Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
Inhaltsverzeichnis Seite
Einleitung 3
1. Pakistan - Eine Einführung 5
1.1. Daten, Zahlen und Fakten 7
2. Kernwaffen im Allgemeinen 10
3. Pakistan und die „Atombombe“ 14
3.1. Von der Idee bis zur Zündung: Die Entwicklung 15
3.2. „Die pakistanische Bombe“ 19
3.3. Wie sicher ist die pakistanische Bombe? 21
3.4. Die pakistanische Nukleardoktrin 23
4. Die (nuklearen) Beziehungen zu den Nachbarstaaten 25
4.1. Republik Indien 26
4.1.1. Der „Draft Report“ und seine Bedeutung 29
4.2. Volksrepublik China 31
4.3. Islamische Republik Afghanistan 33
4.4. Königreich Saudi - Arabien 36
4.5. Islamische Republik Iran 38
5. Der (atomare) Einfluss durch den „Westen“ 39
5.1 Vereinigten Staaten von Amerika 40
5.2. Bundesrepublik Deutschland 43
5.3. Ausgewählte Staatenbündnisse und Staatenverbände 44
6. Ausblick 46
Fazit 48
Literaturverzeichnis 51
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
Einleitung
In einem Interview im März 2000 bezeichnete der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton die Sicherheitslage Südasiens als „the most dangerous place in the world right now“ 1 . Mit dieser Aussage ist es Bill Clinton gelungen, eine Definition über eine ganze Region abzugeben, die noch mehr als zehn Jahre später zutreffen sollte. Der seit 1957 als Islamische Republik bezeichnete Staat Pakistan befindet sich seit seiner Unabhängigkeit 1947 in einem ständigen Konflikt mit seinem Nachbarland Indien. Bisher wurden vier Kriege offen miteinander ausgetragen. Die Region Kaschmir stellt in diesem Dauerkonflikt den größten Streitpunkt dar. Drei der vier Kriege wurden um die von beiden Seiten beanspruchte Region geführt.
Die unmittelbare Konfrontation mit Indien stellt für Pakistan auch eine gleichzeitige Herausforderung dar. Bereits 1965 stellte Zulfikar Ali Bhutto fest, dass man auf dem Sektor der konventionellen Bewaffnung Indien deutlich unterlegen sei. Auch zum Leid der Bevölkerung müsse man diesen Nachteil mit Hilfe von Nukleartechnologie aufholen. 2 Das Jahr 1998 sollte einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung der beiden Staaten darstellen. Mehr als 30 Jahre nach Bhuttos Ankündigung führten Indien und anschließend Pakistan erfolgreiche Kernwaffentests durch. Pakistan ist seit dem 28. Mai 1998 als erster und einziger islamischer Staat im Besitz von Kernwaffen.
Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll schließlich bei der Frage liegen, welche Rolle Pakistan als Atomstaat spielt. Was bedeutet der Besitz von Kernwaffen für die Strategie gegen den indischen Nachbarn? Welchen Einfluss hatte China auf die Entwicklung der „islamischen Bombe“ 3 ? Welche Rolle spielt Afghanistan und, damit verbunden, die Talibanisierung des Landes? Gibt es Verbindungen zum iranischen Atomprogramm? Im weiteren Verlauf wird dann zu klären sein, welche Rolle die westlich geprägten Staaten bei der Entwicklung des pakistanischen Atomprogrammes gespielt haben. Welche Rolle spielten die USA? Hat die Bundesrepublik Deutschland bei der Entwicklung in Pakistan mitgeholfen?
Zu Beginn gebe ich jedoch einen Überblick über die Islamische Republik Pakistan im Allgemeinen. Ein Überblick über die Geschichte, Daten und Fakten muss als Grundlage
1 India and Pakistan. The elephant and the Pekinese; in: The Economist, 24. März 2000.
2 Kemal, S. (2007): 60 Jahre Pakistan-Aufbruch, Errungenschaften und Herausforderungen; Deutsch-
Pakistanisches Forum Berlin e.V., S.8.
