1 Einleitung
„Selbstmord im Internet“, so lautet die Überschrift eines Artikels auf „Spiegel-Online“ vom 21.11.2008. „In den USA hat ein 19-Jähriger vor einem Netzpublikum Selbstmord begangen. Die Zuschauer in dem Live-Webcast sollen den Jugendlichen US-Medien zufolge sogar angestachelt haben.“ (Spiegel-Online) In diesem Bericht geht es um einen jungen Mann aus den USA, der sich mit einer Überdosis von Medikamenten das Leben nimmt. An sich ist sowas allenfalls in der Regionalpresse eine Meldung wert, würde aber nicht international für Aufsehen sorgen. Das Besondere, was eben diesen Fall augenscheinlich so berichtenswert macht, ist die Tatsache, dass er das „live“ via Web-Cam, über das Internet und vor Publikum tat. Besonders erwähnt wird in den Massenmedien gern der Umstand, dass der Selbstmörder von den Zuschauern auch noch ermutigt wurde (wobei gern verschwiegen wird, dass es auch jene gab, die ihn versucht haben von seinem Vorhaben abzubringen). Solche Ereignisse werden anschließend gern medienwirksam aufbereitet und sofort beginnen Politiker und sogenannte Fachleute damit, Ursachen für solche Taten zu suchen. Gefunden werden diese dann häufig z.B. in den Massenmedien, in der Popkultur und im Internet. Welche Erklärungsansätze wirklich Sinn ergeben sind, bleibt meist offen und „mediale Schnellschüsse“ sind schwer von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen zu unterscheiden. Was sind nun tatsächlich die Ursachen für Selbstmord?
Bereits vor über hundert Jahren hat sich Emile Durkheim mit genau dieser Frage auseinander gesetzt und seine Ergebnisse in dem Buch „Der Selbstmord“ veröffentlicht. Die vorliegende Arbeit soll Durkheims Theorien zum Thema Selbstmord darstellen, einen Überblick über Kritikpunkte zu seiner Arbeit geben und erläutern, inwiefern seine Ausführungen in der heutigen Gesellschaft noch aktuell sind.
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2 Begriffsdefinition nach Durkheim
Eine Definition des Begriffes „Selbstmord“ erscheint auf den ersten Blick unnötig, da sich dieses Wort scheinbar selbst erklärt. Selbstmord liegt vor, wenn jemand sich selbst ermordet, also den eigenen Tod absichtlich herbeiführt, das wäre wahrscheinlich eine einfache, allgemeinverständliche Begriffserklärung. Durkheim weißt jedoch auf die Mehrdeutigkeit von umgangssprachlichen Begriffen hin und stellt fest, das diese in unterschiedlichen Situationen verschiedene Bedeutungen haben können (Vgl.: Durkheim 1897, S. 23). Daher hält er eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Wort „Selbstmord“ und eine klare Eingrenzung dessen für notwendig. Tatsachen, die diesem Begriff untergeordnet werden sollen, müssen objektiv begründbar und eindeutig zuzuordnen sein.
