Gliederung
1. Einleitung 1
2. Einschätzung des Forschungsstandes zu Xerxes und den Persern 2
2.1 Xerxes in der Forschung 2
2.2 Das Perserbild der Griechen 5
3. Die griechische Tragödie und die Perser 9
3.1. Eine Einordnung 9
3.2. Hybris - ein Exkurs 10
4. Xerxes - ein Verhandlungsfall 12
4.1. Verantwortung in der griechischen Tragödie 12
4.2. Vermessenheit und Übermaß - Motive als Indizien 14
4.3. Xerxes als Warnung an Athen? 20
4.4. Xerxes und Verantwortung - Versuch eines Herleitens 21
5. Herodot als Folie 23
5.1 Exkurs zur Glaubwürdigkeit Herodots 23
5.2 Xerxes zwischen Herodot und Aischylos - Ein Vergleich 24
6. Fazit 28
7. Bibliographie 30
1. Einleitung
In einer Rezension zu einem kürzlich erschienen Roman ist bezüglich des Protagonisten folgendes zu lesen:
„Veredelt wird der Edelnazi auch durch das intertextuelle Spiel des Romans mit der des Aischy-los, das noch viele Doktorarbeiten alimentieren wird. Aue als Orest, die beiden Polizisten, die
Aue als Muttermörder überführen, in der Rolle der Erinnyen (auf Deutsch der »Wohlgesinn-ten«), die Zwillingsschwester Una, der Aue inzestuös verfallen ist, als Elektra und so weiter - all
das sind hochkulturelle Köder, nach denen die Interpreten schnappen wie der Fisch nach dem
Wurm an der Angel. Doch das literaturgeschichtliche Veredelungsprogramm mag noch so virtu-os inszeniert sein. Seine Botschaft ist zweifelhaft: Wenn Aue ein antiker Held oder diesem doch
vergleichbar ist, hat seine Tragik mythologische Ausmaße. Sie ist schicksalsgegeben, unerreich-bar für die christliche Verantwortungsethik.“ 1
Die Autorin geht offenkundig von einem zweigeteilten Bild von Verantwortung im modernen und im antiken Sinne aus. Auf der einen Seite die intersubjektiv nachvollziehbare moderne Logik von Handlung und Wirkung und auf der anderen Seite die qua Fatum prädestinierte antike Tragik. Ein moderner Kriegsverbrecher trägt die volle Verantwortung für sein Wirken, daß er durch eigene Entscheidungen bestimmt hat, während der antike Held dem Wirken höherer Mächte ausgeliefert und somit schuldunfähig ist. Während also die moderne Welt dem Subjekt - auch unter Extrembedingungen - volle Schuldfähigkeit zumißt und zumessen muß, um sich von der Barbarei des blinden Wütens der menschlichen Natur abzusetzen, ist der griechische Held - und wenn dieser, dann doch wohl erst recht der Barbar im griechischen Sinne - schon durch sein Barbarsein von aller Schuld rein. Es tut sich ein Spannungsfeld zwischen der modernen Rechtskonstruktion der Schuldfähigkeit des mündigen Individuums und der postulierten antiken Vorstellung von prädestinierender Einmischung höherer Mächte auch in die tiefsten Sphären menschlichen Fühlens und Denkens auf.
Hier wird gleichsam im antik-modernen Brückenschlag eine Frage angesprochen, die die Menschen seit jeher beschäftigt und die Leitmotiv dieser Untersuchung von „DIE PERSER“ des Aischylos sein soll: Wieviel Schuld trägt der Mensch - im Fall der vorliegenden Untersuchung speziell der Xerxes` des Aischylos - an seinen Handlungen und deren Konsequenzen. Während der moderne Mensch aus Gründen der Gesellschaftsraison mehr Verantwortung tragen muß als er möglicherweise kann, ist diese Frage aus
1 Radisch, Iris: Am Anfang steht ein Missverständnis, http://www.zeit.de/2008/08/L-
Littell-Radisch?page=2, 26.02.2008, 13:32.
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antiker Sicht, so scheint es, sehr viel offener.
