Dieser Satz ist der
Missionsbefehl des auferweckten Jesus an seine Jünger am Ende des Matthäusevangeliums. Die Einheitsübersetzung übersetzt dies mit „Darum geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Ohne Hintergrundkenntnisse und ohne andere Übersetzungen wäre der Satz eindeutig: Uneingeschränkt alle Völker sollen durch die Jünger Jesu missioniert werden. Allerdings gibt es diverse andere Übersetzungen und ta. e; qnh wird mehrfach, selbst in der Einheitsübersetzung, mit Heiden 1 übersetzt. Dementsprechend würde Israel aus diesem Missionsbefehl herausfallen. Allerdings stellt sich dann wiederum die Frage, ob damit Israel vom Heil gänzlich ausgeschlossen ist oder ob es andere Lösungsmöglichkeiten dieser abschließenden Stelle im Evangelium nach Matthäus gibt?
Die römisch-katholische Kirche hat ihre Missionspolitik in Bezug auf die Juden ab dem 19. Jahrhundert mit dieser Bibelstelle begründet 2 und dann später im vergangenen Jahrhundert ihre Haltung überarbeitet und in der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra Aetate 3 unter Punkt 4 festgehalten. In dieser Arbeit werde ich versuchen, die Auslegungsmöglichkeiten der Bibelstelle Mt 28,16-20 aufzuzeigen und diese bewerten. Dabei ist in der Hauptseminarsitzung zur Thematik am 14.01.2010 klar geworden, dass es schwierig ist, eine eindeutige Lösung zu finden, die gegen jedes Argument gewappnet ist. Dennoch sollte ein Theologiestudent sich eine eigene Meinung in dieser Missionsfrage herausarbeiten, um nicht leichtfertig der Übersetzung in der Einheitsübersetzung zu verfallen. Zu Beginn beschreibe ich die Rahmendaten des Matthäusevangeliums, um einen Überblick darzustellen, in dem die Bibelstelle zu verstehen ist. Danach analysiere ich die Bibelstelle Mt 28,16-20, um sie im Folgenden zu bewerten und verschiedene
1 Vgl. Mt 6,32 in der Einheitsübersetzung. Im Gemoll wird „ta. e; qnh“ explizit im Neuen Testament mit „Heiden“ übersetzt, W. GEMOLL/K. VRETSKA, Gemoll. Griechisch-deutsches Schul-und Handwörterbuch, München/Düsseldorf/Stuttgart 10 2006, 254.
2 Vgl. U. LUZ, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 26-28), Düsseldorf/Zürich/Neukirchen-Vluyn 2002 (EKK; 1,4), 445f.
3 Nostra Aetate, 355-359, in: K. RAHNER/H. VORGRIMLER, Kleines Konzilskompendium. Sämtliche Texte des Zweiten Vatikanums, Freiburg im Breisgau 34 2007.
2
Lösungsansätze zu skizzieren. Abschließend gehe ich auf einige historische Entscheidungen der römisch-katholischen Kirche ein, um die Brisanz dieses Evangeliumsabschlusses in der Geschichte auch als mahnendes Wort zu verdeutlichen.
2. Einleitende Hintergrundinformationen
Die Auslegung einer Bibelstelle erfordert die Kenntnis vieler
Hintergrundinformationen. Daher werde ich im folgenden Kapitel wichtige und grundlegende Erkenntnisse über das Matthäusevangelium darstellen.
2.1 Das Matthäusevangelium
In der Wissenschaft wird davon ausgegangen, dass das Matthäusevangelium zwischen 80-90 n. Chr 4 im syrischen Raum, wahrscheinlich in Antiochien, geschrieben wurde. 5
Der Autor erhielt seine Informationen aus dem Markusevangelium, der Logienquelle sowie eigenem Sondergut. 6 Die Kenntnis des Evangeliums nach Markus scheint einer der wichtigsten Abfassungsgründe gewesen zu sein, da der Verfasser des Matthäusevangeliums Material und Inhalte im Markusevangelium vermisste, welche ihm aber aus anderen Quellen vorlagen. 7 Neben dieser formalen Perspektive wollte der Autor andere und für seine Situation wichtige Schwerpunkte verdeutlichen: Was bedeutet Jesus Christus für die Anhänger der matthäischen Gemeinde? Wie ist das Verhältnis der Gemeinde zum Judentum? Wie soll die Kirche nach Jesu aussehen? 8 Für die zu untersuchende Bibelstelle ist die Herkunft des Verfassers von großer Bedeutung. In der Forschung ist man mehrheitlich der Meinung, dass Matthäus Judenchrist war. 9 Dem gegenüber steht die Möglichkeit, dass er Heidenchrist
4 Vgl. I. BROER, Einleitung in das Neue Testament, Die synoptischen Evangelien, die Apostelgeschichte und die johanneische Literatur, Würzburg 1998 (NEB; 1), 113.
