Inhaltsverzeichnis
Kapitel Seite
1. Einleitung 1
2. Zur Relevanz des Themas 2
3. Zu den Begriffen Angst , Furcht und Stress 3
3.1 Stress 3
3.2 Angst 4
3.2.1 Das State-Trait-Modell nach Spielberger 5
3.3 Furcht 6
3.4 Funktionen von Angst 7
3.5 Schulangst 8
4. Die Entstehung von Angst 9
4.1 Die Rolle der emotionalen Innenwelt 10
4.2 Angstquellen im Elternhaus 12
4.3 Schulische Angstquellen 19
4.3.1 Angstquellen im Schulbetrieb 19
5. Die Auswirkungen von Angst auf den Lernprozess 23
5.1 Der Fight-or-Flight Response 23
5.2 Angstreaktion 24
5.3 Lernfördernde Auswirkungen von Angst 26
ii
5.4 Lernhemmende Auswirkungen von Angst 27
6. Interventionsmaßnahmen gegen lernhemmende Ängste 28
7. Schluss 30
Literaturverzeichnis 34
iii
1. Einleitung
„WER KANN HELFEN?!? Meine Tochter Clara ist jetzt in der 5. Klasse und ich weiß nicht mehr, was ich mit ihr machen soll! Seit einer Weile muss ich sie fast zweimal die Woche krankschreiben lassen, weil sie über schreckliche Bauchschmerzen und Übelkeit klagt. Oft weigert sie sich am Frühstückstisch ihre sonst so heiß geliebten Cornflakes zu essen, sagt sie fühle sich nicht gut und manchmal muss sie sich auch übergeben. Dann ruf ich in der Schule an und sage der Sekretärin, ich müsse Clara heute mal wieder zu Hause behalten. Natürlich ist das nicht immer so gewesen. Die Grundschule hat sie stets mit Freude besucht, sie war dort bei allen sehr beliebt und hatte auch mit dem Unterrichtsstoff keine nennenswerten Probleme. Selbst zu Beginn der 5. Klasse am Gymnasium schien ihr die Schule sehr viel Spaß zu machen, doch dann war auf einmal alles anders: es kamen erste kleine Wehwehchen und bald nutzte sie jede Möglichkeit der Schule fern zu bleiben. So geht das nun schon ein halbes Jahr! Ich war mit ihr auch schon bei verschiedenen Ärzten, doch die konnten keine Ursache für den Zustand meiner Tochter finden. Was ist da nur los? Was soll ich machen? Hat denn jemand hier schon ähnliche Erfahrungen gemacht?“ Hilferufähnliche Berichte, wie diese fiktive Geschichte über Clara und ihre Mutter, überschwemmen sogenannte „online Elternforen“. Dort klagen besorgte Erziehende über das für sie oft unverständliche (schulische) Verhalten ihrer Kinder und suchen bei anderen „Betroffenen“ nach Rat und Unterstützung. Manche dieser Eltern können schon Gespräche mit dem Klassenlehrer oder gar der Schuldirektion hinter sich haben, bei denen sie erstmals über die aggressive Streitsucht, und andere den Schulbetrieb negativ beeinträchtigenden Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder, erfuhren. Dabei können sich viele das wesensfremde Verhalten ihrer Kinder vielleicht gar nicht erklären. Ziel dieser Arbeit soll es sein, einen Überblick über das Problem ‚Ängste im Fremdsprachenunterricht‘ zu geben. Die deutliche Tendenz zur Beschreibung der Zustände im allgemeinschulischen Bereich ergibt sich daraus, dass die Auslöser, Indikatoren und Auswirkungen in der gleichen Ausrichtung auch im Fremdsprachenunterricht zu finden sind. Im Gebrauch von Begriffen wie „schulischer Bereich“ ist also in jedem Fall auch der Fremdsprachenunterricht inbegriffen. Den thematischen Rahmen der Untersuchung bildet der Blick auf das Entstehen von Ängsten bei Schülern und die Ursachen dieser Entwicklung. Zudem werden verschiedene fördernde und behindernde Auswirkungen auf den Lernprozess der Schüler vorgestellt. Die Untersuchungen beziehen sich dabei auf junge Lerner aus der ganzen Welt, welche im Alter von etwa 6-19 Jahren sind und sich in einer Lernumgebung befinden, die dem allgemeinen deutschen Schulsystem in ihren Grundsätzen gleicht. Davon 1
ausgeschlossen sind Schulen, welche sich reformpädagogischen Konzepten, wie z.B. dem Waldorf- oder Montessoriansatz verschrieben haben, ebenso wie Privatschulen. Gründe dafür sind die stark begrenzte Schülerzahl, welche nicht stellvertretend für die Mehrheit der Lerner stehen kann, sowie der Aspekt der vom Standard stark divergierenden Unterrichtsmethodik und der verfügbaren finanziellen Mittel, welche die Entwicklung einer schülerfreundlicheren Lernumgebung begünstigen kann. Die Arbeit verfolgt einen pädagogisch-psychologischen Ansatz, bedient sich vorrangig also Erkenntnissen aus den Bereichen der pädagogischen Psychologie und der Persönlichkeitspsychologie, der allgemeinen Pädagogik und deren speziellen Teilbereich der Fachdidaktik. Die verwendeten Beispiele sollen dem besseren Verständnis der Problematik dienen. An dieser Stelle muss jedoch betont werden, dass sich diese nicht auf empirische Ergebnisse stützen und die Personen und Situationen rein fiktiv sind.