Diese universelle Frage soll in der vorliegenden Untersuchung im Sinne der Zeitgenossen des Aischylos betrachtet werden, das heißt, daß „DIE PERSER“ hier nicht als Beitrag zum generellen Prozeß der menschlichen Selbsterkenntnis, sondern als Mittel zum Verständnis antiker Vorstellungen dienen werden.
Um jedoch von einer Frage von moralischem Charakter zu einer von historischanalytischem zu gelangen, muß, statt von Schuld, von Verantwortung die Rede sein, da dieser Terminus die Ursächlichkeit von Konsequenzen in den Handlungen eines klar definierbaren Subjekts hervorhebt. Ein modernes populäres Antikenbild, wie es etwa die oben zitierte Autorin vertritt, soll damit kritisch hinterfragt werden. Als Analyseinstrument dient der Untersuchung eine Synthese der vorzustellenden Thesen von Rosenbloom und Schmitt zur griechischen Tragödie im Allgemeinen und zu „DIE PERSER“ von Aischylos im Speziellen. Es wird eine Aufgabe dieser Arbeit sein, die stückimmanenten Entscheidungsspielräume Xerxes‘ auszuloten, um zu klären inwieweit Aischylos dem Perserkönig Schuld, bzw. Verantwortung zuschreibt. Zusammenfassend gesagt, soll die vorliegende Untersuchung also zwei konkrete Fragen klären, nämlich erstens, ob Xerxes im Sinne Rosenblooms als Personifikation eines historischen Zustandes gelten kann und zweitens inwieweit ihm in „DIE PERSER“ als Verkörperung dieses Zustandes Entscheidungsspielräume gegeben sind, das heißt ob er Schuld bzw. Verantwortung am eigenen Verderben trägt. Zunächst aber soll ein kurzer Überblick über Stand und Probleme der Forschung zur Person des Xerxes und zum griechischen Perserbild gegeben werden. Weitere für diese Arbeit wichtige Fragestellungen und Phänomene werden im Verlauf exkursorisch erörtert.
2. Einschätzung des Forschungsstandes zu Xerxes und den Persern
2.1 Xerxes in der Forschung
Xerxes zählt sicherlich zu den bekanntesten Figuren der Antike. Insofern überrascht es zunächst, daß es bisher an umfangreichen Darstellungen zum Perserkönig mangelt. Dies läßt sich nach Meinung des Autors dieser Arbeit vor allem durch zwei Faktoren erklären. Zum einen ist Xerxes als Perser nicht in einem solchen Maß von Interesse für griechisch-westlich geprägte Historiker, wie das bei Figuren wie etwa Alexander der Fall ist. Zum anderen, und dies ist sicherlich noch wesentlich bedeutender, ist die Quellenla-
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ge im Vergleich zu ähnlich bekannten Figuren eher dürftig: Herodot beschreibt Xerxes in seinen Historien, Aischylos macht ihn sogar zum tragischen Helden seines Dramas „Die Perser“. Und dennoch fehlen tiefergehende Beschreibungen und Darstellungen des Lebens und Handelns des Königs. Jedoch bieten auch die vorliegenden Quellen, zu denen seit Mitte des letzten Jahrhunderts auch persische, neu entdeckte Inschriften des Xerxes selbst gehören, 2 immerhin genug Material um zumindest eine grundlegende Darstellung zu bieten.
Schließlich gab es auch deshalb immer wieder kleinere Forschungsarbeiten, die Xerxes in den Focus nahmen.
Kienast beschäftigte sich bereits 1967 mit „Xerxes“ und 1970 schrieb Mayrhofer in einem Aufsatz über den „König der Könige“. Später wurden die Rolle des Perserkönigs bei Salamis und seine Entscheidung zum Krieg näher beleuchtet. Vor allem die Darstellung Xerxes‘ bei Herodot fand Aufmerksamkeit, aber auch dem Xerxes in „Die Perser“ wurde Beachtung geschenkt.
Vergleichsweise aktuell sind vor allem die Aufsätze von Sancisi-Weerdenburg und Granger, aber auch die Arbeit von Chiaki Matsudaira verdient noch eine nähere Betrachtung.
