Inhaltsverzeichnis
1. Prolog 2
2. Der politische Skandal zwischen Naturalismus und Handlungstheorie 4
3. Definition des politischen Skandals 5
4. „Symbole“ und „Politische Kultur“ 7
5. Fazit S 10
1. Prolog
Die Zeitschrift „Auf dem Wege zur Zivilgesellschaft - 50 Jahre Bundesrepublik“ enthielt in ihrer Ausgabe 3/1999 einen Aufsatz von Jürgen Appel 1 über die Rolle der „Massenmedien in der Zivilgesellschaft“. Der Abteilungsleiter im Fernsehen des Südwest-Rundfunks reflektiert das „Beispiel Deutschland“ anhand von insbesondere zwei Fallanalysen, nämlich der „Spiegel-Affäre“ als Bewährungsprobe für Demokratie und Rechtsstaat einerseits und dem Phänomen der Meinungsmonopolisierung durch die Springerpresse andererseits. Appels Credo ist entsprechend seiner Position als Vertreter der Medienmacht „Fernsehen“ eher optimistisch - so wird der Ausgang der Spiegel-Affäre mit dem „Ende vom Lied“, d.h. dem Ende der politischen Karriere Franz Josef Strauß’ als Verteidigungsminister, als Sieg des „Sturmgeschütz[es] der Demokratie“ gedeutet, wie Herausgeber Rudolf Augstein die Aufgabe seines „Spiegels“ einmal bezeichnete. Ebenso ist Appel versucht, die Gefahr der Monopolbildung dadurch reduziert zu sehen, daß durch Föderalismus garantierte Pluralität bestünde; sein dabei auch bereits für 1999 etwas realitätsfern wirkendes Votum für das informativere Öffentlich-Rechtliche Fernsehen basiert dabei offenbar auf der Annahme, daß der „Anteil von ARD und ZDF an der kontroversen politischen und gesellschaftlichen Meinungsbildung, für eine lebendige und stabile Demokratie unerläßlich, [...] nicht hoch genug eingeschätzt werden“ könne.
Immerhin scheint diese „Irritation“, wie sie ein Leser dieses Aufsatzes entwickeln könnte, auch den Autor selbst betroffen zu haben, leitet er doch seine Argumentationsführung schließlich über zu einem Fazit mit dem Titel „Die Gefahren des Fernsehens“, welches durch das einleitende Strukturelement „Trotz alledem:“ in gewisser Weise losgelöst von allem Vorherigen erscheint. Der dem Wettbewerb liberal überlassene Auswahlprozeß der kommerziellen Medien führe als „Kampf um die Quote“ zur „Verflachung des Programms“. Diese These kann Appel aber offenbar bloß mit moralischen Empörungen über sexuelle Perversionen und Gewalt im Quoten-TV sowie apokalyptischen Zitaten von Roman Herzog („flächendeckende[.] Volksverdummung“) und Neil Postman („rapider Verfall der menschlichen Urteilskraft“) untermauern.
Jene „Irritation“ ist nun mehr als bloße Parteilichkeit oder Voreingenommenheit eines Autors, gerade dieser „Bruch“ zwischen „eigentlicher“ Argumentation und Fazit oder - analytisch gesehen - der Perspektivenwechsel zwischen Jürgen Appel als Vertreter einer Medienanstalt
1 Jürgen Appel: Massenmedien in der Zivilgesellschaft, in: LpB Baden-Württemberg (Hg.), Auf dem Wege zur Zivilgesellschaft - Bundesrepublik Deutschland 50 Jahre - Bürger im Staat, Heft 3 / 1999, Zitate ohne Seitenangabe; online unter: http://www.lpb.bwue.de/aktuell/bis/3_99/zivil4.htm
und Jürgen Appel als mediatisiertem Bürger einer demokratisch konstituierten Öffentlichkeit legt eine Kluft offen. Gerade diese kann einen ersten Eindruck vermitteln, welche Problematik besteht beim Phänomen des Skandals überhaupt. „Skandalöses“ im weitesten Sinne des Wortes begegnet zunächst auf beiden Seiten der Kluft - Spiegel-Affäre und Springerpresse hier, „Unterhaltungsindustrie“ als demokratiegefährliches
„Zerstreuungsgeschäft“ mit quotengünstigen Skandalen dort.
Doch auf diese Weise von „Skandalen“ zu reden, bietet wenig Analysepotential, den Skandal als politisches Phänomen zu begreifen noch einen politischen Skandal genau eingrenzen zu können. Im folgenden soll nun eine - eher soziologische als politologische - Definition dargebracht und untersucht werden, die versucht, das Phänomen des politischen Skandals für die Forschung zu operationalisieren. Gegen Ende soll dann versucht werden, Stärken und Schwächen dieses Ansatzes, den Dirk Käsler als Grundlagenkapitel „Der Skandal als Politisches Theater“ seinem Buch „Der politische Skandal - zur symbolischen und dramaturgischen Qualität von Politik“ voranstellt, herauszuarbeiten unter Rückbezug auf jene „Irritation“ des Medienvertreters Jürgen Appel.
2. Der politische Skandal zwischen Naturalismus und Handlungstheorie
Es darf vorweggenommen werden, daß Käslers Einschätzung des Magazins „Spiegel“ nicht ganz so optimistisch ausfällt, wie es bei Appel der Fall war. Jedoch muß auch dieses vorweggenommene Urteil Käslers in Hinsicht auf jene „Irritation“ betrachtet werden, die man in bezug auf dieses Polit-Magazin vielleicht als das „Enzensberger-Paradoxon“ bezeichnen könnte. So erscheint Hans Magnus Enzensberger mit seinem „Ritual der Kritik“ einerseits als derjenige, der 1957 den „Spiegel“ und seine Sprache verwirft 2 , andererseits wird er als „ein Intellektueller ohne Positions- und Parteienzwang, dessen Generalisierungen als Pflichtlektüren für jedermann ausgelegt werden; [als] einer, der sich in der Tradition der Aufklärung noch dort befindet, wo der aufklärerische Gestus zum bloßen Diskurs-Design im publizistischen Marktgewimmel verkehrt“, eben gerade dann „zeitweilig zu einem der gefragtesten ‚SPIEGEL’-Autoren“ 3 .
Auch Käsler leitet nun seine Theorie über ein Lektürebeispiel dieses Magazins ein; in der Nr. 41 des Jahres 1988 erschien im „Spiegel“ der deutsche Vorabdruck des Buches „The Power Game“ von Hedrick Smith: „Unter dem Stichwort ‚Die Video-Präsidentschaft’ enthüllte darin der Washingtoner Korrespondent der ‚New York Times’ die Mechanismen und das Personal des Medien-Stars Ronald Reagan [...]“. Der „Spiegel“-Kommentar deutete das Ereignis als
2 Vgl. Hans Magnus Enzensberger: Einzelheiten I: Bewußtseinsindustrie. Frankfurt a.M. 1964.
3 So beurteilt ihn ein Online-Text des Goethe-Instituts, http://www.goethe.de/ne/hel/enz6.htm, Link 21.7.2003
Arbeit zitieren:
Christoph Wagenseil, 2003, Der Skandal als politisches Phänomen, München, GRIN Verlag GmbH
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