5 Vgl. ebd., 114.
6 Vgl. ebd., 100.
7 Vgl. ebd., 102.
8 Vgl. ebd., 116.
9 Vgl. R. FENEBERG, Die Erwählung Israels und die Gemeinde Jesu Christi. Biographie und Theologie Jesu im Matthäusevangelium, Freiburg im Breisgau 2009 (Herders Biblische Studien; 58), 42.
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gewesen sein könnte. Für letzteres spricht beispielsweise seine mangelnde Kenntnis über das Judentum 10 und seine eigene Distanzierung zu Synagogen 11 . In Mt 5,17-20 allerdings bezeugt der Verfasser, dass das geltende Gesetz nicht abgelöst wird; es bleibt also bestehen und damit ist klar, dass nichts vollends Neues geschaffen werden soll. Die Grundlage des Judentums und das Gesetz bleiben also bestehen. Im Matthäusevangelium vermisst der heutige Leser an einigen Stellen die Erklärung jüdischer Bräuche wie der Händewaschung in Mt 15,2. Nach BROER muss dies aber nicht auf die eigene Unkenntnis des Autors deuten, sondern vielmehr auf die allgemeine Kenntnis dieses Brauches in der matthäischen Gemeinde. 12 Dies wiederum würde die These erhärten, dass der Autor und seine Umwelt jüdisch geprägt waren.
2.2 Umwelt des Matthäus
Neben den oben dargestellten Eckdaten der Verfasserfrage, dem Abfassungsort und der Abfassungszeit gilt es nun das Umfeld des Autors bzw. seiner Gemeinde und mit Hinblick auf Mt 28,16-20 das Verhältnis dieser zum Judentum zu ermitteln und darzustellen.
Nach FENEBERG gab es keinen Bruch zwischen der matthäischen und der Synagogengemeinde. 13 Vielmehr lebten beide Seiten nach der Tora und trotz einiger Meinungsverschiedenheiten war das Gesetz Grundlage ihres Glaubens. Die matthäische Gemeinde war dem evangelischen Theologen HUMMEL zufolge gegenüber dem Judentum sogar eher in einer Verteidigungsrolle. 14 Im Matthäusevangelium finden wir in Mt 5,17-19 eine ausdrückliche Erklärung, dass das Gesetz nicht verändert werden darf und eine eindeutige Gesetzestreue gefordert wurde:
10 BROER führt hier Mt 22,23 an, wo „nicht alle Sadduzäer, wie es richtig wäre, sondern nur einige von ihnen die Auferstehung der Toten leugnen“, I. BROER, Einleitung, 105.
11 In Mt 4,23 spricht der Verfasses des Matthäusevangeliums beispielsweise von ihren Synagogen und stellt klar, dass es nicht die Synagogen seiner Gemeinde sind.
12 Vgl. I. BROER, Einleitung, 106.
13 Vgl. hierzu und zum Folgenden: R. FENEBERG, Die Erwählung Israels, 55; anders: I. BOER, Einleitung, 102.
14 Vgl. R. HUMMEL, Die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Judentum im Matthäusevangelium, München 1963 (Beiträge zur evangelischen Theologie; 33), 55.
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Allerdings sind die Differenzen und Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Autor des Matthäusevangeliums und dem Judentum unübersehbar, denn er versucht das Verhältnis zwischen der Jesusbewegung und dem Judentum klarzustellen. BROER sieht die Trennung der Gemeinden, im Gegensatz zu FENEBERG als gegeben an und sieht das „Evangelium auch als Teil […] innergemeindliche[r][…] Auseinandersetzung und Stabilisierungsarbeit“ 15 . Dadurch wird klar, dass es in der matthäischen Gemeinde eine Diskussion über die Art und Weise der Gefolgschaft Jesu und der gleichzeitigen Zugehörigkeit zum Judentum gab. Hinzu kommt, dass die Heidenmission innerhalb der Gemeinde eine wichtige Thematik war, sodass verschiedene Gruppierungen gemeinsam zusammen lebten. Ihre grundlegende Struktur basiert auf einer judenchristlichen Gemeinde. 16 Wie die Meinungen von FENEBERG und BROER andeuten, steht die matthäische Gemeinde an einem Wendepunkt: „Nach dem Jüdischen Krieg, der als Gericht Gottes für Israel gedeutet wird […], muss sich die Gemeinde in der heidnischen Umgebung in Syrien neu orientieren und mit ihrem Ursprung, der im Judentum liegt, auseinandersetzen.“ 17 Es mussten viele Entscheidungen in der Gemeinde getroffen werden und die Abgrenzung zum Judentum und die Option der Heidenmission bestimmten die Diskussion. Der Autor des Matthäusevangeliums war bemüht, durch sein Schriftwerk die Auseinandersetzung zu führen und seine verunsicherte Gemeinde zu stabilisieren.