Sancisi-Weerdenburg 3 zeigt auf, daß der scheinbar relativ gute Wissensstand zu Xerxes in der Realität noch immer stark durch das herodotisch-griechische Bild vorgeprägt ist. Sie klagt darüber, daß die akademische Forschung sich sich auf ein Xerxes-Bild eingeschossen habe, daß den Perserkönig zum unwürdigen Nachfolger seines Vaters und zu einer bloß zweitrangigen Persönlichkeit erkläre. Xerxes werde hauptsächlich als schwacher Charakter, geprägt von religiösem Fanatismus, Luxus- und Prunksucht und einer Schwäche für das weibliche Geschlecht beschrieben. Statt nach einem Gegenbild zu griechischen Darstellungen zu fahnden, habe die Forschung in den raren persischen Quellen nur nach Bestätigung für bereits vorhandene Vorurteile gesucht. Dem setzt Sancisi-Weerdenburg entgegen, daß gerade der postulierte Charakter Xerxes lediglich auf Beschreibungen Herodots beruhen, der diese nur durch Hören-Sagen hat verfassen können und die zudem von ethnozentrischen Voraburteilen geprägt sind. 4
2 Dazu findet sich genaueres vor allem in den Publikationen Sancisi-Weerdenburgs von 1980 und 1989.
3 Vgl. Sancisi-Weerdenburg, The Personality of Xerxes, S. 549-558.
4 So ließe sich aus dem Fakt, daß Xerxes die Schlacht von Salamis inaktiv und im Sitzen verfolgt habe
keinerlei spezielle persönliche Schwäche ableiten. Jedes Verhalten des Perserkönigs sei möglicherweise
rituell oder kulturell in einem für die Griechen unverständlichen Code geprägt und sagt deshalb nichts
über seine Persönlichkeit aus. Vgl. Sancisi-Weerdenburg, 1989, S. 553 f. Seite | 3
Zudem seien einige der von Herodot beschriebenen Vorkommnisse, vor allem gerade solche die oft seine angebliche Schwäche gegenüber Frauen beweisen sollen, wohl eher aus anderen bekannten Geschichten zu großen Persönlichkeiten zusammenkomponiert und erschienen bei Herodot noch nicht einmal in einem so schlechten Licht wie dies zum Teil in der Forschung der Fall sei. Der Xerxes des Herodot, so Sancisi-Weerdenburg, sei eben genauso eine bewußte erzählerische Konstruktion, wie ein Produkt der Quellen des antiken Autors. Immer wieder werde das spätere Geschehen durch Hinweise, Symbole und Vorahnungen dramatisch vorweggenommen, Xerxes werde nicht sosehr Opfer seiner oft beschworenen Hybris, sondern sei als mehr oder weniger verantwortungsvoller Anführer seinem Schicksal ausgeliefert. Folgerichtig schließt Sancisi-Weerdenburg, daß es mit Blick auf die wenigen verfügbaren persischen Quellen eben gar nicht klar sei, wie, neben der bekannten griechischen Betrachtungsweise, die Perser selbst Xerxes eingeschätzt habe. Es könne nämlich durchaus sein, daß in Persien die Herrschaft Xerxes nicht als Anfang vom Ende sondern als glorreicher Höhepunkt achaimenidischer Herrschaft aufgefasst wurde.
Mit dieser letzten Aussage demonstriert Sancisi-Weerdenburg eindrucksvoll die Fragwürdigkeit der von ihr am Beginn ihrer Darstellung dargelegten Ansicht, daß zur Person des Xerxes ein fundierter Wissensstand bestehe. Die Absurdität, daß vermeintlich gesichertes historisches Wissen von der Realität möglicherweise komplett konterkariert würde, verdeutlicht, daß die Forschung zu Xerxes womöglich eher am Anfang als am Ende steht.
Sancisi-Weerdenburgs Argumentation ist schließlich durchaus schlüssig und zeigt, daß auch die historische Forschung selbst mit großem Abstand zu den Geschehnissen vor groben Vorurteilen nicht gefeit ist. Dennoch darf umgekehrt nun auch nicht der Fehler begangen werden, den von vermeintlicher griechischer Propaganda gereinigten Xerxes zum genauen Gegenteil der Beschreibungen, also zum großen Missverstandenen der antiken Geschichte, zu erklären. Für diese Arbeit ist dies jedoch eher ein Nebenschauplatz, da ja nicht der historische sondern der tragisch-aischylos’sche Xerxes untersucht wird.
