Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Gedächtnis, Erinnerung und ihre Orte 5
2. Jüdisches Leben in Berlin 7
2.1 Die Synagoge 8
2.2 Große Synagogen 9
3. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße 10
3.1 Die Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 12
3.2 Die Ruine in Ostberlin 13
4. Der Wiederaufbau 14
4.1 Das Wiederherstellungskonzept 15
4.2 Der Symbolcharakter der Synagoge einst 16
4.3 Der Symbolcharakter der Synagoge heute 17
4.4 Die Synagoge heute als Erinnerungsort 18
4.5 Ein Erinnerungsort im Erinnerungsort 19
4.6 Das Gespräch mit Hendrik M. Kosche 19
4.7 Das Interview im Umfeld der Synagoge 23
5. Fazit 24
Bibliographie 27
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Einleitung
In dieser Arbeit soll die Liberale Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte als Erinnerungsort im Stadtbild Berlins, auf seinen Erinnerungs- und Bedeutungsgehalt und seinen Symbolcharakter untersucht werden. Die Studierenden, die an dem sechs Semester währenden Projekt „Deutsche Erinnerungsorte“ teilnahmen, welches geleitet von Etienne François und Hagen Schulze an der Freien Universität ab 1998 stattfand, haben unterschiedliche deutsche Erinnerungsorte untersucht und ihre Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst. 1 Auffallend dabei ist, dass kein deutsch-jüdischer Erinnerungsort in Berlin untersucht wurde. Das gleiche gilt für das dreibändige Werk von Hagen Schulze und Etienne François. 2 Hier gilt es eine Untersuchung anzuregen, denn in Berlin finden sich zahlreiche Spuren jüdischer Vergangenheit, die auf das Engste mit der deutschen Geschichte und der Geschichte Berlins verbunden sind. Wir finden jüdische Friedhöfe, Krankenhäuser, Synagogen, das Jüdische Gemeindezentrum in der Fasanenstraße und das Jüdische Museum, um nur einige zu nennen. Vielleicht liegt es daran, dass wir auf keine homogene Nationalgeschichte zurückblicken können, in der die jüdischen Berliner selbstverständlich Teil der deutschen Nation waren und die Katastrophe des Nationalsozialismus alle unsere Erinnerungen überlagert. Auch die meisten deutschen Erinnerungsorte tragen die Geschichte des Bruchs durch den Nationalsozialismus in sich, durch jeden Topos, der die deutsche Nationalität verkörpert, ziehen sich die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit. Deutschjüdische Erinnerungsorte zu betrachten bedeutet, dem Ruf nach Vergessen der Vergangenheit zu widersprechen und könnte durchaus eine erneute Schuld- und Entschuldungsdiskussion hervorrufen zu unserer jüngsten Vergangenheit. Da durch die Wiedervereinigung Deutschlands ein neues Nationalgefühl in das Bewusstsein der Deutschen dringt, und wir nicht unschuldig, unbelastet und, ähnlich den Franzosen, bejahend damit umgehen können, erscheint das Erinnern an das Geschehene umso wichtiger. Viele deutsche Erinnerungsorte scheinen „in gewisser Weise veraltet“ 3 , ihren kennzeichnenden Charakter finden wir in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 4 Auf welche Weise die Neue Synagoge einen vielleicht spezifisch modernen Erinnerungsort darstellt, soll Teil dieser
1 Siehe Constanze Carcenac-Lecomte / Katja Czarnowski (Hg.), Steinbruch. Deutsche Erinnerungsorte,
Annäherung an eine deutsche Gedächtnisgeschichte, Frankfurt am Main 2000.
2 Etienne François / Hagen Schulze, (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, 3 Bände, München 2001.
3 Daniel Weidner, Anschauliche Geschichte. Das Projekt „ Deutsche Erinnerungsorte“, in: Weimarer
Beiträge, Zeitschrift für Literaturwissenschaft, Ästhetik und Kulturwissenschaften, 48,2(2002),
