1. Einleitung
Als Einstieg in diese Ausarbeitung entnehme ich folgendes Zitat dem Vorwort des Buches Geschlecht und Charakter, der Dissertationsarbeit von Otto Weininger:
Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein neues, entscheidendes Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib auf ein einziges Prinzip versucht werden. Hiedurch (sic) unterscheidet es sich von allen anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung zu deuten. Und das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern schrittweise psychologische Vertiefung. Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle (…). (Weininger 1903)
An diesem Zitat ist das Ziel des Buches zu erkennen. Der Frage, ob ihm das Ziel gelungen ist, werde ich in der Ausarbeitung nachgehen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass dieses Werk, sein wichtigstes, sehr umstritten an seiner wissenschaftlichen Akzeptanz war. Obwohl es Weininger erscheint, eine neue Entdeckung bzw. neues Wissen zu dem Wissensbestand seiner Zeit beigetragen zu haben, scheint seine Arbeit eher als eine Vorlegung einer Weltanschauung, welche er mit allem Willen bereit war zu verteidigen. Jegliche Ablehnung oder Kritik wollte er überhaupt nicht erdulden. Es kann behauptet werden, dass sein Selbstmord eine weitere Bestätigung dieser Vorstellung ist. In Anlehnung an Nike Wagners Rezension des Buches in der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT# wurde Weininger durch seinen Suizid zum Mythos und sein Buch zum Bestseller. Das Weininger zum Rampenlicht wahrscheinlich nicht gekommen sein könnte, nicht einmal dass er sogar einen Selbstmord begangen hat, lässt sich von den folgenden Aussagen vermuten:
Ohne die eifrige und konstante Unterstützung von Karl Kraus‘ wären die Bücher von Otto Weininger nie zu den „größten Klassikern“ geworden, die von einer ganzen Avantgarde gelesen und geachtet wurden. Adolf Loos, Arnold Schönberg (…) haben Weininger über Karl Kraus entdeckt. (Jacques Le Rider 1985: 147)
Karl Kraus‘ Interesse lässt sich dadurch erklären, dass Weininger solchen Themenbereich angesprochen hat, der zum Lieblingsthema von Fackel gehört. Die Fackel war eine satirische Zeitschrift, die von Karl Kraus über einen Zeitraum von über dreißig Jahren herausgegeben wurde. In einer Ausgabe der Fackel wurde sogar ein Journalist zurechtgewiesen, der einen Gedanken Weiningers übernommen hatte, ohne die Quelle anzugeben. Karl Kraus hat nicht nur für Weiningers Arbeiten Aufmerksamkeit geweckt, er hat sich praktisch zu Weiningers‘ selbst ernannten „Verteidiger“ gemacht, indem er die Behauptungen der Presse verworfen hat,
in denen Weininger als manisch und größenwahnsinnig bezeichnet wurde (vgl. Jacques Le Rider 1985: 148- 149).
Dass Weininger ein einsames und zurückgezogenes Leben geführt hat, besonders als er an sein Lebensende näherte, bestätigten einige Aussagen seiner Freunde; welche weiterhin die Behauptungen, er sei manisch und größenwahnsinnig gewesen, begründet. Artur Gerber schreibt folgendes über Weininger:
Die hagere Gestalt mutete steif an, entbehrte aller Biegsamkeit und Grazie. Die Bewegungen, oft nur linkisch, unbeholfen, waren meist jäh und unvermittelt. Seine Kleidung, schlicht und unmodisch, glich der anderer, unbemittelter Studenten. Er schritt oft zaghaft seines Weges, das Kinn auf die Brust gestützt, oft wieder stürmte er eilig dahin. (Weininger / Gerber 1919 zit. n. Le Rider 1985: 26)
Auch Stefan Zweigs‘ Erinnerung unterscheidet sich nicht so sehr von Gerbers:
Er sah immer aus wie nach einer dreißigstündigen Eisenbahnfahrt, schmutzig, ermüdet, zerknittert, ging schief und verlegen herum, sich gleichsam an eine unsichtbare Wand drückend, und der Mund unter dem dünnen Schnurrbärtchen quälte sich irgendwie schief herab. Seine Augen (erzählten mir später die Freunde) sollen schön gewesen sein: ich habe sie nie gesehen, denn er blickte immer an einem vorbei (auch als ich ihn sprach, fühlte ich sie keine Sekunde lang mir zugewandt): all dies verstand ich erst später aus dem gereizten Minderwertigkeitsempfinden, dem russischen Verbrechergefühl des Selbstgepeinigten. (Zweig 1926 zit. n. Le Rider 1985: 27)
Sigmund Freud ist der Auffassung, dass Weininger unter Kastrationskomplex leidet, womit er auch Weiningers Antisemitismus und Antifeminismus begründet. Er beschreibt ihn als einen Neurotiker, der völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexe stand. Der Psychiater Ferdinand Probst hat eine noch schärfere Kritik an Weininger. Er bezeichnet Weininger als einen Verrückten, für wen und dessen Bücher ein dauernder Platz in der Psychiatrie eingeräumt werden soll (vgl. Le Rider 1985: 11). Le Rider (1985) konstatiert, dass Weiningers Schriften nicht nur eine psychiatrische und psychologische Interpretation nahelegen, sondern sie provozieren eine solche Interpretation. Mit seinem Tod verfasst sein Vater Leopold Weininger folgende Inschrift an sein Grab:
Dieser Stein schliesst die Ruhestätte eines Jünglings, dessen Geist hiernieden nimmer Ruhe fand. Und als er die Offenbarungen desselben und die seiner Seele kundgegeben hatte, litt es ihn nicht mehr unter den Lebenden. Er suchte den Todesbezirk eines Allergrössten im Wiener Schwarzspanierhause und vernichtete dort seine Leiblichkeit. (Le Rider 1985: 49)
Den verschiedenen besprochenen Auffassungen, besonders denen von seinen Freunden bis einschließlich Probsts, die stark einen Wahnsinnsfall vermuten lassen, stimme ich zu. Außerdem bin ich der festen Meinung, dass Weininger durch den zu seiner Zeit geltenden Zeitgeist der Wiener Moderne nämlich Sexualität, Frauenemanzipationskampf, verstärkten Antifeminismus und Antisemitismus u.a. zum größten Teil beeinflusst wurde. Eine Zustimmung findet diese Auffassung in Le Riders rhetorische Fragen zu Weininger und seiner Zeit.