3 Pakistan - Außenpolitische Orientierung; auf: http://www.globaldefence.net/kulturen-im-
konflikt/islamische-kulturen/248-iranische-staaten-pakistan.html?start=2. (Zugriff: 03.06.2010).
3
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
geschaffen werden. Anschließend werde ich anhand von wissenschaftlichen Fakten eine Darstellung über die Atombombe abgeben. Was genau ist die Atombombe, welche Staaten sind im Besitz von Kernwaffen und was sind die wesentlichen Bestandteile des Atomwaffensperrvertrags (NVV)?
Im Anschluss an die einführenden Fakten soll Pakistan als Atomstaat vorgestellt werden. Von den ersten Gedanken und Schritten bis zu den erfolgreichen Tests im Mai 1998 sollen dabei alle wesentlichen Wegmarken angesprochen werden. Dabei soll das Hauptaugenmerk auf der Einflussnahme durch die wichtigsten Akteure im pakistanischen Staat liegen, dem Militär und der Politik. Daneben soll geklärt werden, über welches nukleare Potential die Islamische Republik verfügt. Ebenso soll dargestellt werden, welche militärischen Trägermittel vorhanden sind. Die pakistanische Nukleardoktrin soll schließlich das Verhalten des Staates im Umgang mit seinen Kernwaffen darstellen. Der Vergleich der pakistanischen Nukleardoktrin mit dem indischen „Draft Report“ verdeutlicht sehr anschaulich, welche hohe Relevanz und gleichsam hohe Brisanz den Doktrinen nicht nur für Südasien zukommt. Daran anschließend sollen die Einwirkungen auf und durch die pakistanischen Nachbarstaaten untersucht werden. Insbesondere sollen die Beziehungen zu Indien, China und Afghanistan hier auf unterschiedliche Art und Weise verdeutlichen, dass Bill Clintons Aussage zu Beginn dieser Arbeit, nichts an Bedeutsamkeit verloren hat. Unterstützt China seinen islamischen Nachbarn mit Geld und Technologie, so besteht auf der anderen Seite die Gefahr, dass Afghanistan bzw. afghanische Islamisten sich diese Technologie aneignen. Saudi-Arabien und der Iran stellen eine ebenso hochbedeutende Konstellation dar, mehren sich doch bezüglich beider Staaten die Nachrichten, dass sie ebenfalls nach Atomwaffen streben. Dieses gilt es im weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung zu untersuchen.
Um eine umfassende Analyse über Pakistan als Atomstaat anfertigen zu können, soll, wie bereits angedeutet, der Blick auch auf ausgewählte Staaten des Westens gerichtet werden. Die Einflussnahme der USA soll im Detail genauer betrachtet werden.
Die Beziehungen zwischen Pakistan und den Vereinigten Staaten von Amerika sind seit Jahrzehnten durch stetige Fluktuationen gekennzeichnet. Als „Frontstaat“ zählt Pakistan heute bereits zum zweiten Mal zu einem der engsten und wichtigsten Verbündeten der USA. Welchen Nutzen kann und konnte Pakistan aus dieser Beziehung ziehen? Deutschland, die EU und die UNO haben auf verschiedenen Ebenen der Kooperation,
4
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
insbesondere bei der Ausbildung von Wissenschaftlern, dem Transfer von Technologie, etc. mit Pakistan zusammengearbeitet. Auch diese Kooperationen gilt es genauer zu analysieren.
Schließlich soll ein Ausblick gegeben werden: Wo steht Pakistan heute? Die Gefahren der Islamisierung, der Talibanisierung, die Kaschmir-Frage; was bedeuten diese Probleme für die Zukunft der islamischen Republik und was bedeuten diese Gefahren für den Umgang mit der pakistanischen Bombe?
1. Pakistan - Eine Einführung
„It was the leadership of Father of Nation, Quaid-e Azam Mohammad Ali Jinnah, and the concept of Allama Dr. Mohammad Iqbal, complimented with the determination of the Muslims of South Asia that led on the establishment of Pakistan on 14 August
1947” 4 .
Aus dem Zitat des pakistanischen Botschafters, Shahid Kemal lassen sich drei Motive identifizieren, die vor mehr als 60 Jahren zur Gründung Ost- und West-Pakistans als auch zur Bildung Indiens geführt haben.