S. 302.
4 Beispielsweise die Dolchstosslegende, Rapallo, oder auch Barbarossa.
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Untersuchung sein. Zentrale Frage soll sein, ausgehend von der Entstehungsgeschichte der Synagoge, über ihre Zeit im Nationalsozialismus, in der DDR und bis zu ihrer Wiedereröffnung im Jahr 1995, was gerade dieses Bauwerk zu einem Erinnerungsort macht, woran es erinnert und wen es vielleicht sogar mahnen soll? Welchen Symbolcharakter hatte das Gotteshaus in seiner Vergangenheit und welchen hat es heute für die jüdische Gemeinde in Berlin, und hat sich der Symbolcharakter vielleicht durch die jüngste Vergangenheit verändert? Mit welchem Ziel und auf welche Weise hat die Stiftung Centrum Judaicum die Synagoge wieder aufgebaut, und war es ihre Absicht, einen Erinnerungsort zu schaffen? Dazu wurde beispielhaft in einem Gespräch, Hendrik M. Kosche, der persönliche Referent des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin am 11.09.07 von 11-13 Uhr in der Oranienburger Straße 31 befragt. Seine Antworten sollen in diese Arbeit einfließen, im letzten Kapitel ist das gesamte Interview in transkribierter Form nachzulesen. Die Synagoge war eines der ganz wenigen Bauwerke, das durch den mutigen Einsatz eines Berliner Polizisten während des Novemberpogroms 1938 nicht zerstört wurde. Er soll hier seine Erwähnung finden und als eigener Erinnerungsort behandelt werden. Die Arbeit unterteilt sich in vier große Kapitel. Im ersten Kapitel wird die historiographische Determination des Begriffes „Erinnerungsort“ bestimmt. Im zweiten Kapitel wird jüdisches Leben in Berlin betrachtet und Sinn und Zweck von Synagogen erklärt. Im dritten Kapitel wird ausschließlich die Geschichte der Synagoge von ihrer Entstehung bis zur DDR - Zeit beschrieben. Das vierte Kapitel ist dem Wiederaufbau und dem Wiederherstellungskonzept gewidmet. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, wie weit sich im Konzept des Wiederaufbaus die Idee von einem Erinnerungsort reflektiert, wie und warum dieser Ort zu einem Kristallisationspunkt im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wurde und inwiefern sich der Symbolgehalt der Synagoge im Laufe der Zeit veränderte. Da der Gebrauch von Primärquellen unverzichtbar ist bei der Untersuchung von Erinnerungsorten, soll das Ergebnis eines Interviews zu der Frage „Was fällt ihnen spontan zur Neuen Synagoge ein“?, in dieser Arbeit vorgestellt werden. Das Interview, geführt von der Verfasserin, fand am 02.07.2007 vor der Neuen Synagoge und in ihrer Umgebung statt. Es wurden insgesamt 35 Menschen spontan auf der Straße ausgewählt und befragt. Natürlich ist das Ergebnis nicht repräsentativ, sondern kann nur einen flüchtigen Eindruck vermitteln von der heutigen Wahrnehmung der Synagoge. Im Fazit, dem fünften und letzten Kapitel am Ende der Arbeit, wird das Interview ausgewertet. Außerdem werden die Ergebnisse zusammengefasst und Antworten auf die in der Hausarbeit gestellten Fragen gegeben.
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1. Gedächtnis, Erinnerung und ihre Orte 5
Die Auseinandersetzung um das Thema Erinnerung hat in den letzten zehn Jahren Aufschwung erhalten. Fast alle kulturpolitischen Debatten rangen hauptsächlich um die „richtige“ Umgehensweise mit der deutschen Vergangenheit, sei es der Streit um das Holocaust-Mahnmal, oder der Streit um die Neue Wache in Berlin. 7 Aus diesen Auseinandersetzungen entstand eine moderne Kulturwissenschaft, die danach fragt, ob es sich „[…]bei individueller oder kollektiver Sinnbildung um eine Erinnerungsleistung handelt, in der sich die Beteiligten der Vergangenheit vergewissern um die Gegenwart zu erklären und die Zukunft zu perspektivieren.“ 8
Erinnerungen jeder Art können als Kollektiverinnerungen oder als Biographien Einzelner betrachtet werden. Ist die Erinnerung individuell, so braucht sie keine öffentlichen Zeichen, sie ist im Gedächtnis des Einzelnen gesichert. Handelt es sich jedoch um eine kollektive Erinnerung, so sind Erinnerungsorte nötig, um das Gedächtnis einer modernen Gesellschaft zu prägen, z.B. durch Museen oder Gedenkstätten. 9 Erinnerungen ermöglichen einen Blick auf den privaten Erfahrungsschatz eines Individuums oder auf die subjektive Wahrnehmung von Gruppen. 10 Laut Walter Benjamin können Erinnerungen dabei helfen, sich seiner Vergangenheit zu nähern, und wer sich ihr nähern will, muss mit dem Nachfragen von dort aus beginnen, wo er sich gerade befindet. Dieser Vorgang versinnbildlicht, dass man sich immer nur vom gegenwärtigen Standort aus an Zurückliegendes erinnern kann. 11 Wir können passives und aktives Erinnern unterscheiden. Wenn wir an einem Ort an etwas oder jemanden
5 In dieser Arbeit soll bewusst nicht zwischen den Begriffen Gedächtnis und Erinnerung getrennt
werden, beide bedingen einander. Das zu analysieren würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit
sprengen.
