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Inhaltsverzeichnis :
Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit am Beispiel der DDR
Seite
1. Einleitung 3
2. Annäherung an die wichtigsten Begriffe 4
2.1 Definition von Erziehung in der DDR 4
2.2 Definition einer sozialistischen Persönlichkeit 4
3. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit in der Theorie 4
3.1 Marxismus-Leninismus 4
3.1.1 Generelle Vorbildfunktion 5
3.1.2 Wichtigste Thesen und DDR-Interpretation 6
3.2 Anlehnung der DDR-Pädagogik an Sowjetpädagogik 9
3.3 Analyse der Erziehung in der DDR 11
3.3.1 Die Notwendigkeit der Erziehung 12
3.3.2 Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit:
Der Neue Mensch 12
3.3.2.1 Leitsätze Walter Ulbrichts 12
3.3.2.2 Charaktereigenschaften des Neuen Menschen 13
3.3.3 Vorgehensweise bei der Erziehungsarbeit 18
4. Die Erziehung zum sozialistischen Menschen in der Praxis:
Der Jugendwerkhof Torgau 22
5. Fazit: Die Menschenfeindlichkeit der Erziehung 24
6. Literaturverzeichnis 26
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1. Einleitung
Die Bedeutsamkeit der Jugend für den Aufbau des Sozialismus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) begründete Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED 1 , auf dem VI. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im Januar 1963 folgendermaßen:
„Die geschichtliche Rolle der Deutschen Demokratischen Republik im nationalen Kampf unseres Volkes verstärkt die Notwendigkeit, die Jugend zu bewußten Erbauern des Sozialismus zu erziehen und sie mit ebenso vielfältigen wie gründlichen Kenntnissen auszurüsten, die sie zur Beherrschung der Produktionsprozesse auf wissenschaftlich-technischem Höchststand befähigen. Nicht minder wichtig ist in diesem Zusammenhang die Erziehung unserer Jugend im Geiste der sozialistischen Ethik und Moral und der Liebe zu unserer Deutschen Demokratischen Republik, die systematische Entwicklung eines sozialistischen Nationalbewußtseins in der heranwachsenden Generation“ 2 .
Die Erziehung der jungen Staatsbürger war vor allem Aufgabe des SED-Staats. Dieser besaß „Totalitätsanspruch in Bezug auf Ziele und Inhalte der Erziehung“ 3 . Eine Publikation Gerhart Neuners, Präsident der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR, machte die Relevanz der sozialistischen Erziehungsarbeit schon im Titel „Die zweite Geburt“ 4 deutlich - denn dieser suggerierte ideologische Indoktrination.
Doch zu welcher Art Bürger sollte der Mensch in der DDR erzogen werden? Welche Erziehungsarbeit sah die Theorie vor?
Diesen Fragen widmet sich die vorliegende Arbeit. Gewählt wurde das Thema, da in den meisten Publikationen zur Geschichte der DDR nicht ausreichend auf diesen Aspekt eingegangen wird und v.a. der propagandistische Aspekt verklärt wird. Zur Untersuchung werden weitgehend Erziehungsschriften führender DDR-Pädagogen wie Gerhart Neuner, Werner Dorst, ab 1951 Leiter des Deutschen Pädagogischen
1 Vgl. Wilke, Manfred (Hrsg.), Anatomie der Parteizentrale: Die KPD/SED auf dem Weg zur Macht,
Akademie Verlag, Berlin, 1998, S.40.
2 Ulbricht, Walter, Das Programm des Sozialismus und die geschichtliche Aufgabe der SED, in: Baske,
Siegfried / Engelberth, Martha, Zwei Jahrzehnte Bildungspolitik in der Sowjetzone Deutschlands, Zweiter
Teil 1959 bis 1965, Dokumente II, Quelle & Meyer Verlag, Heidelberg, 1966, hier: Dokument 168,
S.242.
3 Wiezorek, Christine, Schule, Biografie und Anerkennung, Eine fallbezogene Diskussion der Schule
als Sozialisationsinstanz, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, S.74.