Mohammad Iqbal wird auch heute noch als der „geistige Vater Pakistans“ bezeichnet. Im wilhelminischen Kaiserreich ausgebildet, studierte er dort nicht nur Philosophie, sondern verinnerlichte auch die Idee eines auf einer gemeinsamen Abstammung basierenden Nationalstaates. Auf einem Kongress der All India Muslim League 5 propagierte Muhammad Iqbal erstmals die Idee eines eigenständigen Staates für alle Muslime im Nordwesten Indiens 6 .
„Der Vater der Nation“, Mohammad Ali Jinnah, formulierte auch auf Grundlage von Iqbals Philosophie die Zwei-Nationen-Theorie. Samuel Huntington würde es auf die kulturell-religiösen Unterschiede zurückführen, Jinnah tat dies ebenso: „The Hindus
and Muslims belong to two different religious philosophies, social customs, literatures. They neither intermarry nor interdine, and indeed they belong to two different
4 Kemal, S. (2007): 60 Jahre Pakistan-Aufbruch, Errungenschaften und Herausforderungen; Deutsch-
Pakistanisches Forum Berlin e.V., S.8.
5 Pakistan - Zeittafel; auf:
http://liportal.inwent.org/fileadmin/user_upload/oeffentlich/Pakistan/20_geschichte-staat/zeitt.pdf
Zugriff: (01.06.2010).
6 Scholz, J.: Der Pakistan Komplex; Pendo - Verlag, München.
5
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
civilizations which are based on conflicting ideas and conceptions To yoke together
such nations under a single state, one as a numerical minority, and the other as a
majority , must lead to growing discontent and final destruction of any fabric that may
be so built up for the government of such a state. 7 Am 23. März 1940 wurde die
„Pakistan-Resolution” auf der jährlichen Konferenz der All India Muslim League, in
Lahore verabschiedet. 8 Basis ist die Zwei-Nationen-Theorie und damit verbunden die
Teilung Britisch-Indiens und die Gründung eines eigenständigen Muslimstaates 9
(Pakistan) und der gleichzeitige Verbleib eines Staates für alle Hindus (Indien)
Am 14. August 1947 wurde Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen. Bereits in den
ersten Tagen der Unabhängigkeit war die junge Nation mit einer Hand voll
fundamentaler Problemen konfrontiert. Mit der Grenzziehung wurde der damalige
britische Vizekönig beauftragt. Lord Mountbatten bezog sich bei der Grenzziehung auf
demographische Statistiken aus dem Jahr 1941. Binnen 35 Tagen wurde Britisch-Indien
quasi neu gezeichnet und zwischen Indien und Pakistan aufgeteilt. Widererwarten
f ührten die Grenzen durch etliche Siedlungsgebiete. Ost- und Westpakistan waren 1500
Kilometer voneinander entfernt (Luftlinie) Schätzungen besagen, dass es in den ersten
Tagen der Unabhängigkeit zwischen 250.000 - 1 Millionen Tote und über 20 Millionen
Fl üchtlinge an der indisch-pakistanischen Grenze gab 10
Die Teilung zwischen Ost- und Westpakistan schien von der Unabhängigkeit an ein
un überwindbares Problem zu sein. Ali Jinnah versuchte, das Volk unter Anderem
dadurch zu einen, dass er „Urdu“ als Nationalsprache einführte. Die Bengalen in
Ostpakistan weigerten sich jedoch diese anzunehmen 11 Auch wurde deren
Repr äsentanz im Parlament verhindert. Im Jahr 1971 kam es schließlich zur
Unabh ängigkeit Ostpakistans und zur Gründung Bangladeschs. 12 Die Gründung
Bangladeschs allerdings ging nicht ohne Blutvergießen von statten. Die ost-
pakistanische Awami-League 13 proklamierte 1971, als Folge der Verweigerung des
Parlamentseinzuges der Partei, die Unabhängigkeit Ost-Pakistans. West-pakistanisches
Milit är wurde entsandt, um die Bewegung aufzuhalten. Indien intervenierte auf Seiten
7
Zwei Nationen Theorie als Legitimation eines Staates? S.2.