6 Pierre Nora, aus dem Klappentext. Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990.
7 Ulrich Borsdorf / Heinrich Theodor Grütter, Einleitung, in: Ulrich Borsdorf / Heinrich Theodor
Grütter (Hg.), Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum, Frankfurt am Main / New,
York, 1999, S.1.
8 Ebd., S. 2.
9 Andreas Huyssen, Denkmal und Erinnerung im Zeitalter der Postmoderne, in: James E. Young, (Hg.),
Mahnmale des Holocaust, München / New York, 1994, S. 9.
10 Miriam Gebhardt, Das Familiengedächtnis. Erinnerungen im deutsch-jüdischen Bürgertum 1890 bis
1932, (Studien zur Geschichte des Alltags, Bd.16), Stuttgart 1999, S. 17.
11 Ebd., S. 7.
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erinnert werden, - hier ist das passive Erinnern gemeint -, so ist dieser Ort auch derart gestaltet, dass er uns bei dem Erinnern hilft. Das aktive „Sich - Erinnern“ braucht einen Ort, der diesen Vorgang unterstützt. Das kann eine historische Stätte sein, die durch dort stattgefundene Ereignisse die Erinnerung fördert. Außerdem kann der Ort durch sein gestalterisches Konzept so angelegt sein, dass er in der Gegenwart hilft, sich das Vergangene zu vergegenwärtigen. 12 Erinnerungen können aus dem Gedächtnis der Menschen geschöpft werden. Genauso können Orte, an denen bestimmte Ereignisse stattfanden und sich in das Gedächtnis der Menschen eingeprägt haben, erinnern helfen und werden damit zu Erinnerungsorten. Pierre Nora beschreibt Erinnerungsorte als Gedächtnisorte „[…]in denen sich das Gedächtnis der Nation [Frankreich] in besonderem Maße kondensiert, verkörpert oder kristallisiert hat.“ Das können aus seiner Sicht Gedenkstätten, Gebäudekomplexe oder Statuen sein, genauso wie Museen oder das Pantheon großer Männer. 13 Erinnerungsorte können Gedächtnisorte mit mehrfacher Bedeutung sein. Sie erinnern in unterschiedlichem Maße im materiellen, symbolischen und funktionalen Sinn. Gedächtnisorte funktionieren nicht nur lokal als „Orte“ sondern auch im abstrakten Sinne. In seinem Buch „Zwischen Geschichte und Gedächtnis“ bezeichnet Nora das Geschichtsbuch für Kinder „Tour de la France par deux enfants“ als Gedächtnisort, weil es das Gedächtnis von Millionen Kindern geformt hat und weil es ein Bestandsverzeichnis all dessen darstellt, was man von Frankreich wissen muss, um sich mit ihm identifizieren zu können. 14 Nach Nora setzt sich das Gedächtnis einer Gesellschaft aus der Gesamtheit seiner individuellen Erinnerungen zusammen. Gleichzeitig läuft dieses kollektive Gedächtnis durch Individualisierungsprozesse Gefahr, verloren zu gehen. Dieser Verlust des Gedächtnisses kann zu einem Verlust der nationalen Identität führen. Werden Gedächtnisorte gepflegt, so kann diese Pflege dabei helfen, sich seiner nationalen Identität bewusst zu bleiben. 15 In Deutschland haben Historiker versucht, konzeptuell angelehnt an Nora, Zugang zu deutschen kollektiven Gedächtnislandschaften und Erinnerungsorten zu finden, wobei der Begriff „Ort“ metaphorisch zu verstehen ist und eine „dichte Beschreibung der Geschichte“ 16 ermöglicht. Hier können Ereignisse, mythische Gestalten, Institutionen, Begriffe und Gebäude gemeint sein. Allen gemeinsam sind ihre symbolische Bedeutung und ihre
12 Tobias Günther / Tobias Müller, Was sind Erinnerungsorte? Eine Einleitung, in: Jessica Hoffmann /
Anja Megel / Robert Parzer / Helena Seidel (Hg.), Dahlemer Erinnerungsorte, Berlin 2007, S. 9-10.