Er stellt fest, dass der Tod nicht nur eine Folge einer gewalttätigen Handlung gegen sich selbst, sondern auch einer Unterlassung wie z.B. die Nichteinnahme lebensnotwendiger Medikamente, sein kann. Darüberhinaus muss der Tod auch nicht direkt durch das Handeln (oder Unterlassen) des Opfers eintreten, sondern kann auch als kausale Folge durch die Hand einer anderen Person herbeigeführt werden. Beispiel hierfür wäre das (absichtliche) begehen eines Verbrechens, welches mit der Todesstrafe geahndet wird, der Tod ist hier eindeutig kausale Folge der Handlung des Täters, wird aber nicht von ihm selbst, sondern von einem Dritten, z.B. dem Henker herbeigeführt (Vgl.: ebd., S. 24f). Daraus ergibt sich der erste Definitionsversuch: „Man bezeichnet mit Selbstmord jeden Tod, der mittelbar oder unmittelbar auf eine Handlung oder Unterlassung zurückgeht, deren Urheber das Opfer selbst ist (ebd., S. 25).“
Allerdings vernachlässigt diese Definition einen wesentlichen Faktor, nämlich das Ziel der Handlung oder Unterlassung. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob sich jemand mit dem bewussten Ziel zu sterben, oder aufgrund einer Wahnvorstellung aus dem
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Fenster stürzt. Die Handlung ist die Gleiche, das Ziel jedoch ein anderes. Das würde bedeuten, dass Selbstmord nur dann vorliegt, wenn die Person wirklich in der Absicht sich selbst zu töten gehandelt hat. Problematisch ist hier jedoch, dass sich eine Absicht nicht gänzlich nachweisen lässt, da diese nicht beobachtbar oder messbar ist, sondern im Verhalten und Erleben der Person stattfindet. Darüberhinaus gibt es auch Handlungen, die nicht den Tod zum Ziel haben, wohl aber zur Folge, welche der handelnden Person bewusst ist. Als Beispiel hierfür wäre u.a. der Märtyrertod zu nennen, bei dem der Tod als „…unumgängliche Bedingung für das Ziel, das man anstrebt, hingenommen wird,…“ (ebd., S. 26). Unabhängig davon, ob der Tod Ziel oder nicht abwendbare, bewusste Folge einer auf ein Ziel gerichteten Handlung ist, „…in beiden Fällen verzichtet das Individuum auf das Weiterleben und die verschiedenen Arten des Verzichts können nur Varianten der gleichen Klasse sein…Allen möglichen Formen dieses letzten Verzichts ist gemeinsam, daß der ihn verewigende Akt in voller Kenntnis der Wirkung vorgenommen wird; das heißt, das Opfer weiß im Augenblick des Handelns, welches die Folge seines Verhaltens sein wird, gleichgültig, was ihn dazu gebracht hat, so zu handeln. (ebd., S. 26f)“ Durkheims Definition von Selbstmord, abgeleitet aus diesen Erkenntnissen lautet also wie folgt: „Man nennt Selbstmord jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begangen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im voraus kannte.(ebd., S. 27)“
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3 Selbstmord, ein Soziologisches Problem
Selbstmord wird, nicht zuletzt aufgrund seines individuellen Charakters, zumeist psychologisch begründet (Vgl. ebd., S. 30). Im ersten Buch von „Der Selbstmord“, „Die
außergesellschaftlichen Faktoren“, weist Durkheim jedoch nach, dass Selbstmord ein soziologisches Problem ist und ,,[...] weder in der organisch-psychischen Verfassung der Individuen noch in der Beschaffenheit ihrer physischen Umwelt [...] (ebd. S. 153)" begründet ist. Insbesondere betrachtet er dabei den Zusammenhang von Selbstmord und Geisteskrankheit, Erblichkeit (Durkheim selbst spricht von „Rasse“), kosmischen Faktoren und Nachahmung.
Grundlage dafür ist die Feststellung, dass die Selbstmordrate in einer „gegebenen Gesellschaft“ über einen „gegebenen Zeitabschnitt“ relativ konstant bleibt und sich besonders in Folge von (gesellschaftlichen, politischen) Krisen verändert (ansteigt), woraus er ableitet, dass Selbstmorde nicht als isolierte Einzelfälle zu betrachten sind, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellen (Vgl.: ebd., S. 30ff).
3.1 Geisteskrankheit
Um zu klären, ob ein Zusammenhang zwischen Geisteskrankheit und Selbstmord vorliegt, muss zuerst geklärt werden, ob Selbstmord eine Geisteskrankheit an sich ist, oder ein Symptom von verschiedenen Geisteskrankheiten. Um Zweites zu beweisen, müsste man bei allen Selbstmorden eine zu Grunde liegende Geisteskrankheit nachweisen, was nicht zweifelsfrei möglich ist. Durkheim begründet das wie folgt: „Man kann nur Einzelbeispiele anführen, die, wenn auch zahlreich, für eine wissenschaftlich zulässige Verallgemeinerung nicht
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ausreichen. Wenn auch keine Gegenbeispiele vorliegen, so sind sie doch denkbar. (ebd., S. 43)“
Es bleibt also noch die Frage, ob Selbstmord eine eigenständige Krankheit mit einem typischen Krankheitsbild und Krankheitsverlauf darstellt.