8
die Pakistan-Resolution ist unter Anderem auch als Lahore-Resolution bekannt.
9
Sprung , C.: Geschichte seit der Unabhängigkeit auf: http://www.suedasien.info/laenderinfos/275.
(Zugriff:31.05.2010)
10
Scholz , J.: Der Pakistan Komplex Pendo - Verlag, München.
11
Bengalen repräsentierten mehr als 50 der Gesamtbevölkerung und besitzen eigene Sprache
12
Scholz , J.: Der Pakistan Komplex Pendo - Verlag, München.
13
1949: neugegründete Awami-League (Anführer der späterer Staatsgründer Mujibur Rahman)
6
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
Ost-Pakistans und innerhalb kürzester Zeit musste sich West-Pakistan zurückziehen. Im Dezember 1971 rief Mujibur Rahman die Republik Bangladesch aus 14 . Mit der Intervention Indiens kam es bereits zum dritten Krieg zwischen Indien und Pakistan seit deren Unabhängigkeit. Hierbei stand und steht die Region Kaschmir im Mittelpunkt der Interessen. Bereits 1947/48 kam es zum ersten Krieg in und um diese Region 15 . Nach dem ersten Krieg wurde Kaschmir unter den beiden Gegnern aufgeteilt 16 . Seit dieser Zeit gehören der Staat Jammu und das Kaschmirtal zu Indien, die Nordgebiete und Azad zu Pakistan. Beide Staaten beanspruchen aber die volle Kontrolle über die Region; Indien auf Grund dessen, dass sich der Maharaja von Kaschmir 1947 zum Anschluss an Indien entschlossen hatte, Pakistan wegen der muslimischen Bevölkerung Kaschmirs. Die UN „Line-of-Control“
(Waffenstillstandlinie) wurde niemals anerkannt. Auch eine vom UN-Sicherheitsrat geforderte Volksabstimmung über die Zugehörigkeit Kaschmirs (1948), wurde bis heute nicht abgehalten 17 .
Das Indien zum Gegner Pakistans wurde, stellte sich bereits bei der Gründung heraus. Die Kaschmir-Kriege, auch der erste Krieg, sollten Pakistan verdeutlichen das man auf konventioneller Ebene, dem indischen Feind unterlegen war. Man entschloss sich daher relativ schnell, den Anschluss auf technologisch-strategischer Ebene herzustellen. Ende der vierziger- und Anfang der fünfziger Jahre begannen beide Staaten nacheinander, zuerst Indien und dann Pakistan, „Atomenergiebehörden“ aufzubauen. Mit Fremdhilfe gelang es beiden Staaten auch relativ kurzfristig, erste Forschungsreaktoren und anschließend Atomkraftwerke in Betrieb zu nehmen 18 .
1.1. Daten, Zahlen und Fakten
Gemessen an der Einwohnerzahl, rangiert die Islamische Republik Pakistan auf Platz 6 der Bevölkerungsreichsten Nationalstaaten unserer Erde. Circa 160 Millionen Einwohner zählt die Nation. Damit zählt Pakistan nahezu 80 Millionen Einwohner mehr
14 Scholz, J.: Der Pakistan Komplex; Pendo - Verlag, München.
15 Sprung, C.: Geschichte seit der Unabhängigkeit; auf: http://www.suedasien.info/laenderinfos/275.
(Zugriff:31.05.2010).
16 zuvor war Kaschmir, auch nach der Teilung Britisch-Indiens, quasi Unabhängig
17 Scholz, J.: Der Pakistan Komplex; Pendo - Verlag, München.
18 bereits 1972 ging mit dem „KANUPP“ das erste pakistanische Kernkraftwerk an das Netz, das „RAPS“
Kernkraftwerk im indischen Rjasthan bereits 1971.
7
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
als die Bundesrepublik Deutschland aber auch mehr als 1 Milliarden Bewohner weniger als die indische Republik Km² 19 .