2. Zur Relevanz des Themas
Den eigenen Unterricht möglichst angstfrei und erfolgreich zu gestalten, um ihn damit zu einer positiven Erfahrung für alle am Unterricht Beteiligten zu machen, sollte das übergeordnete pädagogische Ziel einer jeden Lehrkraft sein. Die intensive Beschäftigung mit der Problematik ‚Ängste im schulischen Bereich‘ kann dem Unterrichtenden dabei helfen, dieses Handlungsziel zu erreichen. In diesem Zusammenhang sind besonders seine Fähigkeit des Erkennens von Angstverhalten und sein Wissen über Problemlösungsstrategien gefragt. Diese Kompetenzen können dazu eingesetzt werden, den jungen Lerner effektiv bei der Bewältigung seiner Ängste zu unterstützen. Faktoren, welche sich lernbehindernd auf die kindlichen Lernprozesse auswirken, können so vermindert, wenn nicht sogar komplett beseitigt werden. Zusätzlich kann die Kenntnis über lernfördernde Auswirkungen von Stress und Angst den Lehrer dabei unterstützen, seinen Unterricht für den (ängstlichen) Lerner und sich selbst zu optimieren. Desweiteren soll mit dieser Arbeit die Wichtigkeit des frühzeitigen Erlernens von Angstbewältigungs‐ und Verhaltensstrategien betont werden. Der Grundstein für einen positiven Umgang mit Bedrohungssituationen wird schon in frühen Jahren, die ersten Schuljahre inbegriffen, gelegt. In dieser Zeit können Kinder erkennen, dass Angsterleben eine auf alle Lerner wirkende Komponente im Schulbetrieb ist. Lernen sie durch die Unterstützung der Eltern und Lehrer Mittel für einen positiven Umgang mit inneren Konflikten kennen, sind sie für die Welt des Lernens gewappnet. Die Begrenzung der Untersuchungen auf Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren ergibt sich aus dem Grund, „[…], daß Kinder im Schulalter häufig noch keine effektiven und stabilen Mechanismen zur Angsthemmung aufgebaut haben und somit den regelmäßig auftretenden,
2
angstinduzierenden Prüfsituationen mehr oder weniger ‚hilflos‘ ausgeliefert sind.“ (Strittmatter 1997, 23). Junge Lerner machen demnach in ihrer Schullaufbahn Erfahrungen, an denen sie wachsen, aber eben auch scheitern können. Diese Erlebnisse haben, wie die folgenden Kapitel zeigen werden, großen Einfluss auf die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit und bilden die Grundlage für den angstfreien Umgang mit zukünftigen Lernsituationen und anderen Sprachen. 3. Zu den Begriffen ‚Angst‘, ‚Furcht‘ und ‚Stress‘
Zur Einführung in die Thematik sollen an dieser Stelle die drei dominierenden Schlagworte dieser Arbeit ‚Angst‘, ‚Furcht‘ und ‚Stress‘ genauer voneinander abgegrenzt und ihre jeweiligen Bezüge zueinander aufgezeigt werden. 3.1 ‚Stress‘
Einen Einblick in das biopsychologische Wirken von ‚Stress‘ liefert Hellmuth Walter (1981, 21):
„[…] (Stress) bezeichnet den Sachverhalt, daß sich der Organismus in einem Zustand stark ausgeprägter psychischer und muskulärer Erregung bzw. Spannung befindet, die mit einer erhöhten Aktivität des sympathischen Anteils des vegetativen (autonomen) Nervensystems korrelieren. Streß tritt grundsätzlich bei Vorliegen einer sehr hohen Reizintensität auf und kann daher sowohl Folge einer organischen Schädigung […] als auch Begleiterscheinung einer überhöhten, lust- oder unlustbetonten psychischen Erregung (Schreck, Freude, Trauer, Begeisterung, Angst) sein.