1) Vorwort
Die vorliegende Hausarbeit hat die Philosophische Anthropologie der deutschen Anthropologen Helmut Plessner und Arnold Gehlen zum Inhalt und Thema. Ich werde mich daher dezidiert mit den anthropologischen Konzeptionen Plessners und Gehlens auseinandersetzen, mit besonderem Augenmerk auf das Bild vom Menschen, welches die beiden Anthropologen entwerfen. Ich zitiere dabei aus der Primärliteratur. Doch der Schwerpunkt dieser Arbeit soll bei einem Vergleich der Thesen Plessners und Gehlens liegen.
Ich beginne meine Arbeit mit einem einführenden Text zur philosophischen Anthropologie, welche als eine Disziplin der Philosophie zu betrachten ist, wie beispielsweise auch die Ethik oder Metaphysik. Es gilt festzuhalten, dass es sich bei der philosophischen Anthropologie um eine relativ junge Disziplin handelt, welche im späten 19., frühen 20. Jahrhundert als Reaktion auf den Verlust von Weltorientierung entstand, d. h. vor dem Hintergrund Darwins Evolutionstheorie und der damit einhergehenden „biologischen Kränkung“ (s. Freud).
Es ist jedoch zwischen philosophischer Anthropologie als Disziplin der Philosophie einerseits und Philosophischer Anthropologie andererseits als Schule, Denkrichtung innerhalb dieser Disziplin zu unterscheiden, welche im 20. Jahrhundert begründet wurde. Meine Arbeit beschäftigt sich nun mit dieser Denkrichtung, wie sie in Deutschland u. a. von H. Plessner und A. Gehlen betrieben wurde
Bevor ich die Anthropologien Plessners und Gehlens näher erläutere, gebe ich einige biographische Notizen zu den beiden und komme abschließend zu dem Teil, in welchem ich die Konzeptionen Plessners und Gehlens miteinander vergleiche.
Es folgt ein Fazit, in dem ich die während meiner Arbeit gewonnenen Kenntnisse nocheinmal resümiere. Den Abschluss meiner Arbeit bildet ein Literaturverzeichnis.
2
2) Philosophische Anthropologie- eine Einführung
Der Begriff der Anthropologie bezeichnet die „Lehre vom Menschen“. Schon in der Antike hat sich der Mensch (griech. ἄνθρωπος) Gedanken über sich
selbst, sein Verhältnis zur ihn umgebenden Welt und zu anderen Lebewesen, sowie zu vermuteten höheren Mächten gemacht. Zu jener Zeit wurden komplexe Theorien des Menschen entwickelt und wegweisende Aussagen gemacht. Aristoteles etwa definierte den Menschen als zõon politikón, d. h. als ein in staatlich verfassten Gesellschaften lebendes Wesen. Aber auch als zõon lógon échon bzw. animal rationale, ein Lebewesen welches über Sprache und Vernunft verfügt und somit Vorstellungen von Gut und Schlecht hat. Obwohl die Anthropologie in diesem Sinne bis in die Antike zurückreicht, verstand man sie dort jedoch nicht als Teil oder als Disziplin der Philosophie. 1 Wissenschaften, welche primär den Menschen behandelten, entstanden relativ spät, d. h. seit Ende des 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit beginnt die systematische empirische Erforschung des Menschen, häufig angetrieben durch die Arbeiten von Ärzten, Pädagogen oder Forschungsreisenden wie von Humboldt.
In welcher Form die Anthropologie sich jedoch als selbstständiges Fach etablierte, hing von der jeweiligen nationalen Kultur und den zeitlichen Gegebenheiten und Umständen ab. 2
Die philosophische Anthropologie ist einerseits eine sehr alte Disziplin der Philosophie, antiken Ursprunges, insofern sie wie die griechische Tragödie Reflexionen über das Wesen des Menschen anstellt. Andererseits ist die philosophische Anthropologie als ausgearbeitete Spezialdisziplin, als Anthropologische Philosophie, ein Kind des 20. Jahrhunderts. 3
In dem Begriff „ἀνθρωπολογία“ ist das Wort „λόγος“ enthalten, welches besagt: Wort, Rede über die sich Rechenschaft ablegen lässt.