Das Bruttosozialprodukt (BSP) pro Kopf liegt bei 690 $/Jahr. Nimmt man auch hier wieder die Zahlen Deutschlands und Indiens zum Vergleich, wird deutlich, wo Pakistan wirtschaftlich einzuordnen ist. Das deutsche BSP lag 2008 bei 30.690 $, das indische BSP bei 793 $. 20 .
Pakistan, der „reine Staat“, für alle Muslime Südasiens gegründet, bezeichnet sich seit Verfassung von 1956 21 offiziell als Islamische Republik. Nicht nur der Islam als Staatsreligion wurde in der Verfassung festgeschrieben, in der Ersten Verfassung von 1956 wurde auch Gott als Souverän in der Präambel verankert 22 . Auf dem Fakt basierend, dass Pakistan als Staat für alle Muslime gegründet wurde, lässt sich auch die Bevölkerungszusammensetzung erklären. 96% der Bevölkerung sind Muslime. Diese teilen sich in 80% Sunniten und 20% Schiiten auf 23 . Die übrigen 4% repräsentieren Minderheiten wie Christen, Hindus und Buddhisten 24 . Pakistan weißt eine enorme Vielfalt an islamischen Strömungen und Unterströmungen auf. Hinzu kommt, dass es eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Verschmelzungen mit hinduistischen und buddhistischen Traditionen bzw. Einflüssen gibt 25 . Die am stärksten vertreten Strömungen innerhalb der schiitischen Glaubensbewegung sind die „Ismaeliten“ 26 . Die „hanafanitische Rechtsschule“ und die „Deobandis Schule“ stellen die stärksten Strömungen innerhalb der sunnitischen Bewegung dar. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Deobandis Schule der religiöse Arm der JUI ist. Aus der Deobandis-Schule ist in Kooperation mit der JUI die Taliban-Bewegung hervorgegangen. Bei der Formierung der Taliban in und durch die Haqqania-Religionsschule (Madrassa) nahmen die Deobandis Schüler und Gelehrten eine Schlüsselrolle ein. Der „Sufismus“, der sogenannte Volksislam, stellt eine weitere, nicht unbedeutende Bewegung innerhalb Pakistans, aber auch in Indien, dar. Die „Sufis“ prägen eine Reihe von Lehren und
19 Pakistan: http://www.weltalmanach.de/staat/staat_detail.php?fwa_id=pakistan. (Zugriff: 31.05.2010).
20 Botschaft der Bundesrepublik Deutschland: Deutschland: http://www.europa-auf-einen-
blick.de/deutschland/index.php (Zugriff: 31.05.2010).
21 von 1947/48 gab es in Pakistan keine Verfassung. Man richtete den Staat und die meisten Institutionen
nach dem britischem „Goverment of India Act“ von 1935 aus.
22 Scholz, J.: Der Pakistan Komplex; Pendo - Verlag, München.
23 Ebenda.
24 Pakistan: http://www.weltalmanach.de/staat/staat_detail.php?fwa_id=pakistan. (Zugriff: 31.05.2010)
25 Scholz, J.: Der Pakistan Komplex; Pendo - Verlag, München.
26 benannt nach dem siebten Imam Ismael.
8
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
Bräuchen, welche ebenfalls in unterschiedlichen Religionsschulen gelehrt werden, zum Beispiel in Bareilly Barelwi (Nordindien) 27 . Möchte man Pakistan nun weiter nach seiner ethnischen Zusammensetzung aufschlüsseln, so teilt sich der Staat hauptsächlich in drei Bevölkerungsgruppen auf. Die Gruppen der Punjabi, die der Sindhi und die Gruppe der Urdu. Belutschis, Paschtunen, Pathanen und unzählige kleinere Volksgruppen weisen gleichzeitig auf die Geschichte des Staates und damit auf die ethnische Zusammensetzung hin 28 . Neben Kaschmir bzw. Indien, der willkürlichen Grenzziehung von 1947 und der geographischen Lage, stellt die ethnische Zusammensetzung einen der größten Belastungsfaktoren für die islamische Republik dar. Innerhalb Pakistans ist eine Art „Binnennationalismus“ entstanden, der vor allem durch die verschiedenen Autonomiegebiete „die schwächste Naht darstellt, an der Pakistan zerfallen könnte“ 29 .