Wenn Selbstmord eine eigenständige Geisteskrankheit darstellen sollte, dürfte sie nur diesen als Ziel haben, wäre also klar eingegrenzt. Würden neben dem Tod noch andere Ziele existieren, „… läge kein Grund vor, sie durch dieses eine statt durch jene anderen zu definieren. (ebd.)“. Jemand, der also an einer Geisteskrankheit „Selbstmord“ leidet, müsste, bis auf den Selbstmord, vollkommen gesund sein; Durkheim verwendet hier den Begriff Monomanie für solche auf einen Gegenstand begrenzte Wahnvorstellung 1 . Allerdings stellt Durkheim fest, dass geistige Funktionen nicht so eindeutig voneinander trennbar sind und nicht auch andere Funktionen beeinträchtigt werden. So zeigen sich bei scheinbar isolierten psychischen Auffälligkeiten bei näherer Betrachtung noch weitere Symptome, was belegt, das es Monomanie oder monomanische Geisteskrankheiten nicht geben kann, also auch Selbstmord als eigenständige Geisteskrankheit nicht existiert.
Allerdings tritt Selbstmord häufig bei psychischen Erkrankungen auf, tatsachlich stellt Durkheim fest, „…gibt es doch keine Form von psychischer Erkrankung, bei der er nicht auftreten könnte.“ (ebd., S. 47) Er stellt die Frage, ob diese Häufigkeit im Rückschluss bedeutet, dass er bei gesunden Menschen niemals auftreten kann.
Um diese Aussage zu belegen, müsste es möglich sein, alle Selbstmorde in Kategorien einzuordnen, welche sich aus den Hauptmerkmalen der von psychisch Erkrankten begangenen Selbstmorde ableiten (Vgl.: ebd., S. 47f). Auf die Nennung und
1 Der Begriff „Monomanie“ wurde im 19. Jh. für besagte Störungen benutzt, ist
jedoch heute weder im ICD10 noch im DSM-V zu finden, ist aber in
Bezeichnungen wie „Kleptomanie“ noch erkennbar.
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Erklärung dieser Kategorien verzichte ich hier, alle haben jedoch gemeinsam, dass ihnen ein rationales Motiv für den Selbstmord fehlt, ein solches ist entweder gar nicht vorhanden oder wahnhaft und irrational. Nun sind aber viele Selbstmorde durchaus „motiviert und in der Realität begründet.“ (ebd., S. 52) Eine Zuordnung von Selbstmord zu psychischen Störungen ist demnach auch bei dieser Betrachtungsweise nicht möglich. Zum Schluss untersucht Durkheim den Einfluss von Neurasthenien 2 und Alkoholkonsum auf die Neigung zum Selbstmord. Auf Letzteres werde ich nicht weiter eingehen, da Durkheim schlicht und einfach feststellt, das es unmöglich ist einen (allgemeingültigen) Zusammenhang zwischen
Alkoholkonsum und Selbstmord herzustellen. Ein Zusammenhang von seelischer Schwäche (Neurasthenie) und Selbstmord müsste sich laut Durkheim statistisch belegen lassen. Hierfür vergleicht er die Anzahl von auftretenden
Geisteskrankheiten und die Anzahl der Selbstmorde bei Männern und Frauen, sowie das Auftreten von Geisteskrankheiten und Selbstmord in verschiedenen Religionen. Er stellt fest, dass psychische Störungen bei Männern und Frauen etwa gleichhäufig auftreten, die Zahl der Selbstmorde bei Männern jedoch deutlich höher liegt (Vgl.: ebd., S. 58ff). Auch bei einem Vergleich der Häufigkeit des Auftretens von Geisteskrankhien und Selbstmord bei verschiedenen Religionen lässt sich keine Zusammenhang herstellen (Vgl.: ebd., S. 60f). Zusammenfassend ist also festzustellen, dass psychische Störungen zwar selbstmordbegünstigend sein können, aber als alleinige Ursache für Selbstmord auszuschließen sind.
2 Bezeichnung aus dem 19. Jh. für „Nervenschwäche“, hier gebraucht für
psychische Labilität.
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Arbeit zitieren:
Thomas Beck, 2008, Selbstmord als soziologisches Problem, München, GRIN Verlag GmbH
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