2.3 Einordnung von Mt 28,16-20 in den Kontext des Evangeliums
Die Gliederung des Matthäusevangeliums ist nur schwer zu vollziehen. Es gibt keine innertextlichen Merkmale einer Strukturierung, sodass viele Wissenschaftler je
15 I. BROER, Einleitung, 103. Allerdings wird die Trennung nicht im Evangelium selbst genannt.
16 Vgl. D. PAUL, „Untypische“ Texte im Matthäusevangelium? Studien zu Charakter, Funktion und Bedeutung einer Textgruppe des matthäischen Sonderguts, Münster 2005 (NTA; 50), 310.
17 Ebd., 311.
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eigene Absätze vorgenommen haben. BROER versucht die Gliederung anhand von formalen und inhaltlichen Merkmalen darzustellen: 18
Er unterteilt das Evangelium nach Matthäus in sieben Abschnitte, beginnend mit einem Prolog (Mt 1,1-4,22), in dem die Kindheitsgeschichte sowie der Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu berichtet werden. Der zweite Teil (Mt 4,23-9,38) ist gekennzeichnet durch die Bergpredigt und die Wundertaten Jesu. Die Auseinandersetzung Jesu mit einzelnen jüdischen Gruppen folgt im dritten Teil (Mt 10,1-13,53). Daran anschließend folgen in Mt 13,54-16,12 weitere Streitgespräche sowie weitere Wunderberichte. Unter der Überschrift „Der Messias und die Bedingungen der Nachfolge“ 19 fasst BROER Mt 16,13-23,39 zusammen. Den Abschluss des Evangeliums bilden die eschatologische Rede (Mt 24,1-25,46) sowie die Berichte über Passion, Kreuz und Auferstehung Jesu (Mt 26,1-28,20). Die in dieser Arbeit zu untersuchende Bibelstelle Mt 28,16-20 ist demnach der Abschluss des Matthäusevangeliums und die dort beschriebenen Ereignisse finden nach dem Tod des Judas und der Auferweckung Jesu statt. Für LUZ bildet das Jesuswort in den letzten Versen des Evangeliums den „Höhepunkt der mt Ostergeschichte.“ 20 Darüber hinaus finden sich hier alle theologischen Grundanliegen des Matthäusevangeliums noch einmal gebündelt wieder, sodass beim zeitgenössischen Leser diverse Assoziationen hervorgerufen wurden. 21 Hierauf werde ich im folgenden Kapitel näher eingehen.
3. Analyse der Bibelstelle
Das Ende des Matthäusevangeliums bietet dem Leser im Vergleich zu den Erscheinungsgeschichten der anderen Evangelien eine „Zusammenfassung der Osterbotschaft und eine Art Summarium“ 22 . Im eigentlichen Sinne handelt es sich hierbei allerdings wohl eher nicht um eine Erscheinungsgeschichte, da die Umstände des Erscheinens des Auferweckten nicht näher beschrieben werden. 23 Zudem fehlen
18 Vgl. hierzu und zum Folgenden: I. BROER, Einleitung, 101.
19 Ebd.
20 U. LUZ, Das Evangelium nach Matthäus, 429f.
21 Ebd., 436.
22 A. VÖGTLE, Das Ostergeheimnis. Schlüssel zur Botschaft des Matthäus, Neuausgabe, Freiburg im Breisgau 1992, 13.
23 Vgl. hierzu und zum Folgenden: G. BORNKAMM, Studien zum Matthäus-Evangelium, Neukirchen-Vluyn 2009 (WMANT; 125), 96.
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Arne Loewenich, 2011, Der Auftrag der Judenmission im Matthäusevangelium?, München, GRIN Verlag GmbH
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