“ Ein Mensch, der eine stressgeladene Situation durchlebt, befindet sich demnach in einem Zustand physiologischer und mentaler Überreizung. Die Psychologen Hock und Krohne (1994, 13) erweitern diese Begriffserklärung um die empfundene Bedeutsamkeit der spezifischen Situation. D.h., je stärker sich die (erwarteten) Konsequenzen einer Handlung auf die Lebenswelt des Handelnden auswirken können, desto höher ist dessen Stressempfinden. Zeigt sich in diesem Zusammenhang eine potentielle Gefährdung eines persönlichen Handlungsziels, verstärkt sich dieser Effekt zusätzlich. Eine kurze Beispielsituation aus dem Schulalltag soll hier zur Veranschaulichung herangezogen werden: Ein Schüler der siebten Klasse schreibt eine Englischklausur. Die ganze Woche über ist er deswegen sehr nervös 3
gewesen, denn er weiß, dass seine Eltern stets hohe Leistungserwartungen an ihn haben und er hat Angst diese zu enttäuschen. Während des Schreibens bemerkt der Schüler jedoch auf einmal, dass er einen Großteil seiner Arbeitszeit bereits vertrödelt hat und jetzt nicht mehr alle Aufgaben bearbeiten kann. Der Schreck sitzt tief und der Lerner fühlt sich überfordert und hilflos. Ohne dass er etwas dagegen tun könnte, beginnt sein Herz heftiger zu schlagen, seine Hände zittern und die Gedanken drehen sich plötzlich nur noch im Kreis. Durch den unbemerkt entstandenen Zeitstress sieht der Schüler die Realisierbarkeit seines Motives, eine gute Arbeit zu schreiben, um seine Eltern zu erfreuen, bedroht. Die unkontrollierbare mentale und physiologische Reizreaktion macht den Lerner zudem kurzzeitig handlungsunfähig. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass das Durchleben von Stress stark mit dem Empfinden von Angst korreliert, indem eine scheinbare Motivgefährdung für die betroffene Person entsteht (vgl. Kap. 4.1). Ein Merkmal, welches den drei Phänomenen ‚Angst‘, ‚Furcht‘ und ‚Stress‘ gemeinsam ist, ist die mit ihnen einhergehende erhöhte nervale Aktivität, welche zu einer gesteigerten Ausschüttung der Hormone Adrenalin und Noradrenalin führt, die ihrerseits eine Überfunktion des gesamten organismischen Systems des Betroffenen verursachen können (vgl. Walter 1981, 78). Wie diese sogenannten ‚Angst- und Stressreaktionen‘ aussehen können, wird in Kapitel 5 dieser Arbeit genauer untersucht. 3.2 ‚Angst‘
Die in dieser Arbeit verwendete Definitionsgrundlage von ‚Angst‘ geht auf den amerikanischen Psychologen Charles D. Spielberger zurück. Seine im Zusammenhang mit dem State-Trait-Modell veröffentlichte Begriffserklärung (vgl. Kap.3.3) umschreiben Hock und Kohlmann (2009, 623) wie folgt:
„Hier wird die Emotion Angst als ein vorübergehender, durch Anspannungsgefühle, Besorgnis und verstärkte körperliche (insbesondere autonome) Reaktionen gekennzeichneter Zustand bestimmt […], der ausgelöst wird, wenn die Person eine Situation als bedrohlich bewertet.“
‚Angst‘ kann also als ein zeitlich begrenztes Gefühl der Erregung und Besorgnis verstanden werden, welches in gefahrenträchtigen Situationen entsteht. Die daraus resultierenden körperlichen und mentalen Reaktionen, wie beispielsweise unkontrollierbares Herzrasen oder plötzliche Denkblockaden (vgl. Kap. 5), können vom Betroffenen oft kaum zurückgehalten bzw. reguliert werden. Zu betonen ist außerdem, dass das Erleben von ‚Angst‘ Auslöser 4
Arbeit zitieren:
Julia Gabler, 2009, Zu lernfördernden und lernbehindernden Auswirkungen von Angst auf den Fremdsprachenlernprozess bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag GmbH
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