1 Handbuch Anthropologie, Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik, Hrsg. u. a. C. Thies, S. 1.
2 Christian Thies: Einführung in die Philosophische Anthropologie, S. 13ff.
3 Georg Scherer: Philosophische Anthropologie, in: Vittorio, Hösle (Hrsg.): Faszination Philosophie S. 5.
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Anthropologie will also Untersuchungen anstellen, welche zu begründeten Aussagen über den Menschen führen. 4
Von der philosophischen Anthropologie wird jedoch keine Definition vom Menschen erwartet, stattdessen soll sein Wesen bestimmt werden 5 , spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie, welche den Menschen in eine kontinuierliche Entwicklungsreihe mit den Tieren gestellt hatte 6 und der Mensch somit eine biologische Kränkung erfahren musste, wie Siegmund Freud sich ausdrückte. 7 Die philosophische Anthropologie kann nur sagen, wie Menschen sind und sein können. Dabei ist jedoch jede normative Begrifflichkeit zu vermeiden, da dies dem Bereich der Moralphilosophie bzw. Ethik angehört. 8
3) Helmut Plessner
3.1) Biographie- Leben, Werk und Wirkung
Plessner wurde am 4. September 1892 als Sohn eines Arztes in Wiesbaden geboren. Der Vater war ein Jude aus Berlin und konvergierte 1893 zur evangelischen Kirche, die Mutter stammte aus einer reformiert protestantischen Familie.
1910 begann Plessner ein Studium der Medizin, Zoologie und der Philosophie in Freiburg i. B., Göttingen und Heidelberg. 1913 erschien seine erste philosophische Publikation. 1916 folgte seine philosophische Dissertation in Erlangen. 1920 habilitierte Plessner sich an der neuen Universität zu Köln. 1926 wurde Plessner außerordentlicher Professor in Köln in nächster Umgebung zu Max Scheler, welcher als einer der Begründer der deutschen Philosophischen Anthropologie gilt.
4 Georg Scherer: Philosophische Anthropologie, S. 8.
5 Thies: Einführung, S. 10ff.
6 Scherer: Philosophische Anthropologie, S. 5.
7 Thies: Einführung, S, 139.
8 Ebd. S. 12.
4
1928 erschien sein Hauptwerk: „Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie“, 9 in dem Plessner versucht, die Philosophische Anthropologie als Fundamentalwissenschaft zu begründen. 10 Aufgrund seiner halbjüdischen Abstammung durfte Plessner ab April 1933 nicht mehr unterrichten und wurde noch im selben Jahr 1933 aus dem Hochschuldienst entlassen. Er ging zunächst nach Istanbul. 1934 floh er nach Groningen, wo er ab 1939 an der Rockefeller-Foundation Soziologie lehrte. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande wurde Plessner 1943 erneut entlassen und verbrachte den Rest de Krieges im Amsterdamer Untergrund. 1945 wurde Plessner wieder in Groningen ernannt und ein Jahr später erhielt er eine ordentliche Professur für Philosophie. Auf dem III. Deutschen Philosophen-Kongresses 1950 in Bremen wurde er zum ersten Präsidenten der dort gegründeten Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland gewählt. 1952-61 wurde Plessner Professor an dem neu gegründeten Institut für Soziologie in Göttingen. Weiterhin 1962/3 war Plessner der erste Inhaber der Theodor- Heuss- Professur an der New School of Social Research (New York) und hatte von 1965 bis 1972 einen Lehrauftrag für Philosophie in Zürich. Plessner starb im Juni 1958 in Göttingen. 11
3.2) Exentrische Positionalität
Im Mittelpunkt von Plessners Werk steht der Versuch einer Philosophie des Lebendigen. 12 Den Ausgangspunkt bilden dabei die Fragen Was unterscheidet belebte von unbelebten Phänomenen? und Wie organisieren sich lebendige Phänomene?
Die erste Antwort findet Plessner im Begriff der Grenze, die Abgrenzung des Organischen vom Anorganischen: im Unterschied zu anorganischen Körpern haben Organismen ein Verhältnis zu ihrer Umwelt, welches über ihre Grenze reguliert wird;
9 Christian Thies(Hrsg.): Handbuch Anthropologie. Der Menschen zwischen Natur, Kultur und Technik, Art: Helmut Plessner, Leben, Werk und Wirkung, S. 63ff.
10 Einführung Philosophische Anthropologie, S. 35.
11 Handbuch Anthropologie, Art: Helmut Plessner, Leben, Werk und Wirkung, S. 64ff.
12 Mensch und Kultur. Klassische Texte der Kulturphilosophie, S. 194.
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Arbeit zitieren:
Alexander Dumitru, 2011, Philosophische Anthropologie, München, GRIN Verlag GmbH
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