Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Theoretischer Teil 4
2.1 Vorurteil 4
2.2 Der Zirkel des Verstehens 6
2.3 Horizont und Horizonterweiterung 7
2.4 Horizontverschmelzung 7
3 Praktischer Teil 10
3.1 Jenseits der Stille - Inhaltsangabe 10
3.2 Gegenstand der Betrachtung 12
3.3 Die Horizonte von Lara und ihrem Vater 12
3.3.1 Lara 13
3.3.2 Laras Vater 16
3.4 Die Schlussszene - Horizontverschmelzung im Film 17
4 Abschließende Gedanken 19
Anhang A - Literaturverzeichnis 20
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1 Einleitung
„Du verstehst mich einfach nicht.“ Jeder kennt diesen Satz, jeder hat ihn schon mal gehört und höchstwahrscheinlich schon mal gesagt, oder zumindest gedacht. Wirklich verstehen ist nicht immer einfach, es ist eine „Kunst“. Hans-Georg Gadamer beschäftigt sich in seinem Werk „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ mit dieser Kunst und versucht eine umfassende Theorie der Verstehens auszuarbeiten.
In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit dieser Theorie auseinandersetzen. Gadamer geht es in diesem Buch vorrangig um das verstehen von Texten, ich werde versuchen nachzuweisen, dass sich seine Theorien durchaus auch auf zwischenmenschliche Beziehungen anwenden lassen, dass, was Gadamer unter Horizontverschmelzung versteht, auch zwischen Menschen stattfindet.
In ersten Teil werde ich kurz die wesentlichen Begriffe, wie Vorurteil, Zirkel des Verstehens, Horizont, Horizonterweiterung und Horizontverschmelzung erklären, um dann im zweiten Teil zu betrachten, wie Horizontverschmelzung zwischen zwei Menschen, ich nutze dafür den Film „Jenseits der Stille“, stattfindet.
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2 Theoretischer Teil
In diesem Teil der Arbeit werde ich die theoretischen Grundlagen erläutern, welche für die praktische Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig sind. Ich werde beschreiben, was Gadamer unter Vorurteilen versteht, warum er diese als wesentliche Grundlage für Verstehen sieht und welche Rolle sie im „Zirkel des Verstehens“ spielen. Darüber hinaus werde ich die Begriffe Horizont und Horizonterweiterung erklären und mit Hilfe Gadamers These der Horizontverschmelzung deutlich machen, dass Verstehen bei Gadamer bedeutet, die Grenzen des eigenen Horizontes, durch Integration von Neuem und Überprüfung von bekanntem, zu erweitern.
2.1 Vorurteil
Der Begriff Vorurteil ist umgangssprachlich eindeutig negativ belegt. Man spricht z.B. von Vorurteilen gegenüber Minderheiten und meint damit die unreflektierte, vorschnelle „Verurteilung“ von Menschen, ohne den Willen dieses Urteil zu überprüfen. Diese negative Bewertung des Vorurteils schreibt Gadamer der Aufklärung zu. 1 Seiner Meinung nach ist ein vorurteilsfreies Verstehen nicht möglich. Zum einen, weil die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit einem Thema, ohne Erwartungen zu haben, unmöglich ist (man würde sich ja sonst nicht damit beschäftigen), zum anderen, weil es dem Individuum nicht möglich ist, sich aus seiner Lebenswelt und deren historischen und kulturellen Gegebenheiten, in die er hineingewachsen ist, zu lösen. (vgl. Vasilache 2003 S. 38 f) Die eigenen Erwartungen und
1 Ich verzichte an dieser Stelle darauf, auf die Ursachen dieser Negativebewertung von Vorurteilen einzugehen, nachzulesen ist das bei Gadamer 1990 S. 275 ff und Grodin 1997 S. 63.
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das (kulturelle und historische) Vorwissen werden das Verstehen immer beeinflussen.