13 Pierre Nora, Zwischen Geschichte und Gedächtnis, Berlin 1990, S. 7.
14 Ebd., S. 26-28.
15 Constanze Carcenac-Lecomte, Pierre Nora und ein deutsches Pilotprojekt, in: Constanze Carcenac-
Lecomte / Katja Czarnowski (Hg.), Steinbruch. Deutsche Erinnerungsorte, Annäherung an eine
deutsche Gedächtnisgeschichte, Frankfurt am Main 2000, S.20.
16 Daniel Weidner, a. a. O., S. 302.
6
Kristallisationspunkte, die Generationen überdauern und eine nationale Identifikation ermöglichen. 17 Seit einem Vierteljahrhundert gibt es in Deutschland neben der breit gefächerten Forschungsgeschichte zur Entwicklung deutscher Nationaldenkmäler auch Forschungen zur Erinnerungsgeschichte des Nationalsozialismus und der Ermordung der Juden. In diesen Beiträgen werden jedoch nach Ansicht von Etienne François und Hagen Schulze die von ihnen behandelten Bauwerke, Personen oder Feiern nicht genügend in den breiteren Rahmen der deutschen Erinnerungsgeschichte integriert. 18 Kollektive Gedächtnislandschaften sind durch kommunales, regionales und nationales Erinnern determiniert: „Der zwischen Symbol, Emblem und Attribut angesiedelte „Erinnerungsort“ ist in erster Linie das, was eine grundlegend in ihre Verwandlung und Erneuerung eingebundene Kollektivität künstlich und willentlich erzeugt, aufstellt, festlegt, konstruiert, erklärt und nährt.“ 19
2. Jüdisches Leben in Berlin
Berlin ist eine solche kollektive Gedächtnislandschaft. Seine Geschichte haben Menschen unmittelbar erlebt, und ihre subjektiven Erinnerungen sind es, die diese Landschaft durch ihre Wahrnehmung der Geschehnisse gestaltet haben. Erinnerungen laufen immer Gefahr vergessen zu werden, und gerade die deutsche Geschichte in ihrer Widersprüchlichkeit und belastenden jüngsten Vergangenheit, möchte von vielen Menschen eher vergessen werden. Umso wichtiger ist es, diese Erinnerungen am Leben zu erhalten und das Gedenken an das Geschehene aktiv zu gestalten und zu wahren.
Die Geschichte der Juden, die in Berlin lebten, ist in etwa genauso gleich alt wie die Geschichte Berlins. Entsprechend viele jüdische Erinnerungsorte sind im Stadtbild Berlins zu finden. Einer dieser Erinnerungsorte ist die Liberale Neue Synagoge in der Oranienburger Straße. Ihre Geschichte ist eng mit der Geschichte Berlins verknüpft. Mit dem Novemberpogrom 1938, in dessen Verlauf die Synagogen brannten und Gemeindeeinrichtungen zerstört wurden, endete eine Entwicklung jüdischen Lebens in Berlin, die seinen Anfang im Jahr 1671 nahm, als Kurfürst Friedrich Wilhelm I. Juden aus Wien erlaubte, sich in Berlin und Brandenburg niederzulassen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Berlin ein jüdisches Bürgertum, das sich eindeutig mit dem deutschen
17 Etienne François / Hagen Schulze, ( Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd.1, München 2001, S.16-17.
18 Ebd., S. 17.
19 Stefanie Bauer, Lieux de mémoire - Erinnerungsorte. Ist das erweiterte Geschichtsverständnis.
übertragbar? In: Dokumente- Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog, 62 5(2006), S. 42.
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Veronique Grawe, 2008, Die Neue Synagoge Oranienburger Straße - Ein Erinnerungsort im Stadtbild Berlins, München, GRIN Verlag GmbH
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