SE Identität und Sprache Sara Claire Kerschbaumer
WS 2008/2009
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S.3
I. Zum Identitätsbegriff S.3
II. Gruppenidentität, Sprache und Nationalität S.4
II.I Nationalsprachen oder sprachlicher Nationalismus 5
III Identität und Mehrsprachigkeit S.6
III.I. Unfreiwillige Mehrsprachigkeit bei Migration S.7
III.II Freiwillige Mehrsprachigkeit S.7
IV. Sprachenbiografie S.8
IV.I Methodenwahl und Zielsetzung S.9
IV.I.I Semistrukturiertes Interviews S.10
IV.I.II Die Sprachen S.11
IV.I.III Prozesse des Spracherwerbs S.11
V. Ergebnisse:
Faktoren der harmonischen Identitätsbildung S.14
V.I Sprach(selbst)bewusstsein S.14
V.II Aktive Mehrsprachigkeit S.15
Kommentar S.17
Transkription des Interviews S.18
Bibliographie S.24
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SE Identität und Sprache Sara Claire Kerschbaumer
WS 2008/2009 Einleitung
Im Allgemeinen gestaltet sich das Verfassen einer Seminararbeit immer mehr oder weniger nach demselben Schema: Ein Thema wird gewählt, die verfügbare Sekundärliteratur zum Untersuchungsobjekt gelesen und die Ergebnisse nach formulieren einer Leitfrage in einer Synthese des Gelesenen zusammengefasst. Bei dieser Seminararbeit steht im Zentrum aber das Spracheninterview, welches sich mit dem Thema Sprache und Identität auseinandersetzen soll. Dabei ist das Interview selbst „Untersuchungsobjekt“; Sprache und Identität, das bedeutet ein Wechselspiel der Einflussbereiche, denn einerseits kann die Sprache die Identität formen; und umgekehrt die Identität den Sprachgebrauch.
Durch das Beispiel der Sprachenbiografie (also hier spezifische jener der interviewten Person), soll die Diversität des Sujets illustriert und einige Theorien zur Konstruktion von Sprache und Identität sowie der Bedeutung von Mehrsprachigkeit präsentiert und diskutiert werden. Dabei sollen einerseits die Erscheinungsformen der Identität im Rahmen von Gruppengefügen festgehalten und andererseits die Besonderheiten eines Lebens mit und in den verschiedenen Sprachen gezeigt werden. Im Zentrum stehen hier das mehrsprachige Individuum und sein ganz persönlicher Umgang mit Mehrsprachigkeit in seiner Umgebung; dabei sollen Faktoren die zu einer „gelungenen“ Mehrsprachigkeit beitragen können besonders hervorgehoben werden.
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SE Identität und Sprache Sara Claire Kerschbaumer
WS 2008/2009
I. Zum Identitätsbegriff
In der Fachliteratur zum Thema Identität (und Sprache) sowie in den unterschiedlichen Lexika findet man zahlreiche Definitionen und Erklärungen zum Identitätskonzept, wobei keines einen ausschließlichen Gültigkeitsanspruch hat. Typischerweise ist [mit Identität] eine Art Selbstähnlichkeit gemeint, die zeitliche ‚Abschnitte’ einer Person miteinander verknüpft, zeitliche Abschnitte, in denen sich die Person in irgendeiner Weise zeigt […] Identität in diesem Sinn ist daher dasjenige, was einen Menschen zu dem macht, als der er sich zeigt. 1
Das oben gewählte Beispiel schien mir unter den verschiedenen Ansätzen, die ich gelesen habe, besonders gelungen, weil hier die oft vernachlässigte Dimension der Zeit eingeführt wird. Denn Identität kann sich über bestimmte Zeiträume definieren: Bestimmte Lebensabschnitte bringen unterschiedliche Eigenschaften hervor und gerade weil der Mensch sich verändert ist der Identitätsbegriff so variabel wie die Persönlichkeit. Wenn Identität dasjenige ist, als was der Mensch sich zeigt, dann muss man von einer äußeren und einer inneren Identität ausgehen. Die äußere Identität zeigt sich dann darin was als Persönlichkeit oder Charakteristik einer Person wahrgenommen wird. Dabei wirkt diese „Außensicht“ natürlich auch auf die eigene Persönlichkeit zurück, denn durch Kenntnis der Charakterisierung anderer Personen verändert sich auch das Selbstbild, sodass die Grenzen zwischen zugewiesenen Persönlichkeits-Merkmalen und Selbstwahrnehmung variabel sind. Dass eine Person verschiedene Eigenschaften in sich vereint, kann zur Identifikation mit oder zur Abgrenzung zu anderen relevant werden.
Interessant ist hier auch der Aspekt der gruppenbezogenen Identität: Der Mensch als soziales Wesen kann nicht als isoliert betrachtet werden, sondern vielmehr formt sich seine Identität (u.a.) durch die Zugehörigkeit oder Abgrenzung zu unterschiedlichen Gruppen. Diese Gruppen verschieben, überlappen ergänzen einander und können durchaus auch widersprüchliche identitätsstiftende Eigenschaften besitzen. Generell
1 Wilhelm Oppenrieder, Maria Thurmair: Sprachidentität im Kontext von Mehrsprachigkeit. S. 40 (S.
39-60)
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lässt sich festhalten, dass die individuelle Identität sich neben den personellen Faktoren auch aus Teilaspekten dieser Gruppenzugehörigkeiten zusammen setzt.