4 Neuner, Gerhart, Die zweite Geburt - über Erziehung im Alltag, Urania Verlag, Leipzig u.a., 1985.
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Zentralinstituts und später Professor für Pädagogik an der Universität Jena 5 , oder auch Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung 6 , herangezogen. In einem ersten Schritt werden die wichtigsten Begriffe definiert, die für das grundlegende Verständnis relevant sind.
In einem zweiten Schritt wird auf die theoretische Ausgestaltung der Erziehung zum sozialistischen Menschen in der DDR eingegangen. Hier werden zum einen die historischen, ideologischen Wurzeln untersucht sowie die Anlehnung der DDR-Pädagogik an die Sowjetpädagogik. Zum anderen werden dann, bezugnehmend auf Schriften führender DDR-Pädagogen, das ideale Wesen des neuen, sozialistischen Wesens untersucht und darauf aufbauend die Erziehungsmethoden analysiert. In einem dritten Schritt wird ein kurzer Exkurs zur Umsetzung der Erziehung in die Praxis unternommen, dies erfolgt am Beispiel des Jugendwerkhofes Torgau. Schließlich werden die gewonnenen Erkenntnisse nochmals beleuchtet und ein abschließendes Fazit gezogen.
2. Annäherung an die wichtigsten Begriffe
2.1 Definition von Erziehung in der DDR
„Wir besitzen die besten Voraussetzungen, um auch den letzten Jugendlichen zu einem aufrechten und strebsamen jungen Bürger der sozialistischen Wertegemeinschaft zu erziehen“ 7 . An dieser Aussage Willi Stophs, Innenminister, wird deutlich, dass Erziehung in der DDR als eine klare ideologische Erziehung definiert ist, die darauf abzielte, die Jugend im eigenen Sinne zu staatskonformen Bürgern zu erziehen bzw. sie insoweit zu indoktrinieren, dass sie die sozialistische Revolution ohne Widerrede mitgeht. So auch Neuner: „Die ideologische Erziehung ist das Kernstück aller Erziehung“ 8 . Erziehung diene immer der Gesellschaft: „In der sozialistischen Gesellschaft […] gibt es keine grundlegenden Widersprüche zwischen dem, was für den einzelnen gut ist, und dem, was der Gesellschaft nützt“ 9 .
5 Vgl. Eichler, Wolfgang, Der Stein des Sisyphos, Studien zur Allgemeinen Pädagogik in der DDR,
Texte zur Theorie und Geschichte der Bildung, LIT-Verlag, Münster, 2000, S.109.
6 Vgl. Honecker, Margot, Der gesellschaftliche Auftrag unserer Schule, Referat der Ministerin für
Volksbildung auf dem VIII. Pädagogischen Kongreß, Berlin, 18.Oktober 1978, Dietz Verlag, Berlin,
1978.
7 Stoph, Willi, zitiert nach Ohse, Marc-Dietrich, Jugend nach dem Mauerbau, in: Schübe, Anne / Ahbe,
Thomas / Gries, Rainer (Hrsg.), Die DDR aus generationengeschichtlicher Analyse, Eine Inventur,
Leipziger Universitätsverlag, 2006, S.217.
8 Neuner, G., Persönlichkeit - ihr Werden, ihre Erziehung, Dietz Verlag, Berlin, 1978, S.111.
9 Ebd., S.41.
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Erziehung war in der DDR also untrennbar mit der zugrundeliegenden Ideologie verbunden und zielte auf die Bildung der sogenannten „sozialistischen Persönlichkeit“ ab.
2.2 Definition einer sozialistischen Persönlichkeit
Höchstes Ziel der ideologischen Erziehungsarbeit stellte die „allseitig und harmonisch entwickelte Persönlichkeit“ 10 dar, also die sozialistische Persönlichkeit, die aktiv „die sozialistische Gesellschaft gestaltet, die technische Revolution meistert und an der Entwicklung der sozialistischen Demokratie mitwirkt“ 11 .