Von diesem spricht auch Chiaki Matsudaira 5 , der den Xerxes des Aischylos, der ihm lediglich als „dummer, unbesonnener Jüngling“ 6 erscheint, scharf vom, ihm zufolge, viel feiner und positiver gezeichneten Xerxes des Herodot absetzt. Im Gegensatz zum
5 Vgl. Matsudaira, S. 289-297.
6 Matsudaira, S. 291.
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aischyleischen Xerxes zerstöre dieser nicht das Erbe seines Vaters, sondern folge vielmehr dessen Plänen und versuche sie als guter Sohn posthum umzusetzen. Letztlich beschreibt Matsudaira Xerxes, ganz nach dem von Sancisi-Weerdenburg kritisierten Muster, als einen Sohn, der der Größe seines Vaters nicht entsprechen konnte. Zwar habe Herodot Xerxes durchaus mit einem gewissen Wohlwollen betrachtet und ihn bisweilen sogar als großmütig dargestellt, dennoch fügt sich letztlich alles zum Bild eines irgendwie diffus weichlichen, beeinflussbaren und eitlen Herrschers. Matsudaira schlussfolgert, daß Xerxes „ein aufrichtiger, ein wenig überempfindlicher, im Innern aber warmherziger Mann“ 7 gewesen sei, der es verstanden habe „Herrscher zu spielen aber nicht, Herrscher zu sein.“ 8 . Leider sind es bereits die größten Erkenntnisse Matsudairas festzustellen, daß das Xerxes-Poträt des Herodot als seines größtes Meisterwerk gelten könne und daß die wahre Tragik der Geschichte darin bestehe, daß Xerxes schlicht der falsche König zur falschen Zeit gewesen sei und in friedlicheren Zeiten wohl als guter Herrscher durchgegangen wäre. Obwohl es sein klares ziel ist, den Xerxes bei Herodot darzustellen, setzen sich seine eigenen Urteile nicht klar von denen des Herodot ab und so muß der Eindruck entstehen, daß er dessen Bild zu großen Teilen teilt. Matsudaira bestätigt damit den Befund Sancisi-Weerdenburgs, daß in der Forschung allzu oft Komplizenschaft mit den griechischen Autoren zu konstatieren ist und daß ein ausgewogenes Xerxes-Bild noch immer fehlt. Ob dieses angesichts der einseitigen Quellenlage überhaupt erreicht werden kann, ist nach Ansicht des Autors dieser Arbeit jedoch zweifelhaft.
2.2 Das Perserbild der Griechen
Eines der Hauptprobleme der Perserforschung war es für lange Zeit, daß sie, wie Maria Brosius in ihrer 2006 erschienen Monographie zu den Perser feststellt vor allem auf einer modern-westlichen Sicht durch den Filter der klassisch-traditionellen Quellen basierte. 9 Erst seit relativ kurzer Zeit erfolge der Versuch, die Perser aus einer eigenständigen Sicht heraus wahrzunehmen. Dennoch hält Peter Green in seiner Darstellung der persisch-griechischen Kriege fest, daß es der neuere Stand der Forschung erlaube, weit-
7 Matsudaira,S. 296.
8 Matsudaira, S. 296.
9 Ein besonders prägnantes Beispiel hierfür ist etwa Kuhrt und Sherwin-White zu finden, die Xerxes Rol-
le als „Zerstörer der Heiligtümer“ näher beleuchten und nach einigen Korrekturen am bisherigen For-
schungsstand zu dem Schluß kommen: „we have all been caught in the web of Greek historiography.“,
Kuhrt/ Sherwin-White, S. 78. ; des weiteren kann allgemein, wie oben ausgeführt, die Forschung zur
Person Xerxes also Beispiel für diesen Mißstand gelten. Seite | 5
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Ullrich Müller, 2008, Der Perserkönig - Die Frage nach der Verantwortung des Xerxes für den persischen Fehlschlag in „Die Perser“ des Aischylos, München, GRIN Verlag GmbH
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