Ist weininger nicht der Sündenbock, der pharmakos (Hervorhebung im Original) der verurteilt und in den Tartaros der Ideengeschichte geworfen wird, um die Sünden seiner Zeitgenossen auf sich zu nehmen? Ist die Unvernunft von „Geschlecht und Charakter“ nicht die Vernunft seiner Zeit? Kommt in der persönlichen Krise Weiningers nicht die moralische Krise einer Ganzen Generation zum Ausdruck? (Le Rider 1985: 13-14)
Ein anderer großer Einfluss auf Weiningers ‚radikale‘ philosophische und psychologische Perspektive bzw. Entwicklung ist seine Familie. Seine Einstellung des Nullwerts des weiblichen Wesens ist höchstwahrscheinlich auf die strenge patriarchalische familiäre Umgebung zurückführbar. Aus einem Schreiben von Weiningers‘ Schwester Rosa lässt eine Deutung in diese Richtung nicht wegschaubar sein (vgl. Le Rider 1985: 16). Richard, Otto Weiningers Bruder bestätigt diese Vermutung mit einer noch schärferen Formulierung:
Meine Mutter (…) opferte ihr ganzes Leben für die Familie. (…) Sie kochte und kümmerte sich um die
Kinder, obwohl sie selbst fast immer krank war. (…) Es schien uns oft, dass mein Vater meine Mutter
bloß als jemanden betrachtete, der den Haushalt machte und für ordentliche Kleidung der Kinder sorgte.
Sie hatten kein herzliches Verhältnis zueinander. Sie hatte weder Zeit noch Lust, sich neben dem
Haushalt schöpferisch oder künstlerisch zu betätigen (…). (R. Weininger 1978: 17 zitiert nach Le Rider
1985: 18)
Zudem ist Leopold Weininger, der Vater Ottos der Äußerung Rosa’s zufolge ein hochgradiger Antisemit, allerdings gefällt es ihm nicht, dass sein Sohn gegen das Judentum schreibt (vgl. Le Rider 1985: 20). Le Rider (1985) bestätigt, dass Otto bis zum Ende seines Lebens mit seinen Eltern in engen Kontakt bleibt.
Als nächstes unternehme ich eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Gedanken des Buches Geschlecht und Charakter, anhand derer ein Verständnis des Gegenstands des Buches erzielt wird. Dabei hebe ich einige Thematiken wie Antisemitismus, Antifeminismus, jüdischen Selbsthass unter anderen hervor, die gut an eine Auseinandersetzung mit dem thematischen Zeitgeist der Wiener Moderne anschließen.
1.2 Geschlecht und Charakter - Eine Zusammenfassung der Hauptgedanken
Geschlecht und Charakter ist eines der klassischen Dokumente der Wiener Moderne. Das zentrale Thema des Buches ist die Geschlechterproblematik. In dem Hauptwerk nimmt Otto Weininger eine scharf ablehnende Haltung alles Jüdischen, obwohl er jüdischer Abstammung ist. Auch zeigt er sich als Verfechter einer frauen- und körperfeindlichen Geisteshandlung. Er ist der Auffassung, dass der Frau die Werte des höheren Lebens und die Welt der Ideen unzugänglich seien. Er behauptet, je weiblicher das Weib sei, desto mehr verkörpere es eine reine geistlose Geilheit. Erst durch den Mann empfange die Frau ein Leben aus zweiter Hand.
Arbeit zitieren:
Ibukunolu Ajagunna, 2010, Über Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter", München, GRIN Verlag GmbH
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