3. Die Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit in der Theorie 3.1 Marxismus Leninismus
Die wesentlichen Leitsätze der DDR-Erziehung und DDR-Pädagogik resultierten aus der Ideologie des Marxismus-Leninismus und deren Auslegung durch DDR-Pädagogen bzw. DDR-Ideologen. Diese Wurzeln werden hier vor allem an Hand Publikationen Neuners dargelegt, da nur in Konfrontation mit authentischer DDR-Literatur verstanden werden kann, inwiefern - und vor allem wie stark - die DDR auf diese Ideologie Bezug nahm, sie rezeptierte und ihr (pädagogisches) Handeln damit legitimierte.
3.1.1 Generelle Vorbildfunktion
Generell ist festzuhalten, dass sich SED „vom Marxismus-Leninismus als fortschrittlichste und revolutionäre Wissenschaft der Gegenwart leiten lässt [und dadurch die Deutungshoheit inne hat; Anmerk. d. Verf.]. Er ist die unerschütterliche Grundlage unserer theoretischen und ideologischen Arbeit“ 12 , da ihm ein Allgemeingültigkeitsanspruch zugewiesen wird, er die „objektive Wahrheit“ 13 verkündet und das Handeln in der Praxis in Form einer Art Anleitung vorgibt. 14 So M. Honecker zum Ideal der Ideologie: „Unsere marxistisch-leninistische Ideologie ist die
10 Neuner, Gerhart, Pädagogik, Verlag Volk und Wissen, Berlin, 1989, S.49.
11 Aus dem Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem der DDR, 1965, zitiert nach
Neuner, G., Pädagogik, S.50.
12 Hager, Kurt, Die entwickelte sozialistische Gesellschaft, Dietz Verlag, Berlin, 1971, S.9.
13 Lamberz, Werner, zitiert nach Sontheimer, Kurt / Bleek, Wilhelm, Die DDR, Politik,
Gesellschaft, Wirtschaft, Verlag Hoffmann und Campe, Kritische Wissenschaft, Hamburg, 1975, S.42.
14 Vgl. Sontheimer, K., Bleek, W., a.a.O., S.42.
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einzig wissenschaftliche Ideologie“ 15 .
3.1.2 Wichtigste Thesen und DDR-Interpretation
Die Verbindung von Ideologie und Erziehung/Erziehungsnotwendigkeit sowie ihr hoher Stellenwert sind in der Gesellschaftstheorie Karl Marx‘ und Friedrich Engels‘ angelegt. 16 Wie ist dies nun erkennbar?
Wichtig ist: „Marx und Engels wandten den Materialismus konsequent auf das gesellschaftliche Leben der Menschen an“ 17 . Dies heißt, dass „die Produktionsweise des materiellen Lebens […] den sozialen, politischen und geistigen Lernprozess überhaupt“ 18 bedingt. „Es ist nicht das Bewusstsein des Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“ 19 . Neuner deutete diese Thesen des Marxismus-Leninismus folgendermaßen: „Aus der marxistisch-leninistischen Auffassung über das gesellschaftliche Wesen des Menschen folgt, dass die Persönlichkeit Produkt der sozialen Entwicklung ist“ 20 . Um dies genau zu verstehen ist wichtig, dass nach Marx und Engels die gesamten Produktionsverhältnisse im Staat die „ökonomische Struktur und Basis der Gesellschaft“ 21 bilden. Darüber existiert ein „politischer und juristischer Überbau“ 22 . Marx führte in der „Deutschen Ideologie“ aus: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht“ 23 . Die Erziehung gehört somit zum politischen bzw. ideologischen Überbau, der über der Summe der Produktionsverhältnisse steht. Der Überbau hat, so Neuner, hat großen Einfluss auf die Gesellschaft: Entweder hemmt er den gesellschaftlichen Fortschritt oder er fördert ihn. 24
15 Honecker, Margot, Gesellschaftliche Entwicklung und Erziehung, in: Neuner, Gerhart (Hrsg.),
Erziehung sozialistischer Persönlichkeiten, Erfahrungen und Erkenntnisse der II. Konferenz der
Pädagogen Sozialistischer Länder, Berlin, Verlag Volk und Wissen, 1976, S.21-25, hier: S.23.