Aber in welchem Zustand befindet sich der Staat aktuell? Die Antwort auf diese Frage soll unter anderem Aufgabe dieser Arbeit sein! Das Atomwaffenprogramm und die Sicherheitspolitik sollen analysiert und in Beziehung zu den innenpolitisch und außenpolitisch relevanten Faktoren gesetzt werden.
Nachdem Pakistan binnen 63 Jahren bereits vier Militärdiktaturen überstanden hat, wird das Land nach demokratisch abgehaltenen Wahlen von Präsident Ali Zaradari geführt. Trotzdem gewinnt Pakistan nicht oder nur sehr schleppend an Stabilität. Die Islamische Republik rangiert aktuell auf Platz 10 des „Failed State Index“. Der Einfluss des Militärs, Kaschmir, der Konflikt an der „Durrand-Linie“ uvm. sind nur einige Gründe, die zu dieser Platzierung geführt haben 30 . Die Frage kommt auf, ob ein gescheiterter Staat im Besitz von Atomwaffen sein darf und wie Pakistan garantieren kann, dass diese verheerenden Vernichtungswaffen nicht in die Hände von Terroristen (welcher Gesinnung auch immer) fallen?
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
2. Kernwaffen im Allgemeinen
Anno 2010 jährt sich zum 65-mal das Ende des 2. Weltkriegs. In Russland wurde unter anderem im Beisein der deutschen Kanzlerin Angela Merkel am 09. Mai „der Sieg über den Nationalsozialismus und das Ende der Vernichtung ganzer Völker“ gefeiert 31 . Am 09. Mai 1945 endete allerdings nur der Krieg in Europa. Im Pazifik trugen Japan und die Vereinigten Staaten von Amerika weiter einen erbitterten Kampf aus. Mit dem Abwurf der ersten Atombombe am 06. August 1945 auf Hiroshima und der zweiten Atombombe am 09. August auf Nagasaki haben die USA eine bis dato unbekannte Waffe eingesetzt, deren Folgen verheerend und noch Jahrzehnte später zu spüren sein sollten. Zwischen 150.000 und 250.000 Menschen sind den Bomben direkt zum Opfer gefallen, mehr als 50.000 erlitten schwerste Verbrennungen. Die Welt befindet sich nun also faktisch seit 65 Jahren im Atomzeitalter 32 . Wie kam es aber überhaupt zu der Entwicklung von Kernwaffen (im Allgemeinen Atombomben genannt), welche Staaten verfügen über solche Waffen und die entsprechenden Trägersysteme und welche Institutionen, Regelungen und Verträge gibt es, die den Einsatz und die Verbreitung verhindern bzw. kontrollieren sollen?
Die Entwicklung der Kernwaffentechnologie geht auf die beiden deutschen Chemiker Otto Hahn und Fritz Strassmann zurück. Im Dezember 1938 entdeckten die beiden deutschen Wissenschaftler die Kernspaltung. In dem Bewusstsein, dass durch eine nicht zu kontrollierende Kettenreaktion eine außerordentliche Zerstörungskraft freigesetzt werden könnte, begann das Deutsche Reich mit dem Aufbau eines Atomwaffenprogramms. Jegliche Anstrengungen zum Bau einer deutschen Atombombe mussten allerdings eingestellt werden 33 .
Mit einem Brief des deutschen Physikers Albert Einstein an den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in dem er auf die Erkenntnisse Hahns hinwies und seine Befürchtungen bezüglich deutscher Nuklearwaffen äußerte, wurde im August 1942 mit der Entwicklung einer amerikanischen Atombombe begonnen. Unter der Leitung des amerikanischen Physikers Robert Julius Oppenheimer wurde das streng geheime „Manhattan Projekt“ (MED Manhattan Engineer District) gegründet. An drei Produktionsstätten (Oak Ridge, Hanvord, Savanah River) und einer Montage- und
31 vgl.: Russland feiert 65. Jahrestages des Sieges über Hitlers; auf:
http://www.zeit.de/newsticker/2010/5/9/iptc-bdt-20100508-500-24777958xml?page=2 (Zugriff:
02.06.2010).