II. Gruppenidentität, Sprache und Nationalität
Die Gruppenidentität kann wiederum von außen oder von innen zugeschrieben werden. Dabei können Selbst- und Fremdwahrnehmung durchaus entgegengesetzt sein. Im Falle meines Interviewpartners war es beispielsweise so, dass er von Freunden/Lehrern/etc. als Österreicher wahrgenommen wird. Er selbst sieht sich aber als in Österreich lebender Schweitzer. Gerade im Rahmen von Gruppenidentität spielt die Sprache oft eine Identitätsstiftende Rolle, da sie oft die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe symbolisiert. Dabei kann diese Abgrenzung von dialektalen Varietäten und verschiedenen Soziolekten bis hin zu unterschiedlichen Einzelsprachen reichen. Da gerade in Europa monolinguale Nationalstaaten 2 bzw. Nationalstaaten die den Eindruck der Monolingualität vermitteln wollen, zahlreich vertreten sind, wird die Sprache oft als wesentlicher Faktor der Identitätsstiftung angesehen; Damit die sprachliche Identitätsbildung auf der Ebene der Gruppe gelingt, muss nach dieser Vorstellung auch das einzelne Gruppenmitglied die identitätsstiftende Funktion der einen Sprache anerkennen- identitätsstiftend sowohl auf der Ebene der Gruppe wie auf der des Individuums. 3 Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation impliziert hier die Annahme der (natürlichen) Einsprachigkeit. Andere Sprachen sind nur relevant und erwünscht, wenn sie im Rahmen der Ausbildung erlernt werden, wobei hier das schulische Curriculum Sprachen mit „hohem Marktwert“ (z.B. Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Russisch, Chinesisch, Japanisch) favorisiert. eine eventuelle natürliche, ‚wildwüchsige’ 4 Mehrsprachigkeit wird hier als Bedrohung der Identität aufgefasst. Als
2 Also Staaten, die bloß eine Einzelsprache als Amtsprache und Landessprache anerkennen, wie z.B.
in Frankreich ausschließlich Französisch.
3 Siehe vorangehendes Zitat: S. 43.
4 Hier sind einerseits die Mehrsprachigkeit durch das Aufwachsen mit verschiedenen Muttersprachen,
andererseits die Mehrsprachigkeit durch erwerben einer Sprache außerhalb eines institutionalisierten,
‚verschulten’ Prozesses gemeint, also Sprachen die erworben und nicht erlernt wurden.
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Basis einer ‚gesunden’ Identität wird daher von einer Muttersprache ausgegangen, auf der die anderen Fremdsprachen- allen voran Englisch- aufgebaut werden sollen. Als mehrsprachiger Sprecher und als mehrsprachige Sprecherin wird von der einsprachigen Gruppe die Mehrsprachigkeit als inkompatibel mit den Vorstellungen der einsprachigen Gruppe gesehen (sprachlicher Nationalismus). Beispielsweise ist hier zu nennen, dass in Österreich immer vehementer „Deutsch zuerst“ eingefordert wird, sodass etwa das Ablegen einer Deutschprüfung für Einwanderer obligatorisch geworden ist. Das steht im Gegensatz dazu, dass Österreich eigentlich kein einsprachiger Nationalstaat ist, sondern, wie Thomas Klestil das anlässlich einer Festrede 1996 formulierte, eine ‚Willensnation’; also eine Nation die sich nicht durch eine bestimmte Sprache, Kultur oder Abstammung definiert, sondern vielmehr durch den Willen Österreich(erIn) zu sein. 5
II.I Nationalsprachen oder sprachlicher Nationalismus
Das Konzept der 1) Willennation mit einer oder mehreren Nationalsprachen steht hier dem Konzept des 2) sprachlichen Nationalismus 6 gegenüber. Im ersten Fall konstituiert sich z.B. die Gruppenidentität „ÖsterreicherIn“ eben nicht (nur) durch die Sprache; bzw. wird das Konzept mehrerer Nationalsprachen nicht als Bedrohung für die Identität einer Nation angesehen, sondern vielmehr als Bereicherung und Vielfalt des Ausdrucks innerhalb einer Gruppe. In diesem Fall steht gerade die Vielfalt als Identitätsmerkmal zu Verfügung. Andererseits kann es auch einfach bedeuten, dass die Sprache(n) nicht als dominanter Faktor in der Identitätskonstruktion der Gruppe gesehen werden. Im sprachlichen Nationalismus wird politische Identität durch eine sprachliche Einheit definiert, in der die Einsprachigkeit als Synonym für die Nationalität steht. Das ist etwa in Frankreich der Fall ist, wo sogar territoriale, nicht migrationsbedingte Minderheitensprachen durch ihre bloße Existenz als Bedrohung der nationalen Einheit angesehen werden. Ganz anders gestaltet sich die Politik der Mehrfachzugehörigkeit 7 , die dem Phänomen der modernen Gesellschaft mit erhöhter Mobilität und daher stärkerer (Sprach/Kultur/etc.-)Migration gerecht werden soll. Die Anerkennung dieser Verschiedenheit äußert sich auf nationaler Ebene in
5 Vgl. De Cillia, Woelak: Sprachen und Identitäten. S. 72. (S. 72-84.)
6 Vgl. Verwendung der Termini nach Signan: Nationalsprachen und sprachlicher Nationalismus. (S. 33
-55)
7 Mehrfachzugehörigkeit: Die Mitgliedschaft in verschiedenen Gruppen, auch solche mit
widerstreitenden Interessen, ist in modernen Gesellschaften durchaus vorgesehen -bei der
nationalen Zugehörigkeit sind aber die meisten Nationen auch heute noch sehr empfindlich […]
Vgl. Paul Mecheril: Politik der Mehrfachzugehörigkeit. Kapitel VIII. S. 388
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Sara Claire Kerschbaumer, 2009, Sprachenbiographie, München, GRIN Verlag GmbH
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