Er selbst sieht Vorurteile im buchstäblichen Sinn, als noch nicht wissenschaftlich begründetes, unreflektiertes Vorverständnis einer Sache, als die „Voreingenommenheiten unserer Weltoffenheit, die geradezu Bedingungen dafür sind, daß wir etwas erfahren, daß uns das, was uns begegnet, etwas sagt.“ (Grodin 1997 S. 63) Vorurteile können also sowohl negativ, als auch positiv sein. Sie können, wenn sie im Sinne von Vorverurteilung benutzt werden, um einer Auseinandersetzung mit dem beurteilten Gegenstand zu auszuweichen, das Verstehen be- oder sogar verhindern. Sie sind aber auch notwendig, sozusagen als Türöffner für Neues. Ich möchte das kurz an einem Beispiel deutlich machen: Ohne das Vorwissen, dass Äpfel essbar sind und das Vorurteil, dass sie gut schmecken, würde man sie wahrscheinlich nie kosten. Das Vorurteil „Äpfel schmecken gut“ ist also notwendig, um sich mit dem Geschmack von Äpfeln auseinander zu setzen und ihn zu erfahren.
Um zu verstehen muss man also erkennen, welche Vorurteile
„wahr“ und welche „falsch“ sind. 2 Gadamer schreibt: „Wer zu
verstehen sucht, ist der Beirrung durch Vor-Meinungen ausgesetzt, die sich nicht an den Sachen selbst bewähren. Die Ausarbeitung der rechten, sachangemesseneren Entwürfe, die als Entwürfe Vorwegnahmen sind, die sich ‘an den Sachen’ erst bestätigen sollen, ist die ständige Aufgabe des Verstehens. Es gibt hier keine andere ‘Objektivität’ als die Bewährung, die eine Vormeinung durch ihre Ausarbeitung findet.“ (Gadamer 1990 S. 272) Welche Vorurteile wahr sind, zeigt sich letztlich also in der Auseinandersetzung mit der Sache selbst. Um zu verstehen muss man sich also seiner Vorurteile bewusst und bereit sein, sich, sollten sie das Verstehen behindern, von diesen zu trennen.
2 Mit der Entstehung von Vorurteilen (aus Autorität und Tradition) setzt sich Gadamer ausführlich auseinander (Gadamer 1990 S.281 ff), ich verzichte hier, darauf ausführlich einzugehen.
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2.2 Der Zirkel des Verstehens
Folgt man Gadamers Überlegungen, sind Vorurteile also Grundlage für Verstehen. Wenn man sich mit einer Sache (einem Text) beschäftigt, etwas verstehen will, wirft man sozusagen ein Vorverstehen voraus, man hat Erwartungen an die Bedeutung des Textes. Gadamer beschreibt seine Vorstellung des
Hermeneutischen Zirkels wie folgt: „Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich der erste Sinn des Textes zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text nur mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich beim Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was da steht.“ (Gadamer 1990 S. 271) In der Auseinandersetzung mit dem Text wird das Gelesene mit dem Vorverständnis, den Erwartungen an den Text, abgeglichen. Man befindet sich sozusagen im Gespräch mit dem Text. (vgl. Cesare 2009 S. 110 ff) Die eigenen Erwartungen werden mit dem Gelesenen abgeglichen und bei Unstimmigkeiten stellt man sozusagen Fragen an den Text. Dadurch werden die eigenen Vorurteile immer wieder überprüft, revidiert und neu formuliert. Man kann also „das Ganze nur aus dem Einzelnen und das Einzelne nur aus dem Ganzen verstehen“ (Danschlag 2007 S. 51), d.h. der Vorgriff auf den Sinn des Ganzen ermöglicht das Verstehen einzelner Abschnitte (Sätze, Kapitel) und das Verstehen einzelner Abschnitte ermöglicht wiederum das Verstehen des ganzen Textes. Dieses ständige „im Gespräch sein mit dem Text“ und das Prüfen, Revidieren und neu Formulieren der Vorurteile macht den zirkulären Charakter des
Verstehensprozesses aus, wobei man eigentlich von einer Spirale sprechen müsste, da man sich nicht „im Kreis dreht“, sondern seinen eigenen Horizont immer mehr erweitert. (vgl. Jeanrond 1986 S. 18ff)
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Arbeit zitieren:
Thomas Beck, 2009, Horizontverschmelzung nach Hans-Georg Gadamer im Film „Jenseits der Stille“, München, GRIN Verlag GmbH
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