16 Vgl. Gatzemann, Andreas, Der Jugendwerkhof Torgau, Das Ende der Erziehung, Studien
zur DDR-Gesellschaft, Band 11, LIT-Verlag, Berlin, 2009, S.17.
17 Neuner, G., Pädagogik, S.17.
18 Marx, Karl / Engels, Friedrich, zitiert nach Gatzemann, A., a.a.O., S.17.
19 Ebd.
20 Neuner, G., Sozialistische Persönlichkeit - ihr Werden, ihre Erziehung, S.72.
21 Gatzemann, A., a.a.O., S.17.
22 Ebd.
23 Marx, K. /Engels, F., zitiert nach Gatzemann, A., a.a.O., S.17.
24 Vgl. Neuner, G., Pädagogik, S.17.
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Zusammengefasst: Wenn sich die Lebensbedingungen in einem Staat also ändern, die Gesellschaft eine andere, sozialistische wird, dann verändert sich auch das Bewusstsein der Menschen, die in ihr leben. Da die Entwicklung des Menschen nicht aus seinem Wesen erklärt werden kann - sondern eben nur aus seinen Einflüssen heraus - gibt es keine Wissenschaft über den Menschen an sich, also keine Anthropologie. Die Erziehung als Teil des (ideologischen) Überbaus versucht ihren Teil dazu beizutragen, die Gesellschaft und ihre Lebensbedingungen zu ändern. Die Arbeiterbewegung braucht die Erziehung, um der Arbeiterklasse, die den Kapitalismus überwinden und eine klassenlose Gesellschaft einsetzen will, die Schlüsselkenntnisse zu vermitteln, die sie braucht, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. 25 Erziehung kann daher, so Neuner in der Konsequenz, niemals von der Gesellschaft getrennt werden 26 , diese dient schließlich dem Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung.
Die enorme Relevanz der Erziehung als Instrument zum Aufbau der neuen Gesellschaft und als Teil der sozialistischen Revolution betonte auch W. I. Lenin im Programm der Kommunistischen Partei Russlands (KPR) 1919, in dem er hervorhob, dass „aus der Schule, dem Werkzeug der Klassenherrschaft der Bourgeoisie, ein Werkzeug zur Zerstörung dieser Herrschaft und zugleich zur völligen Aufhebung der Klassenteilung der Gesellschaft“ 27 werden soll.
Ohne Erziehung bleibt die Gesellschaft also im alten, grundschlechten, bürgerlichen, kapitalistischen Zustand - Erziehung ist damit essentieller Bestandteil der sozialistischen Revolution, ohne die der „Kommunismus nicht errichtet werden kann“ 28 . Die DDR-Erziehung wandte sich klar von der Erziehung der Bourgeoisie ab, da diese die Erziehung als Instrument der Klassengesellschaft missbrauchte und damit die Untertanen - die ausgebeuteten Arbeiter - unterwarf. 29 Die Arbeiterklasse wiederum nutzt die Erziehung als „Instrument des Kampfes gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für den Aufbau der klassenlosen, kommunistischen Gesellschaft“ 30 . So erklärte auch M. Honecker, dass - zum Verdruss der bürgerlichen Ideologen - „ […]
25 Vgl. Neuner, G., Pädagogik, S.18.
26 Vgl. Ebd.
27 Lenin, W. I., zitiert nach Ebd., S.19.
28 Neuner, G., Pädagogik, S.19.
29 Vgl. Ebd., S.18.
30 Ebd.
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B.A. Carolin Deitmer, 2010, Die Erziehung zum sozialistischen Menschen am Beispiel der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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