32 Krekeler, S.: ABC-Informationen zu Atomwaffen (Kernwaffen, Nuklearwaffen); auf:
http://www.globaldefence.net/waffensysteme/seesysteme/tuerkei___schnellboot_onuk_mrtp_33_42_29.ht
ml?start=4. (Zugriff: 05.06.2010).
33 Geschichte der Atombombe; auf: http://www.nac-info.net/bomb/history.html (02.06.2010).
10
Pakistan als Atomstaat - Auswirkungen auf Nachbarstaaten und Einfluss durch den „Westen“
Forschungsstätte in Los Alamos arbeiteten bis zu 300.000 Menschen an der Entwicklung von Kernwaffen 34 .
Bereits im Dezember desselben Jahres gelang es den amerikanischen Wissenschaftlern, die erste nukleare Kettenreaktion durchzuführen. Durch den kurz zuvor unter dem Football-Stadion der University of Chicago errichteten ersten Atomreaktor der Menschheit („Chicago-Pile-1“) wurde das Erreichen der benötigten kritischen Masse möglich. Der Bau der Atombombe sollte dadurch möglich werden. Es sollte aber schließlich noch länger als zwei Jahre dauern, bis es zum ersten erfolgreichen Atomwaffentest kam. Am 16. Juli 1945, um 05:30 Ortszeit, erfolgte die erste erfolgreiche Kernwaffenzündung. Die ursprünglich gegen das Deutsche Reich zum Einsatz geplante und entwickelte Waffe kam, wie oben schon beschrieben, letztendlich gegen das japanische Kaiserreich zum Einsatz. Die Uranbombe „Little Boy“ und die Plutoniumbombe „Fat Man“ ließen schon damals die Unterschiede in Bau, Einsatzmöglichkeit und Ausmaß deutlich werden 35 .
Aus der Entwicklung der Kernwaffen heraus lässt sich jedoch nicht nachvollziehen wie sich Kernwaffen definieren. An dieser Stelle muss man zunächst festhalten, dass wenn man über Kernwaffen spricht, man über eine Kategorie von Massenvernichtungswaffen spricht 36 . „Kernwaffen sind Waffen, bei denen die Explosionswirkung und die
Sekundäreffekte (Strahlung, radioaktive Verseuchung, elektromagnetische Impuls) von
Kernspaltung oder Kernfusion für militärische Zwecke genutzt werden“ 37 . Kernwaffen sind also solche Waffen, deren primäre und sekundäre Wirkungen mit Hilfe zweier unterschiedlicher physikalischer Prinzipien erzeugt werden können. Zum Einen kann das Prinzip der Kernspaltung zu einer erfolgreichen Kernwaffendetonation führen. Für Kernwaffen, die auf dem Prinzip der Kernspaltung basieren, werden hauptsächlich Plutonium 239 oder Uran 235 benötigt 38 . Die Methode der Kernspaltung wurde, wie oben beschrieben, von O. Hahn u F. Strassmann erprobt. Es basiert auf der Betrachtung von instabilen Atomkernen. Bei der Kernspaltung wird ein Atomkern mit Neutronen beschossen. Dieser „Beschuss“ geht relativ einfach von statten, da die Teilchen im Atomkern positiv (die sogenannten Protonen) geladen sind.
34 Krekeler, S.: ABC-Informationen zu Atomwaffen (Kernwaffen, Nuklearwaffen); auf:
http://www.globaldefence.net/waffensysteme/seesysteme/tuerkei___schnellboot_onuk_mrtp_33_42_29.ht
ml?start=4. (Zugriff: 05.06.2010).
35 Ebenda.
36 In der Internationalen Debatte werden in der Regel folgende Definitionen für
Massenvernichtungswaffen gebraucht: Kernwaffen, Chemische Waffen, Biologische Waffen.
37 vgl.: Woyke, W. (Hrsg.) (2008): Handwörterbuch der Internationale Politik; Leske + Budrich, Opladen,
S.431.
38 Ebenda.
11
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Christian Jacobi, 2010, Pakistan als Atomstaat, München, GRIN Verlag GmbH
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